Frühlingshoffen

Gerade ist das Haus still. Ich sitze im Wohnzimmer und lulle mich ein in diese Ruhe, diesen Frieden. Neben mir liegen 3 angefangene Strickprojekte, von denen mir eins mehr am Herzen liegt als das andere. Eine Tasse warme Kaffeemilch (viel Milch, bloss ein Hauch von Kaffee) steht auf dem Tisch, daneben zwei Tagebücher; ich würde gerne ein wenig schreiben.
Stricken, schreiben, Kaffee trinken. Es ist schön, dass ich all diese wunderbaren Dinge hier mit euch teilen kann. Nicht dass das Bloggen mir gefehlt hat, dazu war ich viel zu taub und zu erledigt… aber jetzt, da ich den Weg zurück gefunden habe, spüre ich, wie wohl mir das tut, wie viel kreative Energie wieder zum Fliessen kommt. Manchmal denke ich, Virtualität funktioniert bei mir wie eine Art… Katalysator. Sie bringt Dinge ins Rollen, meinen Kopf in Bewegung, meine Gedanken zu neuen Ideen, und schlussendlich meine Hände -inspiriert von den Schönheiten im www. und bestückt mit Wolle, einer Samentüte, ein wenig Stoff oder auch bloss dem Putzlappen- von neuem in Bewegung.
Manchmal überfordere ich mich selbst damit. Doch ich lerne. Lerne, den richtigen Zeitpunkt zu erfühlen, bevor es mir zuviel wird mit den Instagram-Idyllen, bevor die abgebildete Schönheit mir schmerzhaft auf die Füsse tritt. Dann wird ein Knöpfchen gedrückt und für eine Weile nicht mehr angetastet, dann kehre ich zurück zu dem, was wirklich ist, hier und jetzt und für mich möglich.
Ich konnte viele kleine Wunder finden in den letzten Tagen und Wochen. Der Frühling zerschmolz den Winterfrost genauso wie die Schmerzensstarre meiner eigenen Glieder, meine eingefrorene Seele, die die Schrecken der frühen Schwangerschaft nur regungslos zu ertragen vermochte. Sonne. Wärme. Leben. Alles kehrt zurück. Selbst wenn just in diesem Augenblick, in dem ich diese Zeilen hier tippe, eine dicke, graue Wolkendecke mit Minustemperaturen droht und ich Nacht für Nacht um die Setzlinge und Obstbaumblüten bange, die in unserem Garten bereits den Frühling besiegeln, fühle ich, dass der Winter vorbei ist. Ein für alle mal, so kommt es mir vor. Aber natürlich weiss ich, dass das ein Trugschluss ist.

Wie immer um diese Zeit erfasst mich heftiges Fernweh. Oder mehr so eine Art Ur-Sehnsucht nach dem richtigen Zuhause. Ich sehne mich nach einem Häuschen inmitten von Feldern und Wäldern, halb verdeckt von Holunderbüschen und Haselnuss. Es ist als würde ich es rufen hören, lockend, schmeichelnd, ein einziges Versprechen. Doch ich weiss nicht, woher diese Stimme kommt, ich kann es nicht orten, obwohl jede Faser meines Seins darauf reagiert. So stelle ich mich taub, schneide die erste kleine Schnittlauch-Ernte aus meiner halbleeren Kräuterspirale klein und rühre sie in Sahnequark. Pellkartoffeln, Käse, Kräuterquark und Möhren, ein einfaches, kleines Mittagessen, das mich so sehr an den Frühling erinnert und mir das gute Gefühl schenkt, bereits jetzt, umzingelt von Strassen und Wohnblockpilzen sowas wie ein klein wenig Landleben gefunden zu haben.
Herr Kirschkernzeit hat neue Himbeeren für mich gesetzt, eine ganze, wenn auch kurze Reihe weisser Himbeeren, die nun die Meerschweinchen-Wiese säumen und den gepflasterten Platz vor dem Haus, wo später im Sommer das Planschbecken stehen wird. In den Töpfen davor wuchern die Glockenblumen und Margarithen, die ich im letzten Jahr ausgesäht habe, nicht wissend, ob sie den Winter überleben und in diesem Jahr zur ersten Blüte kommen würden. Sie tun es. Sie leben. Sie wachsen. Ich kann bereits sehen, wie sich die ersten Blütenköpfchen abzeichnen, grün noch zwar, aber dick und kräftig und vielversprechend. Vieles von dem, was wir tun, geschieht aus Hoffnung, nicht aus Wissen. Und viel öfter als wir es merken, wird unser Vertrauen belohnt, unsere Zuversicht mit Blüte und reicher Ernte bewahrheitet. Wahrscheinlich ist das Gnade. Dass wir so oft nicht enttäuscht werden. Die Naturgesetze sich an ihre Regeln halten. Der Frühling kommt, wieder und wieder, die Sonne uns Morgen für Morgen nicht im Stich lässt. Ein Leben in Dunkelheit und Kälte könnte ich nicht ertragen. Es sei denn ich wäre ein Samenkorn im Winter, das sich halbschlafend auf seinen grossen Frühlings-Auftritt vorbereitet.

Mit den Kirschblüten ist auch neues Leben in unsere Meerschweinchen-Sippe gekommen; eines meiner Lieblingsmeerschweinchen, die wunderschöne, mehrfarbige „Peppi“ hat ihre ersten Jungen zur Welt gebracht; drei gesunde, kleine Racker, zwei davon schwarz-weiss wie ihr Papa „Panda“ und eines weiss-braun und leicht wuschelig, so wie sie selbst. Mein Mann und unser grosses Mädchen, die sich hingebungsvoll um unsere, ihre Tiere kümmert, kamen ganz zufällig gerade dazu, als das erste Junge von seiner Mama trocken geleckt wurde. Auch der Rest der Weibchen-Herde nahm auf seine ureigene Weise Anteil an diesem grossen Augenblick; es war ein ständiges Kommen und Gehen im Stall, ein Raus und Rein von der Weide, und die langhaarige „Cora“, ebenfalls trächtig und demnächst bereits zum zweiten Mal Mutter, half ihrer Sippenschwester dabei, die Kleinen zu säubern, was ich ungemein rührend fand, genauso wie die Tatsache, dass unsere Meerschweinchen-Mamas sich gegenseitig dabei helfen, den Wurf grosszuziehen und jedes Jungtier säugen, das gerade nach Milch verlangt.
Soviel weibliche Solidarität wärmt mir das Herz…

10 Uhr 34. Ich denke, meine Schreibzeitnische ist um. Schön war es, ich habe jede Minute genossen, das Tippen, das bereits wieder etwas leichter geht nach ein klein wenig E-Mail-Trainig, das Denken und Fliessenlassen innerer Bilder, das Hin-und Herwandeln leiser Gedankengänge. Wo sonst fänden sie einen Platz, wenn nicht hier? Stille, Zeit, Geschehenlassen. Es ist Frühling. In meinem Leben. Meinem Garten. Meinem Bauch und meiner Herde. Und in meinem Inneren, wo ich gerade ein wenig durch die sonnenwarme Welt spaziert bin.

PS. Habt vielen Dank für eure freundlichen Worte unter meinem letzten und vorletzten Post! Ich möchte gerne jeden Comment beantworten, weil ich es schön finde, wenn ein Dialog entsteht und ihr nicht einfach so ins Nichts erzählen müsst… Aber gerade fällt mir das noch ein wenig schwer, weil es schwierig ist, genügend ungestörte Zeit dafür zu finden. Ich werde daran arbeiten, versprochen. Gelesen habe ich aber jedes Wort von euch mit viel Freude und Dankbarkeit! Ich grüsse euch ganz herzlich von meiner kleinen Ecke der Welt aus!

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7 Kommentare zu Frühlingshoffen

  1. Regula sagt:

    Hallo Bora

    ich wünsche dir viele friedliche Momente inmitten des bunten Familienlebens. Alles Gute für dich, deine Familie und den Zuwachs, den du (um es mal ein bisschen poetisch zu sagen) unterm Herzen trägst. Liebe Grüsse von mir

  2. Brigitte sagt:

    Jaja, geniesse alle diese wertvollen Momente, die gehören dir allein und du bist es dir wert! Ich fühle mit dir.
    Herzlichst Brigitte

  3. Rosi sagt:

    sehr schön hast du das geschrieben ..und ich war ganz bei dir 😉
    gut dass du diese Zeit für dich nimmst

    alles Gute

    Rosi

  4. Melanie ML sagt:

    Liebe Bora Kirschkernzeit,

    dieses Bild mit den drei Mädchen und jedes hat ein Meerli… das ist so schön. Und ich glaube, deinen Töchtern wird es auch so gehen – sie werden sicher ihr Leben lang, wie ich, wenn sie irgendwo Bilder von Mädchen, Meerschweinchen und Garten sehen, gleich die ganzen Garten – und Tier- Düfte in der Nase haben und die Hände erinnern sich an das Meerschweinchenfell. *seufz* Ich mag, dass so etwas immer in einem bleiben kann.

    Liebe Grüße
    Melanie

  5. Hirundo rustica sagt:

    Liebe Bora,

    wie wunderbar, dass du wieder da bist! Jetzt, wo du wieder schreibst, merkt man erst richtig, was für einen Schatz man die letzten Monate entbehrte…
    Vielen Dank für deine Antwort! Ich habe sie gerade erst entdeckt.
    Alles, alles gute dir!! Ich kann leider bloß kurz schreiben, denn mein Baby ist so unruhig.
    Bis bald!

  6. Wollwesen sagt:

    Unglaublich, Du schreibst so schön, ich weiß gar nicht, ob Dir das ganz bewußt ist…?
    Danke für das Eintauchen in Deine Gedanken, die schönen Formulierungen und Bilder….

    Liebe Grüße von Helga

  7. amberlight sagt:

    Schwangerschaft – den Satz habe ich gleich dreimal gelesen und danach sofort die verpassten Blogposts durchstöbert …. und tatsächlich: noch einmal eine schwangere Frau Kirchkernzeit. Wie freue ich mich und bin voller Bewunderung. Das wird ein großartiges Jahr und ich wünsche dir von Herzen alles Gute!

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