Einen Fuss vor den anderen setzen

Fünfzehn Minuten. So viel Zeit habe ich mir für diesen Post hier frei genommen. Dann muss ich wieder los, weiterhetzen, denn die Aufgaben sind viele und mein Tag so klein wie jeder andere auch. Das Bad müsste geputzt werden, bzw. besser gleich 3 davon (ja, wir haben ein ziemlich grosses Haus) und die Küche sieht immer noch nach Mittagspause aus, voller Essen, Pfannen, dreckigen Tellern und wahrscheinlich liegen auch noch überall Glacé-Papierchen herum vom raschen Nachtisch…
Ich hatte nie etwas gegen Arbeit. Eigentlich, denke ich, bin ich ein fleissiger Mensch und es tut mir ganz gut, wenn etwas läuft und die Räder sich drehen. Es ist gut, eine Aufgabe zu haben. Vor allem, wenn man zur Schwermut neigt und den Herbst kaum verkraftet mit all seinem Grau und seiner bedrückenden Stille.
Im Augenblick aber ist es weniger die äusserliche Arbeit, die mir am Herzen liegt. Natürlich, ein sauberes Haus macht meine Seele leicht, die Harmonie eines liebevoll gepflegten Zuhauses fliesst sofort in mich ein und nimmt viel von der Düsternis, die mich immer wieder heimsucht, aber im Augenblick gibt es Wichtigeres zu tun für mich, als zu putzen oder Dinge von einem Ort an den nächsten zu verschieben; Ich lerne. Lerne, mich selber immer besser kennen, wer ich noch bin zwischen all den Schichten an Rollen und Verhaltensmustern. Meine Wünsche und Bedürfnisse bahnen sich gerade einen Weg nach oben und sprechen urplötzlich eine klarere Sprache als noch vor einem Jahr oder früher. Mit bald 40 ist das wohl so. Und es ist gut so, wie es ist.
„Gerade bin ich stark daran, mir selber mehr Freiheiten zu erkämpfen. Zb. möchte ich wieder mehr ausgehen, an Konzerte oder auch einfach mal irgendwohin auf ein Feierabendbier mit einer Freundin (Ich baue mir diesen Kreis gerade erst wieder auf). Ich BRAUCHE das jetzt einfach ganz schrecklich!“ Das habe ich gerade vor ein paar Minuten in einer Mail an eine Bloggerfreundin geschrieben. Und ja, es ist wahr; Ich brauche das. Menschen um mich herum. Frauen, die mir ähnlich sind oder auch ganz anders. Kleine Freiheiten. Lebensenergie. Kunst. Musik. Wieder mehr von dem leben, was mir früher so lieb war.
Demnächst werde ich tatsächlich an ein kleines Konzert gehen, ganz in der Nähe, und eine alte Freundin, mit der ich fast 3 Jahre lang zeit- und energiebedingt keinen Kontakt mehr hatte, organisiert es gleich selber.
Ich mag tatkräftige, starke Frauen.
Dass bei all dem meine Handarbeiten ein wenig brachliegen, erstaunt mich kaum. Ich glaube, mit Stricken und Nähen und dem kreativen Leben zuhause, fülle ich vor allem auch Lücken, die sich vorübergehend einfach nicht anders schliessen lassen. Strickmützen statt Tanzkurs, Quilts anstelle von verlässlichen, alltagsgelebten Freundschaften.
Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Ventile gefunden habe; zu stricken tut mir gut, sehr sogar, und ich glaube, Wolle und Stoffe haben mir ein Stück weit wirklich den Verstand gerettet, als es nichts weiter in meinem Leben zu geben schien als Hektik, Babyweinen, durchlöcherte Nächte und Kriesengespräche an der Schule. Sie waren ein Rettungsanker in der Not.
Und sie sind es immer noch. Auch treue Freunde. In allen Lebenslagen. Es ist immer noch schön, abends meine Babywolldecke in Progress heraus zu kramen und weiter ein paar Reihen in einer neuen Farbe anzustricken. Langsam, langsam, einen Fuss vor den anderen setzend. Aber ich habe immer weniger das drängende Gefühl, vorwärts hetzen zu müssen. Fertig sein zu wollen. Mehr und noch mehr und bessere Resultate erzielen zu wollen.
Dass diese kraus rechte kleine Decke im Schneckentempo fertig wird?
Was macht das schon?
Dass mein grüner Wollpullover noch keine 10 Reihen weit gekommen ist?
Völlig in Ordnung.
Dass es wohl Jahre dauern wird bis mein schwarz-rot-brauner Quilt -diese Woche tatsächlich fertig geworden!- all seine knallroten Quiltingknoten bekommen hat?
Keine grosse Sache.
Nur das kleine, silbergraue Zwergenmützchen für meinen süssen Babyneffen, das sollte wohl schon so langsam fertig werden. Der Herbst kennt keine Gnade; er wird demnächst zum Winter. Und der Kleine wächst und wächst und wächst. Vielleicht also doch noch einmal Wollmützchenstricken statt mich im Dorflokal zu verplaudern, hihi. Oder nein, ich nehm das Ding einfach mit; Strickcafé-Treffen gibt’s hier ja bisher noch keine…

PS. Damit ich hier keine Gerüchte streue: Nein, natürlich bin ich nicht jeden Abend unterwegs. Bei weitem nicht. Also wirklich bei. weitem. nicht. Aber ich wäre es gerne ein wenig öfters. *zwinker* Ein, zweimal pro Monat wäre immerhin ein netter Anfang.

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13 Kommentare zu Einen Fuss vor den anderen setzen

  1. Christina Lang sagt:

    Hallo du Liebe,
    Ich kann dich sooo gut verstehen. Auch ich sehne mich nach mehr Leben da draußen…..Stück für Stück erkämpfen wir unsere Freiheiten zurück und das ist ganz gut so. Ich wünsche dir viel Erfolg dabei! .
    Viele liebe Grüsse von einer anderen Vierzigjährigen Vollzeit Mutter

    • kirschkernzeit sagt:

      Wie schön, unter Gleichgesinnten zu sein! 😉 Früher konnte ich das nicht so wirklich verstehen, die Frauen, die gerne „raus“ wollten und all das. Aber alles hat seine Zeit und ich glaube, dass auch jede dieser Phasen einem ein Stück weit mehr Verständnis gegenüber den unterschiedlichen Lebensmomenten und dazu gehörenden Bedürfnissen anderer schenkt, oder? Ich wünsche dir auch weiterhin viel Mut und Freude und kleine Fluchten und Entdeckungen! Sie tun so gut!

  2. andrea sagt:

    oh bora, ich habe gerade ähnliche gelüste, was frauenzeiten anbelangt. und da weggehen irgendwie immer auch mit geldausgeben, was trinken und anderen umständen verbunden ist gibt es stattdessen ab nächster woche dienstag bei mir zuhause das erste nähkränzchen an unserem küchenofen. gemeinsames schwatzen und teetrinken verbunden mit der handarbeit, die gerade bei jeder ansteht. ich bin sehr gespannt und vorfreudig! liebste grüße und ‚halt die ohren steif‘ (wie mein papa sagen würde ;-))

    • kirschkernzeit sagt:

      Ich finde, das klingt sehr schön und richtig gemütlich! Eine ganz gute Variante; toll, dass du das anpackst!
      Für mich selber ist es vor allem ein Bedürfnis, aus dem Haus zu kommen. Ich habe ja keine Hobbys, die nicht irgendwie mit Haushalt und Familie zu tun haben, und es fehlt mir wirklich sehr, unter Leute zu kommen und mein Nest verlassen zu können/müssen/dürfen dazu. Darum natürlich das Treffen im Lokal. Wir haben hier seit kurzem eine Art Hotel-Bar, die aber auch ein kleines Restaurant ist, also überhaupt nicht verraucht und so, sondern sehr familiär und ein klein wenig alternativ-edel. Dort ist es herrlich! Man fühlt sich so… privilegiert und erwachsen, wenn man dort sitzt (hihi) und hat so richtig das Gefühl, einen kleinen Luxus zu leben. Und natürlich muss man kein Bier trinken. Es gibt auch Tees und andere gute Dinge und hausgemachten Flammkuchen, selbst spät abends noch… Etwas, worauf man sich dann die ganze Woche vorfreuen kann eben 😉

  3. Rosi sagt:

    super
    ich finde deinen Weg völlig in Ordnung
    dass du langsam wieder an dich selber und an deine Bedürfnisse denkst
    was macht es schon wenn etwas liegen bleibt
    das ist alles nicht so wichtig wie das eigene Wohlbefinden
    einen Fuß vor den anderen (sonst stoöpert man 😉 )
    du machst das schon

    liebe Grüße
    Rosi

    • Rosi sagt:

      äähm.. stolpert.. sollte es heißen

      • kirschkernzeit sagt:

        Genau, das Tempo ist schon auch wichtig. Und ich muss ja auch nicht quasi mit meinem Teenager um die Häuser ziehen oder mich nochmals geben, als wäre ich 17… Die Schritte klein zu wählen, gibt auch Zeit, herauszufinden, was jetzt wieder passt und was hald definitiv vorbei ist (Disco zB. Da würde ich mich total fehl am Platz fühlen *lach*). Man sollte nichts überstürzen, aber immer ein bisschen dran bleiben.

  4. catherine sagt:

    Liebe bora.

    Ich wünsche die dass du gute Wege findest und finde auch, im Alter wird der Weg wichtiger, dass wie. Ich bin seit einigen Monaten im Chor – das musiknachen hat mir so gefehlt ubd ein wink des Schicksals hat mich zu diesem Chor gebracht ubd es stärkt mich so sehr und macht unheimlich viel spass. Ich wünsche dir dass du auch was findest, dass dir so gut tut.

  5. Abends sind wir doch einfach müüüüüde. Einmal pro Monat ist ein Anfang. Ich wünsche dir viel Spass! Liebe Grüsse von Regula

    • kirschkernzeit sagt:

      Manchmal ist es aber auch genau anders rum; nach Feierabend wird man dann erst richtig munter 😉 Erinnert mich an meinen Teenie, haha!

  6. Sanne sagt:

    liebe Bora,
    möchte dir von heute Nacht erzählen. Gestern Abend war hier bei uns St. Martin Umzug mit Laternen und singen mit den Enkelkindern, vorher Laterne gebastelt mit gebügelten Wachsbildern und Glitter. Tochter mit Kindern schlief auch hier, alles sehr schön, Omi und Opi müde und früh im Bett. Um 23 fiel mir ein, dass ich eingeladen war zur 30 Jahre Abiturfeier meines Jahrgangs…..kurzerhand schrieb ich einen guten Freund an, ob sie noch beisammen sind….er schrieb eine positive Rückmeldung um 1.30 nachts….und ich stand auf, zog mich an und fuhr noch hin….um halb fünf lag ich wieder im Bett. Halb acht weckten uns die Enkelinnen, wunderbar! Für mich war diese Nacht sehr sehr ungewöhnlich. Und wohl auch deshalb besonders aufregend und lebendig. Passte das jetzt zu deinem Thema? müde und frohe Grüße an dich von Sanne.

    • kirschkernzeit sagt:

      Das passt supergut zum Thema! Genau! Ich glaube, es geht ein bisschen darum, dass man sich wieder (zu)trauen kann, etwas für gewöhnlich ganz ungewöhnliches zu tun. Aus der braven Routine auszubrechen (wenn man das Bedürfnis hat dazu). Leuten begegnen, die man nicht immerzu sieht. Dinge erleben, kennenlernen, lernen, sehen, die einem nicht einfach so auf dem Weg zum Einkaufen oder zuhause beim Mittagessenkochen über den Weg laufen. Ich empfinde dieses Lebensgefühl als elementar anders. Sehr viel freier. Jünger. (Selbst wenn es immer noch gesunde Grenzen gibt natürlich. Ich muss und möchte nicht alles erleben und ausprobieren und habe natürlich immer noch Grenzen, die ich auch respektiere und schätze). Ich finde deinen Bericht absolut grossartig! Wunderbar, genau so meine ich es auch! Wie klasse, dass du da noch hingegangen bist! So spontan und überraschend- ich finde das wirklich toll! Weiter so 😉

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