Trio: Tag 1

Ich vermisse das Bloggen. Ich vermisse es, zu schreiben. Ich vermisse konkrete, umsetzbare Pläne, Regelmässigkeiten, verlässliche Rhythmen. In allen Bereichen des Lebens im Grunde. Instagram wäre einfach, nicht wahr? Handy raus, abdrücken, tippen, posten.
Ja, einfach, das wäre es. Aber Instagram fühlt sich immer unangenehmer  für mich. Aufgedonnert. Hektisch. Zu schnell, zu laut, zu bunt. Zu schön. Ich komme weder nach noch klar mit Instagram fürchte ich, obwohl ich schon auch Positives sehe darin und niemanden verurteilen würde, der sich gern und oft und ausgiebig darin bewegt. Instagram ist nicht böse. Ich bin einfach zu empfindlich, schätze ich. Zu… schnell verunsichert. Und je stärker ich das Gefühl habe, mit gebundenen Händen durchs Leben zu stolpern und der anhaltende Schlafmangel mich mehr und mehr zermürbt (gerade brechen 4(!!!!) Zähnchen gleichzeitig durch die Pilgern meines armen Babykindes), desto dünnhäutiger werde ich.
Nie genug.
Ich bin mir selber nie genug.
Nun… es gäbe so viel zu berichten. Zu erzählen. Von prosaischen Kleingkeiten eines unspektakulären Lebens. Zu teilen. Gedanken zum Tod von Georg Floyd und dem Aufruhr, der durch alle Lande rast und mehr zu bewegen vermochte, als ich es mir je hätte träumen lassen. Nicht alles fand ich gut. Vieles schon, manches weniger. Und auch in meinem eigenen Alltag hadere ich seit ein paar Tagen mit diesem oder jenem, mit Kinkerlitzchen, die sich summieren…
Aber ich habe mir überlegt: Will ich das jetzt alles hier einfliessen lassen? Das Bedrückende und Verunsicherte? Möchte ich mir die Zeit quasi beschlagnahmen, um meine diffusen Gedanken und Gefühle zur Post-Corona-Zeit oder meine Sicht der Dinge bezüglich der „Black Lives Matter“-Bewegung zu sortieren? Dass das Zeit braucht, ist klar. Es sind grosse Themen mit noch grösserem Potential zur Kontroverse, sehr emotionsgeladen, sehr persönlich…
Nein. Ich glaube, mir fehlen Zeit und Geduld und überhaupt der klare Kopf für solche Sachen. Was ich heute brauche, ist Zuverlässigkeit und die Erlaubnis, Dinge auszulassen. Auszublenden. Selbst wenn sie weltbewegend sind.  Für diese neue Woche, werde ich mich darum auf die alltäglichen Kleinigkeiten in meinem eigenen Mikrokosmos konzentrieren und mir Mühe geben, allen Druck loszulassen.
Gut genug.
Als Mama, in meinem Haushalt und auch beim Bloggen.
Der Plan wäre der: Jeden Tag ein kurzer Eintrag, drei Fotos, ein bisschen Text. Es soll nichts Schweres sein, mehr so leichte Kost, vielleicht sogar ein bisschen beschwingt, aber ich kann mich schwer verstellen.

Mein Wochenende war… düster. So viele Wolken. Nasse, schwere Tage. Ein grummeliges Gemüt. (Von wegen „beschwingt“, haha!)
Aber: da waren Blumen. Da war Garn. Da waren Kräuter aus meinem eigenen kleinen Gärtchen. Lichtpunkte inmitten des diffusen Graus, das wie Nebel mit mir mitzog.
In unserem winzigen Rabättchen entlang der Strasse hat der Grossteil meiner Lavendelstöcke den trockenen Winter nicht überlebt. Das reut mich, denn ich war so verliebt in die üppigen, tiefvioletten Blütenbüschel, die sommers im Wind wogten und Schwärme von Faltern und Bienen durchfütterten. Was geblieben ist, sieht spärlich aus, aber ich werde neuen Lavendel in die Lücken pflanzen. Und definitiv die Rosen aufstocken, die in diesem Frühjahr hübscher aussehen denn je zuvor. Ich hätte nicht gedacht, dass ihnen der trockene, exponierte Platz an der Sonne so gut behagt, aber sie blühen ganz herrlich im Moment.
Gestern während der Zoom-Predigt konnte ich wunderbar stricken. Die erste Vorderpartie meines neuen Kinderjäckchens ist fertig, der Rücken wächst langsam aber beständig, und ich schätze, bald werden die Ärmel an der Reihe sein. Es ist das Jäckchen „Playdate“ von Tincanknits, ein einfaches Strickmuster, sehr basic, sehr fein. Das Garn eine Art „Altlast“, die ich schon vor Ewigkeiten gekauft habe, damals, als es das Schweizer Garnlabel „Siidegarte“ noch gab. Ich verstricke es mit gemischten Gefühlen. Liquidationen sind nie schön, und das Ganze ging ziemlich untransparent vonstatten, was eine mulmige Schwere in meinem Bauch zurücklässt. Aber das Garn selber ist schön, viel Leinen mit herrlichem Drape. Auch die Farbe mag ich ganz gerne. „Graphit“ heisst sie, wenn ich mich recht erinnere.
Gerade schlürfe ich das letzte Restchen Kaffee aus meiner Tasse. Ich möchte mehr Tee machen. Tee für Körper und Seele. Die leichte, bunte Mischung, die ich gestern auf meiner Mini-Runde durch den Garten zusammengesammelt habe, war wunderbar, wenn auch ein bisschen zu dezent vielleicht. Malve, normaler und Zitronenthymian, Rosmarin, Erdbeer- und marokkanische Minze, Himbeerblätter und Basilikum. Nach dem Foto kamen noch ein paar Duftrosenblättchen vom Rosenbogen und Zitronenmelisse dazu. Ich habe die Mischung gestern mit heissem Wasser aufgegossen, sie nach 10 Minuten abgeseiht und dann in einer Glaskaraffe im Kühlschrank kalt gestellt. Mit einem Glas eisgekühltem Kräutertee komme ich leichter in Schwung an frühen (6:00), matten Morgen wie diesem.
Wobei… gerade jetzt bricht die Sonne durch. Hell und warm und optimistisch. Praktisch zeitgleich mit dem Setzen des Punktes nach „matten Morgen wie diesem“.
Was für ein schöner Abschluss für einen Post, der so trist begonnen hat.

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6 Kommentare zu Trio: Tag 1

  1. Romy sagt:

    Liebe Bora, ich spüre aus deinen Worten die tiefe und nachfühlbare Sehnsucht, dem einfachen Leben, dem Alltäglichen Platz und Aufmerksamkeit zu schenken. Denn das und nichts anderes ist Leben. Und genau das, meine Liebe, gelingt dir sehr gut. Autentisch. Zum sich selbst Wiederfinden in deinen Worten. Und damit machst du in meinen Augen Großartiges. Ich lese so sehr gern bei dir. Als ob ich dazu gehöre. Dankeschön. Von Herzen Dank.

    „Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse…..“ Gerhard Gundermann, Baggerfahrer und Liedermacher

    Liebe Grüsse, Romy

    • kirschkernzeit sagt:

      Ein wundervolles Zitat, liebe Romy. Das will ich mir merken. Ja, du hast es schön formuliert; ich sehne mich sehr nach dem Einfachen, dem Leichten und Lichten, nach Dingen, die überschaubar sind und Aufgaben, die unbeschwert von der Hand gehen. Ich bin SO froh, dass du gerne hier mitliest. Manchmal habe ich Zweifel, ob das Bloggen überhaupt noch zeitgemäss ist und all das… umso lieber lese ich deine Zeilen. Danke.

  2. Wollwesen sagt:

    Es ist sehr wohltuend hier bei Dir von Deinem Alltag zu lesen, immer wieder.
    Und „mehr“ braucht es für mich keinesfalls – im Gegenteil: Hier kann man zur Ruhe kommen und aufatmen beim Lesen… ich liebe die leisen Töne, die sonst nicht viel zu Gehör kommen.
    Schreibe bitte weiter so, wie Du es tust!
    Liebe Grüße von Helga

    • kirschkernzeit sagt:

      Merci, liebe Helga. Ich bin froh, dass du das so siehst. Das entlastet mich wirklich, wenn ich weiss, dass es nicht anders sein muss „hier“…

  3. Madame Bix sagt:

    Ja, tut definitiv gut, bei Ihnen zu lesen- danke!

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