Aus dem „Mama-Baby-Strickbuch“: die Babyhose

Hinter mir liegt eine intensive Woche.
Es sind weniger die konkreten Daten und Termine, die einen Knoten in meinem Magen legen und anfangen, mich zu belasten, als vielmehr so eine Art … Count-Down-Gefühl. Alles findet noch huschhusch vor den Sommerferien statt. Will noch erledigt, erlebt, abgehakt werden. Ein Reigen an „zum letzten Mal“.
Ich fühle mich immer besonders bewegt und manchmal auch unter Druck in solchen Phasen voller Abschiede und grosser Ereignisse. Besondere Zeiten fühlen sich auch besonders an. Ich fühle mich besonders. Besonders berührt, besonders aufnahmebereit, besonders empfindsam und empfindlich.
Nach den Sommerferien ist Kind2 ein Oberstufenschüler und verlässt das Nest unseres Dorfes tagsüber für die Sekundarschule in der Stadt. Mein Kindergartenmädchen wird zur Erstklässlerin. Und meine Kleinste kommt in den Kindergarten.
Dazwischen dann Ferien. Unendliche Tage ohne Plan und Struktur.
Einerseits sehne ich mich nach dieser Zwischen-Zeit, in der die ganze Hektik und Tension von uns abfallen darf, andererseits fürchte ich das unvermeidliche Chaos und die Extra-Beanspruchung meiner Energien und Präsenz, wenn ich tagein, tagaus vom Morgen bis zum Abend alleine verantwortlich bin für Tagesabläufe und Erlebniswelten…
Aber langsam. Schritt für Schritt. Ich versuche, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen und mich nicht schon im voraus zu zersorgen.
Heute zum Beispiel steht das Herrichten von drei gut gefüllten Rucksäcken im Vordergrund. Für die drei Schulkinder, die morgen zu völlig unterschiedlichen Zeiten an völlig unterschiedlichen Orten völlig unterschiedliche Dinge tun werden, was aber trotzdem in allen drei Fällen als „Schulreise“ gilt. Alle werden fast den ganzen Tag unterwegs sein, alle in dieser absoluten Affenhitze. Zu schleppen werden vor allem die vollen Wasserflaschen geben. Ich hoffe, ich vergesse auch die Sonnencreme nicht.
Dann sollte ich aufräumen. Weile meine Tante zu Besuch kommt. Jäten. Weil das Unkraut überhand nimmt. Kleider flicken. Weil der überquellende Flickkorb mich betrübt. Gras auf der grossen Wiese vor dem Block abschneiden. Weil die Meerschweinchen das Gras in unserem Garten bereits fast bis zu den Wurzeln abgefressen haben. Wassermelonen schneiden. Damit sie zum Abendbrot noch ein wenig im Kühlschrank kalt werden können.
Es hört und hört nicht auf.
Aber. Bei all der Sysyphusarbeit und den Dringlichkeiten von aussen, die mich gerade in einen nervösen Dauerzustand versetzen (So viele Anmeldungen, die noch abgegeben werden müssen! Geburtstagsfeiern, Abschlussfeste, Sekundarschul-Elternabende, Fussball-Grümpi-Anmeldungen etc.) gibt es doch auch Dinge, die mir echt Freude machen, mich im Flow dahintreiben lassen. Und wo ich trotz der vielen Punkte auf meiner To-do-Liste gerade ganz erstaunlich gut vorwärts komme. Der rostrote Strickpullover für meine Grosse zum Beispiel, der aus dem letzten Post, ist bereits bis auf einen Dreiviertel-Ärmel fertig. Ich stricke vor allem frühmorgens, dann wenn mein letztes Schulkind das Haus verlassen hat und meine Kleinste noch im Bett schlummert. Herrliche Momente. Ruhig und entspannt und nur für mich. Für mich und mein Strickzeug. Ich geniesse jede Sekunde davon.

Auch diese klitzekleine Babyhose hier ist in solchen Zeit-Inselchen entstanden. In meinen Morgen-Lümmel-Stunden auf dem stillen Sofa. Sie ist klein. Wirklich winzig klein. So klein, dass ich nur hoffen kann, sie passt meinem Baby wenigstens ein paar Tage lang.
Das Muster stammt aus dem „Mama-Baby-Strickbuch“ von Ela, aber ich habe es ein wenig abgeändert, weil ich ein Bindeband oben am Bauch nicht so wahnsinnig praktisch finde für kleine Knöpfe. Gummibänder sind mir lieber. Vor allem auch weil das Garn, mit dem ich gearbeitet habe –„Tamar“ von Blacker Yarns– so ganz und gar keine Elastizität besitzt. Es ist ein schauderhaftes Garn, finde ich. Ich kann es drehen und wenden wie ich will, aber ich finde einfach überhaupt rein gar nichts, von dem ich bei „Tamar“ schwärmen könnte. Die Wolle sollte eigentlich „fliessend und schimmernd“ sein, aber ich finde sie nur kratzig und stumpf. Keine Ahnung, was ich falsch gemacht habe. Vielleicht mit meinen Nadeln Nr 2.5 eine zu dünne Nadelstärke gewählt? Oder einfach Pech gehabt? Hm… Auf jeden Fall bin ich froh, dass mein Baby ein Herbstbaby werden wird. Dann kann es Strumpfhöschen darunter tragen. Direkt auf nackter Haut wäre diese Wolle nämlich bestimmt kein Genuss. So aber wird diese Wollhose mein Kind bestimmt schön warm halten, eine Art Wind-und-Wetter-Hose für wenn wir frühmorgens meine Kleinste zum Kindergarten begleiten.

Das Strickmuster aus Gabrielas Buch wiederum war sehr nett. Nicht zu schwer, aber mit süssen Details. Ich finde den Teil, wo man die beiden Beine im Schritt zur eigentlichen Hose zusammenstrickt zwar ziemlich mühsam und knifflig, aber davor und danach lief alles wunderbar. So wunderbar, dass ich es mir sogar zugetraut habe, beim Bauchbündchen mit verkürzten Reihen zu experimentieren, um der Hose einen besseren Sitz zu verleihen, was eine Herausforderung war, zugegeben, aber eine gelungene immerhin. (Für die Winzigkeit der Babyhose ist übrigens eine falsch gezählte Maschenprobe verantwortlich, nicht Elas Anleitung!)
Fazit: Die Hose ist fertig und eigentlich kein Grund Trübsal zu blasen. Sie wird passen. Irgendwann. Und irgendwem. Und wenn es nur die Kuscheltiere meiner Mädchen sind, die sie dann schlussendlich tragen. Ich habe gelernt, welches Garn ich ganz bestimmt nicht mehr verwenden werde und ein bisschen Sicherheit im Umgang mit verkürzten Reihen gewonnen. Erfahrungen, die wertvoll sein können. Mich ein Schrittchen weiter bringen. Und ausserdem tut mir jedes abgeschlossene  Projekt einfach unsagbar gut.
Was will ich mehr?
Ganz klar; noch jede Menge dieser wunderbaren Strickzeit-Oasen, die mir so wahnsinnig viel Freude, Schwung und Motivation schenken. Kraftnahrung für meine Seele.

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