#1: Birdie

Als ich ein Kind war, war ich leidenschaftliche Tiernärrin. Ich verkaufte handgemachte Sachen am Herbstmarkt des Dorfes, um Spenden zu sammeln für die letzten Regenwälder oder schrieb böse Briefe an den Schweine-Mastbetrieb im Dorf, von wo man die armen Tiere oft weithin erbärmlich quieken hörte. In der 5. Klasse gründete ich mit meiner besten Freundin eine Art zweimädchenstarker Verein zur Rettung akut bedrohter Tiere. Tatsächlich schafften wir zwei Naseweiss es, beim Bauern nebenan einen unwillkommenen Wurf Kätzchen vor dem Hackklotz zu bewahren.  Danach war unser Repertoir bereits erschöpft und wir konzentrierten uns wieder mehr auf das, was uns am meisten Spass machte: Auf die Tiere, die wir selber hatten. In meinem Fall waren das: mehrere Mehrschweinchen, ein schwarzweisser, alter Collie, Zwergkaninchen, zwei schwarze Katzen und- von Anfang an meine Lieblinge, die wirklich nur mir gehörten- zwei Wellensittiche.
Sie waren so zahm, dass sie mir aus der Hand pickten und Vogel-Küsschen verteilten. Nie werde ich das Gefühl ihrer kleinen, harten und trotzdem vorsichtigen Schnäbel auf meinen Lippen vergessen. Eine intensive Erfahrung von der Freundschaft, die zwischen Mensch und Tier wachsen kann, die irgendwie… über den  eher engen Grenzen steht, die wir Menschen sonst rasch ziehen, sobald das Tier zum Nutz-Objekt wird.
Vögel zu halten ist für mich noch immer so etwas wie… ein Einblick ins tropische Paradies, von dem wir doch alle irgendwie träumen (zumindest jene, die wie ich als Teenies heimlich “die blaue Lagune” guckten und sich sehnlichst einen Teil 3 gewünscht hätten *grins*). Nur die Sache mit der Freiheit… mit der Vogel-Freiheit machte mir zu schaffen: Selbst der sehr grosse Käfig, den ich für meine Vögel gekauft hatte, erschien mir zu klein. Denn Vögel sollen fliegen, findet ihr nicht auch? Wozu sonst hat Gott ihnen Flügel geschenkt?
Schlussendlich liess ich sie tagsüber meistens frei in meinem Kinderzimmer herumflattern- und verlor sie dadurch; Als meine jüngeren Geschwister versehentlich die Tür öffneten, entwischten meine gefiederten, kleinen Freunde und verschwanden durchs offene Badezimmer-Fenster in die Freiheit, wo ihnen spätestens gegen Herbst, in den ersten kalten Nächten der Tod auflauern würde…
Seither habe ich keine Vögel mehr. Sie einzusperren würde ich nicht übers Herz bringen. Sie wieder zu verlieren, genauso wenig. (Jaja, das Thema “Loslassen” … )
Aber ich mag sie. Nach wie vor. Ein Vogel verkörpert für mich… Zartheit, Geschicklichkeit und diese beneidenswerte Fähigkeit, sich bei Problemen einfach aus dem Staub zu machen und die Welt mitsamt ihren Raubtieren zurück zu lassen (okay, geflügelte Raubtiere mal ausgeschlossen). Ausserdem haben Vögel für mich diesen gewissen “Jööö-Faktor”… (Immer wenn wir Schweizer Frauen “Jööö!” ausrufen, meinen wir  damit kleine, süsse Wesen oder Dinge wie Babys, Tierkinder oder Miniaturkameras in Bonbonfarben)
Genau dieser Effekt war wahrscheinlich auch schuld daran, dass ich mich vom Fleck weg in Jessicas süssen Sweetie Bird zu verlieben: Ihr kleiner Filz-Vogel ist so zart, handschmeichlerisch und irgendwie putzig, dass er einfach passt. Immer. Um einem das Gemüt ein bisschen zu erheitern. Um verschenkt zu werden als herzliches Dankeschön fürs Babysitten oder als frischen Frühlings-Gruss. Um den Jahreszeiten-Tisch zu beleben (Vögel haben immer Saison, nicht?) oder als fröhliche Überraschung im Kinderzimmer (bei grösseren Kindern wegen den Perl-Augen und den Drahtbeinchen – ausser man lässt beides weg und stickt die Augen vielleicht auf).
Die Beinchen sind zwar ziemlich krumm geraten (ja, lacht ruhig, es schaut ja auch wirklich doof aus, in Jessicas Original sind sie viel schöner), aber das Machen war einfach nur… Spass.
Und genau das ist es auch, was ich mich so warm durchflutet, wenn ich little Birdie so ansehe: Dieses Gefühl von Freude an etwas, das nicht kunstvoll, nicht ausgefeilt, nicht minutiös bearbeitet wurde, sondern schlichtweg ein Experiment war. Aus Neugierde, Begeisterung (Danke, Jessica! Dein Sweetie Bird ist wirklich Zucker!!!) und ja, vor allem aus Spass.
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13 Antworten auf #1: Birdie

  1. SelMama sagt:

    Ein wirkliches süßes Vögelchen. Du akknst es nicht verlieren, musst es auch nich einsperren und den Winter wird es auch überleben;-)

    Das knallrote Zwergenmützchen in deinem Header hats mir echt angetan!

    LG
    SelMama

  2. Sorani sagt:

    hi! sehr schnuckig geworden, dein kleiner vogel……liebe grüße nico

  3. Susanne sagt:

    na das nenne ich jetzt Gedankenübertragung;)…war gerade dabei, bevor ich deinen post gelesen habe, mich über den hier ansässigen Gnadenhof zu informieren, allesamt ehrenamtlich und so engagiert, werde an einem der nächsten Wochenenden dort zu “Gast” sein, da ich eine der Helferinnen kenne und sie mich mal eingeladen hat. Also ich finde deine Tierhelfaktionen aus Kindertagen ganz klasse!!!
    Und deinen grünen Piepmatz auch;).
    sei ganz lieb gegrüßt
    Susanne

  4. JenMun(a) sagt:

    Ich glaube da hatten wir viel gemeinsam, als Kind schreib ich einen Brief an ..ähm, ich glaub es hiße “Logo”, diese Kindernachrichten;)jedenfalls beschwerte ich mich über die Tiertransporte und bat darum (mit meinem Kindermunde) doch einmal darüber zu berichten (und ich schwor auch nie wieder Fleisch zu essen, wa sich tatsächlich auch bis zu meinem 20.Lebensjahr festhielt)…ja und Logo kam meinem WUnsch tatsächlich nach!:)
    Dein Vogel ist einfach wunderbar!..er scheint sich sehr wohl bei euch zu fühlen, ob er überhaupt weg will?

    Gute Nacht!

    JenMuna

  5. oooh ist der niedlich :D
    Hast du sehr schön gemacht ! :)

  6. creatina sagt:

    Jööööööööö! :-)))

    Grüessli, Tina

  7. Anja sagt:

    Der ist ja echt süss. Und die nicht ganz geraden Beinchen passen doch wunderbar :-D
    Wow, ihr hattet ja echt viele Haustiere! :-o Aber irgendwie auch immer genug “Pfleger”, nicht? ;-)
    Ganz liebi grüäss, anja

  8. So süß!!!
    Danke für den Link. Genau das richtige für mich.
    LG
    Lucie

  9. amberlight sagt:

    Der muss ganz unbedingt auf die Merken-und-mal-selber-machen-Liste. Da hast du ja was großartiges aus den Tiefen des Netzes ausgegraben … ein richtiges Fundstück.

  10. mamas kram sagt:

    Liebe Bora
    Wundervoll, wie du das wieder geschrieben hast! Ich mag Vögel auch sehr gerne und schaue ihnen so gerne zu, wenn sie Früchte-und Gemüseschalen aus dem Kompostbecken vom Fensterbrett stibitzen, dabei ihre Köpfchen schräg halten und vorsichtig zum Küchenfenster herein “güxeln”…
    Dein Vögelchen ist allerliebst geworden! Danke für den tollen Link!
    Herzliche Grüsse
    Doris

  11. Knopfwäsche sagt:

    Das Vögelchen ist sehr gut gelungen, mit seinen kleinen Drahtfüßchen.

    Liebe Grüße
    Kerstin

  12. amberlight sagt:

    Also im Gegensatz zu meinen Vogelfüßchen sind deine traumhaft … meiner fällt immer auf's Schnäbelchen. Ich geh mal weiter am Draht biegen ….

  13. Pingback: Braun | Kirschkernzeit

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