Ende Oktober

Ende Oktober ist es von einem Tag auf den anderen richtig bitterkalt geworden. Die Meerschweinchen kriegten eine Wolldecke. Handschuhe mussten raus. Und Wollmützen. Das finde ich jeweils eigentlich ganz schön, denn ich begrüsse all die wollenen Schätze wie gute, alte Freunde und verstaue sie im Frühling nur deshalb wieder gerne, weil der Frühlings dann bereits seinen Zauber über mich gelegt hat und meine Sinne mit Blattgrün und überbordendem Lebenshunger benebelt.
Jetzt, Ende Oktober ist es ganz anders. Ich verspüre zwar auch diesen Hunger… Hunger nach Leben, aber anders. Mehr so… wattiert. Am liebsten würde ich all diese grauen Tage verschlafen und erst spätnachts wieder aufwachen und in irgendwelchen kristallhell erleuchteten Ballsälen Champagner trinken und Walzer tanzen, dass die Rockvolants flattern. Ihr seht; ich schaue mir gerade zu viele Historienfilme an. Neben „Call the Midwife“ bin ich nun auch „Versailles“  hoffnungslos verfallen (ich sehe beides auf Netflix), wobei ich klar sagen muss, dass das eine sich nicht mit dem anderen vergleichen lässt: „Call the Midwife“ ist schön und schlicht und würdevoll, während „Verseilles“ alles mögliche ist, nur nicht schön und schlicht und würdevoll. Aber ich mag auch Prunk und Protz und konnte schönen Königen und Männern mit Bart und Musketier-Gewand noch nie widerstehen. Dass die Filmleute es bei „Versailles“ ganz gerne und gerne gewaltig übertreiben mit den Dingen, mit denen man bekanntlich alles besonders gut verkauft, kann ich verkraften; ich weiss ja mittlerweile, wie man vorspult. Egal ob Schlachtfeld-Blutbad oder allzu anschauliche Schlafzimmer-Szenen.
Bei „Versailles“ gefallen mir vor allem die Charaktere. Wie sie sich ständig wandeln. Und immer tiefer durchleuchtet werden. Besonders beim Königsbruder Philippe d’Orléons merke ich, wie sehr einem eine Figur ans Herz wachsen kann, wenn man sie nur lange genug in ihrer Geschichte begleitet, um die Feinheiten und Weichheiten ihres Wesens zu erkennen. Ich mag vielschichtige Menschen. Und wahrscheinlich ist jeder Mensch vielschichtig. Man muss nur die Zeit und das Interesse haben, ihn zu entblättern. Das ist im Film genauso wie im wahren Leben, nicht wahr?

Aber nun ja. Winterschlaf ist natürlich unmöglich.
Walzer-Nächte ebenso.
Stattdessen kämpfe ich weiter mit meiner Masse an Besitz, verschenke mit warmen Händen und immer leichterem Herzen. Gerade heute ist mir aufgefallen, wie viel bewusster ich im Augenblick lebe. Das klingt jetzt nach Erleuchtung und Yoga und all sowas, aber ich meine das ganz banal: Ich denke einfach sehr viel weniger zurück, an Vergangenes und Verflossenes. Und auch nicht mehr so oft nach vorne. Ich bin nicht mehr so zerfressen wie früher. Mein Bauernhaus-Traum zum Beispiel. Es ist still geworden um ihn. Still in mir selbst. Gerade ist mir alles genug. Was ich habe. Was ich tue. Was ich bin. Vielleicht sind meine Gedanken einfach zu müde für Wolkenschlösser und Sentimentalitäten. Vielleicht habe ich resigniert, aber wenn, dann tut es nicht weh im Moment, es fühlt sich vielmehr ruhig an und weich und bequem. Ein bisschen wie ein stilles, braunes Blumenbeet, das bereit ist für den Winter und nur darauf wartet, dass sich eine weisse Decke darüber legt.

Ich trinke wieder mehr Tee. Nach einer Phase intensiver Kaffee-Tage bin ich wieder zur Vernunft gekommen und kümmere mich besser um meinen Körper. Die Zeit der frischen Gartenkräuter ist zwar leider vorbei (frischer Tee schmeckt so viel besser!), aber mein Vorrat an Zitronenverbene, Brennessel und Pfefferminze lässt sich durchaus sehen und wird diesen Winter wohl keinen Mangel aufkommen lassen. Heute duftet Minze in meiner Tasse, Minze, Brennessel, Rosmarin und Salbei und ein klein wenig Kamille, eine schwere Mischung, die ich mir gestern zusammen gestellt habe, um ein wenig Kraft zu tanken, meinem Magen etwas Gutes zu tun, meinen Geist zu klären und zu stärken.
Ich lasse vieles fallen im Moment. Allein mein Handy ist mir diese Woche schon zwei Mal runter gefallen, Gottlob unbeschadet, aber das sollte natürlich nicht sein. Wahrscheinlich schlafe ich auch einfach viel zu wenig. Aber wie gesagt; tagsüber verfalle ich in dumpfe Trägheit. Abends erwacht der Tiger in mir. Dass der Morgen trotzdem genauso früh anbricht wie immer, entfällt mir jeden Abend aufs Neue.

Manchmal habe ich urplötzlich Lust darauf, mich an meine Nähmaschine zu setzen und… einfach bloss drauflos zu nähen. Das ist eher ungewöhnlich für mich, aber ich denke, es ist eine Art Sehnsucht nach raschen Resultaten und grösstmöglicher Ausbeute in minimalem Zeitrahmen. Der kleine Table-Runner, der mehr eine Art textile Tisch-Oase ist, entstand in so einer Anwandlung unwiderstehlicher Nählust. In meinem Flick-Korb lag schon lange ein hoffnungslos zerschlissenes Patchwork-Kissen (das hier) und obwohl mir klar war, dass Reparieren sinnlos war, konnte ich mich einfach nicht davon trennen. Musste ich auch nicht. Wenn sich etwas nicht retten lässt, dann braucht es vielleicht einfach ein zweites Leben. Oder ein drittes. Mit Stoff und Quilting und einem halben Morgen fröhlich ratternd verbrachter Zeit, wurde eine Patchwork-Insel daraus, wo all jene Dinge des Tisches ihren Platz finden, die entweder immer irgendwie da stehen bleiben (also Wasserkaraffe, Teekrug, Trinkgläser und Blumen oder Blätter oder Steine oder Wetter-Wichtel) oder nur mal eben rasch einmal beiseite geschoben werden müssen, weil Brotteig geknetet werden will oder die Zeit eben doch nicht mehr reicht für ein paar Zeilen ins Notizbuch. Es ist schön, dass dieses Kissen nicht wirklich gehen musste. Sondern in Form dieses Mini-Tisch-Quilts bleiben durfte. Manche Dinge gewinnt mein einfach zu lieb, um sie so mir nichts dir nichts loszuwerden… Und ich spüre immer mehr, dass ich mich eigentlich nur noch mit genau solchen Dingen umgeben möchte; mit Dingen, Momenten, Gedanken… die man nicht mehr gehen lassen will.

 

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Print Friendly, PDF & Email
Dieser Beitrag wurde unter aus meinem tagebuch, Dankbarkeit, Familienalltag, Jahreszeiten, kreativ am Rande, Nähen, this moment, what makes me happy, Zuhause veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Kommentare zu Ende Oktober

  1. Melonengrün sagt:

    Sali Bora
    Du siehst die gleichen Serien an wie ich:-)
    Suchfaktor hoch 10!!!
    Outlander habe ich auch noch geschaut, weil ich auch die Bücher gern gelesen habe.
    Warte gerne wieder auf einen Tipp von dir:-))
    Deinen Tisch-Quilt finde ich total schön!
    Noch einen schönen Abend!
    Gruss Sara

    • kirschkernzeit sagt:

      Genau: man will einfach nicht mehr aufhören… 😉
      Wo bist du denn aktuell in den beiden Serien? Ich habe für mich auch gemerkt, dass es gut ist, wenn ich nicht immerzu in derselben Serie stecke; sonst kommt mir das emotional zu nahe, ich brauche ein wenig Distanz, um mich nicht drin zu verlieren. „Outlander“ habe ich nur mal so anvisiert; ist es nicht fürchterlich brutal? Ich muss schon bei „Versailles“ wirklich jede einzelne Episode kurz durchchecken und mir mit dem Mauspfeil dann markieren, an welchen Stellen ich mich wappnen und vorspulen muss, aber es geht recht gut bisher. Bei „Call the Midwifes“ bin ich auch nach zig Folgen noch verzaubert; wie schön und philisophisch manche Passagen sind! Ich muss glaub’s jedes Mal weinen, in jedem einzelnen Film. Besonders schön-traurig fand ich jene Episode mit der alten Frau, die im Workhouse alle ihre Kinder verloren hat. Es gibt da eine Szene, in der Jenny Lee und Schwester Evangelina sie waschen, liebevoll und behutsam, obwohl es viel gab, was sie ekeln und abstossen konnte- das hat mich wahnsinnig berührt. So viel Feingefühl und Respekt vor dem Menschen. Ich musste sofort an Jesus denken. Und daran, wie er den Jüngern die Füsse wusch. Was für eine grosse Symbolik!
      Der Miniquilt war vor allem ein Spass. Er ist total schräg und schäps, aber egal; crazy Patchwork irgendwie. Das benutzt man besonders gerne, weil ja nicht viel schief laufen kann damit, hihi.

  2. Ruth sagt:

    Oh, ich finde den Tisch-Quilt ganz wunderbar!! (gefällt mir so sogar noch besser als in seinem ersten „Leben“ als Kissen..)
    Bekomme große Lust so einen nachzumachen …bestimmt auch gute Stoffresteverwertung…
    Danke für die Inspiration!
    Liebe Grüße
    Ruth

  3. Nicole sagt:

    Guten Morgen liebe Bora. Es ist immer so schön, dir zuzulesen. Alles Liebe, Nicole

  4. andrea sagt:

    genau, zuzulesen, mitzuleben,reinzuhorchen. sitze gerade mit einer tasse tee vorm computer und fühle mich wohl bei dir. danke dafür du wunderbare!

  5. Rosi sagt:

    ja.. es ist Herbst geworden
    Zeit wieder einen Gang zurück zu schalten
    die Natur (und wir sind ja auch Natur) braucht Gelegenheit sich zu regenerieren
    vom überschäumenden Sommer
    du schreibst :Das klingt jetzt nach Erleuchtung und Yoga und all sowas, aber ich meine das ganz banal: Ich denke einfach sehr viel weniger zurück, an Vergangenes und Verflossenes. Und auch nicht mehr so oft nach vorne. Ich bin nicht mehr so zerfressen wie früher. Mein Bauernhaus-Traum zum Beispiel. Es ist still geworden um ihn. Still in mir selbst. Gerade ist mir alles genug. Was ich habe. Was ich tue. Was ich bin. Vielleicht sind meine Gedanken einfach zu müde für Wolkenschlösser und Sentimentalitäten. Vielleicht habe ich resigniert, aber wenn, dann tut es nicht weh im Moment, es fühlt sich vielmehr ruhig an und weich und bequem..
    nein .. das ist nicht resignieren
    das ist sich einrichten im hier und jetzt
    sicher darf man auch träumen
    aber nicht ständig im Wolkenkuckucksheim hängen
    kommt Zeit kommt vielleicht auch die eine oder andere Traumerfüllung
    und Träume sind oft besser als wenn sie sich dann erfüllen
    ich habe früher jahrelang mit einer Veilchenbrosche geliebäugelt..
    als ich sie dann hätte kaufen können wollte ich sie gar nicht mehr..
    der Traum hatte seinen Zweck erfüllt 😉

    allerdings muss man in dieser Zeit viel raus gehen
    denn auch wenn es bedeckt ist bekommt man mehr Licht ab als wenn man ständig drinnen sitzt
    und das gibt dann wieder mehr Energie
    Filme schau ich gar nicht ..
    ich lese lieber
    da kann ich mir die Figuren vorstellen wie ich sie möchte 😉

    dein Quilt ist schön geworden

    ich wünsche dir einen erholsamen November
    ich mag diese Zeit 😉

    liebe Grüße
    Rosi

  6. Regula sagt:

    Allerliebste Nähprojekt! Ahhhhhhh!!! Liebe Grüsse von mir

  7. Martina sagt:

    So viele schöne und ermutigende Gedanken – da fühle ich mich gleich selber zufriedener und kompletter. „Nicht mehr so zerfressen… Genug haben… Mit warmen Händen geben“ und sich danach leichter und besser fühlen… Wie immer fühle ich mich nach einem Blogbesuch bei Dir gestärkt und voller schöner Impulse. Und ich freue mich von Herzen für Dich, dass Du so eigentlich grandiose Einsichten spüren darfst und sie mit uns teilst.
    Und nachdem ich auch Deinen herbstlichen Melancholie-Post gelesen habe: ich wünsch Dir von Herzen, dass Du auch die warmen, goldenen und gemütlichen Seiten dieser Jahreszeit geniessen kannst. Schlag der Schwermut ein Schnippchen mit Kerzen und Tee!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.