Für meine Mama: eine Gretelies

Samstag! Phu…ich kann euch sagen, ich bin ganz schön erleichtert, dass Wochenende ist. Irgendwie war diese Woche ganz schön tough. So vollgestopft. Termine, Termine, Termine. Und glutheisse Sommertage, richtige Hundstage mit Tropennächten. Ich konnte bisher nie so recht nachvollziehen, wieso mich die Leute jeweils mitleidig anschauen, wenn ich erwähne, dass mein Baby erst Mitte September zur Welt kommen soll (was ich selber kaum glauben kann, wenn ich mir meinen prallen Bauch so ansehe).
„Oje“, rufen sie dann, „da hast du ja noch den ganzen Sommer vor dir. Und es wird ja noch heisser…“
Bisher fand ich immer, der letzte Teil einer Schwangerschaft sei ja ein Klacks gegen das erste halbe Jahr. Oder sagen wir, ein Kläckschen.
Aber jetzt beginne ich, zu begreifen. Und ich verstehe auch so langsam, was manche Frauen meinen, wenn sie von schweren, schmerzenden Beinen erzählen oder vom Gefühl, kaum noch Luft zu bekommen, weil der Babybauch gefühlt bis oben zum Schlüsselbein drückt, so dass Magen und Lunge kaum Platz finden. Dazu dann diese Backofen-Temperaturen- eine grottenschlechte Kombi.
Aber hey; jetzt ist Samstag! Die Knilche konnten ausschlafen und sind allesamt zufrieden und ausgeruht, was vielversprechend klingt und von einem bolzengeraden Haussegen spricht (*mir selber die Daumendrück*). Streitereien und Hektik kann ich nämlich kaum noch ertragen in letzter Zeit, also noch weniger als sonst, und ich war bereits im Normalzustand eine nervöse Mimose.

Heute morgen bin ich mit meinem Kindergartenmädchen bereits um 7:30 nach draussen in den Garten gegangen, habe für die Meerschweinchen Gras von der grossen, verwaisten Kirschbaumwiese hinter’m Block gepflückt, alle Gehweglein im Garten gefegt und in aller Ruhe meinen Coffee on the rocks getrunken. Mein Mann macht in letzter Zeit immer Cold Brew, etwas, das ich bisher gar nicht kannte, aber als äussert mild empfinde und absolut verlockend, vor allem, wenn dann ein voller Liter davon eiskalt in der Glaskaraffe im Kühlschrank steht, mit schimmernden Kondensationsperlen am Glasrand, und nur darauf zu warten scheint, von mir hinuntergebechert zu werden.
Natürlich bechere ich nicht.
Nach zig schlimmen Abenden mit drückendem Magen, wo ich kaum Schlaf finden konnte, habe selbst ich ein bisschen was dazu gelernt. Obwohl ich zugeben muss, dass es mir schwer fällt, die Finger von Glas Nummer 2 und 3 und 4 zu lassen.
Was mich neben dem zarten Lüftchen, das der Hitze einen Riegel schiebt, neben dem Grünen und Reifen im Garten und der Beschwingtheit einer ausgeschlafenen Kinderschar sonst noch freut heute morgen; der Rückblick auf viele, viele kleine, stille Ich-Momentchen. Diese Woche war hektisch in ihren Länge, aber sie hielt jeden Morgen mindestens eineinhalb bis sogar volle zwei freie Stunden für mich bereit. Ein Wahnsinnsgeschenk. Richtige Kleinode. Luxus pur. Die Kinder in der Schule, die Kleinste noch im Bett, ich mit klappernden Nadeln auf dem Sofa.
Dass dann plötzlich Projekt um Projekt fertig wird, erscheint mir zwar wie ein Wunder, aber ja, so ist es im Augenblick; Nach der dunkelgrauen Babyhose letzter Woche, konnte ich nun auch den rostroten Pullover meiner Grossen vorgestern waschen und draussen in der grünen Hängematte trocknen. Ein wunderbares Gefühl, denn ich war mir überhaupt nicht sicher, ob ich noch vor ihrem Geburtstag am 31. Juli damit fertg werden würde.
Wurde ich aber.
Und bei der violetten „In Threes“, die ich meinem Kindergartenkind nächsten Freitag zum Geburtstag schenken werde, fehlen auch bloss noch die oberen 3 oder 4 Knöpfe.
Das Timing könnte nicht besser sein, denn am 1. August wird mein kleiner Neffe 1 Jahr alt, meine soeben frei gewordenen Stricknadeln dürfen also wieder klappern, was das Zeug hält, diesmal beladen mit leuchtend blauer Wolle für ein kleines Projekt, von dem ich schon lange geträumt habe…


Und wisst ihr was? Ich habe sogar genäht! Eine Gretelies. Für meine Mama. Weil sie heute Geburtstag hat (so viele Sommerkinder in dieser Familie!) und die beste Mutti der Welt ist für mich. Sie hat so viele Jahre geschuftet, so viele Kinder gross gezogen, daneben noch Geld verdient für unsere Brötchen, unsere Wünsche und Träumchen, und bei all der Plackerei blieb sie liebevoll, sanft und geduldig, Eigenschaften, von denen ich mir für mich selber mehr, viel mehr wünsche, denn ich bin manchmal wie ein wildes Tier ohne Schutz, ohne Pelz, ohne gar nichts, das einfach nur noch beissen, strampeln, flüchten will… Allerdings nicht heute. Heute geht es mir gut, heute fühle ich mich bei Kräften, ausgeglichen, geborgen und behütet und voller Elan.
So. Und jetzt werde ich Mittagessen machen. Mir eine Kanne Brennessel-Kamillen-Rosenknospen-Tee aufbrühen und in den Kühlschrank stellen. Ein paar Hortensien im Garten schneiden und ins Haus holen. Vielleicht noch ein kleines bisschen aufräumen. Und dann weiterstricken. Blaue Wolle. Sommerhimmelstrahleblau. Und draussen höre ich gerade mein zweitjüngstes Mädchen auf einem Topf herumtrommeln und im Garten Lieder für ihr Meerschweinchen „Panda“ singen.
Ein guter Tag.

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