Herbstsocken und ein Gedanke

Fast ein Jahr hat es gedauert, bis dieses Paar Wollstrümpfe an meine Füsse kam. Volle vier Jahreszeiten. Ich erinnere mich schwach, dass ich sie im letzten Jahr ungefähr zu dieser Zeit ganz euphorisch angeschlagen habe, hingerissen von den wunderschönen, satten Herbsttönen, in denen Rita für ihre „Spinnwebstube“ ihr Merino-Yak-Sockengarn färbt. Braun und Gold und Graulila. Einfach schön. Und wie der Faden durch die Finger gleitet, seidig und gleichzeitig robust… schön. Einfach schön, auch das.
Ich denke, ich kann sagen, ich stricke gerne mit dieser so besonderen Sockenwolle. Und ich liebe die Farben. Nach wie vor.
Dass es zwölf Monate, vier Jahreszeiten, einen ganzen Jahreskreis brauchte, um die letzte Masche abzuketten und ein Pärchen neue, braune Wollstrümpfe mein eigen zu nennen, hat andere Gründe als ein Garn, das einem verleidet; Ich habe entdeckt, dass ich überhaupt nicht gerne rechts verschränkt stricke. So ein Geknorze! Die Masche will meistens irgendwie nicht so, wie meine Finger wollen, der ganze Fluss gerät ins Stocken, und das ist es ja gerade, was ich so mag am Stricken, das Fliessen und Vorwärtsrollen, dass meine Hände mittlerweile autonom arbeiten können, zwei, drei, vier, fünf Maschen lang, und die Augen ihnen nur noch ab und zu einen Blick schulden, souverän aber knapp, wie altehrwürdige Hirtenhunde bei einer Herde braver Schafe.
Bloss dass rechts verschränkte Maschen eben alles andere als brav sind. Mehr störrisch. Bockig.
Leider habe ich das erst erkannt, nachdem ich mich schon ein ganzes Stück bis weit über die Ferse mit einem Muster aus rechts verschränkten und klassisch linken Maschen abgemüht hatte.
„Na gut“, dachte ich und biss die Zähne zusammen. „Machen wir hald weiter so. Wenigstens sieht es gut aus.“
Nun ja, als die erste Socke dann fertig war, war ich mir diesbezüglich auch nicht mehr so sicher. Eigentlich, so denke ich heute, eigentlich mag ich rechts verschränkte Maschen bloss im Bündchen. Als kleines Extra. Nicht ausgegossen über die ganze Fusslänge. Das wirkt irgendwie… zu eng. Steif. Die Lücken zwischen den Maschen sind wenig kleidsam.
Trotzem hab‘ ich meine Freude an diesem Paar. Natürlich rettet die schöne Wolle hier einmal mehr ein nicht wirklich ausgereiftes Muster, das ich mir innerhalb eines altbewährten Sockenprinzips mal eben aus den Fingern gesogen habe ohne richtig zu planen. Und klar bin ich froh, findet dieses schleppende Langzeit-Projekt jetzt einfach mal ein Ende. Ein trotz allem ganz glückliches sogar, denn Wollsocken habe ich bloss wenige, hätte aber gern ein ganzes Arsenal davon, mit dem ich mich wappnen kann gegen die kommende Kälte und den winters recht klammen Boden hier im Haus.
Jetzt habe ich aktuell bloss noch zwei Arbeiten auf den Nadeln: eine Kinderjacke für meine 8jährige aus seidig schimmerndem lila Schmusegarn und ein dickes, grosses, dunkelblaues Dreieckstuch aus handgesponnener Wolle, das ich wahrscheinlich zum Lückenbüsserprojekt zwischen Abketten und neu Anschlagen ernennen werde, weil es einfach ist und so gar nicht eilig. Socken reizen mich aber. Nochmals. Diesmal wahrscheinlich mehr klassisch, mit kurzem Bündchen, Ferse und Spitze in Kontrastfarben, dazwischen einfach bloss glatt rechts. Simpel aber gut. Und vielleicht meine pflanzlich gefärbten Bambus-Sockengarne? Altrosa mit Braun? Oder Braun mit blonden Einstrickmuster-Streumaschen und rosa Ferse und Spitze…? Meine Färbungen sind wie Honig. Und ich die Biene. Nicht weil sie so besonders schön wären… aber besonders, für mich, weil sie meine sind.

Manchmal überlege ich, wie es wohl wäre, einen kleinen Webshop zu haben. Für den ich färben könnte. Ich tadle mich dann zwar und rücke mir den Kopf gerade, der kurz einmal ein bisschen zu weit in den Wolken war, aber ich kann mir nicht helfen; der Gedanke gefällt mir. „Woolentwine“ macht so schöne Sachen. „Wooly Mamoth Fibre“ genauso. Allein ihre Bilder machen mich schon glücklich. Sowas möchte ich auch einmal können.
Beim Insbettbringen meiner Kinder heute, ist mir der Gedanke gekommen, einfach weiter zu färben. So wie ich es eben kann in Moment. Noch in Kinderschrittchen, mit mehr Glück als Verstand aber mit ganzem Herzen bei dem, was ich tue. Färbebücher lesen, Pflanzen entdecken, Blätter, Kerne, Beeren, Wurzeln sammeln… und einfach spielen und im Thema tauchen und baden soviel ich mag.
Und dann -vielleicht- einen kleinen Marktstand an einem der vielen Herbst-, Weihnachts-, Koffer- oder Handwerks-Märkte haben. Einfach so. Dann, wenn es passt.
Ich und ein Marktstand?
Der Gedanke kam unvermittelt und schien mir recht unverfroren. Doch ich habe ihn noch nicht verworfen.

PS. Das süsse kleine Sämchen-Kind aus Filz auf dem ersten und zweiten Foto stammt übrigens einmal mehr von Allerleirauh. Es kam zusammen mit einer genauso verschmitzt schmunzelnden Mutter Erde und gehört zu meinen allerliebsten Filz-Schätzen überhaupt. (Könnte ich Icons einsetzen, würde hier jetzt eine ganze Reihe Herzen blinken.)

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6 Kommentare zu Herbstsocken und ein Gedanke

  1. Ich mag deine Socken! Und du hast sie gemacht, mit deinen Händen ❤️ ich habe es ja versucht mit dem Socken stricken, bis kurz über die Ferse bin ich gekommen, doch meine Arme und Hände schmerzen so sehr… es macht mich traurig. Stricken kann man so schön überall. Mal eben am Esstisch, während ich
    wieder mal warte, dass alle aufgegessen haben, im Garten… hach… es ist einfach zu verführerisch. Aber es geht nicht. Nunja…
    Ich finde deine Pläne toll! Mach weiter mit deiner Färbereien und spiele damit. Dabei entstehen die schönsten Sachen. Du kannst das!
    Alles Liebe
    Deine Sternie

  2. Katharina sagt:

    Wunderbar, wie du das Stricken beschrieben hast!
    Deine Worte zu meinen Figuren zünden kleine Wunderkerzen in meinem Herz.
    Alles Liebe
    Katharina

  3. amselgesang sagt:

    Liebe Bora, mit rechts verschränkten Maschen geht es mir ganz genauso, ich stricke sie nicht gern und finde sie eigentlich nur als Bestandteil eines Musters z.B. für ein Tuch schön. Aber ich nehme an, die Zwischenräume zwischen den Maschen werden nach zwei, drei Wäschen kaum mehr zu sehen sein.
    Wenn du mit wenig Aufwand warme Socken stricken willst, empfehle ich dir 6fach-Sockenwolle! Das reinste Vergnügen, es flutscht nur so und man hat in kürzester Zeit gemütliche Haussocken, die auch für Winterstiefel nicht zu dick sind. Probier’s aus…
    Liebe Grüße,
    Brigitte

  4. amselgesang sagt:

    P.S. … oder Wollreste nehmen und mit doppeltem Faden stricken. Macht auch Spaß ☺️

  5. maja sagt:

    Was für eine Liebe zu den Dingen in deinen Worten steckt, das denke ich bei jedem deiner Posts! Ich finde, den Gedanken, mit der Färberei ein wenig in die Welt hinauszugehen, sehr reizvoll! Warum denn nicht Gaben teilen und Neues wagen? Schade nur, dass ich nicht in der Schweiz lebe 😉
    Herzlich, Maja

  6. winterrfan sagt:

    Super Blog 🙂 Sehr lesenswert! Ich kann mir kalte Wintertage ohne Wollsocken nicht vorstellen 😀 Liebe Grüsse

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