Frühlings-Sommer-Herbst-Grün

Der Herbst scheint still zu stehen. Mitten in der Bewegung. Es ist kühl und grau und nass und alles drängt sich in eine einzige Richtung: Zum Ende hin. Zum Finale.
Die Bäume stehen bereit, ich kann es sehen, ich kann es riechen, wenn ich die kalte, frische Luft einatme: leicht modrig und immer irgendwie „warm“ vor lauter überrreifen Blättern, die sich von ihren Ästen los zu machen versuchen für ihren ersten und letzten Flug über die Landschaft. Hie und da ein bisschen Laub, säuberlich neben die Wege gewischt, oder in den Gärten wild verstreute, kleine Farb-Tupfer auf dem Rasen, die es noch nicht wert waren, zu Haufen zusammen geharkt zu werden. Die meisten Bäume scheinen auf irgendetwas zu warten, auf ein Signal vielleicht, das ihr Feuer-Werk an Herbstlaubtönen losgehen lässt…
Im Moment gibt es den gelben kleinen Haselnuss-Busch im Garten meiner alten Nachbarin und ein paar knorrige, fast schon kahl gewordene Kastanien beim Schulhaus, aber sonst sehen die Baumkronen hier noch wenig herbstlich aus.
Das Feuerwerk lässt auf sich warten.
Die Tage sind gerade ziemlich grau. Der Himmel sieht aus wie ein schmutziges Schaf, und am Boden liegen dicke Pfützen. Die Erde klebt schwer und dunkel an den Schuhen, und ich merke, dass ich mir immer neue Ausreden einfallen lasse, um nicht nach draussen gehen zu müssen, so als wäre ich ein kleines Kind, das lieber drinnne mit seiner Puppenküche spielen will, als draussen im Matsch zu wühlen. (Was meine Kinder zum Glück ein wenig anders sehen. Zumindest manchmal.)
Ab und zu entdecke ich eine letzte Blüte. Und jedes Mal schwanke ich zwischen dem Wunsch, sie zu pflücken und mit nach Haus zu nehmen, und der lächerlichen Ehrfurcht vor der Kraft und dem Überlebenswillen, den eine so kleine Pflanze an den Tag legen muss, um dem nahenden Ende so lange so tapfer zu trotzen…
Manchen Blumen kann man allerdings nicht widerstehen …
Ich liebe Blumen. Alle. Ich glaube, wenn ich die Wahl hätte zwischen  einem Gemüse-und einem Blumengarten, dann würde ich, ohne zu zögern, die Blumen wählen. Diese Farben, dieser Duft, ihre einfach makellose Schönheit, an der selbst das allerkleinste Detail einfach stimmt  … diese ganze Bandbreite an Perfektion und Sinnlichkeit, zieht mich unheimlich an.
Und irgendwie spüre ich jedes Mal einen kleinen Stich im Herzen, wenn ich eine weitere letzte Blüte an ihrem leer gewordenen Stengel finde.
Wenn die Blumen sterben, könnte man meinen, der Welt ginge das Licht aus. Und die Farben.
Aber das stimmt nicht ganz, denn eine Farbe bleibt, eine tapfere, unscheinbare, aber gewaltig starke und hoffnungsvolle Farbe, ein Seelentröster und Hintergrund-Maler, ein kleiner Künstler in allen Bereichen …
Grün!
Ich habe viele Lieblingsfarben, und sie tauschen auch andauernd ihre Rangordnung untereinander, gerade wie Stars beim Tennis oder Fussball, aber Grün liegt  mir schon am Herzen seit ich ein junges Mädchen war. (Es gab sogar eine Phase, da wählte ich im Hand-Arbeits-Unterricht alles in Grün: Nadelkissen, Sockenwolle, den Stoff für meinen Turnbeutel, mein erstes selbst-designtes Kreuz-Stich-Sujet: ein hellgraues Kaninchen in einer dunkelgrünen Wiese).
Im Moment fühle ich mich wieder ganz besonders stark zu dieser Farbe hingezogen. Ich spüre, dass es mir gut tut, zwischen den Nebelschwaden und dem vor sich hin welkenden Bunt auf etwas blicken zu können, das noch eine Weile beständig bleibt. Auf frisches Gras und das satte Grün der Nadelbäume zum Beispiel.
Ich finde, Grün schmeichelt der Seele. Es ist mein Hoffnungs-Träger.

Möglich, dass ich darum meine Näh-Sachen hervor kramte letztes Wochen-Ende. Ein Projekt mit sehr viel Grün und ein paar freundlichen, frohen Sonnen- Blumen-Farben-Klecksen, die mich an den frischen Herbst erinnern, wenn er noch jung ist, die ersten Äpfel reifen und die Sonnenblumen ihre Köpfe sehnsüchtig in den Himmel strecken.

Und in einer wahren kreativen Heisshunger-Attacke begann ich zu nähen. Nicht besonders lange, denn das meiste lag schon seit Monaten vorbereitet in einer Schublade, aber für einmal ganz besonders innig.
Es war wie … Auftauchen. Wie zu mir selbst finden. Dieses Schneiden und Zusammensetzen, das Rattern der Maschine und die Nähte, die unter ihr zum Vorschein kamen; Das Sichtbarwerden meiner Arbeit, meiner Gedanken und Vorstellungen in einem kleinen Log Cabin Kissen …
Irgendwie wunderbar, das.
Die Rückseite ist ganz und gar in leuchtendem Gelb gehalten. Kraftvolle Blumen noch und noch, verbunden mit Kindheits-Erinnerungen, die mir ein warmes, gutes Gefühl in den Bauch zaubern, denn dieser Stoff tauchte -in Form von Bettwäsche- während meiner Kindertage wohl ständig irgendwo auf, verbunden mit so schönen Assoziationen wie „Schlaf“ und „Kuscheln“.
Gelb gehört wohl auch zu den Farben, die mir zur Zeit einfach unheimlich gut tun (obwohl ich Gelb früher eigentlich gar nicht so gern mochte). Zusammen mit Grün. Meinem Frühling-Sommer-Herbst-Grün, das ich mit in den Spät-Herbst nehmen werde, wenn der Startschuss fällt und die Wälder ihr Finale in allen Farben, die sie kennen, feiern. Und mit in einen nebelgrauen, mystischen November, in dem ich Laternen anzünde, weil ich mich nach etwas Licht sehne. Und hinein in den Winter, wo die Kälte nicht zu spürbar, sondern auch sichtbar sein wird.
Frühlings-Sommer-Wintergrün auf meinem Sofa, beständig fröhlich und besänftigend gelassen in allen Zeiten des Jahres …
Fühlt sich irgendwie gut an.
PS. Was, diese Stoffe kommen euch alle bekannt vor? Ihr habt völlig Recht; mein Frühlings-Blumen-Quilt und meine Log Cabin-Quilt-Tischdecke kann man tatsächlich ganz deutlisch in diesem Kissen erkennen. Und auch mein allererstes Patchwork-Kissen, das ich damals nur für mich allein genäht hatte und das wirklich fast schon aussieht wie ein Zwilling. Meine Liebe zu Grün geht wohl noch tiefer als ich dachte …
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Dieser Beitrag wurde unter Farben, Jahreszeiten, Nähen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

23 Kommentare zu Frühlings-Sommer-Herbst-Grün

  1. Kathi sagt:

    Liebe Bora,
    wieder so wunderbar beschreiben, danke. Ich atme tief ein und sauge Kraft aus den Worten die ich bei Dir lese. Ich habe Lust, Lust hinaus zu gehen und die kühle Luft zu atmen und die Dinge zu erkennen, die es zu schätzen gilt. Danke für Deine schönen Worte hier. Und Dein Kissen, ist wirklich ein Schatz. So leuchtend das grün und so wärmend das gelb. Sehr schön geworden, toll.
    Hoffe ich finde mehr Zeit bei Dir zu kommentieren. Hoffe ich!
    Bis bald.
    Kathi

  2. Anja sagt:

    Was für wunderwunderschöne Bilder. Am liebsten mag ich das Tropfenbild… Ich empfinde es auch so, dass der Herbst irgendwie in der Schwebe ist und warte darauf, dass der Blätterzauber richtig losgeht.
    Das Kissen ist toll, du hast einfach ein Farbwahl-Händchen 😉
    Ist das eure Menutafel zu Hause? Schreibst du für jede Woche das Menu auf? *staun*
    Ganz liebi grüäss und fühl dich gedrückt, anja

  3. wortmeer sagt:

    Auch ich bin wieder in deinen Worten und Bildern, deinen Gedanken, deiner Kreativität versunken, lächelnd, Energie- und Zuversicht- empfangend. Herzliche grüße aus Berlin wo es heute mitunter sonnig war, doreen

  4. kirschkernzeit sagt:

    @Kathi: danke, du Liebe!
    @Anja: Gell, irgendwie hat man das gefühl, es müsste längst schon überall rot und gelb leuchten, vor allem weil es schon eine weile so kalt und dunkel ist… Ich denke manchmal, wir hätten schon November, aber dann sehe ich raus und die Bäume sind nach wie vor Grün, als hätten wir nicht dasselbe zeitgefühl *lach*. Danke wegen dem kissen. Es war ja nicht allzu schwierig, diese Stoffe zu mischen; nach so vielen Vor-Versuchen mit denselbem Material 😉
    und mein Menu-Plan… der ist … ähm seit Wochen schon wieder leer. Ich glaube, diese Menus waren genau die Letzten, die ich so vorbildlich vorausgeplant habe… Im Moment gibts jeden Tag Notfall-Menu, irgendwie aus dem Ärmel geschüttelt, hihi…

  5. kirschkernzeit sagt:

    @Wortmeer: Schön, wie du das sagst:-)

  6. 19nullsieben sagt:

    Liebe Bora, danke für deine schönen Fotos und den Blick auf deinen wunderschönen Patchworkpolster!
    Ich finde es richtig gut, dass du auf dich schaust!!

    Ich habe im Moment überhaupt keine Luft, um mir anzuschauen, wie die Welt rund um mich aussieht. Ganz schön anstrengend das. Ich sehne die Stunden herbei, wo ich wieder zur Ruhe komme… Da tut es gut, deine Bilder, dein Grün anzuschauen und mal tief einzuatmen. Danke!

  7. nima sagt:

    Ein toller toller Post ♥
    Und deinen Kreativschub kann ich so gut verstehen – manchmal, da hat man das Gefühl wenn man es jetzt nicht rauslässt, dann würde es einen förmlich zerreissen.
    Mir kommt es so vor, als könnte bei solchen Projekten kaum was schief gehen – alles fügt sich von selbst, genauso wie man es sich vorgestellt hat, jeder Handgriff scheint zu sitzen.

    Das Kissen find ich wunderschön ♥ Als Nicht-Näherin sitze ich ehrfürchtig und staunend vor den Fotos.

    Liebe Grüße in diesen Herbsttag
    nima

  8. filzquadrat sagt:

    wunderschöne fotos!
    vor allem das mit dem salat und dem gras dazwischen ist so schön!
    danke, stefanie.

  9. KB Design sagt:

    Ach wie schön, deine Worte und natürlich wieder die Bilder. Danke Bora. Gestern rührte ich wieder in meinen Farbtöpfen und es musste dabei unbedingt ein GRÜn sein – grün wie eine zarte Knospe. Auch ein warmes Gelb war dabei, und jetzt dein Post…. Ja, die Farben haben einen Einfluss auf uns und auch mir tun sie gut.

    Liebe Grüsse, Brigitte

  10. hallo bora,

    ich mag grün. sehr sogar. und noch vielmehr mag ich dein kissen. das ist so wunderschön das mich der neid packt….!

    ich wünsch dir einen wunderschönen tag, subs

  11. micha sagt:

    Oh wie schön! Das Kissen ist toll geworden! LG, Micha

  12. Andrea sagt:

    Ich schicke einmal ein Hallo zu dir- ich mag grün und gelb und vor allem deinen Blog;
    herzliche Grüße Andrea

  13. liebe bora,
    tolle bilder hast du da mal wieder gamacht und ein wunderschönes kissen!!
    grün ist heilsam und milde, eine ganz schöne und feine farbe!
    liebe grüße, melanie

  14. mausekind sagt:

    so ein kleines wunderhübsches kissenstück und solch liebevoll ausgewählten worte dazu…danke bora

  15. seelenruhig sagt:

    Wie schön du das beschreibst – mit genau den richtigen Worten (für mich) und das Foto vom Grashalm mit den Wassertropfen finde ich ganz besonders schön.

    liebe Herbstgrüße von mir, die Grün auch ganz besonders kraftvoll findet!

    Ellen

  16. Anonymous sagt:

    wieso ist die ehrfurcht lächerlich?

  17. Gisela sagt:

    Ehrfurcht ist gewiss nicht lächerlich – im Gegenteil!

    Schön beschrieben, wie immer, liebe Bora! Ich mag das Grün auch gerne. Es beruhigt die Nerven und ist ein Augentrost.

    Ganz liebe Grüße, Gisela

  18. Jac's Mum sagt:

    Two things to comment on today's post:
    1) I have the same orange and yellow flower fabric as you used for the cushion backing, all the way over here in Australia. I like that.
    2) I read your blog with the translation tool (thank you!).
    Funny then, when I expected for a moment that your pictured blackboard menu would be translated, too. Magic.

  19. Jac's Mum sagt:

    Oh, and I had another story to tell you, and nowhere to write it – last week my computer crashed so badly, all the programmes had to be reinstalled. I lost all my bookmarked blogs that I love to read. I though for a day or two that I would never find my way back here. I explained to my teenage sons, that even if I could remember a quote or a line to search for to find you again, it wouldn't work because I was reading a translation anyway. But my clever 17yo boy found you, using a sophisticated search for the one comment I had ever left for you. I was happy then, and resolved to write to you more, so you know I'm here, reading away about your family, and life in Switzerland :-).

  20. Pingback: An den Herbst | Kirschkernzeit

  21. Pingback: Winter | Kirschkernzeit

  22. Pingback: What makes me happy: Farben! | Kirschkernzeit

  23. Pingback: Aus meinem Tagebuch: reich | Kirschkernzeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.