unmittelbar 10

10 Minuten gebe ich mir; das Baby schläft, es ist bereits nach 12 und alle haben Hunger, auch wenn sie es noch nicht wissen oder -Himmel hilf!- noch immer im Bett liegen und dem Faulenzertum frönen.
Die Nacht gehörte den Halbwachen, es donnerte und wetterte wie wild, Regen drängte in offene Fenster (phu, diese Hitze!), dann kamen die Mücken und eine halbherzige Jagd auf sie, denn eigentlich möchte man nachts um halb drei nichts anderes als schlafen und seine Ruhe.
Irgendwann und zwischendurch die Kinder. Die nicht schlafen konnten, sich bei mir einquartierten, mich zwischen ihren Betten hin- und herswitchen liessen, Füsse im Gesicht, ein stolperndes Herz, wenn abermals aus dem Schlaf geschreckt, knuddeligen Babyspeck im Arm, ruhiger werdenden Atem im Ohr. Endlich.
Gottseidank begann mein Tag nicht vor halb neun. Eine gnädige Zeit, ein gnädiges Babykind. Und das Wetter ist genauso gnädig, die Sonne vermummt, die Hitze gedrosselt, Malve, Hortensien und Sonnenblumen danken kopfnickend für den Regen.
Ich habe Minze geerntet und hoffe auf Sirup, der irgendwie, irgendwann, durch irgendwelcher Hände Arbeit in Glasflaschen fliessen soll- wahrscheinlich werden es meine Hände sein. Die vielleicht aber auch bloss Tee daraus trocknen.
Mein Magen schimpft. Er mag jetzt lieber warmes Essen als dieses Getippe hier. Ich beschliesse, das zweite Schälchen Mousse au Chocolat vom elften Geburtstag meiner Grossen aus dem Gefrierschrank zu nehmen und freue mich auf den Kaffee dazu und das kleine, feine Bild aus Belgien, das gerade vor mir auf dem Tisch liegt und auf seinen Rahmen und ein schönes Plätzchen an der Wand wartet…

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unmittelbar 9

Es gibt da einen Account auf Instagram, der mir regelmässig den Atem raubt. Das tun viele, und nicht immer ist das gut für mich, doch dieser eine hat eine Magie in seinen Bildern, der ich mich nur schwer entziehen kann; dunkle Töne, grosse Kontraste in Textur, Thematik, Licht und Farben- perfekt und stark und mit grosser Emotionalität. Und das bei einem schlichten Mama-Farming-Account.
Gestern habe ich meine Freundin S., die ein bisschen was versteht von Fotografie, gebeten, mir zu erklären, was genau diese Bilder so unglaublich faszinierend macht. Sie hat von „Low Key“ gesprochen und mir gezeigt, dass man auf manchen Handys sehr viel auch nachträglich noch machen und intensiv bearbeiten kann, mit ein paar Klicks zum Teil bereits und mit wirklich verblüffenden Effekten.
Mich irritiert das. Wenn es so einfach ist, wieso kommt es mir dann so schwierig vor, das mit dem Fotografieren? Ganz abgesehen davon, dass mein Handy zu den eher schlichteren Exemplaren gehört, tue ich mich schwer damit, die Technik dahinter zu verstehen, und ich spüre, dass mir schlicht der Atem fehlt, Bilder gekonnt zu arrangieren oder ständig Kamera oder Handy griffbereit zu halten, um diesen einen, perfekten Moment aufs Bild zu bannen…
Gleichzeitig reut es mich.
Etwas nicht zu können, fühlt sich nie gut an.
Vielleicht kommt demnächst ja ein Lernbuch in meinen Bibliotheks-Korb, „Fotografie für Dummies“ oder so, keine Ahnung.
Was ich aber eigentlich erzählen wollte ist: Ich habe gewonnen! Vor ein paar Tagen schon, aber das trübt meine Freude kein bisschen, und ich muss sie euch unbedingt noch zeigen, die beiden zauberhaften, lindengrünen Mondphasen-Becher von Danijela, die nun bei mir im Küchenregal stehen und mich freuen, besänftigen, ermuntern, wenn ich sie ansehe.
Sie sind so unbeschreiblich schön!
Auch ein bisschen magisch.
Wie alles, was Danijela auf ihrer Töpferscheibe zaubert. Eine wirkliche Potter ist sie.
Sonderbar… Solche Dinge zu fotografieren fällt mir leicht. Sie sind einfach da und strahlen. Ganz von alleine, völlig ohne „Low Key“ oder was auch immer.

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unmittelbar 8

Meine Sommerschätze:

… das hohe Keifen tief fliegender Schwalben auf ihrer Jagd nach Insekten
… Donnertrommeln und Blitzgeflimmer und diese sinnliche, mächtige Spannung kurz davor in der Luft
… der Duft frisch geschnittener Wassermelonen, ihr knalliges Farbenspiel, ihr Geschmack
… der unverkennbare Geruch von Chlor, der von Freiheit, Nähe und Fröhlichkeit erzählt
… wie die Grillen zirpen, unermüdlich, im Chor und doch für sich allein, nachtein, nachtaus, als versteckte Gesellschafter unten im Garten
… das sanfte, monotone Murmeln eines Ventilators, das mich -wie ein Wiegenlied-
in den Schlaf begleitet
… quieklebendige Meerschweinchen, die den stoppelig gewordenen Rasen abgrasen
… neon-pinker Nagellack auf fremden Zehen
… barfuss über sonnenwarme Steinplatten  laufen
… zerzauste Kinder in kurzen Hosen und geblümten Trägerkleidchen
… röhrende Mähdrescher auf den Feldern, die bis tief in die Nacht keine Ruhe geben
… dieses unglaublich zufrieden machende Licht, wenn der Tag langsam, sehr langsam in die Nacht hineinfliesst, ein Gefühl wie Heile-Welt, träge, lebenssatt
… wie meine Sonnen- und Ringelblumen in der Dämmerung mit der Nachtkerze um die Wette leuchten
… Falter, Bienen, Hummeln, Taubenschwänzchen und ihr süsses Summen, während sie sammeln und trinken
… Feuerknistern, Grillrauch aus Nachbars Garten
… wenn Queen Anne nebenan im Schatten der Tannen ihre Beetchen wässert und mir Pflanz-Geheimnisse für den Herbst anvertraut
… warmen, weiche Babyhaut und goldene Löckchen, die sich beim Trocknen leise kringeln
… das leuchtende Rubinrot selbst gekochten Johannisbeer-Sirups

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unmittelbar 7

Himmel, wie sehr ich danach lechze endlich wieder frei und in Ruhe zu schreiben! Halb verdurstet bin ich bereits… Aber gerade höre ich mein Pausbackenkind unten im Garten weinen und schimpfen, Geschwister-Streit wahrscheinlich, denn auch Mädchen können sich zanken und picken wie die Hühner… Nur kurz also. Einmal mehr. Ein „unmittelbar“-Post wie gehabt, wie geplant- aber nicht wie gewünscht, das muss ich euch sagen…
Nun; im Moment fühle ich mich getrieben und gehetzt und gleichzeitig allem etwas überdrüssig. Phasenweise zumindest. Ich habe oftmals das blöde Gefühl, nicht richtig mitzukommen mit dem Tempo der Welt. Dem Tempo meiner Welt. Soziale Medien sind ein Teil davon. Sie überfordern mich masslos. Haushalt und Kinder sind ein anderer Teil. Hier fallen mir die Fäden aus den Händen, und wenn ich nicht beherzt genug danach schnappe, gehen die Pferde durch und ich rase hilflos mit den Armen rudernd auf meiner Kutsche durch die Gegend.
Dann versuche ich, festzuhalten, was festzuhalten ist. Die kleinen, die winzig kleinen Momentchen zu zelebrieren, in denen ich mich noch selbstwirksam fühle. Selbstwirksamkeit ist so wichtig. Die eigenen Kräfte -wenigstens ansatzweise- zu spüren, zu erleben, dass wir etwas schaffen, verändern, beinflussen können. Es ist das Gegenteil vom Käferchen auf dem Rücken, mit dem ich mich manchmal verwechsle.
Kann sein, dass Selbstwirksamkeit bloss bedeutet, das fadenscheinige Mädchen-Kleidchen, das eigentlich zu viele Löcher und schwache Stellen aufweist, um überhaupt noch reparier-würdig zu sein, mit Nadel und Faden vor dem Lumpensack zu retten. Keine grosse Sache. Aber Lieblingsteile sind wertvoll. Wert-voll. Sie sollen dauern, so lange meine Hände das Ruder noch rumreissen und den Zahn der Zeit aufhalten können.
Jetzt sind Löchlein und Risse gestopft, sichtbar aber mit Freude und einem wunderbaren Gefühl im Herzen. Ja, da ist noch Kraft in mir. Taten-Kraft und Schaffens-Lust.
Und jetzt geh ich mein Mädchen trösten (das schon bereits wieder lacht, wie ich höre)…

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