Dornröschen-Schlaf

Wenn ich aus dem Fenster sehe, dann liegt da ein grosser, goldgelber Haufen Blätter am Boden unter der kleinen Buche auf der anderen Strassenseite und der junge Nussbaum in Nachbars Garten muss erst gestern oder vorgestern sein allerletztes Blatt verloren haben (denn, könnte ich schwören, vorher war noch mindestens eins dran!) Die Kronen strecken ihre nackten Äste dunkel gegen den grau-milchigen Himmel und mich fröstelt es schon beim Hinaussehen innerlich wie äusserlich. Das Ende des Herbstes nagt immer ein bisschen an mir. Das letzte Blatt, die Lücken in den Vogelreihen, der stumme Wald, die allerletzte Blüte, bevor die nächste frostige Nacht auch sie schlaff und zerstört am Boden zurück lässt…

Das alles fühlt sich manchmal an, als müsste ich der Natur beim Sterben zusehen. Das rauschende Fest der Farben und der Ernte ist vorbei. Zurück bleiben Leere und Stille.

Aber andererseits… trägt der Spätherbst auch ein Geheimnis mit sich herum. Eine wichtige Botschaft. Eine gute Nachricht!

Und während ich mit meinem Jungen Tulpenzwiebeln in den schweren Boden pflanze, muss ich genau daran denken: Jedes Blatt, das fällt, jedes Kraut, das erfiert, jedes Tier, das von uns fort in den Süden zieht, bedeutet zwar Loslassen und Abschiednehmen, aber es ist kein Abschied für immer. Auch wenn es mir im Moment vielleicht so vor kommt. Es ist nicht das Ende. Es ist kein wirklicher Tod.

In Wahrheit ist es nur ein Dornröschchen-Schlaf.

Die Natur zieht sich, nachdem sie getan hat, was es zu tun gab, für ein paar graue, eisige Wochen in ihre geheimsten Winkel zurück und schläft. Es ist ein Reduzieren aller Dinge auf das Lebens-Notwendige. Ein Leben auf Sparflamme, damit es Platz gibt und ein ganzes Bündel ungebrochener, neuer Kräfte. Für das neue Leben, das kommen wird, wenn der Frühling die Starre des Winters aufbricht und alle die Schätze frei legt, die wir heute, an einem bitterkalten Herbsttag, in die Erde legen, in der Hoffnung, dass etwas daraus wachsen wird, irgendwann, in gar nicht mehr allzu weiter Zukunft…

Im Augenblick geht es mir genauso. Ich bin eine Gartenrabatte, die auf ihren Frühling wartet. Ich befinde mich mitten in einer winterharten Phase, in der mein Körper -aus gutem Grund- alle seine Energien bündelt und mich in die Knie zwingt mitsamt meinen Plänen und meinem inneren Drang, aktiv zu wirken und zu werken. Die immer grösser werdenden Lücken meiner letzten Posts sprechen Bände, aber es geht nicht anders, glaubt mir: Mein Körper diktiert mir diese Pausen. Und sie umfassen auch das Schreiben, so schwer es mir fällt, das zu zu lassen. Die Zauberworte heissen jetzt einfach: Loslassen, Nachgeben, Vertrauen. Und ein bisschen schlafen.

Für euch, meine Lieben, bedeutet das vor allem: Geduld. Bitte habt ein wenig Geduld mit mir und meinem im Augenblick alles andere als produktiven, inspirierenden Blog. Es wird besser werden, ganz bestimmt, aber es könnte eine Weile dauern. Eine ganze kleine Winterweile vielleicht…
Aber auch wenn ihr nicht viel von mir hört, denkt daran: Auch das ist kein Abschied. Es ist nur meine Art von Dornröschchen-Schlaf.

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13 Kommentare zu Dornröschen-Schlaf

  1. Judith sagt:

    Liebe Bora!

    Lass es uns genau so machen: reduzieren, in uns horchen, Kräfte sammeln, überdenken, auf die feinen Töne unserer Kinder lauschen und wirklich VERTRAUEN. Ich wünsche Dir von Herzen Wochen, erfüllt von einem warmen, inneren Licht, bis dass Du wieder mit neuen Plänen und neuer Kraft heraustreten magst.

    Sei ganz lieb gegrüßt,
    eine Dich nunmehr seit einem Jahr im Stillen begleitende Judith.

  2. katobia sagt:

    Das ist gut, dass Du Dich diesem Ruhen hingeben kannst! Wenn ich mir vorstelle, wieviele Menschen in den nächsten Wochen wieder vor Stress, Trubel und Hin- und Herrasen ihren Kopf verlieren, statt dem Jahreslauf nachzuspüren und sich zurückzuziehen, abzuwarten und Kräfte zu sammeln. Für mich ist dieses Gefühl des Sammelns immer eng mit dem Advent verbunden – Ankommen, ohne irgendwo hineilen zu müssen. Bei mir sein und Verbindung zum großen Ganzen aufnehmen können. Die Gewissheit, neu beginnen zu können. Das schenkt Ruhe, Kraft und Geborgenheit.

  3. Marianne sagt:

    Was für ein schöner Post. Ich wünsche Dir alles Gute beim Loslassen und Nachgeben. Und was meine mail anbelangt: Vielleicht darf ich mich ein anderes Mal wieder melden. Lass das Antworten bleiben und kümmere Dich um Dich!
    Herzlich, Marianne

  4. Sanne sagt:

    liebe Bora,

    genieß die Zeit, lass es dir so gut gehen wie möglich, so ein Dornröschenschlaf tut sicher gut. Und wir lesen freudig, wenn du was Neues schreibst oder wir lesen ältere Beiträge nochmals, denn sie sind es wirklich wert öfter gelesen zu werden.
    Wir haben jetzt alle (sieben!) Umzüge geschafft!
    Ich möchte mir bald eine Shalomjacke stricken, ihr habt mich überzeugt. Am Wochenende kaufe ich mir Wolle und lasse mir rechts und links verschränkt stricken zeigen, davon weiss ich nämlich nichts.
    herzliche Grüße
    Sanne

  5. Anja sagt:

    Liebe Bora, ein Dornröschen-Schlaf ist eine gute Idee. Da macht es uns die Natur richtig vor, manchmal muss man sich einfach zurückziehen, um später wieder mit neuer Energie aufzublühen… Ich freue mich auf die Frühlings-Kirschkernzeit 😀
    Ganz liebi grüäss und knuddels, anja

  6. JenMuna sagt:

    …dann pflanz den Kirschkern nu einfach mal ein und wir freuen uns dann auf die (ja unglaublich!) schönen Kirschblüte im Frühjahr!:)
    alles Liebe (und mir geht es im Moment auch ein wenig so..)
    JenMuna

  7. Larissa sagt:

    Liebe Bora,

    das hast Du wunderschön geschrieben…

    Mir geht es ähnlich wie Dir… ich bin auch immer richtig melancholisch, wenn die letzten Blätter fallen… Und auch mein Körper zwingt mich gerade zu einer Pause, alles zwickt und zwackt und tut weh…

    Andererseits freue ich mich umso mehr auf die ersten Blüten im Frühjahr und denke mir manchmal, was für ein Geschenk die verschiedenen Jahreszeiten doch sind…

    Und wenn mein Körper mal eine Pause anzeigt, ist es auch gut so – besser als zu arbeiten, zu arbeiten und zu arbeiten und dann geht plötzlich garnichts mehr. So gönne ich mir an solchen Tagen eine Badewanne mit schönen Büchern, einen heißen Tee und einen Spaziergang, sobald die Sonne ein bißchen herausspitzelt… Und das alles genieeeeße ich dann…

    Ganz liebe Grüße von Larissa

  8. Jo-sie sagt:

    Hallo Bora,
    du hast einen sehr ansprechenden Blog und ich bin dankbar, dass ich etwas daran teilhaben darf. Ich wünsche dir soviel Zeit für dich ,wie du brauchst .
    Lieben Gruß von Jo.

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