Aus meinem Tagebuch: Was zählt

Drei Schnappschüsse aus einer kleinen Reihe von Bildern, die ich gestern kurz zwischen Stillen, Wickeln, Bilderbuchleserunde und allem anderen geknipst habe: Mein Baby. Mein Junge. Mein süsses, knuddeliges, pausbäckiges kleines Babykind, das jede Minute dieser Tage mit seinem Duft, seinem scheinbar unstillbaren Hunger, mit der ganzen, intensiven, bezaubernden Präsenz des Neugeborenen erfüllt.
Mein Kamera-Chip bleibt dementsprechend leer. Obwohl es so viel Neues, so viel Wunderbares, so viel Wunder-volles gäbe, das ich festhalten möchte… Doch ich halte es anders fest, nicht mit Sucher und Fotoarchiv, dafür mit den Armen, meinen Händen, meinen Augen und einem übervollem Herzen. Ich bin niemand, der eine Kamera im Gebärsaal braucht. Oder im Wochenbett. Nicht einmal mein Handy hatte ich dabei, als dieses kleine Wunder zur Welt kam. Ich brauche diese Freiheit vom Abbilden-Sollen und Verewigen-Müssen. Der Moment vergeht. Immer. Aber zuvor möchte ich ihn erleben. Ganz und gar.
Und später freue ich mich einfach an den Bildern und Memoiren, die entstehen durften, an den wenigen dafür umso mehr vielleicht…?

Im Augenblick bin ich noch mit Haut und Haaren und ganzem Herzen damit beschäftigt, zu verarbeiten, was geschehen ist. Es war eine gute Geburt. Trotz Einleitung. Trotz meinen Zweifeln, damit das Richtige zu tun und einem immensen inneren Widerstand gegen dieses „diktierte Gebären auf Knopfdruck“, „nur“ weil die Medizin aus irgendwelchen Statistiken ein erhöhtes Komplikationsrisiko unter der Geburt aus meiner Schwangerschaftsdiabetes liest. Ich bin sehr obrigkeitsgläubig. Ich vertraue den Ärzten. Sie haben Wissen, das ich nicht habe und Erfahrungswerte, die mir ganz klar fehlen, Bauchgefühl hin oder her. Trotzdem habe ich schwer gehadert mit diesem Beschluss. Mit dieser Art von Geburt. Die Art und Weise, wie heute mit sogenannten Geburts-Risiken umgegangen wird, die permanent wachsende Kaiserschnitt-Rate (in der Schweiz angeblich 25 bis 50 Prozent!) die so manche Hebamme mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis nimmt (auch meine übrigens, erst heute habe ich mit ihr darüber gesprochen), all das verunsichert mich zutiefst. Ich weiss nicht mehr genau, wen ein Arzt schlussendlich im Fokus hat, wenn er sich entscheidet, in eine Geburt einzugreifen und das Ruder an sich zu nehmen; Denkt er an mich als Mutter? An das Baby? An den guten Ruf seines Spitals? An sich selbst?
Ich habe immer mehr den Eindruck; Je weniger die Medizin darauf vertraut, dass der Körper selber agieren, heilen, Kräfte entwickeln kann, dass er über ein intuitives „Wissen“ verfügt, welche Mechanismen er ins Rollen bringen muss, um zu überleben, gesund zu werden oder ein Kind zur Welt zu bringen… desto mehr wird die Natur in uns zum Schweigen gezwungen. Mit Medikamenten. Mit OPs. Mit Eingriffen aller Art. Und dabei bröckelt auch unser eigenes Selbstbild vom kompetenten Menschen mit einem machtvollen Körper und ureigenem Wissen.
Ich bin kein Medizin-Gegner. Im Gegenteil; Ich würde mich durchaus zu den Schulmedizin-Anhängern zählen. Ich impfe alle meine Kinder gegen praktisch alles, was die WHO empfiehlt und habe keinerlei Gewissensbisse, bei Kopfschmerzen eine Schmerztablette zu schlucken oder einem Kind mit Ohrenweh ein Zäpfchen zu geben anstelle der oft gepriesenen Zwiebelwickel. Ich mag Pflanzenheilkraft, Kräutertees und Tinkturen, aber wenn es hart auf hart kommt, greife ich auch mal zur Chemie- und bin wahnsinnig dankbar dafür, dass es diese Möglichkeiten gibt für mich. Dass ich derart frei wählen kann. Dass ein grosses Fachwissen und unglaubliche Fähigkeiten im medizinischen Bereich sich wie ein Schutzschild über uns spannen… oder wie ein sicheres Netz, das uns auffängt, wenn wir fallen.
Bei dieser Geburt allerdings drehte sich der Spiess ein wenig: das Fangnetz wurde zur Fänge. Weil es die Möglichkeit der Absicherung gab, wurde sie vorausgesetzt: Mein Baby sollte fix am errechneten Geburtstermin zur Welt kommen, weil die Medizin der Statistik mehr vertraut als der Weisheit der Natur.
Und ich habe zugestimmt.
Wohl war mir nicht dabei. Überhaupt nicht.
Aber noch unwohler hätte ich mich gefühlt, hätte ich die ärztlichen Kompetenzen radikal in Frage gestellt und darauf gepocht, dass das Baby seinen Zeitplan selber wählen darf. In dieser Beziehung bin ich ein Feigling. Eine Selbst-Zweiflerin. Und es ging ja nicht nur um mich; da war ein kleines Menschlein, das ich auf alle Fälle und mit ganzer Kraft schützen wollte. Auch gegen meinen Willen. Irgendwie.
Nun; falsch war diese Entscheidung sicher nicht. Mein kleiner Junge kam so entspannt zur Welt, so kerngesund und reif für diese Welt wie bisher keines meiner Kinder. Kaum war er da, öffnete er die Augen, nahm all die neuen Eindrücke ruhig und mit stillem Erstaunen in sich auf und strahlte dabei eine unglaubliche Gelassenheit und einen tiefen Frieden aus. Ich glaube, für ihn war alles richtig so, wie es war. Da war Geborgenheit, da war Herzlichkeit, da war so viel Wärme und Menschlichkeit, die mich, meinen Mann und dieses Kind an diesem Tag durch diese so aussergewöhnlichen Stunden begleitet haben. Man liess uns Zeit, achtete auf meinen Körper, griff so wenig in die natürlichen Abläufe der Geburt ein wie nur irgend möglich und fragte vor, während, nach jedem weiteren Schritt nach, bevor man einen nächsten setzte. Die Hebammen waren wunderbar. Mein Mann genauso. Und im Grunde veränderte der Wehentropf die Abläufe dann gar nicht so sehr: 4.5 Stunden nach dem Ansetzen der Infusion, die man nur zögerlich und in kleinen Dosen erhöhte, lag ein rundes, vollkommenes kleines Bubenbündelchen in meinen Armen und suchte nach der Mutterbrust. Ein wenig länger als meine anderen Geburten. Ein bisschen schmerzhafter auch. Aber wahnsinnig bewusst erlebt und fokusiert und aktiv verarbeitet. Eigentlich war es schön. Es fühlte sich eigen an. Nicht eigentlich fremdbestimmt. Obwohl es genau das war.

Die letzten Tage über habe ich viel mit einer sehr guten Freundin gesprochen. Über dieses Erlebnis. Über diese für mich neue Art von Geburt. Über meine Zweifel, mein Erleben, was das alles mit mir gemacht hat. Noch immer macht. (Jede Geburt löst jeweils ungeheure Emotionen und Prozesse in mir aus.) Manchmal nagt etwas in mir und an mir. Sonderbare Gefühle des Versagens. Diese Stimme, die mir trotz allem einreden will, es nicht richtig gemacht zu haben. Etwas Wichtiges ausgelassen, in Dinge eingegriffen zu haben, die irgendwie nicht angetastet gehören. Vielleicht wäre es auch ohne eine Geburtseinleitung gegangen. Vielleicht war alles nur Panikmacherei und ich eine Frau mehr, die sich entmündigen liess davon. Vielleicht wäre es richtig gewesen, der Natur ihren Lauf zu lassen.

Aber schlussendlich kommt es nicht darauf an: während ich diese Zeilen hier schreibe, liegt ein süsses kleines Baby neben mir auf dem Bett und schläft mit geballten Fäustchen in seinem Häkeldecken-Kokon. Es geht ihm gut. Mir geht es gut. Mein Mann und ich teilen die Erinnerung an intensive, aber schöne, bewegende, innige Stunden im Gebärzimmer, an die Anfänge einer neuen Menschengeschichte, die begleitet wurden von wunderbaren Frauen, die es gut mit uns meinten. Diese Zeit trägt ihren eigenen Zauber. Dem bin ich verfallen. Und meinem Babykind. Mit allem, was ich bin.
Das ist, was zählt.

PS. Habt meinen innigesten Dank für die lieben Worte und guten Wünsche zur Geburt meines Kleinen! Dass das erste Foto zuerst auf Instagram veröffentlicht wurde und nicht hier im Blog, das war mir eigentlich gar nicht recht; ich fühle mich hier so wohl und verbunden, dass ich an sich viel lieber hier zuerst diese schöne Neuigkeit verkündet hätte… Aber wie das eben so ist; mit dem Handy geht alles verlockend schnell und unkompliziert. Und ich komme so selten dazu, meinen Laptop aufzuklappen, Fotos zu knipsen, sie auf meinen Computer zu laden und entspannt dazu zu schreiben…
Instagram wird wohl meistens schneller sein.
Aber mein Blog bleibt persönlicher, offener, der Ort, an dem ich wirklich erzählen möchte… Habt Dank für euer Zuhören. Die liebevollen Feedbacks. Das bedeutet mir sehr viel, ehrlich.

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21 Kommentare zu Aus meinem Tagebuch: Was zählt

  1. Iris sagt:

    Meine allerherzlichsten Glückwünsche zum neue Familienmitglied. Einen ganz zuckersüßen Jungen haben sie da. Ich freue mich sehr mit Ihnen und Ihrer Familie.
    Nordische Grüße von Iris

  2. Natalie sagt:

    Herzlichsten Glückwunsch zur Geburt eures so so süßen Goldschatzes! ❤️🙏🌻
    Du kannst wirklich stolz auf dich sein!
    Herzliche Grüße von Natalie

  3. Barbara Karl sagt:

    Alles, alles Gute und Gottes Segen zur Geburt deines/eures Babybuben! Ich freu mich mit euch und wünsche euch gutes Kennenlernen und einen wunderbaren Start gemeinsam ins Leben!

    Herzliche Grüße, deine Barbara

  4. Steffi Appelles sagt:

    Liebste Bora,
    herzlichen Glückwunsch zu Deinem kleinen Buben!! Ich freue mich sehr für Dich! Und ich bin froh, dass die Geburt nun doch gut abgelaufen ist. Ich habe viel an Dich gedacht und an das Einleiten und welchen Druck dieser fixe Termin auf Dich ausüben könnte bzw. konnte.
    Nun ist alles gut und der Bub ist da – wie schön!
    Sei ganz fest umarmt von Deiner Steffi aus Bremen.

  5. Romy Hölzel sagt:

    Liebe Bora, ich freue mich von ganzem Herzen für dich, deine Familie und den neuen Erdenbürger. Alles, alles Gute und viel Gesundheit und Glück wünsche ich euch. Romy aus Berlin

  6. Liebe Bora,
    auch hier nochmal meine herzlichsten Glückwunsch! Ich habe so viele Gedanken zu deinem Post im Kopf, die wandern hoffentlich ganz bald in eine Mail an dich. Ich freue mich zu lesen, dass du und ihr trotz aller Umstände eine schöne Geburt hattet und so wohlauf seid. Solch ein bezauberndes kleines Menschlein!
    Alles Liebe Sternie

  7. coco sagt:

    Liebe Bora und Familie,
    Ich gratuliere dir/euch herzlichst zur Geburt eures kleinen Babybuben.
    Ich freue mich so sehr mit mit euch!
    ..und so schön,dass du dieses Wunder mit uns teilst.
    Gute Gesundheit und alles Liebe.

    coco

    *Ich wünsche dir Augen…
    die im Kleinen die vielen grossen Wunder sehn.*

  8. Stefanie sagt:

    Oh, welche Überraschung, noch die letzten Tage hier im Blog gewesen und nun diese schönen Neuigkeiten. Herzlichen Glückwunsch! Sieht der süß aus!
    Viele liebe Grüße von einer begeisterten Leserin Deines Blogs
    Stefanie aus München

  9. Waldfrau sagt:

    Liebe Bora,
    ich lese Worte einer Starken Frau, die zu dem steht, was ist. Das ist wundervoll! Es war bestimmt gut so, wie es war. Und was solls, ändern geht jetzt eh nicht mehr. Und der kleine zweifelnde Rest hat, klar, Berechtigung. Eben weil es ja in dir auch zwei Stimmen gab. Aber warum denen jetzt nachhängen? Jetzt hast du die Erfahrung gemacht und kannst dich ggf das nächste mal für dein Bauchgefühl entscheiden. Ich wünsche euch weiterhin eine wundervolle Zeit des Ankommens. Der kleine ist soooo süß, wie gern würde ich ihn auch ein wenig rumtragen…. <3
    Liebe Grüße, Sonja

  10. Alexa sagt:

    Oh Bora, ich sende Euch die herzlichsten Glückwünsche! Und dem neuen Erdenbürger ein herzliches Willkommen!
    Ich bin gerade sooo froh Dich und Deinen Blog wiedergefunden zu haben und drücke Dich einfach aus der Ferne von Herzen!

  11. Katja sagt:

    Allerliebste Bora, willkommen Erdenkind – was fuer ein Segen – alles erdenklich Liebe und Gute fuer den kleinen Knaben – moege er gesund bleiben, Freude schaffen, Liebe erleben. Ich umarme Eure Familie.

  12. Slo sagt:

    Wie schön, meine Glückwünsche.
    Lieben Gruß, Slo

  13. andrea sagt:

    liebe bora, da ist es ja, das babykind! herzlichste glückwünsche und alles gute! und danke, dass du deine zweifel mit uns geteilt hast. die menschlichkeit dahinter berührt mich tief. eine liebe umarmung, andrea

  14. Wollwesen sagt:

    Vielen Dank für diese wunderschönen Bilder und den so schön geschriebenen Text!
    Und noch einmal die herzlichsten Glückwünsche für Dich und Deine Familie!!!

    Helga

  15. E. sagt:

    Auch von mir die herzlichsten Glückwünsche und Gottes Segen für eure ganze Familie!

    E. aus dem Schwarzwald

  16. Beate sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zur Geburt eures neuen kleinen Wunders – ich hatte ihn tatsächlich schon auf Instagram bewundert 😍

  17. kristina sagt:

    So ein wunderschönes Menschenkind! Alles alles erdenklich Gute für diese so wundervolle Zeit. Ich finde ihr Geburtsbericht hört sich sehr rund an…und ich kann doch ihre Überlegungen nachvollziehen, eine Einleitung wäre auch schwierig für mich gewesen…aber sie sehen ja jetzt ganz genau was zählt! Hach, ich könnte auch noch mal 😉 Wie alt sind sie jetzt Frau Kirschkernzeit wenn ich fragen darf?

  18. Iris sagt:

    Liebe Bora,
    die besten Wünsche für das neue Erdenkind und die ganze Familie. Ich bin zwar eine Stille, aber langjährige Mitleserin und komme gerne hier auf den Blog. Quasi zur Entspannung. Selbst wenn sie von Chaos schreiben, vermittelt es mir das Gefühl, dass ich darin gerne Kind wäre. Ich kann die Gedanken und Zweifel zum Geburtsweg absolut nachvollziehen, doch sie haben das Beste draus gemacht und die Situation so angenommen, wie es für sie am tragbarsten war. Was kann daran falsch sein? Das sich insgesamt in der Situation auf das Gebären was ändern muss, ist eine andere Sache.
    Beste Grüße und wunderbare Babyzeit
    Iris

  19. Raniso sagt:

    Liebe Bora, deine Worte und die Fotos rühren mich zu Tränen! Schade konnte ich deinen Babyjungen letzten Sonntag noch nicht persönlich kennen lernen. Ich freue mich schon darauf… und auf dich 🙂
    Ganz liebi grüäss, anja

  20. Taija sagt:

    Herzlichstes Willkommen für den kleinen Menschen und Alles Liebe für Dich. Jede Geburt hat ihre Geschichte ( und natürlich muss diese auch erzählt werden können) und welch ein Segen, dass es Euch gut geht. Liebe Grüße, Taija

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