Nach vier Jahren…

… in der Schublade ist dieses Mädchen-Shirt hier doch noch fertig geworden. Im Sommer war das. In meiner Nesting-Phase. Wo alles und jedes noch fertig werden musste und ich lieber vor Erschöpfung umgefallen wäre als den Anblick überquellender Kram-Schubladen weiterhin ertragen zu müssen.
Leider hat aller Nestbau-Eifer nichts genützt. Meine Schubladen stehen immer noch voller Zeug, und es hat mehr angefangene Projekte oder hoffnungslos gehortetes Material, das man „bestimmt noch eines Tages brauchen kann“, als es irgendwie Sinn machen würde.
Doch gerade ist der Zeitpunkt bei mir wenig ideal für Marie Kondo. Entrümpelt wird später. Irgendwann. Jetzt gehören meine Tage dem kleinen Babykind und der Neu-Komposition meiner Familie, wo jeder ein kleines bisschen verrutscht ist in seiner Position und die Kleinste plötzlich grosse Schwester. Dass das nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen bedeutet, muss ich wohl nicht extra erwähnen, doch ich tue es trotzdem. Und was meine im letzten Post so selbstherrlich gerühmte stoische Gelassenheit betrifft: Kaum hatte ich die letzte Zeile getippt, geriet ich in irgendeinen Gefühlstornado einer meiner jüngeren Töchter und verlor prompt die Fassung. Nicht zum letzten Mal in dieser Woche. Ganz im Gegenteil: meine Hormone scheinen wieder in Bewegung gekommen zu sein und fahren munter Achterbahn. Der ruhig-zufriedene Zustand nach der Geburt war mir offen gesagt sehr viel lieber, aber ich bin scheinbar wie ich bin; kein Ruhepol und ganz bestimmt nicht Buddha.
Doch alles in allem denke ich, es wird so langsam. Mit Betonung auf langsam. Noch immer fliessen Kindertränen, wenn das Baby herumgetragen werden möchte, obwohl doch ein Puzzle bereit steht zum gemeinsamen Zusammensetzen, und manche von uns sind erschöpfter und reizbarer als sonst, doch es zeichnet sich bereits so was wie eine „neue Normalität“ ab in all dem Tohuwabohu. Und die tiefe Liebe, die ich empfinde für meinen kleinen Jungen ist sowieso grösser als jedes häusliche Gewitter. Sie gibt mir Kraft, Hoffnung, den nötigen Biss, wenn ich nach einer weiteren schlechten Nacht, in der ich mehr Zeit damit verbracht habe, ein unruhiges Baby zu wiegen und zu stillen, als wirklich zu schlafen, in einen neuen Tag starte.

Und nun zum Shirt *hüstel*. Es wird bereits rege benutzt. Als einziger Jersey-Pullover im Schrank meines Kindergartenmädchens, dessen Ärmel ihr noch bis zu den Handgelenken reichen und nicht schon Mitte Unterarm enden, kommt er jetzt, wo es kühler wird, natürlich rege zum Einsatz. Dass der Stoff („Mondblumen hell“ von C.Pauli) so weich ist, macht ihn gleich doppelt beliebt bei meinem anspruchsvollen kleinen Mädchen, und mich wiederum entspannen die schräg geratenen Nähte und meine Imperfektion in Sachen Nähen. Nichts ist hinderlicher im normalen Familienalltag als Dinge, die zu wertvoll sind, um richtig benutzt zu werden…
Schnitt und Anleitung für dieses Shirt stammen aus Meg McElwees „Mama-Nähbuch“. Ich habe schon früher damit gearbeitet und mag das Resultat noch immer sehr, sehr gerne. Einen ganz ähnlichen Pullover, den „Trotzkopf“, aus dem sich auch ein Kleidchen machen lässt, findet ihr aber auch kostenlos bei Schnabelina in ihrem wunderbaren Nähblog. Wer etwas Zeit findet, mag vielleicht ein bisschen bei ihr herumstöbern; es gibt viele schöne Ideen und ein paar ausgezeichnete Anleitungen zum Runterladen und Nach-Nähen…

Bis ich selber wieder zum Nähen komme, werden allerdings wohl Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre vergehen. Im Augenblick läuft alles, was über die absoluten Basics des täglichen Lebens hinausgeht, auf Sparflamme… Doch das ist in Ordnung so. Dass dieses Shirt hier sage und schreibe 4 Jahre gebraucht hat, um vollendet und schlussendlich auch getragen und gemocht zu werden, schenkt mir den nötigen Optimismus, um mit Überzeugung sagen zu können: Alles hat seine Zeit. Und das Gras wächst ganz bestimmt nicht schneller, wenn man daran zieht…

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2 Kommentare zu Nach vier Jahren…

  1. Sanne sagt:

    liebste Bora,
    du kannst dir wohl denken, wie sehr ich nachvollziehen kann, was du berichtest, ich ziehe meinen Hut vor dir….allein schon ,wie du schreibst, das gibt mir soviele Kilometer entfernt, immer wieder Mut und Hoffnung. Ich war damals nicht so reflektiert….irgendwie wusste ich damals viel weniger als heute. Was sich damals falsch anfühlte, ist heute bekannt als falsch und es gibt Erklärungen, Bücher, Hinweise, das Internet. Klar, Pädagogikratgeber habe ich immer schon gelesen ( seit ich die ersten Eltern Zeitschriften im (Papier)Müll fand und so freudig war, dass es sowas gibt). Jedenfalls war ich immer schon anders. Gut, weiter im Text, was will ich sagen? Du bist richtig richtig gut im kreativen, handwerklichen Herstellen. Jetzt ist die Babyphase, das ausbalancieren der neuen Situation. Du weisst ja schon, wie schnell diese Zeit verfliegt und ich wünsche dir von Herzen, dass du jeden kostbaren Moment genießt. In einem Jahr läuft dein Kleiner schon und wuselt mittemang bei euch mit. also, jetzt kommt es: ich nähe auch wieder. Ich bin so froh, so glückselig über jede Minute die ich damit verbringe. das wollte ich gern mit dir teilen. Schief, oder innere Nähte eben innere Nähte, egal, ich weiss wieviel Liebe und Herz ich mit hineinnähe. Und du auch, du sowieso. Allerherzlichste Grüße von Omi Sanne und grüß mal deine Mama von mir, an dir hat sie ein Goldstück.

  2. Sonja sagt:

    Oh so schön ist der Stoff, dass ich ihn gleich nachbestellt habe 🙂 Danke! Und super, dass der Pulli nach 4 jahren jemanden zum anziehen gefunden hat 😀 herrlich! Viel Kraft und Gelassenheit weiterhin und bestimmt kommst du früher wieder zum Nähen als gedacht 😉

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