Träume erspinnen

Also, zuerst einmal ganz, ganz herzlichen Dank für euer kunderbuntes Echo: die Farbenvielfalt eurer Wochen-Enden ist wirklich beeindruckend! Da gab es grüne und grau-blaue Tage, solche in Rot-Orange, per mail habe ich sogar von einem Wochenende in leidenschaftlichem Bordeau erfahren… Und für manche waren da so viele Farben und Lebens-Themen, dass wohl nur der Regenbogen persönlich ausgereicht hätte, um die (leider nicht für euch alle ganz) freie Zeit zu beschreiben…

Bunt! Ja bunt… unser Leben kann so bunt sein, nicht? Und manchmal auch wieder gar nicht. Manchmal ist es eher die Abwesenheit von Farbe, die einen Moment oder eine ganze Lebens-Phase ausmacht… Weil es eine schwierge Zeit ist vielleicht, weil nichts so richtig vorwärtsgeht und das Warten auf Veränderung und Erfüllung einem in einer Wolke aus Nichts gefangen hält. Oder etwas fühlt sich einfach nur halb-bunt an, pastellfarben zart, weil es ruhig ist und sanft und keine grellen Farb-Assoziationen in einem heraufbeschwört.

So wie bei mir. Mit dem Spinnen. Ich sehe irgendwie vor allem Wollweiss, naturbelassenes Woll-Weiss, wenn ich das Wort „Spinnen“ höre…


Dabei war die Wolle, die meine Spinn-Lehrerin Brigitte mir mitbrachte, alles andere als eintönig! Ihre Vor-Zeige-Modelle handgesponnener und handgefärbter Garne leuchteten wie Edelsteine! (Ihr könnt Ihre grandiosen Arbeiten auf ihrem Blog bewundern und teilweise sogar in ihrem Web-Shop kaufen.) Aber trotzdem… Wollweiss ist die Farbe, die blieb.
Wahrscheinlich, weil ich einen grossen Teil meines ersten Garnes in Wollweiss versponnen habe.

Oder weil da seit letzem Donnerstag ein kleiner Holzstecken aus dem Wald auf unserem Jahreszeiten-Tisch liegt, umwickelt mit dem Stückchen Garn, das Kind1 für sich spinnen durfte. Mutterherzen bleiben immer an so was hängen, nicht?

Wollweiss vielleicht aber auch wegen der unglaublichen Ruhe, die im Spinnen liegt. Dasitzen, die Hände ruhig aber bestimmt führen, den Drall der Fasern erspüren, festhalten und loslassen… alles Aufgaben, die einem erden und die Gedanken auf einen einzigen Punkt hin lenken: auf das Hier und Jetzt und das, was zwischen unseren Fingern entsteht.
Meditation pur.


Sofern man es kann, das Spinnen. Denn andererseits kommt mir da gerade auch ein leicht verzweifeltes, ziemlich helles, emotional wenig ausgeglichenes Wasserblau in den Sinn, wenn ich ganz ehrlich bin: Ganz so ruhig und entspannt wollweiss war ich wohl nun doch wieder nicht während jenem Nachmittag… Mit einem Fuss ein Pedal zu treten, gleichmässig und immer so, dass es sich in eine Richtung dreht und nicht plötzlich rückwärts rollt (so wie bei mir), das allein kann schon ganz schön tricky sein, finde ich.
Wenn dann noch ein Stückchen rohe Wolle dazu kommt, das permanent in die Länge gezogen werden will, und zwar langsam, regelmässig, irgendwie stramm, aber doch auch wieder so, dass es nicht reisst, und gleichzeitig ein sich entspinnender, immerzu drehender Faden, dem man genug Drall zukommen lassen soll, genug, aber nicht zu viel, und den man einlassen muss zwischendurch, bevor er so stark verdreht ist, dass das ganze Garn sich in Kräuseln zusammenzieht… wenn all das zusammenkommt, all diese grossen, kleinen Aufgaben für Fuss, Hände, Augen und Tastsinne … dann nennt man das Spinnen. Und kann ganz schön ins Straucheln kommen dabei.

Ich war jedenfalls unheimlich erleichtert, als in meiner dunkelsten (oder hellblausten) Lern-Phase am Spinnrad plötzlich Mittags-Zeit war.


Aber, doch, ja, ich glaube, ich habe mich doch schon ein wenig verliebt in diese ururalte Handarbeit… Obwohl mein erstes Garn nun wirklich nicht von Natur-Talent zeugt und ich mich ernsthaft frage, ob ich es jemals in meinem Leben zu einem richtigen, regelmässigen und vor allem einigermassen stabilen Faden bringen werde, kamen meine Gedanken irgendwie kaum mehr vom Spinnen los. An jenem Abend nicht, wo das Gefühl des Pedale-Tretens noch lange, lange nachhallte in meinem rechten Fuss. Aber auch heute noch, 5 Tage später, kehren sie immer wieder zurück zu Themen wie Spinnräder und Wolle und selbstgestrickten Babykleidchen mit dieser zauberhaften leicht knubbeligen Struktur wie sie nur handgesponnenes Garn hervorbringt…


Mein Garn steht jetzt aufgerollt neben dem kleinen Stecken von Kind1. Wollweiss und Meeresfarben. Wenn mein Blick darauf fällt, überkommt mich wieder dieses Gefühl der Ruhe, einer Ruhe wie regelmässige Atemzüge, die ich da doch auch immer mitschwang beim Spinnen. Völlige Ruhe nebst den ganzen Anfängerzweifeln.

Vielleicht ist es das, was mich so sehr fasziniert an dieser Arbeit: Dass man sich einer so simplen Sache, wie der Herstellung eines Fadens, derart hingeben kann, dass man alles andere für eine Weile ganz und gar vergisst. In einer Zeit, wo man sich wunderschönes Garn mit ein paar sachlichen Klicks via Internet besorgen kann und wir alle wohl eher mit einem „zu Viel“ an Kleidern zu kämpfen haben als damit, dass wir nichts anzuziehen hätten, kommt mir das Spinnen wie eine Insel vor, auf der lauter wunderbare Blumen und Bäume wachsen: Pflanzen wie „Idealismus“, „Fantasie“ oder „Geduld“ und „Sorgfalt“.

Da möchte ich auch hin, glaube ich. Auf diese Insel. Zu einer kleinen Herde, friedlich blökender Schafe in Wollweiss

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13 Kommentare zu Träume erspinnen

  1. naturmama sagt:

    Wunderbar, Bora! Ich träume mit Dir 🙂

    Dein Garn ist ein wirklich ein Traum. Das musst Du Dir immer aufheben, dieses Erste. Es kann sein, dass man nie wieder so eines zustandebringt :-)))

  2. Raniso sagt:

    Ich finde das toll, dass du das machst! Ich erinnere mich daran, dass bei meiner Grossmutter in der guten Stube ein Spinnrad stand und wir Kinder oft damit gespielt haben. In meiner Handarbeitsausbildung habe ich ausserdem gelernt eine Handspindel zu bauen und so Garn zu spinnen. Ich fand das schon unglaublich schwer…
    Ganz liebi grüäss, anja

    • kirschkernzeit sagt:

      Ich hab mir einen kleinen, grossen Wunsch erfüllt damit. Etwas von dem, was ich schon lange mal versuchen wollte- udn wofür nachher mit baby wohl kaum noch Platz und Energie übrig sein werden… Leider fehlen mir die Wurzeln zum Spinnen… Aber man ausprobieren macht einfach Freude! Selbst wenn man dabei an seine Grenzen kommt 😉 Ich finde esnämlich auch ganz schön schwer…

  3. Brigitte sagt:

    Du hast genau das gefühlt, was auch ich beim spinnen empfinde. Es ist pure Meditation und dass du das schon am ersten Nachmittag so empfunden hast, lässt mir keine Zweifel, dass bei dir der Faden einmal weiter gesponnen wird. So wie du das jetzt wunderbar in Worte gefasst hast berührt mich. Ich werde mir deine Zeilen und Bilder dazu ausdrucken und immer wieder gerne lesen.
    Einfach ein herzliches Danke.

    Liebe Grüsse
    Brigitte

    • kirschkernzeit sagt:

      Es war auch einfach ein schöner Nachmittag, so mit dir und dem Spinnrad und so… Du hast sehr viel Ruhe selber mit ins Schaffen gebracht, glaube ich, und es waren wohl vor allem deine Hände und deine Art, zu arbeiten, die in mir dieses wollweisse Meditations-Gefühl zurückliessen…

  4. Elisabeth sagt:

    Wenn Robert am Spinnrad sitzt wird er ruhig und ruhiger… ausdauernd bleibt er dabei.
    Ich hab ihm den Post vorgelesen, und er hat zugehört. „Tja, manchem Menschen wissen warum sie gerne spinnen, Du halt nicht Mama!“
    Hm, ich kann es nicht… leider.
    Elisabeth

    • kirschkernzeit sagt:

      *lach* dein Robert verwundert mich immer wieder mit seinen genialen Aussagen, Elisabeth! Ich muss so oft schmunzeln und staunen… Grüss den kleinen Racker lieb von mir! Und; ich kann’s ja auch noch nicht richtig… Im Gegenteil; da gibt es noch viiiiiiiiiiiiel zu üben und zu lernen! Falls ich mir tatsächlich so ein Spinnrad gönne…

  5. JenMuna sagt:

    köstlich auch der Kommentar von Robert!;)
    ja alles braucht seine Weile, das hineintauchen..und vertiefen um schließlich darin wachsen zu können oder? Ich selber finde, dass ich manchmal viel zu viel herumwusele..ich möchte mich mal richtig in etwas vertiefen..ich versuche es jetzt mit den Wasserfarben und wenns klappt…dann iiirgendwann kommt das spinnen (siehst du schon wieder:))
    alles liebe!;)
    ps: ich finde die gesponnene wolle wunderbar..so authentisch, lebendig und rebellisch;)

  6. stefanie sagt:

    Liebe Bora,
    bitte entschuldige meinen allzu spontanen, allzu schnell hingeschriebenen Kommentar zu Deinem vorigen Post. Zur Entschuldigung lässt sich nur sagen, dass ich mich einfach sehr gefreut habe, dass Du Dich auf den Weg gemacht hast, auf das Abenteuer eingelassen hast, das mit einem Spinnrad ins Haus einzieht! (Und da meine Spinnlehrerin eben gerade einen Anfängerkurs leitet, da zog ich eben schnell meine Schlüsse…)
    Was ich damit auf keinen Fall sagen wollte, ist, dass andere Spinnlehrerinnen weniger kompetent sind. Und nachdem ich nun von Deinem Tag mit dem Spinnrad gelesen habe und die Fotos gesehen habe, tut mir das voreilige Schreiben sehr leid! Denn Du hattest eine so schönen Tag und solche Freude – da musst Du gut aufgehoben sein!
    Wegen dem „Anfängergarn“ sorgen musst Du Dich nicht – als ich vor über drei Jahren meine ersten Versuche auf dem Spinnrad machte, da sagte eine sehr erfahrene Spinnerin zu mir, dass sie sich wünsche, auch mal wieder so hübsch strukturiertes Garn zu spinnen, sie müsse sich inzwischen richtig anstrengen, nicht immer nur ganz dünne Garne zu spinnen… Ich habe damals gedacht, dass sie das nur sagt, um mich zu trösten über mein Ergebnis… Dreieinhalb Jahre und einige Kilo Wolle später geht es mir ganz ähnlich wie ihr und ich weiss, dass sie es ehrlich gemeint hat.
    Nun wünsch ich Dir viel Spass mit dem Spinnrad!
    Liebe Grüsse, Stefanie.

    • kirschkernzeit sagt:

      Oh, liebe Stefanie;du hast überhaupt nichts negatives geschrieben, wirklich nicht! Im Gegenteil; ich fand es sehr spannend und irgendwie schön, dass dir da so spontan jemand in den Sinn gekommen ist,wo eine Anfängerin wie ich in „guten Händen ist“! Danke für beide Comments; sie sind immer eine grosse Freude für mich (und auch wenn da einmal eine nett formulierte Kritik oder eine andere Meinung dabei wäre, finde ich es schön, dass sich jemand die Zeit nimmt, mirein paar Gedanken oder Erinnerungen zu hinterlassen…) DANKE also! 🙂

  7. amberlight sagt:

    Liebe Bora, wie wunderbar ist es doch, dass wir auch dabei wieder einen gemeinsamen Faden spinnen, denn auch ich bemühe mich ja hin und wieder ganz behaarlich: http://amberlight-label.blogspot.de/search/label/geSPONNENes Was hat das eigentlich mit dem Haar zu tun? Egal, ich schweife ab und eile weiter nach meiner so sehr schönen Pause bei dir ….

  8. enim sou sagt:

    Oh, wie schön. Das Spinnen würde ich auch gern mal probieren!

    enim sou

  9. Pingback: wild entschlossen | Kirschkernzeit

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