Aus meiner Färbeküche: Weissdorn, Brombeerblatt und Birke

Ihr Lieben! Ein dickes, fröhliches „Dankeschön“ für jedes einzelne eurer Worte… zum Strickjäckchen, zum vorletzten Post… und überhaupt! Es ist schön, ein Echo zu hören. Noch schöner wäre es, ich könnte hinter jeden Beitrag eine wenigstens kleine Antwort schreiben. Das wäre mir wichtig. Eigentlich. Ich möchte eure Stimmen nicht so einfach versanden lassen, sondern Bezug nehmen. Aber dann verstreicht wieder so viel Zeit, bis ich meinen Laptop hervor ziehe, den Staub wegpuste und in die Tasten greife… Ich denke, ich lasse eure Worte, Sätze, Gedanken einfach so stehen, wie sie sind. Lese sie zum zweiten oder dritten Mal durch und freue mich. Im Stillen. Habt Dank, ihr besten aller Leserinnen!
Bevor ich wieder zu müde werde, um verständlich (und mit nicht ganz so vielen Tipfehlern *hüstel*) zu schreiben, erzähle ich einfach mal drauflos. Davon zum Beispiel, dass ich mir überlegt habe, was mich beim Bloggen am meisten bremst. Ausbremst bisweilen. Ich denke, neben der Zeit und der Ruhe, die mir schlicht abhanden gekommen sind mittlerweile, ist es die Erwartungshaltung, meine eigene Messlatte, die keinen meiner Posts verschont, sondern hier herumsäbelt, dort feilt und richtet und urteilt und permanent kritisiert und korrigiert.
Das macht das Schreiben zu einer Art… Prüfungs-Situation.
Wo es doch Freude sein sollte. Hauptsächlich. Oder ausschliesslich.
Vielleicht, habe ich mir gedacht, vielleicht wäre es anders, wenn ich von meinem Handy aus schreiben würde? Laptop, das bedeutet, Arbeit, Ernsthaftigkeit, etwas Grosses und Gewichtiges. Das Handy wiederum hat viel Leichtigkeit an sich. Eine Art Spieler-Natur. Ich gucke Miss Marple darauf, flippe durch Pinterest und Instagram, höre mir die neuesten Sprachnachrichten meiner Freundinnen an… Am Handy bin ich ganz ich selbst, ganz bei mir, völlig im Alltag, im Augenblick, mitten im Geschehen.
Vielleicht, ja, vielleicht würde das etwas ändern an meiner Schreib-Blockade. Denn blockiert, das bin ich. Irgendwie. Vor allem, wenn ich richtig denken soll. Und meine Gedanken verständlich machen, hübsch verpacken, mit Schleife drum herum und einem richtig guten Schluss-Satz.
Nur Lyrik geht. Meistens jedenfalls und vor allem dann, wenn ich partout keine Zeit habe dafür. Dann flitzen die Worte schneller als meine Gedanken und purzeln bunt zu einem herrlichen Puzzle, an dem ich mich selbst wahrscheinlich am meisten freue, einfach weil es so schwungvoll aus mir heraus sprudelt, zu schnell für den inneren Kritiker, der bloss stumm nach Luft schnappt.
Mal sehen. Ob das was wird. Wie genau ich dann meine Fotos hochladen soll, darüber rätsle ich noch.

Im Augenblick sitze ich ja aber an meinem Laptop im dunklen, stillen lila Zimmer, während die Kinder im Nebenraum bei offener Türe schlafen. Und meine Bilder kommen -wie zu alten Zeiten- noch aus meiner kleinen Kompakt-Kamera. Nichts Neues, nichts Spektakuläres, und Retuschieren und Verändern war auch nicht nötig. Das helle, kühle Herbstlicht hat leuchtende Farben und starke Kontraste hervor gebracht. Ein gerechtes Abbild der verschiedenen Töne, die ich oben in meiner Färbeküche auf Wolle gebannt habe…
Meine Weissdorn-Färbung zum Beispiel. Versuch Nummer zwei. Gesammelt am allerersten Geburtstag meines kleinen Jungen, an einem schönen, warmen Herbsttag, den wir sehr entspannt, sehr reduziert, sehr bewusst gefeiert haben.
Ich habe kleine Ästchen abgebrochen, nicht viele, bloss ein paar, und auch nur an den Büschen, die wirklich üppig wuchsen am Ufer des kleinen Dorfbaches, wo mein Kleiner quietschend vor Freude seine Füsschen badete und am liebsten gleich nackig ins Wasser gehüpft wäre zum Spielen und Plantschen…

Die zerschnittenen Zweiglein, das dünne Holz, die noch grünen Blätter und die roten, ganzen Beeren habe ich eine Nacht lang in Wasser eingelegt, am nächsten Tag mitsamt dem Einweichwasser etwa 90 Minuten leicht sprudelnd geköchelt und dann 2 bis 3 Tage ziehen lassen. In der Zwischenzeit konnte ich meine Wolle („Big Merino Hug“-Färbewolle von Rosy Green) mit Kaltbeize AL vorbereiten. Nach einer Stunde vorsichtigem Erwärmen im abgeseihten, roten Sud (zwischen 60 und 80 Grad) blieb sie für vielleicht 24 Stunden im Farbwasser, wurde zuerst gelblich, dann rostrot, irgendwann orange-beige und nach dem Waschen schliesslich Sanddorn-Farben und ziemlich intensiv. Ich war sofort verliebt in diesen Ton.
Der Wollstrang in der Mitte und derjenige ganz rechts sind die 2. und 3. Färbung aus demselben Farbbad. Beide mit der gleichen Wolle wie der farbstarke erste Strang links, allesamt kuschelweich und eher dick.
Ich mag den Farbverlauf des Trios, die Nuancierung von Zimt hin zu zartestem Apricot.

Kraftvoll und beindruckend finde ich auch das strahlende Sonnengelb meiner allerersten Birken-Färbung; der untere Wollstrang hat wirklich Power und leuchtet selbst im matten Licht meiner Hexenkammer wie ein magischer Kristall. 200Gramm Laubblätter, mit kochendem Wasser übergossen und für 12 Stunden angesetzt, wurden nur knapp 30 Minuten bis zum Kochen erhitzt und für 90 Minuten stehen gelassen. Dass der Sud braungelb ausfiel, hat mich zuerst mächtig enttäuscht, und lauter Fragen durch meinen Kopf gejagt. „Ist die Flotte doch zu heiss geworden?“ habe ich notiert. „War die Ziehzeit nicht ideal? Oder ist es, weil Herbst ist?“
Doch kaum schwamm die Wolle im Sud, schimmerte sie mir kräftig gelb entgegen und nach 2 Tagen Ziehdauer hatte ich ein herrliches Sonnenblumengelb, das mich wirklich rundum glücklich macht.

Das Gelb der kurz darauf gesammelten Brombeer-Blätter von unterhalb der Gleise wirkt um einiges zurückhaltender und hat mich offen gestanden recht überrascht; ich hatte mit Beige gerechnet, mich fast ein bisschen gefreut sogar auf eine helle Braun-Note. Aber, nun ja.
Die Wolle habe ich diesmal nicht vorgebeizt, da Brombeerblätter an sich bereits genügend beizendes Tannin enthalten, damit die Farbstoffe dauerhaft an den Proteinfasern haften bleiben. Die Farbe blutete beim Auswaschen auch so gut wie gar nicht aus, was ich als gutes Zeichen deute für eine waschfeste Färbung.
Hier habe ich übrigens beim Färben zu meinem Standart-Rezept gegriffen, einen Topf voller Blätter 1 Stunde geköchelt und dann 24 Stunden als Flotte ziehen lassen. Das Garn konnte danach bei etwa 60-80 Grad nochmals eine Stunde im abgesiebten Farbsud simmern und 24 Stunden lang Farbe annehmen, bevor ich es ausgespült und in etwas Babyshampoo gewaschen habe. Ein Schuss Essig im letzten Spülwasser bringt den allenfalls ein bisschen aus dem Gleichgewicht geratenen PH-Wert der Wolle wieder ins Lot und hilft, die Farbe zu fixieren.

So. Die Uhr schlägt eben halb elf. Es ist stockdunkel, herbtslich kalt und irgendwie einsam. Meine Lider flattern, die Augen brennen ein wenig vom weissen Licht, vom dem ich die letzten gut 80 Minuten kaum den Blick gehoben habe…
Ich färbe gerne. Es tut mir gut, spickt meinen Tag mit Sinn und Abenteuerlust. Kolumbusgefühle, habe ich geschrieben, neulich bei Instagram. Das Gefühl, Neuland zu betreten. Und in eine ganz eigene, verwunschene Welt einzutauchen…

„Das Färben mit Pflanzen wirkt wie ein Jungbrunnen; ich freue mich wie ein Kind, staune, als sähe ich zum ersten Mal. Das Licht in meiner Färbe-Küche ist kühl, die Birke in der Baumkronen-Reihe meiner Aussicht wirkt kahler und schwach, herbstmüde hald, doch sie ist da und ich liebe diesen Blick in einen belaubten Himmel. Frei, tief, der Natur näher als ich es tatsächlich bin- mein Fenster gaukelt mir vor, ich stände über den Färbetöpfen einer Landhaus-Küche. Umgeben von Tannen, Birken, Haselsträuchern. Mit einem Himmel, den ich nicht teilen muss mit dem Rest der Agglomeration.
Ein Stückchen davon spiegelt sich im Färbewasser. Eingeklemmt zwischen den Schichten und doch irgendwie befreit, offen.
Genau so fühle ich mich, wenn ich färbe. In Zeiträumen, die gerade noch so knapp… so schnell schnell… Unordentlich ist meine Hexenküche, schlampig, uneingerichtet, weil hurtig und in Windeseile. In den fünf Minuten, die eigentlich gar nicht sein dürften. Aber mit tropfender Wolle in der Hand, mit Schattierungen von Braun, Gelb, Grün zwischen den Fingern… fühle ich mich aufgeräumt und erhaben. Wenn man aus Blättern Farbe macht, denkt man rasch einmal, man könne noch ganz andere Grenzen sprengen.“

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4 Kommentare zu Aus meiner Färbeküche: Weissdorn, Brombeerblatt und Birke

  1. Romy sagt:

    Ich spüre einfach Glückseligkeit aus deinen Zeilen. Aus deinem Tun. Das ist ein Geschenk. Immer wieder. Die tiefe Dankbarkeit, zu sein.

    Eine herzliche virtuelle Umarmung für dich, liebe Bora.

  2. Nicole sagt:

    Ich lese deine verspielten Texte so gerne.Und ich kann mir vorstellen, wie viel Zeit du dafür aufwendest. Den (fiesen) inneren Kritiker, der nochmals und nochmals über die Worte geht, kenne ich nur zu gut. Kurze Beiträge auf Instagram sind mir immer leichter gefallen, als Blogposts am Computer. Sie sind spontaner, kürzer (und deshalb wohl auch knackiger?) und oft Mitten im Geschehen entstanden. Im Moment ist gerade überall Stille und das gehört wohl einfach zu mir. Mal bin ich laut und mal ganz leise. Ich glaube, dass ist bei dir ganz ähnlich. Druck bringt da gar nichts.
    Ich freue mich sehr über deine Färbeabenteuer. Es ist so schön, in etwas Neues einzutauchen, zu recherchieren, auszuporbieren und zu lernen. Die Weissdornfärbung ist wunder-wunderschön. Ich mag die Pflanze so gerne.
    Liebe Grüsse

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