Aus meinem Tagebuch: Stadt-Bummel ohne alles


Ein Morgen in der Stadt. Es ist noch früh, meine Mama hütet die Kinder, und ich schlendere ziellos im Enten-Watschel-Gang einer Frau im bald 9. Monat durch die Gassen. Leer sind sie noch, was mich eigentlich verblüfft, denn die Sonne strahlt schon mit all ihrer Kraft und lockt und schmeichelt wie eine Frau auf Männerfang.

Die Wände leuchten. Selbst die allergrauesten von ihnen schimmern jetzt irgendwie orientalisch weiss, und ich finde, meine Stadt sieht schön aus. Jetzt besonders.


Hier bin ich 6 Jahre lang zur Schule gegangen, da war ich 13. Hierher bin ich gezogen, in meine WG, damals, als ich auf eigenen Füssen stehen wollte. Hier habe ich manchmal morgens gesessen und im Früh-Morgen-Nebel kitschige Herbst-Gedichte geschrieben. Hier in dieser Stadt (in einer Kabine des Warenhaus-Klos, um genau zu sein, hihi…) habe ich erfahren, dass ich schwanger bin mit meinem 4.Kind (nein, ich konnte nicht warten mit dem Test, bis ich zuhause war *grins*).

Über 30 Wochen ist das nun her, aber ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Überhaupt kommen mir viele Dinge wieder in den Sinn, jetzt in diesem Moment, wo ich diese, meine Stadt, so ganz für mich alleine habe. Erlebtes, fast Vergessenes, Lebens-Fragmente, Erträumtes, Gefühltes.


Auch meinen Mann habe ich hier kennengelernt, mich hier mit ihm heimlich noch ein Stündchen länger herumgetrieben, als meine Mama es mir eigentlich erlaubt hatte… Wie jung ich war und wie verliebt! Die erste Liebe meines Lebens- und sie hat gehalten, so viele Jahre schon…

Ein bisschen nostalgisch macht es mich, dieses Licht: Es sieht aus, als denke es schon wieder ein wenig an den Herbst, jedenfalls anflugsweise.


Aber vielleicht liegt das auch nur an den warmen, langen Schatten, die die Bäume der Allee noch werfen. Wahrscheinlich sogar. Schliesslich ist es Mai und warm und das Jahr hat doch erst angefangen!
Eine dieser Zwischen-Zeiten, wo man nicht recht weiss, ob es jetzt noch Spät-Frühling oder schon Früh-Sommer ist. Angenehm, sehr, sehr angenehm im Grunde. Mild, prächtig, belebend. Ich mag sie wirklich gerne, diese Sommer light Version.

Ich setzte mich hin und horche. In mich hinein.

Gerade jetzt, in diesem Augenblick.
Ich…

fühle: mich gelöst. Ganz bei mir, so allein, wie ich es gerade bin. Erfüllt.

höre: das Plätschern der Stadt-Brunnen. Das Klacken von Stöckelschuhen auf dem Asphalt. Leben, das die Gassen so langsam erfüllt, mit plaudernden, alten Damen in Zweier-Grüppchen, die sich auf einen Kaffee in die Stadt begeben und mit Männern in Arbeits-Overalls, die laut mit den Türen ihrer Kastenwagen knallen. Geräusche einer kleinen Stadt, in der es niemals ganz still sein wird, aber auch selten so richtig hektisch und laut.

sehe: das Licht. Dieses Licht! Auf den Wänden, in den Schaufenstern, im Haar der vorbeigehenden Passanten… Es spiegelt sich auf meinen roten Schuhspitzen und kriecht mir in die Handtasche. Man kann ihm nicht entrinnen, diesem Spät-Frühlings-Früh-Sommer-Licht. Aber wer will das schon?

spüre: einen feinen Wind-Hauch: meinen liebsten Begleiter. Wind liebe ich über alles. Nur mit ihm werde ich für eine Weile zur Sonnen-Anbeterin. Und Hunger habe ich. Frühstücks-Zeit. Hoffentlich haben sie noch Croissants im Café!

wünsche mir: die Zeit möge stehen bleiben. Bloss ausnahmsweise und ganz kurz. Für mich. Denn Aus-Zeiten wie diese sind ein Lebens-Elixir, von dem ich noch lange zehre.

freue mich: auf den Stoffladen und seine Überraschungen in den Regalen. Stoffe… wie Bonbons für die Seele; bunt, verführerisch, unwiderstehlich

weiss: dass ich heute mit nicht mehr ganz so vollem Portemonnaie nach Hause gehen werde *zwinker*. Dass der Kaffee im Migros-Restaurant einfach am allerbesten schmeckt. Dass der Mai den Leuten tatsächlich ein Lächeln ins Gesicht zaubert (den Beweis liefert mir gerade diese Strasse). Dass ich jetzt Lust hätte auf ein Glas eisig kalten, mittelsüssen Eistee mit Zitrone.

Auf dem Heimweg bin ich müde aber guter Dinge. Kaffee habe ich keinen mehr getrunken, weder Tagebuch geschrieben, so wie ich es mir vorgenommen hätte, noch ein paar Runden gestrickt. Dafür liegt in meiner Tasche ein grosses Stück himbeerfarbenes Leinen für eine Klein-Mädchen-Sommerhose, etwas lila Punkte-Stoff für eine gewisse junge Dame, die Stoffe (und Lila!) genauso gerne mag wie ihre Mama, ein neues MC-Abenteuer der „Fünf Freunde“ für meine Jungens (und mich!) und jede Menge kleine Leckereien, die es im Dorfladen (noch) nicht gibt, sondern nur in der Stadt, und die uns deshalb so aufregend luxuriös vorkommen (Gemüse-Chips zum Beispiel. Oder Wassermelonen. Schwarze Bio-Schokolade mit Cranberries).

Schön, so ein Morgen in der Stadt. Schön, so ganz alleine, ganz ohne Haushalts-Fragen, ohne kreative Lock-Stoffe im Strick-Körbchen, ohne schmeichelnde Kinderstimmen, die mich zum Vorlesen oder Mit-Spielen verführen wollen, ohne die Grenzen meiner eigenen vier Wände.

Wie zufrieden man sein kann, für eine gute Weile so ganz „ohne alles“…

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10 Kommentare zu Aus meinem Tagebuch: Stadt-Bummel ohne alles

  1. Elke sagt:

    Hallo Bora,
    bin ein stiller Leser Deine Seite und durch die Suche nach einem hübschen Osterstrauß im April darauf gestoßen. Du kannst sehr schön schreiben und ich würde das Buch lesen oder den Film schauen.War zwischendurch auf anderen Seiten und dachte ich muss raus aus den Geschichten anderer Leute hinein in die bunte Garten und Tierwelt (Haus Hof Garten Vollzeitjob, Kind) die Reihenfolge ist verblüffend, passt nicht so recht…. lasse ich aber mal so stehen, da ich finde das Gelesene kann die Wahrheit vertragen.

    Liebe Grüße und alles Gute für Euch

    Elke

    • kirschkernzeit sagt:

      Das mit der anderen Seite ist irgendwie auch immer wieder mein Thema, weisst du… Ein „zu viel“ an fremden Lebenswelten kann einem irgendwie von der eigenen entfremden, oder? Und einem nervös machen, fahrig, einem mehr Energie rauben als geben. Wie viel und wann es „zu viel“ ist, das ist wohl so verschieden wie die Menschen, die einem in Blogs so begegnen… aber es ist immer gut, glaube ich, wenn man auf sich selber hört und eine Lese-Pause macht, sobald es sich in irgendeiner Art und Weise… naja… belastend anfühlt. Ich muss mir das selber immer wieder und wieder versichern; es ist okay, wie es ist. Manchmal mag man mehr lesen, manchmal muss man sich wiederum mehr auf sich selber und seine eigene Realität konzentrieren. Ich fühle mich schrecklich oft als grässliche Bloggerin, weil ich das Gefühl trotz allem nie recht los werde, meinen Leserinnen nicht das zurückgeben zu können, was sie mir schenkenmit ihrem Lesen, ihrer Zeit, ihren Comments, Gedanken, Erzählungen… Für mich sind das echte Geschenke. Und ich sehe, dass ich nicht mehr schaffe, als ab und zu einen kurzen Besuch bei anderen, ab und zu ein „Dankeschön“, ab und zu ein Ausdrücken meiner Dankbrakteit und Bewunderung für das, was andere tun. Vielleicht bin ich deshalb auch besonders dankbar, wenn ich höre, dass jemand gerne hier liest. Trotzdem. Und dass jemand sich auch die Freiheit nimmt, NICHT zu lesen, wenn er/sie nicht mag. Das wirkt entlastend irgendwie. Danke also für deine Worte!
      Bora

  2. Pünktchen sagt:

    Schön, wenn man so sehr genießen kann…Hab‘ weiterhin genußreiche Tage.

  3. christina sagt:

    hach, wie schön du dich liest liebe bora!
    danke dir fürs mitnehmen in die grosse stadt 🙂

    herzlich

    christina

  4. Susanne sagt:

    Sehr schön…so ein Spaziergang mit dir in deiner kleinen Stadt:)….
    hab ein ebensolches Wochenende und sei lieb gegrüßt
    Susanne

  5. JenMuna sagt:

    es wäre fast als sei ich dabei gewesen;)
    ein kleiner Vormittags-Spaziergang mit dir..schön! und danke:)
    alles liebe
    sarah

  6. Raniso sagt:

    Wie schön sich das liest! Die seltenen „ohne alles“ sind häufig auch hier lebenswichtig für ein zufriedenes „mit alles“ 😉
    Den lila Pünktchen-Stoff habe ich auch schon bewundert, aber nicht gekauft. Zu viele andersfarbige Pünktchenstoffe warten zuhause noch auf baldige Verarbeitung 😉
    Ganz liebi grüäss, anja

  7. Tinki sagt:

    Schön, noch einmal losfahren, alleine an nostalgische Dinge erinnert werden, an all die ersten male, an vielleicht einiges vergessenes. Einfach innehalten und sich daran freuen, welche Dinge einem emotional noch wichtig sind.
    Ein schöner Bericht – ein schöner Tag? Hach so schnell geht das mit Deiner Schwangerschaft… irgendwie rennt die Zeit – obgleich man das als Schwangere nie so sieht…
    Ganz liebe Grüße Tinki – und danke für die soooo liebe Worte zu meinem Wassermann! Die Füße sind schon fertig : )

  8. Teresa sagt:

    Liebe Bora, das ist ein ganz wunderbarer Post, so intensiv, so sinnlich irgendwie! Ich gebe hiermit zu, dass ich ihn gleich 3 Mal gelesen habe, so gut gefällt er mir. 🙂 Ich genieße das auch immer sehr, wenn ich einfach mal nur für mich sein kann. Da nimmt man manche Dinge nochmal viel intensiver wahr (im Alltagstrubel würden sie einfach an einem vorbeirauschen…). Gut gefällt mir auch die Stelle, an der du von eurer jungen Liebe damals erzählst. Wie schön, dass diese Liebe so lange gehalten hat!
    Viele liebe Grüße in die Schweiz
    Teresa

  9. Pauline sagt:

    Einer meiner Lieblings-Posts – so wunderbar… ;o)

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