ein Gespräch mit dem Bauherrn

7:20 Uhr.
Ein gewöhnlicher Morgen. Die Kinder schlafen noch, sogar mein Mädchen, das sonst um diese Zeit wieder herumrennt, ausgeruht nach ihren 9 Stunden Schlaf, steckt noch tief unter den Decke.
Draussen vor dem Fenster höre ich den Verkehr rauschen, ich sehe, wie das Licht der Morgensonne den Raum zum Leuchten bringt und schmecke den letzten Schluck Kaffee auf meiner Zunge.
Auf dem Tisch; meine Näharbeit, für die es gestern nicht mehr gereicht hat. In der Küche; die Spuren unserer gestrigen Falafel-Kocherei. Draussen; durstige Gemüsebeete. Und mein Haar liegt wuschelig im Zopf, ungekämmt seit Sonntag.
Ich bin bereit für einen neuen Tag.
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Ich weiss nicht… Mein Leben rinnt mir durch die Finger, denke ich manchmal. Es rieselt und rieselt wie Sand in einer Sanduhr, und ich betrachte dieses Vergehen mit einer Mischung aus Erstaunen, Erleichterung, Gelassenheit und Unruhe. Als sandburgen-bauendes Kind im universellen Sandkasten des Lebens, wo wir alle damit beschäftigt sind, unsere Konstrukte errichten, unsere Lebens-Werke.
Manches sieht wunderschön aus, was hier in diesem Sandkasten entsteht. Imposant, herausragend „anders“, anderes wird eher unscheinbar und schlicht. Und dazwischen die Trümmer verworfener Lebenspläne, aus denen ein neuer Sandburgen-Trakt herauswächst. Nur wenige Sandburgen entstehen in einem Guss.
Verschachteltes Leben.
Immer wenn ich, so wie jetzt, einen Tag ganz still für mich alleine beginnen kann (was selten der Fall ist), wird mir dieses Rieseln der Zeit ganz neu und intensiv bewusst. Tages-Pläne und Impulse überschütten mich, aber der Moment ist zu kostbar, um ihn mit Geschäftigkeit zu füllen.
Momente der Erkenntnis (ob neu oder alt) sind wie Perlen. Man sollte sie eine Weile betrachten, bevor man sie beiseite legt. (Oder sie auffädeln und als wachsende Kette um den Hals tragen).
Dieser Moment verlangt nicht danach, etwas zu erschaffen oder zu ordnen oder zu erledigen, er braucht etwas anderes…
Im schräg einfallenden Sonnenlicht setze ich mich an den Tisch, stütze das Gesicht in beide Hände- und bete.
Ein Gebet der Ehrfurcht, Dankbarkeit und offenen Wünsche (oh ja, das vor allem, dieser Teil will fast nicht enden).
Ein Gespräch mit dem Bauherren.
Als ich die Augen wieder öffne, liegt das Nähzeug nach wie vor unordentlich über den ganzen Tisch verstreut, das Geschirr wartet und meine Haare hätten wohl nicht nur eine Bürste, sondern auch gleich einen ordentlichen Haarschnitt bitter nötig
Alles ist wie immer. Und doch anders.
Jetzt bin ich bereit für den  Tag.
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13 Kommentare zu ein Gespräch mit dem Bauherrn

  1. amber sagt:

    danke dir fürs teilen!

    ganz lieben gruss dir

    christina

  2. Katrin sagt:

    bei uns in der kirche ist gerade eine engelausstellung (hab heute darüber geschrieben) dort vor dem lieblingsengel sitzend, habe ich ähnliche gedanken wie du.
    ich danke dir dafür, dass du sie in so schöne worte gefasst hast.

    herzlichst katrin

  3. ** sagt:

    danke. auch von mir. so wahre und schöne worte.
    liebe grüße von der *lini*

  4. Tinki sagt:

    Ja – es ist wie ein kleines Geschenk – in Ruhe aufwachen – in Ruhe den Tag beginnen und wirklich ein wenig nachdenken und sortieren… Ich hoffe, daß sich der gordische Knoten schon langsam lösen möge!
    Liebe Grüße Tinki

  5. kirschkernzeit sagt:

    @Tinki: Ja, ein kleines Geschenk, wirklich… aber wa ist ein „gordischer Knoten“???

  6. Anja sagt:

    Oh Bora, ich habe Gänsehaut beim Lesen und Tränen in den Augen (okay okay, ich bin im Moment auch sehr emotional). Aber wow, dieser Text hat mich einfach umgehauen! Du findest DIE Worte… Darf ich mir den ausdrucken und in mein spezielles „Bauherren-Kontaktbuch“ einkleben? Das wäre wahnsinnig lieb von dir. In jedem Fall, danke fürs Teilen! Du weise Frau…

  7. Tinki sagt:

    Also die genaue Definition vom gordischen Knoten steht z.B. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Gordischer_Knoten
    oder
    Kinderseite: http://www.labbe.de/zzzebra/index.asp?themaid=327&titelid=2880

    Es ist ein unendlicher Knoten – der eben nicht wirklich zu entwirren ist.
    Liebe Grüße Tinki

  8. mausekind sagt:

    ach. bora. so so so schön. oft schon genauso gefühlt…im moment geht sowas verschütt unter all den dingen die anstehen und passieren und zu entscheiden sind…ich muss unbedingt mal früher auf stehen als das mausekind…aber wie wenn sie das langschlafen von mir hat 🙂 ich grüße dich von herzen!!!

  9. kerwall sagt:

    Deine Schreibweise finde ich toll.So schön! Ein Genuss an deinen Gefühlen teilzunehmen.
    Liebe Grüße Kerstin

  10. schön. danke. und noch viele solcher momente für dich.
    maria

  11. amberlight sagt:

    Das Leben ist Besonders. Du bis Besonders. Danke für die Ein- und Ausblicke in deine Seele … 🙂

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