Sommer-Launen-Filzen

Heute nacht war es geradezu tropisch. Rund und schwer wie ich mittlerweile bin, rollte ich mich hin und her und wartete auf ein kühles  Lüftchen von Richtung Fenster… Vergeblich. Aber das ist okay. Es wird Sommer, da muss man ein paar schweisstreibende Nächte schon in Kauf nehmen, oder?

Die Tage sind genauso; warm, üppig, unter einem weiten, freiem Himmel. Denn obwohl das Haus verlockend schattig auf uns wartet, zieht es uns doch immer wieder alle wie kleine Magnete nach draussen in den Garten, und vieles wird jetzt unter dem Sonnenschirm erledigt; Wäsche-Falten, Geschichten-Vorlesen, Hausaufgaben-Machen, Zvieri-Essen… Der Garten als letztes Zimmer. Unsrer Sommer-Zimmer.

Ich merke, wie ich mich um-orientiere und meine Sinne auf das Draussen richte: Ganz automatisch suche ich zum Beispiel nach Spielen oder kreativen Ideen, die sich leicht in den Garten verlegen lassen. Seifenblasen, Wasser-Spiele oder weiche Bälle haben jetzt Hochkonjunktur. Genauso wie heisse Seifenlauge und bunt gefärbte Schaf-Wolle…

Es ist wieder Filz-Zeit!

Filzen und Sommer, das sind zwei Gesellen, die einfach hervorragend zusammenpassen, finde ich. Der eine nass und aktiv, der andere heiss und träge; wunderbar, wie sich die beiden ergänzen, nicht? Und drinnen, auf einer unterlegten Fläche zu filzen, das scheint irgendwie über meine Relax-Fähigkeiten zu gehen; ich muss ständig an das viele Seifenwasser denken, das mir da über den Tisch-Rand in die Boden-Ritzen schwappen könnte… Und das ist immer viel, sehr viel Wasser bei mir! Wenn ich filze, dann werde ich nämlich zum Tier *grins*! Ihr sollte mich mal sehen, wie ich mit hochgekrempelten Hemdsärmeln in die Wolle greife und alles so kräftig und verbissen durchknete, als würde ich für die nächste Weltmeisterschaft im Armdrücken trainieren. Walken nennt man das, glaube ich.

Bei meinem letzten „richtigen“ Projekt, dem ersten dieses Jahres und meinem zweiten überhaupt (wie erfahren ich doch bin *räusper*), kam diese Walk-Freude endlich mal wieder richtig zum Zug: Nachmittags legte ich die Wolle aus, träufelte dampfend heisse Lauge darüber, begann erst zaghaft, dann immer kraft-voller die Fasern zu massieren- und als ich dann schlussendlich eine vollständig verfilzte Fläche vor mir hatte, war es bereits Mitternacht! Nun ja, ich war schon immer ein bisschen extrem…

Das Problem lag wohl vor allem daran, dass ich nicht nur eine einfache Fläche haben wollte, sondern eine doppelte Lage, getrennt mit einem Stück Noppen-Folie. Für eine in Form gefilzte kleine Tasche, so ein bisschen wie dieses wunderwunderwunderhübsche kleine lila Täschchen, in das ich mich so unheimlich verliebt habe bei Jenmuna. Aber mein Talent scheint doch (noch) kleiner zu sein als mein Selbstvertrauen… Denn egal wie schön regelmässig ich die Wolle auch auslegte, es gab immer wieder dünne Stellen, die ausgebessert werden wollten. So streichelte, rieb und walkte ich immer wieder von vorne los. Bis zur Geisterstunde eben.

Aber es waren gute Stunden! Kreative, intensive Flow-Stunden! Ab und zu stiess eines der Kinder zu mir, um mir eine Weile beim Walken zu helfen, und zu sehen, wie sich das eine oder andere doch ein bisschen beeindrucken liess vom Prozess, der hier im Gange war, machte diese Zeit gleich nochmals so erfüllend für mich. Kindern etwas von der eigenen Begeisterung mitzugeben, sei es nun Gartenarbeit oder Kochen oder Filzen oder wasauchimmer, tut doch einfach immer wieder gut, oder?

Bei diesem kleinen Täschchen wurde mir das ganz besonders bewusst. Dass die Stunden, die ich mit und neben meinen Kindern kreativ sein kann und darf zu den allerschönsten Momenten gehören in meinem Leben.


Wenn ich ich sein darf, mit ihnen, bei ihnen, die ich so sehr liebe, ich, mit dem ganzen, manchmal recht extremen Wirrwar an Gefühlen, an diffusen Sehnsüchten und Ängsten, wenn ich dieses ganze verworrene Innere auf die eine oder andere Art in meinen Handarbeiten zum Audruck und zur Ruhe bringen kann… dann bin ich angekommen. Mit Leib und Seele.


Kreative Inselchen im Alltag sind mein Rettungs- Anker geworden. Meine Oase. Mein Jung-Brunnen. Glücks-Horte. Und diese Erfahrung mit meinen Kindern zu teilen, das macht mich… einfach froh.

Das Täschchen, das damals entstanden ist, an einem jener ersten, so richtig sommerlich warmen Tage dieses Jahres, ist anders geworden, als ich es mir vorgestellt hatte. Ziemlich anders sogar. Ich bin eigentlich eher der monochrome Typ, dem starke Kontraste oder zu viele Farben auf einmal schnell einmal zu viel werden. Für meine erste Filz-Tasche hatte ich an lila-violett-rosa gedacht (klar Jenmuna-inspiriert). Oder an grün-blau. An rot-orange-gelb oder weiss-blau-türkis (wie damals bei unserer Filz-Ente)… Ich hatte in kleine, wohlgeordneten Farb-Dimensionen gedacht- aber in wilden, verschlungenen Kombinationen gearbeitet!

Jetzt habe ich keine stille grün-blaue, keine rot-orange-gelbe oder lila-violett-farbene Tasche, sondern gleich alles miteinander! Auch gut. Sommerlich gut. Der Sommer ist bunt und hitzig und voller Leben… warum sollte so ein Filz-Täschchen das nicht auch sein dürfen?

Und wo der Sommer ist, da sind auch Blumen. Ich konnte gar nicht anders: aus den letzten Filz-Schnippelchen, die nach dem Zuschneiden der Taschenlasche übrig blieben, schnippelte ich spontan ein paar Blütenblättchen zurecht und nähte sie vorne an die Taschenlasche, zusätzlich fixiert mit einem zweiten der absolut traumhaften Jim-Knopf-Knöpfe (vom Strick-Café). Denn wenn es schon wuchert und blüht, dann auch richtig üppig…

„Oh! Die nehm ich gleich mal mit…“ scherzte meine Mama, als sie das kleine, trubelbunte Filz-Täschchen neulich bei mir sah. Ein sehr gutes Zeichen: Meine Mama sagt das nämlich immer, wenn ihr etwas so richtig gut gefällt.

Ihr ahnt jetzt bestimmt auch schon, für welchen Geburtstag meine Blüten-Filz-Tasche in Sommerlaune bestimmt ist, oder?

PS. Die Filz-Wolle war übrigens eines jener Goodies, die ich mir schon im Winter gegönnt habe. Von Hand und pflanzengefärbt in einer sozialen Werkstätte in der Schweiz; eine echte Kostbarkeit für mich!

PPS. Für alle, die ihre Nase jetzt gerne ein bisschen tiefer in Gefilztes stecken möchten, hier ein paar Links zu meinen Lieblings-Filzerinnen: Kunst-Frau Allerleirauh,Filzkünstlerin Swig, oder Tinki, die jüngst den allersüssesten, kleinen Wassermann gezaubert hat, den die Welt je gesehen hat! Aber auch beim Filzquadrat findet man immer wieder so schöne Ideen… wie zB. diese herrliche gefilzet Stifte-Rolle!
Es gibt noch mehr von euch talentierten, tollen Frauen, ich weiss, und ich bin auch jedes Mal mehr als beeindruckt, wenn ich wieder einem gefilzten Kunstwerk im www. begegne; meine drei Links sind ja auch bloss ein kleiner Ausschnitt der Inspiration Bloggerland…

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18 Kommentare zu Sommer-Launen-Filzen

  1. stefanie sagt:

    liebe bora,
    ein ganz herrlicher blogeintrag! ich habe richtig mitgefiebert, wie das täschchen denn nun geworden ist… bis ich am ende begriffen habe, dass es ja um eine ganz andere tasche geht!
    ich finde das, was du gemacht hast, ganz wunderschön. es steckt so viel liebe drin.
    (nicht, dass ich mittlerweile ohne liebe filzen würde, die meisten meiner filzwerke liegen mir auch sehr am herzen, selbst wenn es aufträge sind. aber irgendwie kommt mir das, was du da machst so viel ursprünglicher vor. ich würd auch mal gerne wieder erfahrung und systematik an der garderobe abgeben und genauso unbefangen ans werk gehen.)
    ganz, ganz liebe grüsse! stefanie.

    • stefanie sagt:

      ach, und noch was: danke für die idee, die grosse zinkwanne zum baden zu benutzen. (eigentlich ja auch logisch) ich suchte nämlich nach einem ersatz für ein allzukleines, allzualtes und allzubrüchiges kinderbädle für die mittlerweile doch etwas grössere tochter, die trotzdem immer noch gerne im garten badet…
      bin mal weg zum wannenschrubben!

    • kirschkernzeit sagt:

      Und ich würde gerne so gekonnt filzen könne wie du!!! Das kannst du mir glauben… 😉
      Die Tasche ist übrigens schon die, die man auf den Fotos sieht… doppelt gefilzt, ohne Nähte. Und, ja, ich mag sie auch irgenwie. Aber ich bin ganz froh,dass sie dann zu jemandem kommt, zu dem sie richtig gut passt…

  2. Pünktchen sagt:

    Toll, wie wunderschön Dinge werden, in die soviel Lebenslust und Kraft fließt. Ja, da darf sich Jemand sehr über diese Tasche freuen. Selbstgemachte Geschenke sind die BESTEN auf der ganzen Welt.

  3. Allerleirauh sagt:

    Es freut mich, dass ich eine deiner Lieblingsfilzerinnen bin! Wenn du magst, komme ich gerne mal zu dir und gebe dir ein paar Tipps in Bezug auf das Filzen. Obwohl ich es sehe wie Stefanie, unsere Art zu Filzen ist nicht deine Art zu Filzen, aber mein Angebot steht.
    Ich schwitze erkältungsbedingt zur Zeit wohl auch sehr viel, ich kann dir also etwas mit dir mitfühlen.
    Liebe Grüsse, Allerleirauh

  4. Babsy sagt:

    Liebe Bora, das ist eine einmalig schöne Tasche!! Ich kanns gar nicht glauben, dass du erst zum zweiten mal filzt und habe fassungslos und mit staunendem, offenen Mund dein Endergebnis bewundert 🙂
    Beim Filzen finde ich, dass es super passt, wenns ganz bunt wird, weil es beim Filzen fast wie ein Aquarell aussieht.
    Habe ich das richtig verstanden, dass du die Tasche nicht nähen musstest, weil die Kanten durch das Filzen eh ineinander „verschmolzen“?
    Zum Schluss noch eine Frage einer Nicht-Schwiizerin:-) was sind denn Zvieri?
    Alles Liebe an dich
    Babasy

    • kirschkernzeit sagt:

      Hihi: also ein Zvieri ist bei euch wohl die Brotzeit. Bei uns nennt man die Zwischenmahlzeit vor dem Mittagessen Znüni und die nach dem Mittagessen Zvieri. Und ja; man filzt zwei Lagen am Rand zusammen, das stimmt! Man legt dazu zuerst eine Lage Filz (aus verschiedenen jeweils zueinander quer verlaufenden dünneren Lagen Wolle) aus, dazwischen kommt dann die Noppenfolie und darüber wieder eine netzartig ausgelegte Woll-Schicht. Die Rände überlappen und werden beim Filzen dann miteinander „verwoben“: das ist dann nach demWenden einer Arbeit innen und von aussen nicht mehr sichtbar. Fantastisch, nicht? Ich glaube aber, zusammennähen ist doch einfacher- und hält mindestens so gut… Zudem sieht man beim Filzen einer einzelnen Lage auch besser, wie so ein Filzteil rauskommt, während man beim Filzen wie bei der Tasche nie so richtig weiss, as sich auf der Innenseite- die ja dann aussen liegt zum Schluss- so tut… Beide Varianten haben also ihr pro und ihr contra…

  5. Raniso sagt:

    W.O.W!!! Die ist super geworden! Dein ganzer Post ist spitze, ich habe ihn gespannt gelesen und musste auch ab und zu „giggele“… 😉 Ich stehe ja mit dem Filzen auf Kriegsfuss, aber wenn ich dein Werk so ansehe…und das beim zweiten Mal… Du musst eindeutig begabt sein 😉
    Ich schaffe es (noch) nicht, neben und mit den Kindern kreativ zu sein. Da bewundere ich dich. Vielleicht wenn die Kleinste ein wenig grösser ist.
    Ganz liebi grüäss, von einer ganz inspirierten anja

  6. Rita sagt:

    Wie schön das Täschchen geworden ist!! Die Farben sind super, ich kenne diese Wolle auch und sie ist einfach traumhaft! Dein Filzertalent sollte weiter ausgebaut werden! Grosses Kompliment!
    Die Knöpfe sind ja toll, das muss ich mir merken!
    Wünsch Dir viel Freude beim SChenken und ganz liebi Grüessli, Rita

  7. draussen filzen! wie schön! bei mir ist es leider immer nur der Küchentisch. Und Du hast Recht : wie oft kommt dann plötzlich doch was ganz anderes raus! liebe Grüsse und danke für die Lorbeeren! herzlichst!

  8. Liebe Bora,
    das ist eine wunderschöne Filztasche. Ich habe das Filzen diesen Winter für mich entdeckt und (neben einer kleinen Tasche für mich) mit den Kindern ein paar Weihnachtskugeln aus diesem Material gemacht. Deswegen habe ich mich gewundert, dass Du Wolle und Filzen mit dem Sommer verbindest. Aber ich hab viel reden, bei uns werden gerade Kerzen gegossen und Marmelade eingekocht. Da ist Filzen im Freien eigentlich viel angenehmer. Viel Spaß und dass noch viele so kreative Produkte entstehen.
    Herzliche Grüße aus Wien
    Dita

  9. Akaleia sagt:

    Zauberhaft ist es geworden, liebe Bora – und Dinge die mit soviel Entspannung, Vorfreude und Herzblut getätigt werden können nur gut werden.
    Ganz liebe Grüße
    Birgit

  10. JenMuna sagt:

    oh so schön ist die Tasche geworden, die Farben ..so natürlich und erdig!
    und das Blümchen..genial!:)
    alles Liebe!
    sarah

  11. TaTii sagt:

    ‚rund und schwer wie ich mitlerweile bin…‘ Göttlich! 😀 Ganz viel Liebe für diesen Satzteil! 😀
    Die Tasche ist wirklich schön geworden! So gut würde ich auch gern filzen können…
    Süß finde ich auch das Knopf-Kopf-Männlein auf dem Kleid deiner Tochter 😀 Niedliche Idee!
    Fühl dich mal umarmt von mir 🙂

  12. Tinki sagt:

    Deine Filztasche ist umwerfend schön, ja bunt und fröhlich – wie der Sommer in diesem Jahr, mal mit Sturm und Regen, dann wieder mit herrlicher Sonne und fröhlichem Gezwitscher!
    Mir gefällt sie und es ist schwierig, solche Taschen zu filzen. Die Knöpfe und die Blume passen perfekt dazu.

    Und so geht es mir auch immer, wenn ich zwischen all meinen Lieben vor mich hinwerkeln kann, dann bin ich glücklich und genieße mein Leben aus vollen Zügen.

    -Ja es gibt so viel Filzkunst, die es zu bewundern gibt. Ich staune auch immer wieder über die anderen – manchmal hat man dann große Lust, es nachzutun!
    Ach wie gerne würde ich wieder zum Filzen in die Schweiz kommen : )

  13. Sandra sagt:

    Hallo Frau Kirschkernzeit
    irgendwie zieht es mich doch immer wieder zu deinem Blog, wo das Leben nicht so zuckersüss ist wie auf den meisten anderen, sondern so angenehm bodenständig.
    Schön, von allen deinen Kindern zu lesen, auch die Jungs sind ja wirklich toll 🙂 Die Sockengeschichte find ich super!
    Hast du vielleicht ein ganzes Photo von der Häkeldecke unter dem Täschchen? Die hab ich nämlich schon einmal bewundert hier. Ist sie auch selbstgemacht?
    liebe Grüsse und alles Gute
    Sandra

    • kirschkernzeit sagt:

      Merci! Nein, das deckchen ist nicht von mir- so was feines würde ich nie im Leben häkeln können, glaub mir! Es ist ein ganz einfaches Spitzendeckchen aus dem Trödelladen… aber als Unterlage für hübsche Fotos einfach unschlagbar 😉

  14. enim sou sagt:

    Wunderschön! Ich würde, wenn ich einen Garten hätte, wohl auch eher im Freien und Sommer filzen, aber hier in der kleinen Küche oder auf dem Balkon mit meiner kleinen Bande – nöö, dann doch lieber nicht. 🙂
    Ich finde den Knopfverschluss von dem Täscherl übrigens super, ich hätte total unkreativ einfach einen Schlitz reingeschnitten… .

    Liebe Grüße. enim sou.

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