Instinkte

Vielleicht liegt es ja am Wechsel da draussen, der mir auf Schritt und Tritt begegnet? Vielleicht ist es die kühle, duftige Herbstluft, die diese Instinkte in mir weckt, Instinkte, die noch aus Zeiten herrühren müssen, in denen wir Menschen unsere Häuser auf einen langen, harten Winter vorbereiten mussten, mit gefüllten Speisekammern, warmen, gut gelüfteten Wolldecken mit gestopften Socken und mindestens einer wollenen Unterhose für jeden.
Gelüftet, geputzt und geordnet wurde an warmen Herbst-Tagen bestimmt lieber und gründlicher als während den kalten Zeiten des Jahres selbst, wo jeder kühle Luftzug drinnen einem schaudern liess, mochte er noch so viel guten, gesunden Sauerstoff mit sich bringen…
Ich fühle mich im Moment… wie ein Eichhörnchen. Ein Eichhörnchen, das seinen Kobel von allem zu befreien versucht, das sich irgendwie irgendwann im Laufe des Jahres hinein geschlichen hat, ohne im Grunde einen Platz im warmen Nest, zu verdienen. Ich bin gerade ein Eichhörnchen, das Gutes ansammelt und weniger Gutes aus dem Weg schafft oder einfach am Wegrand liegen lässt, das nistet und nestet, einfach weil es spürt, dass diese Schritte jetzt an der Reihe sind.
Wie gesagt, es müssen Instinkte aus alten Zeiten sein, mit denen ich es hier zu tun habe. Herbst-Instinkte. Denn der Herbst berührt uns uns alle auf die eine oder andere Art und Weise, oder? Er hat Hände wie ein Zauberer und bringt manchmal Seiten in uns zum Vorschein, die wir lange nicht mehr gesehen haben, melancholische Seiten vielleicht, von denen wir dachten, dass es sie gar nicht gäbe in uns, oder beschwingte, die wir uns nicht zugetraut hätten. Hoffnungsvolle vielleicht, die uns aufbrechen lassen zu neuen Ufern, bodenständig Geerdete, die uns mit stiller Freude erfüllen, während wir Tulpenzwiebeln setzen fürs nächste Jahr…
Oder geschäftige Seiten, die einem urplötzlich alle Schubladen und Schränke aufreissen lassen, und einem dazu verführen, Bücher übers Ordnungschaffen zu kaufen *kopfschüttel*…
Ich weiss gar nicht, wie es eigentlich kommt, dass ich mit Jahrhunderte alten Spinnweben kämpfe, Regale leer fege und hochkonzentriert in den Haufen aus Kleidern, Büchern, Bastelsachen knie, nur um eins ums andere in den Händen zu drehen und neue Haufen damit zu schaffen, die Namen tragen wie „Das bleibt“, „Mal sehen“ oder „Weg damit“.
Das Entrümpel-Fieber hat mich gepackt. Mit eisernen Klauen, die sich aber sanft wie Katzenpfötchen anfühlen. Unter diesen Klaunen schafft man mehr, als ich anfangs dachte; Das Wohnzimmer sieht zwar schon wieder aus wie nach einer Kneipenschlägerei, aber wenn man die Schubladen meines Sekretärs aufzieht oder die Schränke der grossen, langen Kommode öffnet, dann wird man nichts als Reinheit und System sehen. Und das ist gut zu wissen. Sehr gut sogar. Das Familien-Chaos lässt sich um einiges entspannter ertragen, wenn man weiss, dass hinter der Fassade doch alles seine Ordnung hat *zwinker*.
Ich merke, wie es mich förmlich runter reisst auf die Knie, zum Hinsehen, Fragen stellen, Entscheidungen treffen. Und die Kraft, die das Aussortieren, vor allem das Gehenlassen in mir auslöst, gibt mir nur den Anstoss, mich auf die nächste Ecke unseres Hauses zu stürzen…
Ja, es muss wohl der Herbst sein, der mich antreibt.
Anstatt Äpfel pflücke ich Dinge, anstelle von Bäumen und Feldern leere ich Regale und Schränke. Ich erahne die kommende Zeit des Rückzugs und spüre, wie wichtig es dann für mich sein wird, wirklich Platz zum Leben, zum Atmen und Machen zu haben.
Genau wie das Jahr sich zum Gehen wendet, und langsam alles abwirft, was es nicht mehr braucht, fühle auch ich mich -im Moment zumindest- bereit, Altes loszulassen und mich nach innen zu wenden. In den Kreis meiner Familie. In unser Zuhause. Und in mich selbst.
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12 Kommentare zu Instinkte

  1. Als ob du mir gerade aus der Seele schreibst, genau so fühle ich mich auch! Aber so fühle ich mich jedes Jahr im Herbst. 😉 LG, Katha

  2. Penelope sagt:

    Deine innere Uhr sagt Dir eben Herbstputz statt Frühjahrsputz – ist auch irgendwie logisch: Im Winter braucht man innen mehr Platz!

  3. Johanna Mog sagt:

    Man zieht wieder von draußen nach drinnen im Herbst, das stimmt!
    und wenn dann noch diverse Hormone dazukommen… (das löst bei mir solche Aktionen aus… :o)

    lg johanna :o)

  4. Gisela sagt:

    Liebe Bora,

    Ordnung muss sein, damit die guten Energien wieder fließen können. Alten Ballast sollte man frühzeitig abwerfen. Mir geht es danach immer besser, und ich hoffe, Dir wird es ebenso gehen.

    Gisela grüßt herzlich.

  5. viel-krempel sagt:

    Lustig, gerade gestern habe ich angefangen mein Büro zu entrümpeln und mich von BÜCHERN getrennt…das fällt mir immer unheimlich schwer, aber wenn es eng wird, muss es eben sein.
    Heute gehe ich mit den Kindern in die Bücherei;-)
    GLG
    Annette

  6. mausekind sagt:

    Hallo liebe Bora, ich habe bei jedem Jahreszeitenwechsel dass Bedürfnis auszumisten…dann folgen wieder Zeiten des Hortens…
    Sag mal kannst du noch mein blog lesen? hab das gefühl das keiner mehr drauf zugreifen kann…Grüße Dich!

  7. Anja sagt:

    Hihi lustig, mir gehts gleich… Suche täglich nach Dingen, die ich ausmisten und sortieren kann 🙂
    Es fühlt sich gut an und lässt mich beschwingt zurück.
    Ganz liebi grüäss, anja

  8. Hallo liebe Kirschkernzeit !
    Jetzt stelle ich gerade fest, dass ich diese Zeit des Umräumens, umdekorierens, Möbelverstellens usw.usw. immer im Frühjahr habe, wenn die Sonne wieder so richtig durch die Fenster scheint. Jedes Spinnfädchen, jedes Staubkorn wird gesehen und ich meine dann auch, die Welt an einem Tag umkrempeln zu müssen. Du siehst, es geht nicht nur Dir so 😉

    Liebe Grüße, die Bildersammlerin !

  9. siebensachen sagt:

    du wortzauberin!

    (die sicherheitsabfrage will, daßß ich SIMPL schreibe!)

  10. Holzchnopf sagt:

    oh das ist bei mir im Moment auch gerade angesagt….ausmisten. Tut gut und ich liebe es wenn ich danach die aufgeräumte Atmosphäre des Zimmers geniessen kann. Liebe Grüsse aus dem nebligen Emmental.Pia

  11. kirschkernzeit sagt:

    @Johanna: *lach* also SOLCHE Hormone sind im MOment glaub's noch nicht im Spiel 😉 Aber was nicht ist, kann ja noch werden…
    @mausekind: Du, ich hab irgendwie all meine Labels verloren, die ich mir angesammelt habe, u.a. auch den Link zu deinem Blog. Schön blöd! Kannst du mir evtl. eine neue Möglichkeit senden, bei dir weiterhin mit zu lesen? Ich kann keine mailadresse von dir finden in deinem Blogger-Profil, vielleicht erreiche ich dich aber so?
    Bora

  12. Pingback: An den Herbst | Kirschkernzeit

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