Oktobergedanken

Es ist eine sonderbare Zeit. Alles scheint unsicher, die Wellen schlagen hoch. Amerika wühlt sich selber auf in seinem Kampf um die richtige Wahl des neuen Präsidenten. Ganze Länder bleiben eingesperrt hinter geschlossenen Türen und Fenstern und hoffen auf ein Ende der Pandemie. Die Schweiz kürzt Freiheiten und hadert mit dem Schulterschluss in einer Gesellschaft, wo die immer drastischer werdenden Massnahmen gegen Corona den einen zu lasch, den anderen zu hart erscheinen… Ich spüre eine wachsende Unsicherheit. Die Enttäuschungen rund um mich herum -weil Märke nicht stattfinden, bereits eifrig geprobte Konzerte abgesagt werde, Familien sich voneinander abkapseln und man sich immer mehr isoliert in seiner eigenen Blubberblase wiederfindet- schlagen sich als trostloses, dumpfes Grundgefühl in mir nieder.
Aber auch so fühle ich mich irgendwie ein wenig verloren. Im Laufe dieses unsteten Jahres haben ein paar der Grundpfeiler, auf denen ich stehe, zu wackeln begonnen. Ich denke, sie waren längst morsch, von innen heraus am Kränkeln, doch nun kommt ihre Instabilität ans Tageslicht. Von Glaube, Liebe, Hoffnung steht vor allem die Liebe, doch der Rest macht mir Sorgen. Ich wünschte, ich könnte besser beten. Aber manchmal weiss ich nicht mehr so recht, zu wem. Und meine ehemaligen Träume vom Landleben und all dem sehe ich zerrinnen und versickern wie Schneemänner im Regen.
Dabei habe ich es eigentlich gut. Meine Familie ist gesund, mein Mann die Liebe meines Lebens, mein Heimat-Hafen steht fest und bleibt standhaft. Ich meine, Herz, was willst du eigentlich noch mehr?

Gestern habe ich frische Wolle aufgewickelt und Blumenzwiebeln gesetzt: Wolle für warme, weiche Wintersocken, Traubenhyazinthen und Krokusse als kleine Hoffnungsschimmer für ferne Zeiten ohne Laub und Grün, wenn das Kahl des Winters einem schlussendlich langsam krank macht.
Und krank will keiner werden, jetzt schon gar nicht.
Es ist schön, Wolle zu einem dicken Ball zu winden. Es tut gut, Zwiebelchen in dunkle, feuchte Erde zu packen und zu wissen, dass sie dort zu bunten Überraschungen werden. Das erste Kistchen „Blumenzwiebeln in Blau“ habe ich gepflanzt, morgen geh‘ ich und kaufe mir ein zweites, diesmal „Blumenzwiebeln in Rot“. Weil Farbe genau das ist, was ich brauchen werde im nächsten Frühjahr. Und weil’s sowieso keine anderen mehr hat im Dorfladen.
Mein Kleiner hilft wacker mit. Immer und überall. Wenn auch auf seine Weise. Er läuft jeweils sofort los mit seinen Stiefelchen an den Füssen und der gestreiften Regenhose, ohne die ich ihn niemals je aus dem Haus lasse, weil all das Wollige, das er sonst so trägt, rein gar nicht geeignet ist für’s Heu und Stroh der Meerschweinchen-Arena (die wird gerade noch grösser, ach herrje!), für den Sand und die Matsche-Erde der Beete und Gehwege. Immer findet er etwas, das ihn fesselt. Er zieht die Wasserspender aus den Gehege-Gittern und nuckelt sie leer, wühlt in der Erde, patscht seine Hände in Pfützen und Schlamm, knabbert ausgiebig an den ausgerissenen Ausläufern der Minze, die mein Kräuterbeet zu überwuchern droht. Neulich fand er unter dem weggeräumten Sandkasten einen grossen Regenwurm, den er äusserst faszinierend fand- nur knapp konnte ich ihn aus seinen Fingern winden, bevor er ihn sich in den Mund steckte. Ich möchte wirklich nicht wissen, was mein Kleiner schon alles an Krabbelzeug probiert hat, in der Zeit, in der ich nicht hingeschaut habe…
Viel Freude hat er an Tieren. Die Meerschweinchen kann er stundenlang anschauen. Er streichelt sie mit einem einzelnen, ausgestreckten Finger, wenn man ihn lässt, und sein Kinderstimmchen wird immer ganz hoch und piesig vor Entzücken, sobald er sie im Garten herumwuseln sieht oder zwischen die Gittertürchen ihrer Ställe schaut. Er liebt alles Pelzige, Weiche, Kleine. Ziegen besonders, die besuchen wir fast jeden Tag, wenn wir auf einem unserer kurzen Spaziergänge beim Hof des Biobauern vorbeikommen. Dann säuseln, flöten und strahlen wir zwei gemeinsam, denn Ziegen mag ich auch unglaublich gerne, da werde ich richtig kitschig, wenn ich sie über ihren festen Mäulchen auf dem Nasenrücken kraule oder zwischen den Hörnern streichle und mir zum hunderttausendsten Mal wünsche, wir hätten genügend Platz für eine eigene kleine Herde.

Gerade schaue ich mir „Anne with an E“ auf Netflix an. Zum zweiten Mal. Die ganze Serie. Und ich finde sie wunderbar.
Auf meinem Nachttisch liegt „The Gentle Art of Domesticity“ von Jane Brocket aus den frühen 2000er-Jahren, und ich bin erstaunt über die ungebrochene Faszination, die dieses Buch (eigentlich eine Sammlung von Blogposts) auch nach Jahren noch auf mich ausübt. Genauso überrascht und überwältigt mich die leise Melancholie, die in mir hochsteigt, während ich Seite um Seite umblättere und mir bewusst werde, wie sehr die Zeiten sich geändert haben. In meinem eigenen Leben genauso wie beim Bloggen, wo die Umbrüche nicht länger zu übersehen sind. Kinder werden geboren. Und wachsen mir davon. Das kleine Bübchen, das gerade mit roten Backen neben mir liegt und leise atmend seelig schläft, wird vielleicht, wahrscheinlich, ich nehme es an, mein letztes Baby sein, und mit ihm entfernt sich in seinem Wachsen und Gedeihen ein ganzes Erwachsenenleben an Mutteridentität jeden Tag ein klitzekleines bisschen mehr von mir, Schrittchen für Schrittchen, Moment um Moment, heute vielleicht nicht sichtbar, aber morgen. Oder übermorgen. Und irgendwann ist das Nest leer.
Genauso werden Blogspost geschrieben. Gelesen. Vergessen. Blogs geöffnet und wieder geschlossen. Auch ich weiss nicht recht, wie es weitergehen soll. Manches hat sich verändert, auch in mir, ich bin vorsichtiger geworden, was Bilder angeht, zurückhaltender mit dem, was ich teile. Das alte Kleid will nicht mehr recht passen. Doch für ein Neues bin ich auch noch nicht bereit.
Es sind Zeiten der Umbrüche, Abbrüche, der Rätsel und Fragen.

Mein Vorhaben mit pflanzengefärbter Wolle und einem kleinen Shop habe ich auf unbestimmt verschoben. Bevor ich mein natürlich gefärbtes Garn verkaufe, will ich wissen, wie es sich verändert, wie die Farben wechseln und ob und wann sie unter welchen Umständen zu welchen Tönen welken. Ich möchte nicht, dass jemand sich über einen Strangen Schilfblüten-Grün freut und dann drei Monate später nur noch Braun in den Händen hält, so wie ich gerade. (Wobei ich das dunkle Taupe, das aus meinem schönen Olivgrün geworden ist, durchaus auch mag.)
Im Augenblick stehen meine Färbetöpfe leer. Die Hexenküche ist geschlossen. In den Schubladen lagern die ersten Wollstrangen in Gelb, Grün und Braun. Sie warten. Wie ich.
Um mich von düsteren Gedanken fernzuhalten, stöbere ich in meinen Bücherstapeln, am liebsten gerade zwischen alten und neuen Ausgaben von „Making“, wo ich jedes einzelne Magazin hüte, als wäre es mein Augapfel.
Es ist nicht so, dass ich massenhaft Zeit hätte. Weder zum Schmökern noch zum Stricken oder Nähen. Doch die Visionen, die mir hinter den Buchdeckeln entgegen springen, tun unwahrscheinlich gut. Sie bewegen meinen Geist und lenken ihn um in Richtung Morgen, Richtung Aktivität, Richtung Optimismus. Niemand, der sich mit Wolle und Nadeln hinsetzt und ein Sockenbündchen anschlägt, kann dabei pessimistisch bleiben. Dafür sorgen Garn und der Zauber eines Neubeginns.
In diesem Sinne… Ich denke, neben meiner violetten „Little Shore Cardigan“, den eben angefangenen Winter-Strümpfen und dem Zwergenmützchen Nr.XY, das ich schon längst für meinen Kleinen plane, gäbe es durchaus noch Platz für ein Projekt Nr.4. Obwohl ich mich meistens zurückhalte und kaum je an mehr als zwei Dingen gleichzeitig arbeite, der Ruhe und Ordnung und Erfolgs-Chancen wegen.
Aber, doch. Ich glaube, ein Projekt Nr. 4 muss jetzt einfach sein.
Ein einfaches Tuch aus Kuschelwolle? Diese wunderbaren fingerlosen Handschuhe? Oder dieser klassische Kinderpulli mit Perlmuster? So oder so; Alles ist schön. Alles, was inspiriert und den Funken zündet. In diesem Fall ist mehr -genau wie bei Wolle und Blumenzwiebeln- eben tatsächlich… mehr.

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7 Kommentare zu Oktobergedanken

  1. Romy sagt:

    Liebe Bora, gestern Oktobergold satt, heute Regentristess und ich dachte: schau mal bei Bora vorbei. Mit einer Tasse heißem Kakao und eingekuschelt auf meinem Berliner Balkon. Und siehe da, deine Tür ist offen und ich lese deine Gedanken und gesammelten Wörter über die Welt in besonderen Zeiten und dein Kleinster schaut genauso neugierig , wie du ihn erlebst und beschreibst. Ich mag das sehr. Wie du dich mitteilst. Klug reflektiert ehrlich. Fühle dich umarmt und ein großes Dankeschön für diesen besonderen Start in die Woche. Deine Romy

  2. Schmetterling sagt:

    Hallo liebe Bora
    kann dich so so gut verstehen….so viel Ähnlichkeit mit meinem
    Leben….die ungestillte Sehnsucht nach dem Traumhof…das schmerzliche und
    unaufhaltsame Abschiednehmen von der Mutteridentität..die Sehnsucht nach
    Harmonie…einer heilen Welt….wie sehr ich das alles auch liebe liebe liebe…dazu friedliches
    Kreativsein…ich liebe Wolle und alles was damit zusammenhängt..ich stricke ..spinne..um meine Seele immer wieder zu erden:)))…denke das war so in Gottes Plan als er mich ausgedacht hat:))!!!
    Dann jetzt noch das Virus…zuviel an unharmonischem grad überall
    Mein Ausweg:zu dem rennen…der alles erklären kann..mich kennt(hat mich ja auch erschaffen
    und gewollt,,,weiss was ich brauche…mir guttut)…der beschützen kann…mir eine neue Identität
    schenken kann wenn meine alte nicht mehr so zum Tragen kommt

    wünsche dir und deiner Family alles liebe und Gute
    eine stille(ähhhm etwas schüchterne) aber langjährigen Mitleserin…meines Lieblingsblogs Kirschkernzeit
    Grüsse vom Schmetterling (wenn ich mich als Tier benennen müsste wäre es der Schmetterling:)))

  3. Liebe Bora,

    du sprichst mir aus dem Herzen 💜💜💜 bei allem. Die Entwicklungen in der Welt gerade. Das Muttersein und die Bedeutung des Wachsens und Entfernen der Kinder, das quält mich seit Wochen… Was bleibt von mir, wenn sie groß sind? Und dann Kreativität und Farben, das muss einfach sein und tut so gut!!

    Ich drück dich 😘
    Deine Sternie

  4. Veronika sagt:

    Liebe Bora,
    nicht aufgeben. Deine Gedanken tun so gut. Und ich bin sicher, Dein Handeln auch. Wir Mütter wissen, „es ist alles eine Phase“ – und danach wird es anders und meist besser. Mit den sich entwickenden Kindern, mit einem selbst, mit dem Garten, mit dem Knoten in der Drachenschnur, im Garn, im Hals, im Kopf, mit dem Leben.
    Ich les so gern spätabends manchmal noch bei Dir rein, wenn ich den Schreibtischjob erledigt habe und etwas brauche, was mich beruhigt und mit guten Gedanken, fokussierten Bildern und unglaublicher Liebe den Übergang zum bitter notwendigen Nachtschlaf finden lässt.
    Mir kommt Dein Blog sehr stimmig vor!
    Und an dieser Stelle: danke, dass Du ihn führst und mit uns teilst.
    Liebe Grüße aus dem Allgäu,
    Veronika

  5. Lotte sagt:

    Seit Langem lese ich hier still mit. Nun mussten es auch einmal ein paar Buchstaben von mir sein. 🙂
    Danke für die wundervollen Bilder und Zeilen „in Richtung Morgen, Richtung Aktivität, Richtung Optimismus“.
    Alles Liebe aus dem Norden von D
    Lotte

  6. Lena sagt:

    Vielen lieben Dank für Deine weichen Zeilen, in einer manchmal fast nicht auszuhaltenden Welt. Durchhalten…wir schaffen das.
    Liebe Grüsse Lena

  7. Da hast Du Dir aber Muehe gegeben

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