Abenteuer Kool-Aid

Sommerflimmerhitze. Kaffee-Eis schmilzt in meinem Bauch. Ich bin träge wie ein Nilpferd und kraftlos wie eine welke Tulpe. Alles dauert ewig und zwei Tage. Ich fühle mich zäh und bedroht von meiner Schwerkraft; jede Bewegung kostet so schrecklich viel Energie und Muskelkraft, allein das Aufhängen einer Socke überschreitet mein Stemmvermögen…

Aber so ist das nunmal.

Juli-Sommer und hochschwanger und ein Eisenspiegel, der schon seit 2 Wochen bedrohlich tief im Keller liegt – das zusammen ergibt ganz einfach eine denkbar bürdenreiche Kombi. Da kann man nicht klagen. Nur abwarten, kalten Tee trinken und sich üben in der Golddisziplin „Geduld“. Bis es etwas abkühlt. Bis die Frauenärztin zurück ist aus den Ferien. Bis zur Eiseninfusion. Bis auf  leichtere Tage, in denen das Leben wieder an Schwung gewinnt.
Und zwischendurch hilft auch ein Blick zurück. Auf die letzte Woche, die sich irgendwie ganz wunderbar entspannt, licht und unkompliziert von Tag zu Tag spann wie ein Spinnwebfaden aus Seidensilber, den das Sonnenlicht bunt einfärbt.
Zwei meiner Kinder verbrachten ihre Zeit mit Papa im Indianerlager, was fürchterlich viel Spass gemacht haben muss und allen so richtigrichtigrichtig gut tat. Und der Rest meiner kleinen Schar teilte sich das Haus mit Gästen aller Art, mit spontanen Mittagsgästen, der ersten Liebe meines Sohnes, mit Übernachtungsbesuch und Kaffeeklatsch. Kunderbunt war das. Belebt wie eine italienische Piazza. Die Türklinke ging von Hand zu Hand, Stimmengewirr erfüllte die Räume, und dazwischen putzte ich die verwaisten Zimmer, gab Gerümpel ins Brocki und freute mich an der Ausgeglichenheit der Stunden.
Nicht zu viel.
Nicht zu wenig.
Es war warm, aber massvoll, und geschlafen habe ich wie ein Herrgöttlein.

Und dann haben wir Wolle gefärbt. Zwischen Johannisbeer-Muffins-Backen, Badezimmerputzen und dem Ernten frischer Zuchini. Noch quasi mit Essigreiniger an den Händen.
Beim Ausräumen einer alten Kommode kam mir ein Paket in die Hände, das mir Rita einmal vor an die 7 oder 8 Jahren zugeschickt hat, ein Färber-Paket, komplett mit blütenweisser Sockenwolle, Kool-Aid-Getränkepulver in 3 Farbtönen (und Geschmacksrichtungen), mit Plastikhandschuhen und zweierlei extra für mich ausgedruckten Anleitungs-Seiten, alles so durchdacht und vollständig, dass es eigentlich keine Entschuldigung mehr gibt für die verstrichenen 7 oder 8 Jahre, die dieses Woll-Färbe-Set unberührt in meiner Schublade gelegen hat.
Ausser vielleicht dieser hier: Ich tue mich grausam schwer mit allem, was neu ist. Ich habe Angst vor Fehlern. Sie wiegen schwer wie Tadel und hemmen alle Neuschritte.
Dabei war es nicht schwer. Das Färben. Nichts daran. Selbst meine 2 kleinen Mädchen kamen damit zurecht, hantierten souverän mit Löffel und Farbe und klecksten dicke Pfützen zur Wolle aufs Blech. Rote Pfützen vor allem, denn zwei der drei Kool-Aid-Sorten mögen vielleicht verschieden geschmeckt haben, sahen sich aber farblich gleich wie Zwillinge; kirschrot, tomatenrot, ein klein wenig wie frisches Blut aus einem Schnitt.
Doch wir haben nichts gegen etwas Blut. Und gegen Kirschen und Tomaten schon gar nicht.
Weil es gerade so praktisch war, kamen die beiden vollgeklecksten Wollstrangen gleich mit den Blechen in den Backofen zum Fixieren. Und dann vom Ofen ins Bad, vom Bad an die Leine, von der Leine ins Wollregal, vom Wollregal ins Strickkörbchen. Zumindest einer der Strangen, der meiner Kleinsten. Weil sie genauso neugierig war auf das Farbbild, das ihr Färbewerk verstrickt abgeben würde wie ich. Und weil sie warme  Socken brauchen wird im Herbst. Für den Waldtag im Kindergarten, wo nur noch Gummistiefel gegen das Nass in den Gunten und matschigen Waldwegen helfen und Wolle gegen die Kälte, die sich so rasch zwischen kleinen Zehen verkriecht.
Nun; das Farbbild ist… speziell.
Das sicherlich.
Vielleicht doch ein bisschen viel Blut im Rot und zu wenig Nuancen-Reichtum insgesamt. Wir hätten es wohl doch besser bei den Farbpfützen lassen sollen und nicht gleich alles Weiss zu ertränken brauchen. Sprenkel hätten auch gereicht. Aber man muss das verstehen; der Spass war einfach zu gross, da konnte man kaum aufhören mit Klecksen und Tränken und Verteilen und irgendwie schien es bald einmal zu wenig Wolle für all die schöne Farbe.
Nun, Socken sollen es werden und Socken werden es auch. Und wenn dann die Erinnerung an diese wunderbare, reiche, üppige Sommer-Zeit, an all die Freude und Spannung und Versunkenheit des Moments an düsteren Regenwetterherbsttagen aus nassen Gummistiefeln blitzt, in ihrer ganzen kirschtomatenblutroten Pracht… dann soll mir das nur recht sein.
Danke Rita.
Danke Sommer.
Danke Leben.

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5 Kommentare zu Abenteuer Kool-Aid

  1. Wollwesen sagt:

    Diese Wolle sieht einfach umwerfend aus und passt genau in die Beeren-reiche Sommerzeit momentan!!! Tolle Idee und die Kinder hatten bestimmt auch eine große Freude…!
    Zu Deinem letzten Post wollte ich Dir noch schreiben, dass ich spontan gleich das Peso-Rezept ausprobiert habe, als wir gestern abend Besuch bekommen haben. Und alle waren begeistert!
    Es hat aber allein schon Freude gemacht, das Video dieses sympathischen älteren italienischen Herrn anzusehen….

    Liebe Grüße und vielleicht landet etwas von der Leichtigkeit bei Dir, die ich Dir hiermit zum Erleichtern der letzten Schwangerschaftswochen zusende,
    Helga

    • kirschkernzeit sagt:

      Ich danke dir von ganzem Herzen! So schön, all diese lieben Dinge von dir zu lesen, du GUte!
      Und mir geht es genau wie dir: Massimo Bottura hat ungemein viel Charme und Esprit! Ich fand ihn schon bei Netflix in der Küchenchef-Doku-Serie wahnsinnig inspirierend und sympathisch…

  2. andrea sagt:

    danke liebe bora. wie immer erwärmst du mir das herz damit. dir wünsche ich gutes aushalten!
    ich mache mir neuerdings immer nase tücher bzw. haarbänder um den kopf. wirkt gut.
    alles liebe für dich, andrea
    ps. erinnerst du dich an das geschickte buch? ich hab es nochmal geschenkt bekommen. freude.

    • kirschkernzeit sagt:

      Wie schön, liebe Andrea!!! Und ja, nasse Tücher sind sicher eine prima Sache! Oder einfach nasse Haare…

  3. Pingback: Eine Endsommer-Baby-Latzhose |

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