Gerade befinde ich mich praktisch nonstop auf emotionaler Achterbahnfahrt. Rauf und runter, rauf und runter, wieder rauf und nochmals runter. Unausgeglichener geht nicht, glaubt mir.
Ich weiss nicht genau, woran es liegt. Am noch immer recht neuen Schul-Alltag mit seinen extrem kräfteraubenden Morgenstunden? Daran, dass sich gerade meine bravsten Schul- und Kindergartenkinder, kaum sind sie zuhause, in wahre Nervenbündel verwandeln, die praktisch noch auf der Türschwelle all die sorgsam in ihrem Innersten verwahrten Emotionen und Launen aus sich heraus brechen lassen und keine Gelegenheit verpassen, ihre neu entdeckte Autonomie kämpferisch unter Beweis zu stellen? Sind es meine eigenen Sorgen? Die Angst vor der Geburt? Meine Nervosität, wenn ich nur schon daran denke, dass es ja eigentlich praktisch jeden Moment so weit sein könnte? (Ja, ich weiss, ich habe bereits 5 Kinder komplikationslos geboren, ich dürfte mir eigentlich keine Gedanken machen, das scheint ein gesellschaftliches No-go zu sein.) Oder bin ich einmal mehr ein Spielball meiner Hormone? Vielleicht haben die den Schalter gekippt und veranstalten nun ausgiebigst Psycho-Marionetten-Theater mit mir…
Woran auch immer es liegt; Es ist kein schöner Zustand. Und ich gebe mein Bestes, dass er nicht lange anhält. Ich kämpfe mit allen Waffen, die mir zur Verfügung stehen: „Father Brown“ am einen Abend, eine Volldosis Schlaf am nächsten. Füsse hoch und Nichtstun auf dem Sofa, sobald die Kinder alle aus dem Haus sind. Bewusstes Essen, kein Junk-Food, Süsses nur in Miniatur-Portiönchen, viel Trinken. „Nein danke“ zu allen Verpflichtungen, die nicht unbedingt sein müssen. Socken stricken ab und zu, aber nur, wenn ich auch wirklich Lust dazu habe und niemals, wirklich niemals, weil ich mich dazu verpflichtet fühle (Obwohl ich schon gerne den 2. roten Stiefelstrumpf für meine Kleinste fertig hätte, bevor die Matsch-Saison richtig in die Gänge kommt.)
Vor allem aber versuche ich, gut zu mir zu sein. Mir selber immer wieder zu vergeben. Verständnis mit mir zu haben. Wir Schwangeren tragen manchmal ganz schön schwer. In allen Belangen. Und nicht jeder zeigt dafür das Verständnis, das wir bräuchten. Umso wichtiger, dass wir selber nicht auch noch auf uns herumhacken, unsere wabbeligen Oberschenkel kritisieren, die Tränen belächeln, die der Trotzanfall unseres Kindes auslöst, uns faul und nachlässig schimpfen, weil wir dem ausufernden Haushalts-Chaos nicht mehr Herr werden…

Nachdem ich vor einer Woche das hellblaue Zimmer meiner Grossen herausgeputzt und hübsch hergerichtet hatte, war mir, als wäre meine Seele leicht wie eine Feder, befreit von einem dicken, fetten Stein. Ich liebe Sauberkeit. Ich liebe Schönheit. Ich liebe Reduktion und bewusst gewählte Gegenstände. In einem aufgeräumten, liebevoll wohnlich gestalteten Raum blühe ich förmlich auf.
Das Fotografieren dieser kleine, blauen Kinderweste war darum auch ein ganz besonderes Vergnügen für mich. Weil ich lauter schöne Dinge um mich herum vorfand, ein gemachtes Bett mit glatt gestrichener, blütenweisser Decke und ein akkurat bestücktes Wandregal voller Tochterkind-Schätze. Blitzschnell hatte ich die Bilder im Kasten.
Das Stricken meiner „Milo“ -wie das Strickmuster von Georgie Nicolson heisst- gestaltete sich an sich genauso: Es ging rasch von der Hand, völlig problemlos, eine einzige Freude. Und die Wolle -ein Rest der blauen Strangen „Tosh DK Cobalt“, mit denen ich meinem Pausbackenkind ihren heissgeliebten „Sunday Sweater“ gestrickt hatte- verlor auch bei ihrem 2. Einsatz nichts von ihrem Charme.
Ich hätte mich an Zöpfen versuchen können, die Anleitung hat nämlich gleich mehrere Zopf-Varianten zu bieten, doch ich wollte es schlicht und einfach und kein grosses Tamtam. Die starke Farbe braucht selber Raum zum Leuchten, finde ich. Und ausserdem bin ich mir bis heute nicht sicher, ob ich Zopfmuster überhaupt mag…
Haargenau diese Gefühle hege ich nun allerdings auch gegenüber meiner fertigen Milo: So gerne ich daran gearbeitet habe, so ambivalent sehe ich jetzt das End-Produkt. Ich weiss nicht… Das Ganze kommt mir einfach… mädchenhaft vor irgendwie. Die Brustpartie, die erinnert mich mehr an ein Unterhemdchen als an eine richtige Weste, was mich doch ein bisschen stört, vor allem auch, weil der kleine Junge, für den sie gedacht war, ein rechter Wildfang ist, ein Lausbub wie er im Buche steht. Eine rustikale „Pebbles Vest“ wäre vielleicht doch die bessere Wahl gewesen…

Aber nun denn. Ich habe mir ein Herz gefasst und meine „Milo“ hübsch verpackt einfach mal so verschenkt, wie sie eben ist. Manchmal muss man es einfach wagen, manchmal passt es nämlich genau so und nicht anders trotzdem ganz prima. Und wenn nicht… Dann nehme ich diese kleine, blaue Weste eben einfach wieder zurück, lasse sie auf und fange von vorn an. In einem neuen Muster. Auch sowas darf sein, oder?

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