Woche 1

Ich dachte zuerst, ich müsste den Kindern je ein I-Pad mit Knobelaufgaben oder „Malen nach Zahlen“ vor die Nase setzen, um ein paar einigermassen ruhige Minuten für mich zu gewinnen, während das Baby so gnädig schläft. Aber wie es scheint, spielen sie gerade recht friedlich mit ihren Puppen, was hoffentlich (!) eine Viertelstunde hinhalten wird.
Wir haben neu I-Pads im Haus. Herr Kirschkernzeit hat sie aus seinem Informatik-Geschäft mitgebracht, das momentan ohnehin leer steht, weil sie alle, von Betreuern bis Lehrlingen, auf Homeoffice umgestellt haben. I-Pads für alle also. Vom Kindergartenkind bis zum Sekundarschüler. Kind1 arbeitet ohnehin auch in der Informatikbranche (Azubi-Status bzw. noch im Praktium) und hat sich rundum digital verkabelt in seinem Zimmer. Auch er macht Home-Office. Und ich nun also Homeschooling. Was auch der Grund ist für die vielen elektronischen Geräte, die so, in diesem Umfang sonst niemals den Weg in mein Haus gefunden hätten (wobei; sag niemals nie).


Die ersten 4 Tage Homeschooling waren hektisch, anstrengend, aber fruchttragend. Mein Mann und ich haben uns alle Mühe gegeben, soviel Struktur und Rhythmus in unser Familienleben zu bringen, wie nur irgend möglich. Ganze Tagespläne haben wir erstellt, durchgetaktet vom Wecken der Kinder (9:00) über die Schul-Lektionen (10:00 bis 11:00) bis hin zu Essenszeiten, Nachmittags-Lektionen, Abendprogramm (19:30 bis ca 20:30). Und dazwischen versuche ich, all das zu erledigen, was es zu erledigen gibt. Oder die Kinder dazu zu bringen, das zu tun, was zu ihren Jobs gehört.
Ich komme mir vor, als wäre ich Vollzeit-Managerin von allem und jedem, und manchmal fühlt es sich recht eng an in meiner Brust, denn irgendwie kommt das Karussell gar nie zum Stillstand. Abends bringe ich es nicht mehr über mich, mich nochmals aus dem Dämmerschlaf neben meinen endlich (!) schlummernden drei Kleinsten hochzuhieven, sondern tappe -das Baby im Arm- bloss noch rüber in mein eigenes lila Zimmer und rolle mich zusammen für ein paar Stunden unterbrochenen Schlafes. Der Kleinste schläft recht unruhig dieser Tage und erwacht zwischen 5:15 und 6:30 wimmernd und sich windend. Ich habe keine Ahnung, woran das liegen könnte. Er zappelt immer, nuckelt wie wild an seinem Schnuller, verweigert aber die Brust. Kaum fällt er wieder in den Schlaf, schreckt er auch schon wieder auf. Meistens bleibt mir nichts anderes übrig, als mit ihm aufzustehen und runter in den unteren Stock zu pilgern, weil ich auf keinen Fall möchte, dass die Mädchen vorzeitig aufgeweckt werden und dann den ganzen Tag über grantig und empfindlich sind. Im Augenblick kann ich einfach nicht noch mehr Drama ertragen.
Was fehlt: Zeit. Ruhe. Musse.
Ich habe letzte Woche buchtsäblich lauthals jubilierend die 7. Staffel „Father Brown“ aus einem Amazon-Couvert gezogen und mir fest vorgenommen, mir meine Lieblings-Serie wohl dosiert zu Gemüte zu fügen und jede Episode in vollen Zügen zu geniessen, anstatt sie gierig zu verschlingen. Klasse statt Masse. Oder so. Nun, das mit dem Dosieren fällt mir zur Zeit alles andere als schwer: meistens komme ich abends ohnehin nicht mehr dazu, mir irgendwas anderes zu gönnen als Schlaf. Mit dem Gutenacht-Geschichtchen meiner Kinder endet der Tag für mich. („Bobo Siebenschläfer“ oder eine der Lindgren-Erzählungen. Soviel Kultur muss sein.)
Mit dem blauen Merino-Seide-Yak-Pulli für mein Kindergartenmädchen bin ich beinahe fertig. Es fehlen nur noch das letzte Armbündchen und das Vernähen aller Fäden. Das klingt zwar toll, nur; soweit bin ich schon seit gut einer Woche. Ich zweifle ernsthaft daran, dass ich und mein Pullover das Wettrennen gegen den immer wunderbarer werdenden Frühling noch gewinnen werden.
Ein Herbst-Pulli soll es wohl sein. Für die Zeit nach Corona.


Noch ein Wort zum Homeschooling. Ich muss das jetzt vielleicht noch kurz relativieren. Wir machen eigentlich ja nicht echtes Homeschooling, mehr so eine Art Home-Learning. Repetition bereits gelernter Unterrichtseinheiten. Denn neuen Stoff vermitteln dürfen wie nicht. Das erledigen nach wie vor die Lehrer unserer Kinder, die Wochentags mehr oder weniger alleine in ihren Schulzimmern sitzen und ganze Wochenpläne für uns ausarbeiten. Darin sind sie wirklich grandios, man muss ihnen direkt ein Kränzchen winden. Wie vielen anderen Menschen auch, die sich derzeit einsetzen wie wild, um anderen das Leben ein wenig zu erleichtern, zu bewahren, zu retten, was zu retten ist. Meine Ehrfurcht vor dem Personal in den von Covid-19 betroffenen Spitälern und Spital-Abteilungen ist immens; so lange, so hart und hektisch zu schuften, ohne sehen zu können, dass die eigene Arbeit wirklich etwas bewirkt- das ist schwer. Zuschauen, miterleben zu müssen, wie kranke Menschen elend und unter Schmerzen und Angst sterben- das ist grausam. Dann noch irgendein blödes Video aus dem Netz mit Verschwörungstheorien oder verharmlosenden Statements irgendwelcher Typen aus weiss-der-Kuckuck-welchen-„Heil“-Branchen, und man könnte echt verzweifeln.
Ehrlich.
Ich bin doch ziemlich konsterniert, wenn ich am Telefon von meiner 85jährigen Oma hören muss, dass sie es ganz natürlich findet, noch rasch in den Coop zum Einkaufen zu gehen („Man kann ja doch nicht immer bloss drinnen sitzen“). Oder wenn wie die weit über 90 Jahre alte Dame aus der Nachbarschaft, nichts dabei findet, dass ihre ebenfalls nicht mehr ganz junge Tochter ihr die Haare machen kommt, der eine pensionierte Sohn bei ihr zum Kaffee trinken einkehrt, während der nächste gleich noch zum Mittagessen bleibt. Ich meine; Echt jetzt?
Derweil bleiben wir seit Tagen brav zuhause, legen uns ins Zeug, um Job und Familie und den ganzen Schulkram einigermassen mit Würde unter einen Hut zu bringen und streiten gnadenlos mit einem Teenager, der nur schwer einsehen kann, warum die Sache mit dem gestrichenen Ausgang und der restriktiven Handhabung jeglicher sozialer Kontakte auch bei ihm nicht Halt macht.
Dabei gehören wir ja alle nicht -bis überhaupt rein ganz und gar nicht- zur Risiko-Gruppe.
Aber wir sind nette Leute. Brave Bürger. Wir nehmen das ernst.
Ich will nicht, dass Menschen sterben müssen, nur weil ich alle Warnungen in den Wind geschlagen habe.
Und die Warnungen sind dringlich. Unüberhör- unübersehbar.


Manchmal überwältigt mich die Düsterkeit dieser Zeit. Corona ist dunkel und bedrückend. Aber auch mit Lichtblicken gespickt. Wie die Leute um Punkt 12:30 in landesweiten Applaus ausbrechen für all jene, die helfen, pflegen, retten. Das wilde Musizieren in Italien von Balkonen, Terassen, Fenstern. Gemeinsam. Schulter an Schulter. Das klingt so schön. Und tut so gut.
Ich wünsche mir und euch, dass jeder seine Nischen findet, um Gutes zu tun- und Gutes zu empfangen. Sich selber zu umsorgen ist nicht unwichtig. Im Gegenteil. Wer sich selbst verhungern lässt, kriegt niemanden mehr satt. Das sage ich, die ich so langsam aber sicher wieder in meine alten Jeans passe, ungewollt zu grossen Teilen, aber das Essen fällt mir gerade recht schwer, wegen dem Baby vor allem, das immer weint und quengelt, wenn ich mich an den Tisch setzen will. Überhaupt weint und quengelt er oft. Heute ganz besonders schlimm. Ich glaube, er hat, bevor er eingeschlafen ist, fast eine Stunde lang in meinen Armen geweint, richtige Tränchen sind ihm aus den Augenwinkeln gerollt und das klang so traurig, dass ich ein bisschen mitweinen musste…

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3 Kommentare zu Woche 1

  1. malena sagt:

    Liebe Bora
    Ich finde es wunderbar, wie Du das alles unter einen Hut zu bringen versuchst. Aktuell sitze ich im Spital und hoffe einfach nur, dass die Leute so viel als möglich zu Hause bleiben und die sozialen Kontakte auf ein Minimum beschränken.
    Italien, v.a. Norditalien hat eigentlich ein bekannt sehr gutes Gesundheitswesen..
    Selbst bin ich ja Gynäkologin. Ich kann aktuell nicht viel mehr als mein Büro räumen (musste ich, um Platz zu schaffen) und ein Kernteam für die Frauenklinik definieren, damit alle Anderen bei Bedarf verfügbar sind. Eine meiner Assistenzärztinnen steht im Moment im Einsatz vor unserem weissen Zelt.
    Es ist ruhig hier, und ich hoffe so sehr, dass es so bleibt.
    Deshalb nochmals: danke Dir und allen, die die Nachricht verbreiten: BLEIBT ZU HAUSE!

  2. Lisi sagt:

    hallo,
    auch wir in österreich bleiben schon seit 1,5 wochen brav zu hause und versuchen unsere kinder zum lernen und wiederholen zu motivieren. das ist nicht immer einfach, da hier ganz schnell der mama-faktor (wie ich es nenne) allen fortschritt bremst.
    beim lese dieses blog-eintrags fand ich es lustig, dass im dschungel der übungsblätter für unseren 7-jährigen auch dieses übungsblatt „auf dem bauernhof“ enthalten war.
    kopf hoch, wir schaffen das!
    ganz liebe grüße!

  3. Martina sagt:

    Liebe Bora,
    auch Dir sollte man ein Kränzchen winden für die vielen wichtigen Botschaften in Deinem Artikel: dass es Sinn macht, zuhause zu bleiben. Dass wir damit gar nicht unbedingt uns, sondern vor allem andere schützen. Dass das Personal im Gesundheitswesen zur Zeit Unglaubliches leistet. Dass (jetzt wird’s harmloser!) eine Struktur in diesen Tagen zuhause heilsam ist und den Kindern sicher auch gut tut auf ihre Art. Ich merke es ja an mir selber, selbst ich mache mir ungefähre Pläne, was ich wann tun will, und es hilft mir, was aus dem Tag zu machen. Und: schön anziehen am Morgen ist wichtig! Mit Schmuck und Lipgloss!
    Ich bin so beruhigt, zu hören, dass Ihr vernünftig seid und dass es Euch allen gut geht. Möge es so bleiben, auch allen Euren älteren Lieben! Ich denk an Euch in der Schweiz und hoffe, dass wir alle gut durch diese seltsame Zeit kommen.
    Alles Liebe!

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