Woche 5: gefordert

So heisst er also, mein Titel für die 5. Woche Leben mit Corona. „Gefordert“ Und so sieht es auch aus; Ich fühle mich gefordert. Durch alles. Gefordert- und mehr als das. Ich habe hin- und herüberlegt, ob nicht doch „überfordert“ das richtige Wort wäre, doch dann fand ich, dass ich doch noch ein paar gesunde Schritte vom Limit entfernt bin.
Obwohl es gerade diese Woche Momente gab, in denen ich das ganz anders sah.
Einer dieser Augenblicke -und das war schon ganz am Anfang der Woche- trieb mich praktisch fluchtartig aus dem Haus. Ganz allein. Für ein Not-Päuschen an der frischen Luft. Am herrgottsfrühen Morgen bereits, denn das Baby hatte eine seiner schlimmeren Nächte, die ich und mein Kleiner phasenweise unten auf dem Sofa verbracht hatten, halbdösend in unbequemer Position eingeklemmt zwischen dicken Kissen.
Er schläft so schlecht. Grottenschlecht. Und das nicht, weil er nicht müde wäre. Irgendetwas quält ihn nachts. Er wimmert, weint, krümmt und windet sich- und ist dabei wahnsinnig müde, so müde, dass er selbst im Flurlicht, das bei uns bei Bewegung automatisch angeht, die Äuglein nicht öffnet. Auch tagsüber ist er irgendwie… nicht er selbst. Oft unausgeglichen, weinerlich, einfach nicht wohl.
Mein Gefühl sagt mir… gar nichts. Das heisst, ich tippe irgendwie instinktiv auf Bauchschmerzen. Die Art, wie er sich bewegt während diesen „Anfällen“, was ihm wohltut (Lagewechsel, Herumgetragenwerden), was er kategorisch ablehnt (Stillen, es würgt ihn dann rasch oder Bauchlage, die er augenblicklich wieder wechselt). Aber es könnte vieles sein. Zahnen, Wachstumsschmerzen, innere Unruhe, alles mögliche.
Dass ich bei ihm im Gesicht, auf den Unterarmen und in den Kniekehlen ekzemartige Partien bemerkt habe, macht mich noch unsicherer. Die Haut wird besser, wenn ich sie mit Sheabutter eincreme und schlechter, wenn ich gar nichts mache oder nach direktem Kontakt mit Wolle. Jedenfalls habe ich diesen Eindruck.

Ich muss an die Neurodermitis meines grossen Mädchens denken, die uns vor vielen Jahren, als sie noch ein kleines Kind war, ebenfalls qualvoll schlaflose Nächte bereitet hatte und irgendwann so schlimm wurde, dass nur noch eine kurze, aber effektvolle Kortison-Behandlung wirklich helfen konnte. Noch immer hat sie ihre empfindlichen Stellen. Ihre Armbeugen sind selten gesund. Doch sie weiss jetzt, was zu tun ist, wenn die Flecken allzu rot leuchten, schuppen oder wieder zu jucken beginnen und salbt sich mittlerweile selbstständig ein, was wirklich den Unterschied macht.
In den Sinn gekommen ist mir bei all der Sinniererei während den schlaflosen Nächten mit meinem Baby vieles. Hilfreich waren allerdings nur wenige Gedanken. Ich tendiere dazu, mich in Schwarzmalerei zu verlieren und finde es unglaublich schwer, in harten Zeiten an meinem Optimismus zu basteln. Irgendwie wird das Ganze einfach nicht besser und hält schon so lange an… das macht es noch schwieriger, weil ein müder Geist, sich nur schwer selber motivieren kann.

Seit vorgestern versuche ich radikal auf Milchprodukte und blähende Lebensmittel zu verzichten. Ganz egal wie unwahrscheinlich eine Laktose- und Milcheiweissunverträglichkeit bei einem voll gestillten Säugling auch sein mag, ich will das jetzt einfach ausschliessen. Vor allem auch, weil man -bis auf die empfindliche Haut- ansonsten nichts sieht bei meinem Kind. Nur spürt. Ich spüre, dass etwas nicht stimmt. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger.


Gerade schläft er wieder neben mir, während ich auf dem Bett hocke und schreibe. Diesen unfokussierten, verzettelten Post hier tippe. Ich bin dankbar für jedes Schläfchen. Es bringt mir Freiraum. Atempausen für Körper, Geist und Seele. Irgendwie kommt alles zu kurz, was mir Freude macht, erdrückt von der Schwere, die jedes Babyweinen naturgegeben mit sich bringt. Ein unglückliches Kind, macht einem das Herz schwer.
Das Homeschooling dieser Woche, war heavy, ich kann es nicht anders sagen. Speziell mit diesen schwierigen Nächten im Hintergrund. Mehr als einmal hätte ich aus der Haut fahren können, und ganz bestimmt war ich öfter auch alles andere als fair und geduldig mit meinen Kindern. Im Gegenteil. Ich glaube, ich war sogar mitunter richtig fies in gewissen Momenten. Als es darum ging, eine Schularbeit zu beurteilen zum Beispiel. Da war ich mit meiner Meinung nicht eben zimperlich, riskierte Tränen und verletzte Gefühle, was mir jetzt im Nachhinein natürlich wahnsinnig leid tut. Aber I-Pads mit verwirrenden Apps, Video-Chats, die nicht funktionieren, Schulkinder, die sich mit Händen und Füssen dagegen sträuben, ihre Jobs zu erledigen, Zeitdruck in der Küche, überquellende Wäschezainen- und dazu Aufgabenblätter voller abzuhakender Punkte… und all das, während mein kleiner Babyjunge in meinen Armen wimmert, nicht auf den Boden will, nicht ins Kinderstühlchen und auch nicht ins Tragetuch.
Das ist zu viel.
Ehrlich.
Ich bin froh, haben wir Wochenende. Ein Wochenende, das ich mit leichtem Herzen begehen möchte. Loslassen. Dem Impuls, aufzuräumen oder sauber zu machen hartnäckig widerstehen. Die Seele baumeln und die Kinder einfach spielen, lesen, Kind sein lassen.
Ja, ich denke, das ist es, was ich jetzt brauche.
Und meine Baby braucht mich. Nähe, Geduld, Dasein, Zeit.
Zeit. Alles braucht seine Zeit. Mit Corona oder ohne.

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11 Kommentare zu Woche 5: gefordert

  1. Ruth sagt:

    Liebe Bora, bei meinem Sohn musste ich auch auf Milch verzichten, als ich voll stillte. Hat sofort geholfen. (Er konnte auch später nur sparsam Milchprodukte essen, jetzt mit zwölf hat er selbst ein recht gutes Gespür, wieviel ihm guttut). Ich wünsche Dir sehr, dass das auch bei Euch hilft.
    Von Herzen Gelassenheit, Kraft, Zuversicht!
    Ruth

  2. Katharina sagt:

    Ich wünsche dir viel Kraft. Ich kann mir vorstellen, wie nervenaufreibend deine Situation ist. Sie bringen die dunklen Seiten von uns allen immer gnadenlos ans Licht.
    Sehr lehrreich und schmerzhaft zugleich.
    Liebe Grüsse
    Katharina

  3. Anna sagt:

    Schlafentzug ist wirklich grausam. Nicht nur einmal hab ich in den Babyzeiten morgens vor Müdigkeit geweint. Ich fühle jedenfalls mit dir!
    Zwei meiner Kinder haben als Babys keine Wolle vertragen – und Wolle ist doch soo schön und das Einzige, mit dem ich meine Kinder warm gekriegt habe…… ich musste immer einen Baumwollbody darunter ziehen. Meinem kleinen Mädchen hat Muttermilch auf die rauen, roten Stellen ganz gut getan – wirklich konsequent mehrmals am Tag. Aber ich fand es auch sehr belastend.
    Halte durch!

  4. Ach du liebe, ich weiss genau wie du dich fühlst. Ich hatte ja vier Neurodermitis Babys und zwei davon ganz schlimm. Da versucht man wirklich alles mögliche, um den Kindern (und sich selber) Erleichterung zu schaffen.
    Meine Kinder wurden alle voll gestillt und haben trotzdem (unter anderem) eine Milchallergie. Wolle direkt auf der Haut, ging als Baby bei zwei der Kinder gar nicht.
    Zucker war übrigens bei einem meiner Kinder ein Grund für stärkeren Juckreiz, weshalb ich dann während der Stillzeit darauf verzichtet habe (mann war das schwierig, aber das kennst du ja vom Ende deiner Schwangerschaft). Es bleibt einfach ein Ausprobieren was hilft.
    Aber das ist bei deinem Kleinen ja nicht der Fall. Vielleicht trinkst du Fenchel, Zitronenmelisse oder Kamillentee. Die Wirkstoffe der Pflanzen gehen in die Muttermilch und vielleicht beruhigt es ihn und seinen Magen etwas.
    Umarmung

  5. liebe Bora,
    zu meinem überaus großen Glück habe ich keine Schulkinder mehr. Dennoch denke ich im Moment richtig oft an euch Mütter mit kleinen (Schul) Kindern . Was würde ich machen (wollen)?
    diese Zeiten sind besonders, überaus ungewöhnlich. Deshalb auch besondere Massnahmen.
    Ziviler Ungehorsam im kleinen, vertretbaren Rahmen. Es ist an der zeit, tatsächlich zusammmenzuhalten, innerhalb der Familie zusammenzuwachsen, sich neu zu entdecken. Fähigkeiten zu entwickeln, die üblicherweise eher untergehen im auch sonst stressigen Alltag. wovon rede ich? säen , pflanzen , ernten, Kräutertee aufbrühen, Pfannkuchen backen, Meeris beobachten, zusammen lachen und spielen. Miteinander in Freude sein. diese vermaledeiten „homeschooling“ Sche…..aufgaben , sind sie so elementar wichtig? gibt es Noten dafür?
    klar, komplett lässt es sich nicht beiseite schieben, aber nur soweit es ohne „blaue“ Flecken abgeht…auch für die Eltern. Bruchrechnen lässt sich beim backen lernen.
    Wahrscheinlich handhabst du es sowieso ähnlich. Ab wann beginnt bei euch die Schule wieder, habt ihr dazu Informationen?
    zum Neurodermitis/Bachgrummmeln Thema: ich wünsche dir von Herzen, dass ihr beide schnellstmöglich besser schlaft. Deine Ernährungsumstellung scheint ja ein richtiger Schritt zu sein. Bei Kind3 ( Bachelorarbeit 🙂 und bei Kind 6 ging es uns ähnlich, es half nur Diät und kein direkter Wollkontakt, leider beim Jüngsten auch kein Schaffell mehr, das hat sich aber wieder ausgewachsen.
    fröhlich bleiben und tapfer, Gott einen guten Mann und eine gute Frau sein lassen, gesund bleiben, das wünsche ich euch , allerliebste Grüße, Sanne.

  6. Andrea sagt:

    Liebe Bora,

    ich kenne das von meinen beiden letzten Mäusen auch so mit dem sehr schlecht nachts schlafen. Und ich habe irgendwann auch Lebensmittel im Visier gehabt. Caspar hat jetzt auch tatsächlich Ekzeme auf der Haut, die wir cremen, denn ohne Creme geht es nicht. Zu viel Vitamin C geht nicht, Zu viel Milch nicht und ich esse glutunfrei. Das liegt bei uns auch in der Familie und hat Sohn fünf vor einer dritten OP bewahrt. Wenn nichts geht, könntest du das noch probieren. Das tut gar nicht so weh, wie man es meint. Mittlerweile kann man sich da schon wirklich gut ernähren und erlebt gar nicht so viel Einschränkungen. Zäpfchen von Weleda/Wala helfen uns auch durch manch schwere Nacht. Gerade bei Caspar war das manchmal angezeigt.

    Viele liebe Grüße
    Andrea – die Großfamilienmama

  7. Susann sagt:

    Liebe Bora,

    ich schicke Dir einfach Kraft. Mensch, was für eine Woche. Ich hoffe, die kommende wird leichter!
    Alles Liebe!

    Susann (jahrelange stille Mitleserin, – freuerin und heute -leiderin)

  8. Steffi sagt:

    Liebste Bora,
    ich kann Dich so gut verstehen. Linus hat heute zusammen mit seinem großen Bruder seinem zweiten Geburtstag gefeiert. Er hat mit vier Monaten auch angefangen unglaublich schlecht geschlafen. Es war die Hölle. Er hatte zwar keine Bauchschmerzen, so wie Dein Kleiner, aber ist jede Stunde aufgewacht…
    Nun bist Du in dieser Situation, kümmerst Dich nachts um das wimmernde Baby und tagsüber um die restliche Rasselbande. Das ist zuviel und das musst Du auch nicht von Dir verlangen, liebe Bora.
    Ich habe mir ganz fest vorgenommen, die Aufgaben für die Kinder nur als Richtwerte zu nehmen. Am Wichtigsten ist die gute Stimmung und vor allem das gute Verhältnis zwischen Dir und Deinen Kindern. Wenn die Kinder auch nur einen Bruchteil der Aufgaben machen, ist doch gut. Es geht ja darum, im Training zu bleiben (Aussage eines befreundeten Lehrers). Die Leistungen werden doch eh nicht benotet. Ich denke, die Noten aus dem ersten Halbjahr werden dann auch im Zeugnis stehen. Also, mach Dich in dieser Hinsicht locker, Du gibst Dein Bestes, aber gut ist auch gut genug, wie Du selbst gesagt hast….
    Ich wünsche Dir, dass es deinem kleinen Mäuschen ganz bald besser geht und eine Maßnahme
    Wirkung zeigt. Es kommen wieder bessere Zeiten, und das wird gar nicht mehr so lange dauern.
    Ich umarme Dich,
    Deine Steffi

  9. Christina sagt:

    Liebe Bora,

    Dein Texst hat mich wiedereinmal sehr berührt! Du bist sehr ehrlich und autentisch. Das mag ich sehr. Ich bewundere dich, du bist eine grossartige Mutter. Du machst es toll, da bin ich mir ganz sicher. Kein Mensch ist unfehlbar. Wie man damit umgeht macht es aus. Ich schätze dich so ein; dass du dich selber ganz wunderbar reflektierst.
    Es tut mir leid, dass dein Babyjunge sich im Moment unwohl fühlt. Ich merke auch, dass dir das stillen sehr am Herzen liegt, genau so ging es mir auch bei meinen Babys. Bei einem meiner Babys hatte ich eine ähnliche Situation. Er war von Anfang an ein sehr zufriedenes sanftmütiges gut schlafendes Baby, bis zu einem gewissen Zeitpunkt . Ab dem fünften Monat schlief er nicht mehr richtig und war wie verändert und zeigte ähnliche “ Symthome “ wie dein Kleiner. Zum Teil verweigerte er auch die Brust. Ich musste mir eingestehen, dass er nicht mehr so oft gestillt werden wollte und habe ihm zusätzlich Brei gegeben, obwoh ich gerne noch weiter voll gestillt hätte. Nach zwei Tagen war der ganze Spuck vorbei und er war wie ausgewechselt und ist bis jetzt ein Sonnenschein. Könnte es evt. sein dass dein Kleiner “ richtiges “ Essen will ? Oder hat er schon Breikost ? Könnte das sein oder ist es zu abwägig ?Vielleicht ist es eine Kombonation aus verschiedenen Faktoren…..auf jeden Fall wünsche ich euch, dass sich diese Situation schnell verbessert !
    Sei ganz lieb umarmt
    Christina

  10. Katharina sagt:

    Liebe Bora,
    ein kurzer Kommentar einer seit Jahren stillen Mitleserin. Auch meine Kleine hatte als Baby eine Kuhmilchallergie, keine Laktoseintoleranz, obwohl sie voll gestillt wurde. Eine Diagnose gibt es meines Wissens nur durch Ausschlussdiät. Die Ärztin riet mir sofort auf alle Kuhmilchprodukte zu verzichten. Bereits nach ca. drei Tagen war es schlagartig besser. Aber man muss sehr konsequent sein und darf nichts mit Kuhmilch zu sich nehmen. In den meisten Fällen verwächst es sich und nach einem bzw drei Jahren verträgt man sie. Meine Kleine ist inzwischen 5 und hat keinerlei Probleme. Trinken tut sie nach wie vor am liebsten Hafermilch 🙂
    Alles Liebe und Gute dir und euch,
    Katharina

  11. amselgesang sagt:

    Liebe Bora, was meint denn euer Kinderarzt/ärztin dazu (vor allem zu dem Bauchweh)?
    Ich habe meinen ersten Sohn sechs Monate lang voll gestillt, trotzdem bekam er beim ersten Kontakt mit Kuhmilch Ausschlag im Gesicht – der Arzt sagte: Neurodermitis und empfahl: weiterstillen, aber selber auf tierisches Eiweiß und Zucker verzichten (Honig geht aber schon) und nach und nach Gemüse und Obst zufüttern. Es war ein Auf und Ab, manchmal ging es nicht ohne Cortisoncreme, aber es wurde besser und hat sich im Laufe der Jahre „ausgewachsen“.
    Liebe Grüße und baldige Besserung für das Baby und dich!
    Brigitte

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