Verrückt

Verrückt! Ich meine… was gerade geschieht. Mit uns. Um uns herum. Was abläuft und wie und vor allem- wie schnell. Seit gestern nachmittag die Bombe geplatzt ist, mitten in meinen Alltag, in mein relatives Unvorbereitetsein, und mich, ja, ich gebe es zu, in meiner ganzen Naivität erwischte, fühle ich mich merkwürdig schief und zittrig. Es ist so eine Art Mini-Schock. Weil ich nicht damit gerechnet habe, dass meine kleine Welt derart überrumpelt werden könnte von einem Virus, der offensichtlich die Macht hat, ganze Weltlandschaften ins Chaos stürzen. Beim Wort Corona-Virus kamen bisher mehr so Assoziationen wie „weit weg“, „aufgebauscht“, Medienrummel“ und „Massenhysterie“ in mir hoch. Ich war ziemlich sicher, das Ganze wäre nach kurzem, wenn auch heftigem Intermezzo überstanden oder -noch besser- dieser Kelch würde an uns vorübergehen.
Ich war blauäugig und dumm.
Obwohl ich ansonsten eher zu den sorgenvollen Menschen gehöre, die leicht in Panik geraten,  bin ich überrumpelt von der Plötzlichkeit der Dramatik. Das hat sicher auch mit der politischen Taktik der Schweizer Regierung zu tun; die Pressekonferenzen des BAG, die ich mitbekommen habe, waren immer recht… cool. Ich hatte den Eindruck, die Regierung wollte vor allem eins: Ruhe bewahren. Das Thema entschärfen, vielleicht sogar ein bisschen herunter spielen (als das Virus in Italien ankam, fand man das zB. -scheinbar- wenig alarmierend für die Schweiz), die Leute beruhigen. Aber im Hintergrund wurde an Notfallplänen, an Wenn’s und Aber’s gearbeitet, auf Hochtouren gedacht, geplant, vorbereitet.
Eigentlich finde ich das richtig so. Keep calm and carry on.
Aber manches verstehe ich auch nicht. Ich wäre schon froh gewesen um ein bisschen mehr konkrete Vorwarnung zum Beispiel bezüglich des nun definitiven Schulausfalls. Das kam wie eine Bombe
. Auf leisen Sohlen aber mit Rieseneffekt. Knall, Peng. Heute wäre ich der Schweizer Regierung vor allem dankbar um konkretere Angaben, wie genau sie sich das Sozialleben vorstellt in den nächsten Wochen. Sollen die Kinder sich überhaupt noch ab und zu zum Spielen treffen? Darf ich meine Mama noch zum Tee einladen? Was ist noch möglich? Was ein No-Go?
Fragen über Fragen.
Die Antworten sickern langsam und müssen zuerst lange und gründlich durchdacht, hin- und hergewälzt werden. Alles verändert sich. Entwickelt sich. In alle möglichen Richtungen. Abwarten. Geduld haben. Vorbereitet sein.


Auf der anderen Seite fühle ich mich sicher. Und bin wahnsinnig dankbar für dieses Gefühl. Ich habe gesunde Kinder, einen Mann und einen Sohn, die beide von zuhause aus arbeiten können, jetzt in dieser angespannten Situation. Ich habe ein Daheim. Das keiner verlassen muss, wenn er nicht möchte. Ich habe Türen zum Schliessen, Essen, um meine Liebsten satt zu machen, Decken und Kleidung, damit keiner frieren muss, Platz und Liebe zum Verschwenden.
Und wir sind gesund. Das muss ich mir wieder und wieder sagen. Wir sind gesund. Bis auf das Baby, das noch mehr hustet und schnieft und noch immer schlecht schläft, doch Dienstag sehe ich sowieso den Kinderarzt für die Halbjahreskontrolle, und wie gesagt; wir sind gesund. Das können nicht alle von sich sagen, also sollte ich wertschätzend mit diesen Worten umgehen.
Ich sass vor dem Haus, als ich die Neuigkeiten hörte. Meine Tochter kam von der Schule nach Hause und rief schon von weitem: „Vielleicht fällt ab Montag die Schule ganz aus! Sie beraten jetzt darüber im Bundesrat oder wie das heisst. Meine Lehrerin hat das gesagt, sowas hat sie noch nie erlebt…“ Es sprudelte und sprudelte und ich hörte zu mit offenem Mund. Mein allererster Impuls war (ihr dürft ruhig lachen): Ich muss unbedingt einkaufen gehen. *lach* Ausgerechnet! Am Tag zuvor hatte ich im Familien-Chat noch mit Scherzchen über hamsternde Kunden um mich geworfen, und jetzt…? Das mit dem Glashaus und den Steinen sollte ich mir definitiv zu Herzen nehmen.

Gerade räumen wir ein bisschen zuhause auf. Wir richten uns ein, könnte man sagen, ziehen die Decke enger um uns und machen es uns behaglich. Ich kann einen gewissen Kuschelfaktor nicht leugnen im Moment.


Wie meistens, wenn es drunter und drüber geht in meinem Leben, greife ich mir Wolle als Strohhalm. Gerade jetzt dieses wunderbare Altrosa, ein natürlich gefärbtes, achtsam hergestelltes DK-Garn von Woollentwine. Ich musste es einfach anstricken, kaum hielt ich es in den Händen. Und es ist soft, sage ich euch! Soft und leicht wie eine Feder! Ich wünsche mir einen Pullover daraus, einen Federleichtpullover, der wärmt ohne zu erdrücken. Einen sanften Woll-Knuddel sozusagen. Aber weniger in Rosa. Mehr in… Tannengrün vielleicht? Oder in Schokolade? Beides käme mir sehr, sehr gelegen, denn Tannen und Schokolade trösten auch und vermitteln mir ein Gefühl von Geborgenheit und „alles wird gut“.
Weil ich aber noch nicht ganz soweit bin -und Woollentwines Färbertöpfe auch noch nicht, sie ist erst dabei, wieder aufzustocken- habe ich mich anderweitig ein bisschen getröstet. Und selber gefärbt. Wolle gefärbt. Das habe ich noch nie gemacht, jedenfalls nicht im grossen Topf und mit siedendem Wasser und all dem. Doch es hat prima geklappt, richtig hexenhaft kam ich mir vor zwischendurch, wie ich so mit meinem Holzstecken in der dunklen Brühe gerührt und den braunen Blubberblasen beim Aufsteigen zugesehen habe… Drei Babysachen kamen ins eine Bad, ins andere eines meiner älteren Strickprojekte, die helllila „Shalom-„Cardigan, die ich vor 8 Jahren für meinen Kugelbauch gestrickt, nach der Geburt meines Pausbackenkindes aber immer seltener getragen habe. Warum? Ich weiss nicht genau… wegen der Farbe vielleicht? Ich fühle mich nicht pastell. Ich fühle mich erdig und gedeckt und ein bisschen verwunschen. Und mein Körper hat sich verändert. Mein Becken ist breiter, meine ganze Gestalt -bis auf die Hände- irgendwie stämmiger, habe ich den Eindruck.

Heute trage ich meine ehemals zartlila Weste also warm braun und mehrheitlich locker geöffnet über luftigen Kleidern. Ich mag es so, mag sie so, meine gute alte Shalom in ihrem zweiten Leben.
Shalom. Frieden. Auch ein gutes Stichwort. Gerade jetzt.

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6 Kommentare zu Verrückt

  1. Tina sagt:

    Liebe Bora, mir geht es genauso. Gestern war ich dauernd am Heulen. Aus Verzweiflung, aus der fehlenden Solidarität mit uns Krankenhauspersonal. Um Sorge um meine Assistenzarztkollegen, die jetzt schon über ihr Limit hinaus gearbeitet haben mit der 50+ Woche und um die ich mich echt Sorge machen, so ungeschützt (Masken sind teilweise schon alle) und mit angeschlagenem Immunsystem bei fehlender Zeit für Regeneration und gesunde Ernährung. Aber auch Sorge, wie wir die kommende Zeit stemmen sollen. Wie können wir (beide im Gesundheitswesen tätig) die Kinderbetreuung abdecken, insbesondere wenn ich zu Mehrarbeit gezwungen würde? Es ist grad schwer, mein Herz nicht hart werden zu lassen ab den Reaktionen ganz nah von mir, wo statt zusammen zu halten und vielleicht einen halben Tag für unsere Kinder zu schauen (wo doch ihr Kind dauernd bei uns spielt, an der Angst vom Virus liegt es nicht) einfach in die Ferien gefahren wird. Weil, wow, 3 Wochen bezahlter Urlaub… In der Krise zeigt sich das wahre Gesicht. Versuchen wir, zusammen zu halten. Alles Liebe euch und gute Gesundheit!

    • kirschkernzeit sagt:

      Ja, das kann ich gut verstehen. Du hast so schon eine riesengrosse Belastung in dieser Situation, also als Mutter und Frau, und dann gleich nochmals doppelt und dreifach im Spital! Ich finde es wahnsinnig, was ihr so leisten müsst im Moment (also auch sonst, aber jetzt umso mehr). Kein Wunder kommst du da an deine Grenzen! Habt ihr Spital-interne Kinderbetreuung bekommen? Bei uns haben zt die Schulen das aufgefangen, genau bei Menschen in deiner Situation. Oder das Spital hat die Kita geöffnet für Kinder des Personals. Wie habt ihr euch arrangiert?

  2. Andrea sagt:

    Ich hätte deinen Text geschrieben haben können. Mir geht es genauso. Ich bin genauso geschockt und denke auch: wie dumm ich doch war. Ich habe mit der Freundin noch drüber gesprochen, Vorräte anzulegen. Aber die waren dafür gedacht, das einer in Quarantäne muss und nicht, das hier alles zum Erliegen kommt. Jetzt waren wir letzte Woche einkaufe. Wir haben doppelt so viel wie normal für eine Woche ausgegeben, weil wir Vorräte für zwei Wochen aufgestockt haben. Dazu Wasser und H Milch, was wir sonst nie kaufen. Schokolade auch – für mich. Ich bin dazu noch schwanger und die Schwangerschaft wackelt am Ende ein wenig. Ich brauche Kontrolle. Muss wöchentlich ins Krankenhaus, dort aber wird man mich nicht besuchen dürfen. Kein Kind unter 12 Jahre und nur ein Besucher am Tag. Ich breche zusammen, wenn ich drüber nachdenke. Leider, leider kann ich nicht sagen: wir igeln uns ein und lassen nichts an uns ran. Ich muss ins Krankenhaus und mein Mann muss in die Bank. Alles erdrückt mich gerade. Es fing mit dem Schulausfall an, dann kam der beengende Einkauf, dann die news aus dem Krankenhaus…

    Wir richten uns zuhause ein. Ich habe Bastelmaterial gekauft. Ich habe den Plan aufgestellt und ich bete, das mein Körper noch durchhält, so das wir kein Frühchen bekommen und alles gut gehen darf.

    Liebe Grüße und bleibt gesund

    • kirschkernzeit sagt:

      Du Ärmste! Das ist nun wirklich zu viel gerade für dich! Hoffentlich entwickelt sich alles zum Guten! Vielleicht kann dein Mann ja mittlerweile homeoffice machen oder bekommt frei, wenn es dir nicht gut geht. Jetzt schwanger zu sein, stelle ich mir auch sehr belastend vor- zusätzlich zur normalen Belastung der Schwangerschaft hinzu…

  3. Regula sagt:

    Und dabei hat es noch gar nicht richtig angefangen. Exponentielles Wachstum ist zum Fürchten. Zu Hause bleiben, ist das Ticket. Also nicht die Mama besuchen und ums Himmels willen nicht die Kinder in die Schule und ins Rudel schicken! Ich wünsche dir alles Gute!

    • kirschkernzeit sagt:

      Ja, du hast recht; das Ganze ist so unüberschaubar! Schule findet keine mehr statt und Besuche sind gestrichen, genau. Hoffentlich ist das alles bald vorüber…

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