Befreiung

Mittwoch-Nachmittag. Eine Horde Kinder im Haus. Zwei Mütter, zwei Schwestern. Und im Grunde nicht genug Energie, um die Mutter-Tochter-Schwester-Frau zu sein, die ich gerade gerne wäre für diese wunderbaren Menschen in meinem Leben.
Viele Stimmen, die ineinander plappern wie Wellen im Sturm, so dass ich mich fühle als sässe ich in einer Nuss-Schale inmitten eines tosenden Ozeans, und als gäbe es gar keine andere Möglichkeit, als kopfüber ins Wasser zu plumpsen und unter zu gehen.
Die überschwappende Bewegungs-Lust der Kinder gerät immer mehr aus den Fugen; Ich kann direkt fühlen, wie es knistert vor unbändigender Energie. Jedes Mal, wenn sie wieder an mir vorbei rennen, wie Rennpferde, die nicht mehr zu halten sind, dann horche ich auf, weil ich mir sicher bin, dass es nicht lange dauern wird, bis sie sich in den Haaren liegen oder Tränen fliessen, weil eines von ihnen sich weh getan hat.
So viel Hektik macht mir immer Angst. Ungestüme Wiedersehens-Freude,  aufkeimende kindliche Abenteuer-Lust und müde Mütter, das ergibt eine fast schon explosive Mischung- Wenn man versucht, sie einzusperren…
Irgendwann tauche ich kurz auf aus dem Strudel an Geräuschen, Gefühlen und meinen eigenen Erwartungen an diesen gemeinsamen Nachmittag. Und mir fällt es wie Schuppen von den Augen:
Was wir alle jetzt brauchen ist Ruhe, Weite und Wildnis.
Was wir brauchen ist: der Wald.

Als wir uns alle aus dem Auto schälen und dem Weg hinein ins Blätterzelt folgen, verstummt das Gelächter und Geplapper. Der Wald macht uns still und ehrfürchtig, und das Leben, das sich hier an allen Ecken vor  uns zu verstecken versucht, zieht sofort die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich: Sie wühlen unter Steinen, sammeln Buchecken, spielen hingebungsvoll mit dem Feuer (diese Faszination immer wieder!) und erkunden das Gelände. Jedes auf seine eigene Art und Weise. Manchmal allein, manchmal gemeinsam. In fliessendem Wechsel.
Es scheint Wunder zu wirken, wenn die Enge der Mauern, an die wir so gewöhnt sind,  aufreisst in Himmel, Laub und unzählbare Schätze…
Wenn wir einen Blick wagen auf die scheinbar grenzenlose Grösse und Weite der Welt, in der wir eigentlich leben (sobald wir unser Haus verlassen), dann öffnet das auch etwas in uns, glaube ich. Denn genau wie die Kinder, die gerade noch wirkten wie ein eingesperrte Horde wild gewordener Duracell-Hasen, fühle auch ich mich hier befreit. Gelöst. Besänftigt. Geerdet.
Es ist für mich jedes Mal wieder ein Wunder, wie die Natur es schafft, das Beste in einem zu wecken. Wie aus Wildfängen achtsame Beobachter werden. Aus nervösen Müttern schützende Hafen, wo Kinder eine Zuflucht finden, wann immer sie Geborgenheit und Nähe brauchen.
Nervenbündel finden zur Ruhe.  Neugierige kleine Wesen tauchen ein in eine Welt voller Wunder und Möglichkeiten. Wer nichts mit sich anzufangen wusste, sucht plötzlich eifrig nach Feuerholz und Tannenreisig (für dicke Rauchschwaden aus dem Feuer). Und aus Rivalen werden Kumpanen, weil sie erkennen, dass gemeinsam alles sehr viel besser geht als alleine…
Ich beobachte, wie meine Schwester mit den Jungens ein Feuer anzündet und mein Mädchen lachend mit einem Arm den Haufen Buchecken auseinandefegt, den ich vor sie hingelegt habe. Meine Mama sammelt Holunderbeeren für mich und das Licht des nahenden Herbstes färbt uns alle warm und weich.
Ich atme tief ein, zum ersten Mal seit langem wieder frei und leicht, scheint es mir.
Da draussen vor unseren Türen liegt eine Wunderwelt, glaube ich.
Vielleicht sollten wir die Türe immer einen Spalt weit offen lassen, um ihr Rufen nicht zu überhören…
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12 Kommentare zu Befreiung

  1. Shiva sagt:

    Hach, das hast Du sehr schön gesagt! Gott sei Dank hatte ich meine Zeit im Wald heut schon, sonst hätt ich jetzt arge Sehnsucht.
    Und die Kinder, ja, die sehen sowieso noch ein bisschen mehr als wir!

    Liebe Grüße Shiva

  2. Anja sagt:

    Danke Bora! Ein Post der mir direkt aus dem Herz spricht. Genauso gehts mir auch. Wenn ich merke, dass die Kinder zanksüchtig und hibbelig sind und ich keine Geduld dafür aufbringe – also fast täglich – ist die beste Lösung immer der Gang nach draussen in die Natur… Nur so toll beschreiben wie du, das kann ich nicht 🙂
    Ganz liebi grüäss und knuddels, anja

  3. Sanne sagt:

    Manchmal ist der Wald so nah, aber man/ich seh ihn nicht. ich fühle, Da ist noch was ,aber ich komm nicht drauf.
    dann bin ich einfach nicht so achtsam bei mir, wie es besser wäre.
    Heute dann dein ermutigendes Posting, wirklich hinzuspüren, wenn es unrund läuft,dafür danke ich dir herzlich.
    Bei mir ist es auch der Schrebergarten, wo ich merke,es wächst und blüht, einfach weil es so gewollt ist, weil einer einen Plan hatte.
    Gott ist gut.
    Das spüre ich im Garten und im Wald besonders intensiv.
    Sanne

  4. JenMun(a) sagt:

    Oh ja das sollten wir (eine Tür auflassen)… ich vermisse den Wald hier so sehr! Als Kind war ich ständig im Wald, mit Pferd oder ohne;) Hier müssen wir eine ordentliche Autofahrt in Kauf nehmen bis man ein wenig „echten“ Wald findet.. du weckst da gerade eine große Sehnsucht in mir..
    JenMuna

  5. amber sagt:

    danke!

    alles liebe

    christina

  6. Penelope sagt:

    Sehr schön geschrieben *-*
    Ich ging im Walde so vor mich hin…

  7. isa. sagt:

    wie eine Horde eingesperrte Duracell-Hasen.. ich seh das bildlich vor mir und muss einfach nur lachen, herrlich!!!

  8. Karla Paul sagt:

    Ihr habt ein Haus im Wald? Ich bin so neidisch! Hach, als Münchner Stadtkind sieht das alles so toll aus, so leicht und frei und wirklich ideal für Kinder! Ich lese sonst immer still mit, bedanke mich aber mal an dieser Stelle, dass Du uns so an Deinem Leben teilhaben lässt!

    LG Karla

  9. Das kenne ich gut. Wir gehen zum “ Erden“ immer an den Fluß. Dort kommen alle zur ruhe und wir sind wieder eins mit der Welt.

  10. ** sagt:

    ja, die Natur vermag genau das. wunderschön, wie du das beschreibst. ich sollte mit meinen hibbelkindern auch viel häufiger den weg in den Wald finden.
    aber immerhin haben wir den garten hinter dem haus und viele bäume im viertel, die uns ein wenig das naturgefühl geben, wenn wir nicht im wald sind.
    du schreibst wunderschön, danke, dass du uns teilhaben lässt!
    liebste grüße von der deiner *lini*

  11. kirschkernzeit sagt:

    @Jen Muna: Du, das geht mir auch so meistens: Der Weg in den Wald ist mir manchmal schon zu viel, wenn meine Energie nicht so gut ist. Denn Autofahren kann ich (noch) nicht, und zu Fuss oder mit dem Velo, geht schon eine ganze Menge Kraft verloren, bis wir nur schon da sind… Ich kann dich wirklich verstehen, dass das bei euch nur selten klappt: bei uns ist der Wald ja nicht soooo weit weg (bei euch sicher sehr viel weiter)- aber auch schon weit genug, um nicht einfach so mir nichts dir nichts angesteuert zu werden… Aber wenn ich mal da bin, dann denke ich JEDES Mal: Also DAS sollten wir doch wirklich öfters machen. Die Athmosphäre und was da vor sich geht auch mit den Kindern ist… wundervoll!

    @Karla Paul: Ein Haus im Wald wäre zwar mein Traum… aber nein, leider nicht. Unser Haus steht doch eine ganze Weile vom Wald entfernt, getrennt durch Strasssen und Strässchen…

  12. Pingback: MutterNatur | Kirschkernzeit

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