right now in 9

1. Septemberlicht wechselt sich ab mit trüben, klammen Morgen, die mich nur schwer aus dem Bett kommen lassen. Und nicht nur mich, was das betrifft; gerade Nebeltage bringen es an den Tag, wie unsagbar schulmüde ein paar meiner Kinder bereits jetzt schon wieder sind, nach nur wenigen Wochen im neuen Schul-Rythmus. Mein frischbebackenes Kindergartenmädchen wenigstens, findet sich langsam ein in ihrer neuen Realität. Ihr Herz wird ruhiger, die Mittage und Nachmittage wieder entspannter, die Morgen für sie und mit ihr gelassener. Dafür bin ich dankbar. Es nimmt einen Teil des Druckes von uns, der uns die erste Zeit im Schulalltag ein bisschen vergiftet hat. Und ja, dankbar bin ich auch für die Sonne. September-Sonnen sind etwas ganz Besonderes. Warm aber mild. Sanft und besänftigend. Und jeden Tag aufs neue hochwillkommen.

2. Den Gegenpol dieser goldenen Phasen bilden die Schatten. Nebelschwanden und Silberblick. Der Garten ist feucht und vieles schimmelt noch vor der Reife; die Aprikosen sind noch an ihren Ästen verfault, der Holunder bildet Beeren, die bereits gären bevor sie richtig schwarz sind, die Äpfel scheinen über Nacht zu verschwinden. Nur die weissen Himbeeren werden süss und saftig und dick, die Quitten prall, mit kräftig-grüner Schale. Ein Grossteil der Meerschweinchen-Wiese ist hoffnungslos vermoost. Je mehr Bäume und Büsche desto weniger Gras bleibt für unsere Tiere übrig, so dass wir grösstenteils mit Heu und Rüst-Abfällen von Möhren, Peperoni oder Apfelbutzen vom Kinder-Znüni nachfüttern müssen. So war das nicht geplant ursprünglich. Aber es ist wie es ist. Ein Punkt mehr, der mich von mehr Land träumen lässt…

3. Was mein Kräuter-Gartenjahr angeht: Es war bisher recht trostlos. All meine Vorsätze und Pläne von eingemachtem Sirup, Salbeihonig oder Gläsern voller getrockneten Kräutertees verpufften irgendwie im Laufe der Monate. Die Kräuterspirale wurde von zwei, drei dicken, fetten, schwarzen Spinnen annektiert, die mir derart ungeheuer sind, dass ich den Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern nicht überschreite, sprich das Zitronenkraut oder den Thymian nicht anrühre aus lauter Angst, es könnte genau dann, wenn ich zupfe und schnipple so ein garstiges Krabbelvieh aus seinem dicken Röhrennetz hervorspähen *schauder*. Allerdings ist sowieso keine meiner Kräuterpflanzen so richtig schön gediehen. Der Salbei vertrocknet, der Thymian ausgeblüht und mager, das Zitronenkraut schmächtig. Nur der Schnittlauch ganz unten im feuchteren Teil der Spirale gab ab und zu genug her, um einen Dipp damit anzurühren oder den Salat, von dem es auch eher wenig zu ernten gab, mit ein paar Röhrchen aufzupeppen.
Gestern habe ich versucht, ein bisschen aufzuräumen. Nach nur einem Beet musste ich allerdings aufgeben, weil mein Becken vom Bücken einfach zu arg schmerzte. Den Grossteil der Pfefferminze habe ich dem Kompost gespendet, aber eine Schüssel voll ist gesäubert und zerpflückt und wartet nun darauf, im Dörrex für den Winter getrocknet zu werden. Meine einzige Ausbeute in diesem Jahr. Aber wir wollen dankbar sein. Die Natur ist nicht nur für uns Menschen da: sie teilt mit allen, und Bienen, Falter und Krabbelgetier fahren ihren Teil der Gartenernte gerne ein, wenn wir sie nur lassen. Dass mein Lavendel von mir völlig ungenutzt verblüht ist, macht mich darum überhaupt nicht traurig: das fröhliche Gesumme und emsige Geschwirr während seiner Blütezeit war eine grosse Freude und mir Ernte genug…

4. Wir hatten Ratten. Im Keller. Was wir zuerst als süsse, kleine Maus zu identifizieren glaubten und uns anfangs, als wir die ersten angeknabberten Lebensmittel im Vorratsraum entdeckten, überhaupt nicht gross erschreckte, entpuppte sich nach einer Weile als ganze Wander-Ratten-Familie. Spätestens als wir die ebenso gewaltige wie angriffslustige Mama-Ratte in der selbstgebauten Lebend-Falle hatten, fanden wir das Ganze dann auch nicht mehr wirklich süss und harmlos. Jedes Tier, das wir fangen konnten, kam raus in den Wald. Die löchrigen Gitter vor den Keller-Lüftungsschächten wurden erneuert. Die Abdeckung zu einer Wasserröhre subito wieder aufgesetzt und mit schweren Steinen beschwert. Manchmal höre ich es nachts daran knabbern. Ich denke an pelzige Meere im Mittelalter und sehe die Geschichte des „Rattenfängers von Hameln“ in einem völlig neuen Licht.

5. Zurück zu erquicklicheren Themen. Meine Socken-Strickerei kommt langsam voran. Im Moment hat sie ein wenig stagniert, weil ich abends gerade zu müde bin zum Aufbleiben und meine Vormittage sich irgendwie mit anderen Dringlichkeiten füllen, aber mein zweiter roter Kinder-Stiefelstrumpf und meine erste Herbst-Socke wachsen langsam ihrer Vollendung entgegen. Besonders schön finde ich das goldene Merino-Yak-Socks-Sockengarn der Spinnwebstube. Es gleitet warm aber leicht seidig durch meine Finger und gefällt mir verstrickt genauso gut wie zum Ball gewunden oder naturbelassen in seinem Strang. Und die wunderschönen Projekt-Bags aus „Mimis Laden“ sind mir zu treuen Begleiterinnen geworden, die ich nicht mehr hergeben würde…

6. Ein bisschen genäht habe ich auch. Allerdings völlig stümperhaft und mehr auf Nutzen als auf Optik ausgerichtet: Aus einem wirklich uralten, nicht mehr ganz lupenreinen Baby-Duvet, das ich zwar hässlich aber schlicht zu praktisch fand zum Wegwerfen, wurde ein spontaner Krabbelquilt, den ich einfach entlang seines Musters und mittels einer abgesteppten Saumnaht rudimentär zusammengequiltet habe. Kein besonders gelungenes Projekt, das sehe ich ganz realistisch. Aber ein Brauchbares. Nicht zu schade für dreckige Böden und Babyspucke. Und das andere da links oben im Bild, das sollen Stilleinlagen sein. Nach einer Anleitung aus dem Netz, mit Vlies-Mittelteil, Baumwollestoff nach aussen und alten Jersey-Resten für auf der Haut. Wie sie aussehen: blöd. Wie sie sich bewähren wird sich wohl bald zeigen…

7. Dafür bin ich rundum zufrieden mit meinem Flickwerk hier: die beiden Lieblingskleidchen meiner zwei jüngsten Mädels bekamen -inspiriert von diesem Buch hier– handgestichelte Flicken aus den alten, zerschlissenen Jersey-Sachen, die ich in meinem Näh-Schrank genau für solche Zwecke horte. Und sehen damit irgendwie gleich nochmals so liebenswert aus, finde ich. Je mehr ich mit einem Kleidungsstück in Berührung komme, es sehe, anfasse, pflege, repariere, desto mehr wächst es mir ans Herz. Desto mehr wird es Teil meines Lebens, ein Gegenstand, zu dem ich eine Beziehung entwickle, anstatt ihn einfach nur zu benutzen. Und ich merke; ich bin ein Beziehungsmensch. Was für mich zählt, ist die Art und Weise, wie ich empfinde gegenüber der Dinge, Menschen, Orte oder Momente.

8. Und wo wir gerade von Empfindungen sprechen: im Augenblick fühle ich mich hin- und hergerissen zwischen haltlosem Aktivismus und fauler Trägheit. Das Chaos um mich herum nimmt permanent zu. Die fleissige Biene in mir summt darum umso hektischer. Aber mein runder werdender, nicht mehr wirklich leistungsfähiger Körper bremst mich aus. Ich versuche, gelassen zu bleiben und die Balance zu finden zwischen gemütlichen Ruhephasen mit meinen Stricksocken auf dem Sofa und geschäftigem Hantieren mit Mülltüten, Brocki-Boxen und Staubsauger. Aber eigentlich ist das nichts neues. Dieser Spagat gehört zu meinem Leben, soviel habe ich immerhin gelernt. Mit Baby dann umso mehr.

9. Ja, das Baby… Ich habe alle meine 5 Kinder bisher normal und spontan zur Welt bringen dürfen, absolut komplikationslos und relativ rasch bis rasend schnell. Trotzdem bin ich ungeheuer nervös, wenn ich an die bevorstehende Geburts dieses 6. Kindes denke. Alles ist irgendwie anders diesmal. Diese Schwangerschaft war noch happiger als die letzte, die Vor- und Senkwehen für mich ungewöhnlich stark und anhaltend und für mich überhaupt eine neue Erfahrung, und dank der Schwangerschafts-Diabetes, in der ich mir zweimal täglich Insulin spritzen muss, um meinen Blutzuckerspiegel so einigermassen im grünen Bereich zu halten, gibt es nun auch eine Deadline, was meine Kugelzeit betrifft. Die Geburt wird am errechneten Geburts-Termin eingeleitet. An meinem Kühlschrank hängt bereits ein Zettelchen mit Zeit und Datum und ich kann kaum sagen, wie sonderbar sich das Ganze anfühlt. Aber nun denn. So sei es. Hauptsache, es kommt alles gut. Ein bisschen Zeit bleibt ja noch…

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4 Kommentare zu right now in 9

  1. Hirundo rustica sagt:

    Liebe Bora,
    gell, das ist eigenartig, dass das Obst manchmal am Baum schon faulig wird. Weißt du, woran das liegen könnte? Sind es Schädlinge?
    Ja, ich habe mich auch so an denen gefreut, die unsere Blüten umschwärmt haben. Vielleicht setze ich nächstes Jahr noch mehr auf Blumen- ich schaffe es derzeit nicht, mich so um die (Gemüse)Beete zu kümmern wie ich gerne würde.
    Uuh Ratten, das ist ja schon ein bisschen gruselig… hoffentlich habt ihr nun alle ausgesperrt.
    Sie nachts knabbern zu hören stelle ich mir nicht so romantisch vor.

    Ich wünsche dir Zuversicht für die bevorstehende Geburt! Es wird hoffentlich alles gut kommen. Vielleicht ja sogar vor dem Termin?
    Aber ich kann deine Unruhe nachvollziehen. (Ungefähr vor einem dreiviertel Jahr habe ich dir doch von so was geschrieben)
    Vor allem, wenn man schon weiß, dass diese Geburt besondere Voraussetzungen hat. Und dann hat man zwar schon Erfahrung. Aber trotzdem ist jedes mal aufs Neue einzigartig und unvorhersehbar. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass es eben gerade die Erfahrung ist, die einen Unruhig macht, oder? 😉
    Gott beschütze euch! Alles Liebe!

    • kirschkernzeit sagt:

      Du Liebe! Dein „Gott beschütze euch“ hat mich jetzt besonders berührt… und bei dir ist ja auch alles so gut ausgegangen mit deinem Babymädchen und der damals noch so unsicher erwarteten Geburt, ich erinnere mich so gut…

  2. Regula sagt:

    Wir haben auch Krabbelgetier in den Wänden, aber ich hoffe doch, es sind keine Ratten. Ratten gehen nicht ins Dach, oder? Mein Garten könnte auch ein bisschen Aufmerksamkeit gebrauchen, aber ich denke mal, es ihm und dem Getier egal. Mensch tendiert, die Natur in die Zügel zu nehmen. In Osteuropa hat es mir gerade deshalb so gut gefallen, weil nicht alles gepützelt ist. Wenn die Frucht am Baum verfault, ist das ein bisschen schade, aber wie du sagts: Alles dient einem Zweck, das muss ja nicht unbedingt der Mensch sein. Alles Gute! Ich denk an dich. LG von Regula

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