für meinen Kleinen: Playdate Cardigan

Ich bin wieder da!
Irgendwie freue ich mich selber, diese vier Worte zu lesen. Und das Ausrufezeichen. Ausrufezeichen sind fein. So emotional und spontan. Ich benutze sie öfter als mir lieb ist, aber warum auch nicht, wenn’s von Herzen kommt?
Jedenfalls fühlt es sich gut an, wieder hier am Laptop zu sitzen und in die Tasten zu hauen, dass es nur so knallt und klimpert. Virtuos sozusagen. Wenn ich schon nicht musikalisch bin.
Aber ein bisschen erleichtert bin ich trotzdem, dass neben mir eine Kamera voller neuer Fotos liegt, Bilder von Wolle hauptsächlich, von natürlich gefärbter Merinowolle und von Wolligem, das mein kleiner Spatz gerade spazieren führt, jetzt wo der Herbst seine Füsse felsenfest in die dunkle, kühle Erde krallt, nicht mehr loslässt, was ohnehin der Vergänglichkeit preisgegeben wird. Die Sonnenblumen bleiben tapfer, der Holunder hingegen hat aufgegeben und beim Wochenend-Herbststurm fast sein gesamtes Laub verloren. Durch die Lücken in den Ästen sehe ich den nahen Wohnblock. Mein Garten scheint so viel kleiner, wenn das natürliche Blättergehege drum herum in alle Richtungen verweht. Grenzen, die fallen. Schutz, der plötzlich fehlt. Geborgenheit, die sich auflöst. Dann möchte ich wegziehen, raus aufs Land, hinein in ein anderes Leben, fernab von Hauptstrasse und Wohnblock-Pilzen.
Vielleicht ein andermal.

Die Natur-Idylle vom Leben abseits von allem stelle ich mir immer so vor: Ich in einem handgenähten Leinenkleid, wie ich mir die mehligen Hände an der Schürze abwische. Ich habe Kuchen gebacken oder Brot.
Meine Grosse füttert die Ziegen mit Armladungen von Heu, sie krault die pelzige Stelle zwischen den Hörnern und nennt jede beim Namen. Die jüngeren Kinder spielen. Mit Puppen- und Katzenkindern, und der Wind streicht sacht durch ihre lose gewordenen Zöpfe. Die Jungs lesen, verbummeln die Zeit, treffen Freunde zum Fussball oder zum Reden und Nichtstun irgendwann irgendwo, vielleicht lernen sie auch, brüten über Hausaufgaben oder in Vorlesungen oder hantieren mit Werkzeug und nennen es Arbeit. Mein Kleinster steht neben mir. Wahrscheinlich hält er einen Teddy in der einen, meinen Rockzipfel in der anderen Hand. Das muss so sein. Auch wenn es einem erschöpft, diese Nähe und Verbundenheit zu und mit einem so süssen kleinen Wesen gehört zu den schönsten Geschenken eines Menschenlebens, wenn es mein Menschenleben ist.
Die Sonne scheint, aber zarte Wolkenschleier dämpfen ihre Kraft, machen sie weich und sanft und willkommen. Es riecht nach Freiheit, nach Reinheit und Geborgensein, nach einem Fenster, das immer offensteht, es sei denn die Nacht bricht an.
Und meine Kinder tragen Wolle. Ganz klar. Kinder auf dem Land tragen immer Wolliges, je kleiner desto ausschliesslicher, bis auf den Sommer, da sind es Leinenkleidchen und lockere Shorts, ein Sonnenhut vielleicht, aber niemals Schuhe.

Nun… mit der Familienidylle hinter den Sieben Bergen wird es wohl nichts mehr in diesem Leben (wobei man ja nie weiss, nicht wahr?). Doch Wolle findet heute schon Platz. Je kleiner desto ausschliesslicher, ich wiederhole mich. Darum stricke ich wacker und lasse nicht locker, bis jedes meiner jüngeren Kinder sein Jäckchen hat, seine mamagemachte Mummelschicht gegen den Herbst und seine Launen. Mein Kleiner macht den Anfang. Seine dunkle „Playdate Cardigan“ (von Tincanknits) ist so leicht, weich und zart, dass sie auch zum Sommerjäckchen taugen würde. Doch so lange kann ich nicht warten, das Kind wächst zu schnell, das Jäckchen nicht. Obwohl ich Grösse 1-2 Jahre gewählt habe, sitzt jetzt schon alles recht körpernah, die kleinen Glasknöpfchen (von dir, liebe Lisa!) spannen über dem runden Bäuchlein, während er turnend, rennend, kletternd wie ein Wirbelwind durch seine Kindertage fegt. Ich habe unten am Saum etwa 5 cm länger gestrickt als angegeben. Babys brauchen Wärme, keine rutschenden Pullis oder Jäckchen. Die Ärmel hingegen musste ich nochmals auflassen und präzise nach der Anleitung gehen, nachdem ich zuerst dachte, auch hier wären ein paar Runden mehr sicher nicht falsch.


Es ist ein feines Jäckchen geworden. Zart und luftig und vielleicht nicht ganz das Richtige für so ein wildes Rabauken-Kind wie meinen kleinen Knubbel, der vor nichts zurück schreckt (ausser vor Fremden) und das Abenteuer herausfordert.
Auf der anderen Seite… ich will diese Zeit nutzen. Geniessen. Vielleicht erschöpft dann und wann, vielleicht manchmal sehnsüchtig und mit zu vielen Blicken nach links und rechts, aber trotzdem aufrichtig und ehrlich bei dem, was ist.
Mein Baby soll ruhig feine Sachen tragen, egal was er anstellt darin. In weiche Kuschelfasern schlüpfen, in Seide, Merino, Seacell, so wie hier, wo ich einen Strangen des längst verschwundenen Edel-Labels „Siidegarte“ verstrickt habe. Ich möchte, dass er dieses wunderbare Gefühl auf der Haut spürt. Wärme ohne Kratzen. Umhülltwerden ohne Nähte. Er soll sich rundum wohlfühlen. In Mamas Sachen. Ich meine, wenn nicht jetzt, wann dann?
Pflücken wir den Tag. Ohne Reue, mit beiden Händen.

PS. Eure letzten Kommentare…. so wohltuend, so wunderschön… Ich hoffe, ich kann sie alle noch beantworten…

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9 Kommentare zu für meinen Kleinen: Playdate Cardigan

  1. Tina sagt:

    Wunderbar, bist du zurück, ich freue mich sehr! Und wer weiss, vielleicht wird es ja trotzdem noch was mit dem Häuschen auf dem Land? Deine Beschreibung ist so lebhaft und greifbar, dass es mich nicht wundern würde 🙂

  2. Resi sagt:

    Es tut sooo gut, wieder von dir zu hören, liebe Bora.
    Ich bin schon jahrelang ein Mitleser, eher ein stiller, aber ich lese so gerne deine Zeilen! Du hast eine wunderbare Gabe zu schreiben, es berührt mich sehr, wie du alles beschreibst und ich kann dich so sehr verstehen. Vielleicht erfüllt sich eines Tages doch noch dein großer Traum vom Landleben, ich wünsche es dir so sehr. LG

  3. Julia sagt:

    Wie schön, wieder von dir zu lesen!

  4. Doro sagt:

    So schön von dir zu hören….

  5. Maike sagt:

    Wie schön das Jäckchen ist. Unfassbar für mich was du noch „nebenbei“ alles strickst. Ich liebe dieses warme, wohlige Gefühl von Wolle und habe viel zu spät angefangen meine Kinder zu bestricken. Einen Pullover für jedes Kind, danach wollten sie nichts gestricktes mehr. Vermutlich, weil es nicht bunt genug war. Naja, jetzt stricke ich nur noch Schals, Mützen, eher unverfängliches für sie und für mich eben anderes. 🙂
    Es freut mich, dass du hier wieder schreibst und ich wünsche dir Kraft dein eigenes, kleines Landleben zu gestalten. Im Garten, daheim und vor allem im Herzen. Und vielleicht klappt es ja später doch noch…zum richtigen Zeitpunkt für euch alle.
    Liebe Grüsse und einen schönen Tag, Maike

  6. Biba sagt:

    Du bist wieder da und strickst so herrliche Dinge!
    Ich freue mich so sehr!

  7. Rosemarie Huck sagt:

    Ach Bora, schön, dass Du wieder da bist. Und das Bild, welches Du „zeichnest“ vom Land ist so herrlich, lebendig, lebensfroh, dass es mir ein Lächeln auf das Gesicht malt. Deine Fotos sind voll von Liebe und Wärme, die wir in diesen Zeiten so sehr brauchen. Mach weiter, es tut einfach gut. LG Rosi

  8. Innilisi sagt:

    Liebe Bora, und so schön die Knöpfe an solch einem kleinen Kunstwerk zu sehen. Ich glaube du kannst deine Gabe des Stricken gar nicht wirklich würdigen, so normal ist es für dich vielleicht schon. Es freut mich immer sehr von dir zu lesen. Und kann mir gar nicht vorstellen wie du das alles neben deiner lebendigen quirligen Familie schaffst. Hier sind es nun drei die mich und meinen Mann in Atem halte… Und irgendwie ist es doch so schade dass wir uns selbst oft so wenig schätzen und unsere härtesten Kritiker sind. Deine Färberposts finde ich total spannend. Leider sind meine ersten Versuche schon wieder 8 Jahre her. Unglaublich…
    Dir ganz liebe Grüße und viel Energie und Kraft für den Herbst. Elisabeth

    • kirschkernzeit sagt:

      Danke!!! Ja, irgendwie ist vieles viel zu schnell normal für einem, oder? Und sobald es dann wegfällt, wüsste man es wieder richtig zu schätzen… Womit hast du am liebsten gefärbt? Verrätst du mir das? 😉

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