mein Eden

Der frühe Morgen ist längst vorbei, es geht gegen Vormittag und die Sonne lacht mir vom Himmel entgegen. Es ist so warm, dass man an Mittsommer denkt und die heissen, trockenen Tage wecken Erinnerungen an vergangenen Sommer, einen Sommer, der die Wüste in die Schweiz brachte, ein beinahe landesweites Feuerverbot und Wasserknappheit rundherum, aber auch herrliche Zeiten der Freiheit unter blauem Himmel, plantschend und lümmelnd faul und einfach nur herrlich, herrlich, herrlich
Genau so habe ich mich auch gestern gefühlt.
Und vorgestern.
Befreit.
Wieder mit weiter Lunge atmend.
Belebt, erfrischt durch eine ungefilterte, kräftig-optimistische Natur, die nichts weiter will als wachsen, gedeihen, grösser, weiter, unbändiger werden, neue Wurzeln setzen und alle Äste strecken. Was ich tief in mir drin nachfühlen kann und irgendwie, ganz ohne es zu wollen, sofort imitiere. Der Sommer macht mich kräftiger. Es ist die ganz unmittelbare Sinnlichkeit, diese geballte Ladung an Licht, Wärme, der eindringliche Wechsel an Empfindungen, die an einem einzigen warmen Sommertag im Freien (in Freiheit!) auf mich einströmen und gefühlt werden wollen: Sonnenglut, Hitze auf meiner Haut, der erste Schock an Kälte, wenn ich ins kühle Wasser steige (ein Kinderplantschbecken reicht mir ja schon aus im Moment), das Kribbeln, während alle Feuchtigkeit von der Sonne aufgesogen wird, Kontraste, süsse, kalte Eiscreme, geeister Kräutertee aus Minze und Zitronenverbene, das Platschen meiner Füsse auf den brennenden Steinplatten der Gartenwege, kitzelndes Gras auf meinen Fusssohlen, das Lachen der Menschen, der Frieden äsender Tiere, die Stille eines frühen Morgens, wo die Wiesen feucht sind und frisch, die Luft aber von Minute zu Minute mehr von der kommenden Mittagshitze spricht. Die Hitze lässt keinen Platz für grosse Gedanken, Sorgen verpuffen sofort. Alles was möglich ist, ist zu fühlen, das Aufnehmen dessen, was der Moment an mich heranträgt, ganz unmittelbar, mit hellwachen Sinnen.
Ich öffne mich wie eine Blüte.
Und alles ist gut.
Vollkommen für den Moment.

Augenblicke wie dieser, ich in der Hängematte unter einem blühenden Holunder, der dann und wann seinen süssen, betörend heimeligen Duft zu mir hinüberweht, leise schaukelnd, die Hände auf dem prallen Bauch, in dem es strampelt und lebt und rundherum das blanke Glück der Menschen- und Tierwesen, summende Bienen auf Thymian, pelzige Gesellen vor dem Stall, Kinder, die mit Gejauchze und Geplatsche ins Wasserbädli springen… Zeit die stillstehen sollte. In meinem Kopf bilden sich Visionen. Zukunftsträume werden wieder wach, Träume vom Hof, von Färbe- und Heilpflanzen in einem üppigen Garten, von Ziegen und Schafen und handgesponnener Wolle und wie ich mit meinen Töchtern und meiner Mutter an einem sonnigen Nachmittag Garne färbe oder Kursgästen selbstgemachten Eistee und Beerenmuffins serviere. Ein bisschen glaube ich fast, dass sie wahr werden können, diese Träume, aber nur ein bisschen. Und das ist mir genug. Was ich bin und habe, scheint gross genug zu sein in diesem Moment. Gross genug, um mich auszufüllen mit Freude, Dankbarkeit, Zuversicht.
Wunschlos.
Oder so gut wie.
Sonderbar wie viel die Magie des Sommers auszurichten vermag. Sie wischt alle Dunkelheit fort. Alles Hadern und Klammern. Löst Starrheit und Sturheit und lässt die Dinge neu fliessen.

Bei Instagram habe ich geschrieben:
„Hundstage Anfang Juni. Und ich liebe sie! Ich finde kaum Worte, um zu beschreiben, wie glücklich mich die Sonne, die Pflanzen, dieser wunderbare, kleine, unvollkommene Garten, die Insekten- und Tierwelt gerade machen… Das alles ist meine Medizin. Nach all den harten Monaten voller Übelkeit und Hadern mit mir, den Umständen und meinem überforderten Körper, nährt mich nun der Frühling, der erste Hauch von Sommer, und dieses Heilmittel ist hochpotent, ich spüre es mit jeder Faser meines Seins.
Vielleicht werde ich heute doch noch einen kleinen Blogpost schreiben… Die Worte kommen immer. Irgendwie. Ich muss bloss den ersten Buchstaben setzen…“

Und genauso ist es auch. Die Worte kommen. Ich muss sie nicht rufen, sie rufen mich und ich gebe ihnen Raum, weil ich sonst berste vor überfliessender Liebe, der Liebe zu meinen Pflanzen, den Bäumen und Büschen und Blumen in meinem Garten, die ich jeden Morgen aufs Neue mit hüpfendem Herzen begrüsse, so als wären es Freunde, die mich in ihrem?… meinem?… unserem Reich willkommen heissen. Mein Garten bildet die Oase, in der ich Zuflucht finde. Vor allem Übel dieser Welt. Wo ich heil werde und satt. Mein kleiner Garten Eden.
Eden.
Ein wunderschöner Name…

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10 Kommentare zu mein Eden

  1. andrea sagt:

    danke liebe bora für deinen blick auf auf die welt.

  2. Biba sagt:

    Uuuuuuuaaaaaaahhhhhh, Bora…….. dein Text ist der Hammer!!!
    Einfach so unglaublich gut geschrieben!!!
    Herrlich!
    Ich werde ihn noch ganz oft lesen! Und vor allem im Winter, denn deine Worte schaffen es, mich zurück zukatapultieren – mitten in den Sommer hinein!

    • kirschkernzeit sagt:

      Oh, Biba, wie GERNE ich deine Zeilen hier gelesen habe!!!! Du hast mir echt den Tag „gemacht“ (oder wie das heisst in Englisch 😉 )

  3. Liebe Bora,
    Dein Text hat mich tief berührt…so schön. Ich finde mich in deinen Worten wieder. Auch ich liebe meinen Garten und meine Tierchen sehr. Eden der Innbegriff für Ruhe, Schönheit und Geborgenheit ein toller Name. Auch schön für ein Kind 😊. Alles Liebe Christina

  4. Wunderschön liebe Bora! Ich liebe deine Art zu schreiben einfach. Und die Wärme und Sonne tut auch mir gut und ich bin dankbar für den ruhigen Nachmittag mit meiner Kleinen im Garten, wir haben wenig gemacht und viel Hörspiele gehört und waren einfach nur da. Leider plagen mich Ohrenschmerzen nicht wieder eine Bindehautentzündung… das wirft mich zurück, doch durch das schöne Wetter lässt es sich besser ertragen.
    Ich drück dich und wünsche dir ganz schöne Sommertage
    Sternie

  5. Johanna sagt:

    Der Text ist wirklich traumhaft geschrieben. Du schaffst es all meine Gefühle zum Sommer in diesen Text zu packen. 🙂 Ich liebe ihn auch so sehr und freue mich so sehr auf unzählige Stunden im Halbschatten, wenn eine leichte Brise die Hitze von meiner Haut fegt oder ich ins erleichternde Kühle Nass springe, um mich zu erfrischen. Es gibt für mich einfach nichts Schöneres als den Sommer! 🙂 Und in diesem Sommer habe ich es sogar endlich geschafft, mir auch eine Hängematte für meinen Garten zu holen. Ich wurde bei haengemattenshop.com fündig und genieße nun meine lauen Sommerabende auf meiner Hängematte, während ich genüsslich mein kühles Gurken-Minz-Wasser schlürfe…ich weiß wirklich nicht, was es Besseres geben sollte! 🙂

    Alles Liebe,
    Johanna

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