Sonne und Freiheit

Sonne und Freiheit. Meine Pause ist nur sehr kurz gerade, das Baby schläft schon seit bald 40 Minuten und wird sicher bald erwachen, darum muss ich nehmen, was kommt und schreiben, was mir gerade durch den Kopf flattert. Diese beiden Worte waren die ersten. Sonne und Freiheit.
Heute morgen, als ich die Kinder für die Schule bereit machte, war der Himmel bedeckt. Ich fand das ganz komisch, und mir wurde bewusst, wie schnell ich mich an das schöne, sonnige Wetter der letzten Wochen gewöhnt habe. Regentage sind selten geworden, Sonnenschein die neue Normalität. Wie trocken die Böden wirklich sind, weiss ich nicht, eigentlich redet niemand mehr von Dürre, aber der überaus trockene Frühling war schon ein wenig beängstigend, vor allem gepaart mit Corona.
Angst und Unsicherheit scheinen sowieso treue Begleiter zu werden. Irgendwie geht diese Nervosität, die seit dem Lockdown überall mitschwingt und in praktisch jedes Gespräch einfliesst, gar nicht mehr weg. Dabei habe ich eigentlich keine Angst vor Covid-19 an sich. Ich bin gerade mal 40, gesund und mitten im Leben. Krankheit und Tod kommen mir sureal vor, weit entfernt, nicht für mich bestimmt. Weil ich niemanden kenne, der daran erkrankt ist und auch niemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der krank geworden wäre, wird Corona für mich immer mehr zum Schreckgespenst, das zwar alle fürchten, aber keiner je gesehen hat, eine Art mystische Bösewichtgestalt, Stoff aus dem Alpträume gemacht werden, aber wir erwachen immer, bevor sie uns erreicht.
Irgendwie finde ich das merkwürdig. Dieser Spagat zwischen Denken und Fühlen. Denn im Kopf bin ich der Regierung ja durch und durch loyal. Ich stehe gerade in dieser Zeit zu 100 Prozent hinter Bundesrat und Co., schweige aber mittlerweile lieber, wenn das Thema Corona-Massnahmen aufkommt, weil die Schere innerhalb der Bevölkerung erschreckend weit auseinander geht, was das betrifft. Von Verschwörungs-Theorien bis zur hellen Panik ist alles vertreten, und das Thema ist hitzig bis glühend, die Debatten werden immer mehr mit beinahe religiösem Eifer betrieben, Sein oder nicht Sein, Kampf und Frieden.
Ich finde das schwierig. Schwieriger als Corona selbst im Grunde. Es ist nicht schön, zu sehen, wie die Menschen einen Keil zwischen sich treiben, Pro gegen Contra, und immer sind die anderen die Bösen. Krisenzeiten machen mir Angst. Immer. Vor allem wenn sie sich ganz real und greifbar auf die Art und Weise niederschlägt, wie wir miteinander reden und umgehen und ihr Gift in den Alltag zu tröpfeln beginnt.
Aber lassen wir das.
Lassen wir es fallen.
Lassen wir los.
Ich möchte dem Ganzen hier nicht auch noch Raum geben. Das Leben besteht aus mehr als Corona und so langsam habe ich die Kontroverse sowieso satt. Vielfalt ist schön, ja, aber mein Herz sehnt sich nach Einheit und Schulterschluss (was natürlich schwierig wird mit 2 Metern Abstand).
Darum… lasst mich einfach ein wenig erzählen, in Ordnung? Vom Banalen und Kaum-der-Rede-Werten. Vom Kleinen, das mich freut oder bewegt und in jedem Leben auf diese oder ähnliche Art auftaucht und uns zu dem macht, was wir sind.

Meine Mutter hat mir Spitzwegerich mitgebracht. Aus ihrer Wiese, die längst kein Rasen mehr ist und praktisch nur noch aus Löwenzahn und Spitzwegerich besteht. Meine Seele lechzt nach Pflanzen und Heilkräutern und Grün und heiler Welt… also mache ich Wegerich-Honig. Für Körper, Geist und Seele.
Wieso sich da eine Spargel im Strauss versteckt hat, ist mir allerdings auch nicht ganz klar.

Mein Baby krabbelt! Manchmal platt auf dem Boden wie die Rekruten, manchmal auf allen Vieren, was ihm ganz klar besser gefällt. Seit letzter Woche sitzt er auch souverän und zieht sich an allem hoch, was seinem doch ganz beachtlichen Körpergewicht standhält. Dieses Kind ist so ein aufgewecktes, wackeres Kerlchen, sein süsser Babyspeck wiegt schwer auf meinen Hüften und lässt meinen Rücken schon nach kurzer Zeit schmerzen, was ein absolutes Novum ist für mich. Rückenweh kannte ich gar nicht bisher. Aber hey; schaut ihn euch an! Mag sein, dass er nicht unbedingt das hübscheste Baby aller Zeiten ist, aber ich liebeliebeliebe dieses Kind über alle Massen und finde ihn so niedlich und knuffig, dass ich wirklich an mich halten muss, nicht den ganzen Tag lang an ihm herum zu knabbern…

Püppi braucht eine neue Nase, hab‘ ich gemerkt. Nach vielen Jahren Puppenleben, hat der Zahn der Zeit offenbar doch ein bisschen zu heftig genagt. Der Stoff ist bereits derart zerschlissen, dass beim Näschen die Füllung raus schaut, ein Anblick, der mich fast ein bisschen gruselt. Jemand meinte neulich, Püppi würde aussehen wie Voldemort, und ich glaube, das trifft den Nagel auf den Kopf und erklärt auch mein Gruseln: Ein Gesicht ohne Nase ist einfach unheimlich. Darum verstecke ich Klein-Püppi -oder Lotta, wie meine Kleinste sie ja eigentlich nennt- vorerst in meiner Nähschublade und hoffe, ich finde entweder jemanden, der ihr ein neues Gesicht und somit ein zweites Leben schenkt oder wenigstens die Zeit, es selber zu tun…

Gerade stolpere ich immer wieder über Szenen dieser Art, kleine Arrangements und kurzzeitig verlassene Projekte mit handgeschriebenen Info-Tafeln, die uns über Do’s und Dont’s aufklären. Für mich ist das jedes Mal eine wunderbare Überraschung, so etwas zu finden, ob Ameisenrevier (weil da eine angeblich seltene, getupfte Ameisenart zwischen meinem Rosmarin und dem Oregano hausen soll) oder Trockenplatz für Tannenspitzen (für Hustentee und Meerscheinchen-Medizin), ich finde alles schön, was Kinder mit Enthusiasmus und aus eigenem Antrieb werkeln und erforschen. Und ihre selbst verfassten Notizen? Noch schöner. Ich glaube, ich werde anfangen, sie zu sammeln und in ein Tagebuch zu kleben, mit Foto vielleicht, so als Erinnerung…

Diesen Montag wurde im Kindergarten der 5.Geburtstag meiner Kleinsten gefeiert. Einen ganzen Monat nach ihrem eigentlichen Geburtstag. Weil an ihrem echten Geburtstag alle Schulen und Kindergärten ja geschlossen waren.
Irgendwie sonderbar. Aber auch schön, vom Gedanken her. Mamas und Papas waren aber diesmal ausnahmsweise nicht erwünscht. Coronabedingt. Und der Geburtstags-Znüni -ich habe 3 Blech Cookies gebacken- musste laut Anweisung von oben auch bereits portionsweise verpackt zum Kindergarten gebracht werden. Aus Hygienegründen scheinbar, was selbst einem obrigkeitsgläubigen Menschen wie mir ein bisschen übertrieben erscheint. Aber nun denn, die Gedanken sind frei, was zählt ist das Handeln. Jedenfalls kamen alle Plätzchen in Plastiksäcklein und die Servietten wurden auch noch gleich dran festgebunden, der Handlichkeit wegen. Grün ist das nicht gerade, ich weiss, und ich muss zugeben, ich zögerte auch einen Moment, als ich an den ganzen Plastik und Papiermüll dachte… Aber diese Zeiten sind einfach… komisch. Vieles ist gerade so sonderbar, unsicher und irgendwie zum Teil auch unsinnig, dass ich manchmal schlicht nicht mehr denken mag, sondern auf Autopilot schalte und einfach mache.
Mein Mädchen hatte einen wunderbaren Nach-Geburtstags-Morgen. Und die Cookies fanden regen Anklang. Daran freue ich mich jetzt. Ungebremst und ohne schlechtes Gewissen.

Erinnert ihr euch noch an das blaue Schaltuch aus dem letzten Post? Ursprünglich rein in Krausrippe gestrickt, war es mir irgendwie doch zu langweilig in dieser rein uni-farbenen, eher dunkel-kräftigen Farbe und so habe alles bis zur letzten Masche rübis und stübis wieder aufgelassen. Und neu gestartet in einem ebenfalls super einfachen, recht schlichten, aber trotzdem ein bisschen stärker strukturierten Muster, einer Mischung aus glatt rechten und schmalen krausen Sequenzen, angelehnt an „Farmhouse“ von Cabin Four, welches ich ganz zauberhaft finde. Das Lochmuster am Rand und im mittleren Längststreifen lasse ich zwar weg und anstelle von zwei Reihen Krausrippe stricke ich jeweils drei, doch ich bin entschlossen, die breite  Abschlussborte zu machen und überall diese Bänder einzuziehen, genau wie im Original. Wolle, handgesponnen von einer alten Lady aus der Region, habe ich mehr als genug, und ich bin wahnsinnig dankbar, habe ich dieses entspannende, unaufgeregte Projekt für mich gefunden, eine Art Ruhepol zu dieser sonst so angespannten, wechselhaften Zeit gerade.
Egal wie heftig der Tag auch war- abends kehre ich zurück zu diesem Tuch, zu diesen Reihen, diesen Maschen und einem tiefen, träumerischen Blau. Um mich zu erden. Zur Ruhe zu kommen. Mir etwas Gutes zu tun.
Jeder braucht wohl einen Fels in der Brandung. Diese stille Ruhe-Strickinsel am Ende des Tages -komme, was wolle- ist meine Zuflucht vor allem Überfluss und Übermass da draussen.

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8 Kommentare zu Sonne und Freiheit

  1. Astrid sagt:

    Hallo aus Österreich!
    Heute kann ich mich deinem Post ganz und gar anschließen. Die ganzen Streitereien bezüglich der Corona-Maßnahmen sind wirklich anstrengend, erschreckend, wie diese Krise oft die Menschen verändert (bzw. den Umgang miteinander).
    Dein Kleinster ist einfach zuckersüß!!! Den würd ich mir am liebsten ausleihen :-). Und weil du überlegst, die kleinen Zettelchen deiner Kinder zu sammeln: ich mache das seit Jahren, und wir lachen oft Tränen, wenn wir die Notizen lesen, die unsere Buben und Mädels so verfasst haben (und verfassen).
    Liebe Grüße,
    Astrid

  2. Nicole sagt:

    Liebe Bora
    Mich beschäftigt die Reaktion der Menschen auch mehr als der Coronavirus selber. Ich bin manchmal richtig schockiert.
    Mit mir kennst du jetzt Jemand, der Jemand kennt (mein Vater, Arbeitskollegen meiner Mama und Freunde von Freunden), der positiv auf den Virus getestet worden ist. Und alle Verläufe waren völlig unterschiedlich.

    Ich liebe solche Zettelchen auch! Und ohne Stricken (und natürlich Tee) geht im Moment gar nichts.
    Alles Liebe

  3. Anna aus dem Osten sagt:

    Der Kleine ist unglaublich herzig!!!
    Hab 1000e Babies als Kinderkrankenschwester gesehen, kannst es mir glauben!
    Und er hat mich gerade mit dieser superdepperten Zeit ein bisschen versöhnt,
    wenn außer komischen Ideen und unerwünschten Viren auch so etwas Süßes wächst – okay, dann halt ich das aus 🙂
    LG aus dem Osten!
    Anna

  4. Regula sagt:

    Den Coronakanal habe ich geschlossen. Er ist mir zu aufreibend geworden. Ich fürchte, es hat System, die Menschen in zwei Lager zu treiben.

    Da, wo ich glücklicherweise wohne, ist eh genug Platz für alle. Und ich wünsche mir, ich hätte Corona so unbemerkt an mir vorbeiziehenlassen können, wie damals die Schweinegrippe. Schweinegrippe? Bis zur Coronakrise nie davon gehört. Ehrlich. Erstaunlich. Liebe Grüsse zu dir. Regula

  5. Ruth sagt:

    Liebe Bora,
    danke für Deine Gedanken.
    Auch ich kann manches kaum aushalten und stricke und häkle für meinen Seelenfrieden. Ja, ich mache Decken und Tücher als würde eine Eiszeit auf uns zukommen:)
    Aber vielleicht ist es einfach die innere Eiszeit gegen die ich anhäkle und -stricke.
    Mut, Gelassenheit, Zuversicht wünsche ich uns allen.
    Ruth

  6. Käthe sagt:

    Liebe Bora,
    schau doch mal bei den Puppenmacherinnen vorbei, ich kann u.a. Mariengold https://www.mariengold.net/ empfehlen.
    Sie haucht dem kleinen ab geliebten Püppchen wieder neues Leben ein.
    Bitte entsorge sie nicht, dann lege sie in einen schönen Karton und gib dem Kind , wenn es groß ist sie wieder.
    Es steckt soviel Liebe drin.
    Ganz liebe Grüße
    Käthe

  7. Sabine sagt:

    Käthe kann ich mich nur anschliessen. Maria macht das ganz toll und ist super nett.
    Liebe Grüsse
    Sabine

  8. Claudia sagt:

    Mich erdet Stricken auch und lässt mich zur Ruhe kommen. Es ist für mich einer der besten Rituale in diesen unsteten Zeiten. Ich habe nur wenig gehamstert, bei Wolle mache ich aber seit Jahren gerne eine Ausnahme.☺

    Ihr jüngster ist so ein Hübscher! Ihnen eine gute Zeit.
    Liebe Grüße aus Deutschland
    Claudia

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