unmittelbar 11

Wie schön; es blüht noch. Noch immer.
Gestern habe ich die ersten Herbstblätter fallen sehen, unter dem Holunder, obwohl es vielleicht auch einfach hochsommerliche Hitzeblätter sind, die da jetzt liegen. Aber der Stich im Herzen war real. Genauso die leise Freude, die ich empfand, ganz unwillkürlich und heftig. Herbst. Eine magische Zeit. Die Zeit der Zwerge, Mythen, der Abschiede und lauter werdenden Sehnsüchte.
Gestern wieder ein Gewitter, mitten am Tag diesmal und ganz unvorbereitet, ohne drückende Schwüle im Vorfeld. Die Mädchen und ich standen draussen vor dem Block und liessen den Blick mit der dicken, immer dunkler und mächtiger werdenden Wolkenmasse mitschweifen, die der Wind ungeduldig vor sich hertrieb wie eine Herde hungriger Schafe, die in den Stall müssen. Alles flirrte. Alles wartet, hielt den Atem an und machte sich bereit. Ich fand den Augenblick erhebend. So archaisch und echt, etwas, das man spürt mit jeder Faser seines Seins. Die Naturgewalt, dieses Rohe, Kraftvolle, Ursprüngliche, das dann in der Luft liegt. Etwas, von dem ich mir mehr wünsche in meinem kleinen, so behüteten Haufrauenleben.
Als die Tropfen prasselten, waren sie dick und kalt und wir in Windeseile nass bis auf die Knochen.
Noch so ein Vorbote des Herbstes.
Meine Kinder holten Gummistiefel und Regenjacken.
Heute sitze ich zuhause, mein Mann kauft mittags neue Schuhe und vor allem Schul-Pantoffeln für die Kinder, und ich wünschte, ich sässe irgendwo im Wald, ganz alleine, mit einem Schaltuch um die Schultern und einem Ball Wolle im Schoss. Ich wünsche mir einen braunen Leinenrock und offene, lockige Haare, ein Gefühl von Freisein und Wildheit, und stocke bereits beim Thema Haar, denn so richtig wohl fühle ich mich ja doch bloss mit bravem Zopf im Nacken.

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8 Kommentare zu unmittelbar 11

  1. Gesa sagt:

    Es ist einfach unfassbar, wie poetisch und bildgewaltig du schreibst. Jeder deiner Texte berührt etwas in mir. Danke dafür!
    Von Herzen alles Liebe, Gesa

    • kirschkernzeit sagt:

      Oh, danke, liebe Gesa! Manchmal geht Schreiben ganz einfach, dann plappert es einfach so drauflos. Dann wieder finde ich es schwierig. In der Schule sollten wir mal einen Zeitungsbericht verfassen- ich hab eine grottenschlechte Note bekommen, weil ich mich nicht klar und durchdacht ausdrücken konnte.

  2. Romy sagt:

    Du schreibst mir aus der Seele, liebe Bora. Genauso erging es mir gestern. Die Ahnung von Herbst atmete unverwandt und süß – wehmütig den ganzen Tag. Dabei muss man um den Sommer noch nicht bangen. Wir haben Anfang August. Und trotzdem ist es schon da ab und zu, das Herbstgefühl.
    Einen erdbraunen Leinenrock habe ich in den Tiefen des Kleiderschranks. Ich hole ihn mal vor.
    Danke für deine Worte.

    • kirschkernzeit sagt:

      Süss und wehmütig! Genau! Ja, so fühlt es sich an. Und deinen erdbraunen Leinenrock würde ich zu gerne sehen! (PS. Gestern hab ich mir auch einen braunen Leinenrock bestellt. Ich bin so gespannt darauf…)

  3. Regula sagt:

    Ja, das mit dem Zopf kann ich gut nachvollziehen. Aber das ist bloss, weil es immer Arbeit gibt. Stell dir vor, du wärst die Elfe im Wald, die nur da sitzt. Dann wären offene Haare und sich wohlfühlen kein Widerspruch. Liebe Grüsse zu dir.

  4. Dagmar sagt:

    Hallo Bora, das mit der offnen Mähne, das kann man üben, sich langsam dran gewöhnen…
    Und schon gar alleine im Wald! 😊
    Liebe Grüße von Dagmar

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