schleppend

Ich möchte gerne einen Färbe-Post schreiben. Von Rhabarber, Birke, Brennessel und Avocado. Noch ein bisschen weiter in meiner Passion schwelgen. Notieren, was genau wie hier vor sich geht, welche Masse und Zutaten bei mir mit welcher Wolle welchen Ton ergeben…
Aber heut‘ ist mir nicht wirklich danach zumute. Ich bin so müd, dass ich die Unordnung im Haus noch weniger ertrage als sonst, und ein bisschen Langsamkeit und Pause brauche, Pause für Körper und Geist. Ich mag kaum denken, so schleppend drehen sich die Rädchen in meinem Kopf.
Der schwungvolle Post neulich, entpuppte sich übrigens als Trugschluss; kaum kamen die Kinder an Tag 2 nach Ferienende mittags nach Hause, flossen die Tränen in Strömen, flogen uns Überdruss und lauthals geäusserter Schulkoller um die Ohren. Keins meiner Kinder konnte sich mehr freuen an Unterricht, Gspänli und „dem eigenen kleinen Leben“ da draussen… Und ich muss sagen; ich bin auch schon wieder ganz schön erschöpft. Allein die Schulmorgen schaffen mich jeweils so ziemlich. Und mein Baby schläft schon wieder schlecht und unruhig, was die Situation noch verschärft.
Wie gut, dass ich das Färben habe. Diese wunderbare neuentdeckte Oase des Hand-Werks, in der ich mich unglaublich wohl, geborgen und gleichzeitig belebt fühle. Habe ich abends einen Topf Wolle angesetzt, komme ich frühmorgens viel leichter aus dem Bett. Weil ich mich freue und unglaublich neugierig bin, welche Färbung mich wohl erwartet. Mein Espresso für die Seele, glaube ich.
Und dann ist da mein Garten. Mein Gärtchen. Wo das Gemüse mich langweilt und schlecht wächst, die Bäumchen, Kräuter und Blumen aber ihren Platz verteidigen gegen Wind, Wetter und Ganoven. Und mir so viel Freude machen. Einfach damit, dass sie da sind. Ich habe einen Armvoll Rosmarin geerntet, von dem ich ja eigentlich dachte, er würde an seinem Schattenplatz zwischen den Himbeeren eingehen. Sein Duft war berauschend; noch nie habe ich etwas so intensiv Harziges, Ätherisches gerochen, ein Geruch wie der Weihrauch, der an Weihnachten in der Kirche verbrannt wird.
Rosmarin. Eine meiner allerliebsten Kräuterpflanzen. Vielleicht weil ich selber wenig robust bin, wenig Bodenhaftung und Rückgrat habe und immer ein bisschen im Wind mitflattere. Rosmarin…das bedeutet Ruhe für mich. Eine stabile, kraftvolle, selbstbewusste und unaufgeregte Ruhe. Ich empfinde ihn als recht maskulin. Oder gestanden weiblich. Wie eine Mutter mit Schürze, die Brottteig knetet oder ihre Hühner füttert. Wenn ich Rosmarin rieche, wirkt das sehr kräftigend auf mich, belebend, ohne aufzuputschen, tröstlich ohne Selbstmitleid. Kurz kam mir der Gedanke, mit Rosmarin zu färben (in Rebecca Desnos Magazin „Plants are magic“ ergab das einmal ein recht hünsches Violett), aber dann verwarf ich den Gedanken wieder, weil mir meine Kräuter einfach zu schade sind, um in einem Zug verkocht zu werden. Ich möchte sie lieber trocknen und trinken. Oder essen. Mein Körper muss seit einer Weile eine ziemliche Durststrecke durchwandern, was Nährstoffe und Vitamine angeht, denn ich komme kaum zum Essen, geschweige denn Kochen. Alles muss schnell und einfach gehen und Kohlenhydrate wie Brot oder Spathetti sind natürlich Trumpf. Würde mein Babykind mir die Musse lassen zu backen, wäre meine Ernährung wahrscheinlich eine fröhlicher Mix aus Kuchen und Keksen.
Nun denn. Koche ich eben Wolle. Und Färbeflotten. Das braucht weniger Arbeits-Zeit und kaum Konzentration.
Neulich habe ich mir übrigens Löwenzahnwurzeln von meiner Mama gewünscht. Ein paar bloss, und sie hat ungeheuer viele, eine ganze Wiese voll, würde ich mal sagen. Jetzt trocknen sie, der Länge nach halbiert, im Gartenhäuschen im Schatten, und ich hoffe, ich kann Tinktur aus ihnen machen. Was ich noch nie gemacht habe. Kombiniert mit anderen heilsamen Pflanzen, die den Magen stärken. Das würde mir bestimmt gut tun…
Und bevor ich euch jetzt „tschüssi macht’s gut“ zurufe und in Richtung Stube zum Turbo-Aufräumen verschwinde, verrat‘ ich euch noch kurz, was es mit dem letzten der drei Fotos auf sich hat: Ein misslungenes Färbe-Projekt ist das. Das ich gerade zu retten versuche. Im Metalleimer ganz links sind ausgekochte Schilf-Blüten vom Dorfbach. Mit denen wollte ich Grün färben. Weil ich Grün so gerne mag.
Leider wurde Beige daraus.
Ohne Beize kein Grün, denke ich, und ich hab‘ mich bisher gescheut, Sachen wie Alaun oder Kaltbeize und all das ins Haus zu holen. Natur pur, hab‘ ich gedacht, aber eben…
Jetzt köchelt ein weiterer Topf auf dem Herd, während die Wolle noch ein wenig in ihrem Schilfblüten-Sud liegen darf, und in diesem Topf sind Rhabarberblätter, von denen ich mir hab‘ sagen lassen, dass sie auch als Beize wirken könnten.
Vielleicht.
Wenn man den einen Stimmen glauben will und anderen wiederum nicht.
Das Netz steckt voll von Stimmen, wisst ihr. Und alle sagen sie was anderes. Da bleibt bloss; ausprobieren.
Mal sehen, was passiert, wenn ich mit Rhabarber-Tannin „vorgebeizte“ Wolle in den Schilfblüten köchel…

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Print Friendly, PDF & Email
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Augenblicke, aus meinem tagebuch, berührt, besondere Tage, ein Bild erzählt, Familienalltag, Farben, Färben, grüner Leben, Jahreszeiten, kreativ am Rande veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu schleppend

  1. Hirundo rustica sagt:

    Oh, da bin ich gespannt! Grün ist ja auch eine meiner Lieblingsfarben..
    So viel Interessantes und Schönes hast du wieder beschrieben- erstaunlich, wie du das trotz allem immer schaffst! Hut ab!
    Liebe Grüße!

  2. Ruth sagt:

    Weißt Du womit ich einen Grünton erhalte (ich färbe meistens Stoff)? Mit den (trockenen) Schalen der ROTEN Zwiebel! Und auch mit Brennnesseln ist mir mal ein Grünton gelungen. Ich beize mit Alaun und festige mit Essig. Irgendwo habe ich gelesen, dass Sojamilch als Beize sich gut eignet, habe ich aber noch nie probiert.
    Das Färben sorgt auch bei mir immer für Freude und auch immer wieder für Überraschungen!
    Noch weiter gutes, farben-frohes Gelingen!
    Ruth

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.