in der Vergangenheit

Ich wollte zuerst „gewöhnlich“ über diesen Post schreiben. Und auch davon berichten. Dass nichts geschieht. Im Moment. Alles ist so normal und langweilig wie eh und je. Aber gleichzeitig stimmt es nicht, das mit dem „gewöhnlich“, denn irgendwie geschieht gerade auch sehr viel, einfach innerlich, nicht aussen.
In den letzten Tagen war ich immer ein wenig… abwesend. Mental und emotional. Nicht so recht bei der Sache und auch öfters am Handy als sonst, als normalerweise, wo ich nicht wirklich oft darauf herumtippse, sondern versuche, den Fokus auf das zu legen, was vor mir liegt und wirklich wichtig ist im Augenblick, also auf die Kinder hauptsächlich und auf so ordinäre Dinge wie eine Mahlzeit, die gekocht werden will und ein Bett das noch rasch in allerletzter Minute vor dem Schlafengehen bezogen werden sollte, während die Bettwäsche noch immer draussen in der Dämmerung flattert (oh ja, es wird früher dunkel, ich sehe es und ja, ich fange allerlei an und vergesse es dann).
Ich kenne solche Phasen. Seifenblasentage. Sie haben keinen offensichtlichen Grund, nur Auslöser. Ich verschwinde ein wenig in mir selbst. Denke nach und werde still dabei, versunken in einer sonderbaren Welt, die sich in sich selbst einigelt, ohne einsam zu sein dabei. Meistens begleitet mich ein Grundgefühl von träger Sinnlichkeit, entrückt, sensitiv und beobachtend und empfänglich für alles, was emotional stärker schwingt. Und fast immer muss ich über irgendwas sinnieren. Übers Landleben. Über das Muttersein. Über den Mut historischer Figuren, anders zu sein, ihr Leben gegen alle Konventionen nach ihrem Herzen zu leben. Über fremde, mir schier unvorstellbare Möglichkeiten, zu leben und zu werden und der Realität völlig neue Wendungen zu geben.

Im Augenblick ist es gerade der englische Bürgerkrieg der 1640er Jahre, der mich regelrecht fesselt. Ich bin wie besessen, lese alles dazu, was ich finden kann, Internetseiten hauptsächlich, deshalb auch meine exzessivere Handynutzung. Die Ideen dieser Zeit, unglaublich grosse und bahnbrechende, ja irrsinnige Ideen für diese Phase der Geschichte, bewegen mich, auch wenn Themen wie persönliche Freiheit, Rechtsschutz und Gleichheit vor dem Gesetz und den Menschen für mich ja heutzutage selbstverständlich sind und mich nicht mehr gross in Begeisterung versetzen können.
Aber wenn ich mir vorstelle, was damals in England vorgegangen sein muss… bekomme ich Gänsehaut. Dieses radikale Umkrempeln in den Köpfen und Tagen der Menschen, für die ein König Gott sein konnte, abgekoppelt von Gut und Böse, das eigene Leben winzig und vergänglich wie ein Regenbogen. Plötzliche Möglichkeiten in buchstäblich alle Richtungen. Und keiner weiss, wann der Wind umschlägt, wer das Rennen macht,  ob bald die ganze Welt in Flammen steht. Ich möchte nicht tauschen, auf keinen Fall, aber der Tumult dieser Revolution vor der eigentlichen Revolution (die in Frankreich, meine ich), fasziniert mich zutiefst. So wie die 68er Bewegung es tut. Woodstock. Die Studentenbewegung. Der Exodus in die „Neue Welt“.

Der Film „The Devil’s Whore“, in dem es gar nicht um Huren geht und an sich auch nicht um den Teufel, obwohl er darin vorkommt, hat genau dieses Gewichtige, dieses Alles-oder-Nichts beeindruckend in Bilder und Lebens-Geschichten gefasst und dem Thema „English Civil War“ für mich ein Gesicht gegeben. Er ist extrem blutrünstig, dieser Film, keine Frage, wirklich zu grausam und anschaulich für eine Frau wie mich… aber das Gefühl stimmt. Und fliesst. Macht Hunger nach mehr. Wissensdurst.
Historische Filme wie dieser sind zwar eigentlich too much für mich. Aber nicht ganz unmöglich.
Wenn, dann schaue ich sie mir übrigens folgendermassen an: Ich klicke mich zuerst in grossen Steppstich-Schritten voran, springe sofort weiter, wenn es zu viel wird für mich. Bis ich in etwa weiss, ob ich es wagen kann, genauer hinzuschauen und ob es sich überhaupt lohnt. Manchmal lasse ich es ganz sein. Manchmal sehe ich mir auch bewusst das Ende zuerst an, nur um vorgewarnt zu sein. (Ich brauche zumindest einen Hauch von Happy End! „The Devil’s Whore“ hat keines.). Manchmal habe ich aber auch Feuer gefangen und muss es unbedingt wissen. Dann spuhle ich den Film behutsam voran, in kleineren Schritten und versuche, mir zu merken, wo es schlimm wird oder unheimlich oder Bilder kommen, die ich gar nicht sehen will. Vielleicht habe ich jetzt bereits genug Informationen bekommen und mein gefilterter Einblick reicht aus. Vielleicht aber auch nicht. Dann setze ich mich nochmals hin und sehe mir den Film richtig an, überspringe aber dabei aber all meine persönlichen Delete-Szenen und hoffe, nichts Gravierendes dabei zu verpassen. Wenn ich Pech habe, klappt das allerdings nur mässig und ich rätsle nachher wie wild an nun doch irgendwie schleierhaften Windungen herum oder an Anspielungen auf Momente oder Dialoge, die ich ausgelassen habe. Es kommt tatsächlich vor, dass ich mir den Film deswegen nochmals anschaue (Himmel, ja ehrlich! Auch ich finde das krass) oder dass ich wie vergiftet in Rezensionen oder Summaries nach den Auflösungen suche (ich kann sehr verbissen sein).
Bei „The Devils‘ Whore“ kam ich echt ins Rotieren; zu viele Kriegs- und Kampf- und Hinrichtungsszenen, bei denen ich mit geschlossenen Augen und den Händen auf den Ohren dasass, hinterliessen schlussendlich mehr Fragen als Antworten, und da mir das englische Fach-Vokabular zu geschichtlich-politischen Dingen nahezu völlig fehlt, bekam ich zuerst wirklich nur einen Bruchteil der Handlungen mit, obwohl ich mich bereits ein wenig eingelesen hatte ins Thema und nun auch in etwa wusste, was ein „Leveller“ war oder ein „Roundhead“ oder so. Aber egal; Noch mehr Nachlesen, Schmökern, Nachdenken, Vergleichen, die Lücken füllen.
Ich brauche das gerade.
In fremde Zeiten entschlüpfen.
Manchmal bin ich recht extrem.

Ich glaube, es ist die Aufbruchstimmung an sich, die mich anzieht in all dem. Leidenschaften, hehre Ziele und der Mut zur Tat. Zu wissen, dass Unmengen an Menschen die Geschichte dieser Welt, meiner Welt, zu dem gemacht haben, was sie heute ist, manche unwissentlich, rein durch ihr kleines, scheinbar bedeutungsloses Leben, andere mit voller Hingabe einer Idee verpflichtet, die sie für das Beste hielten, was uns allen geschehen konnte. Ich meine… alles, was heute ist, was wir haben oder sind, hat seine ureigene, lange, lange, lange Geschichte. Und für jede Freiheit, jede Wahrheit, jeden Neu-Anfang wurden Opfer gebracht. Opfer verlangt auch, was ich nicht verherrlichen möchte, denn Krieg ist immer schrecklich, und Revolution nichts anderes als Krieg, eine Macht, die das unterste zuoberst kehrt und Veränderungen erzwingt, für die niemals alle bereit sind. Und doch folgen alle nach. Oder gehen unter. „Was sich nicht beugt, wird brechen.“
Das stimmt mich nachdenklich.
Aber auch dankbar in gewisser Weise. Dankbar für alle jene Menschen, die für mehr Gerechtigkeit, für die Befreiung und den Schutz der Schwachen gekämpft haben, für das Gute (nur was ist es, das Gute?) Gerade für mich als Frau wäre das Leben ein vollkommen anderes, ein engeres und leidvolleres, würde ich die Uhr zurückdrehen bis ins Jahr 1642… Und doch; wieviel Blut geflossen ist, selbst für jeden „guten“ Sieg, kann man sich wohl kaum vorstellen. Und will es auch nicht. „So many blood for so little.“

Die Fotos oben sind übrigens absolut nicht verlinkt mit diesem Text hier. Wie denn auch? Es gibt keine Bilder zu den drehenden Rädchen in meinem Kopf oder zu der Seifenblase, die mich gerade umgibt. Aber es sind Einblicke in das Leben, das ausserhalb von alldem weiterläuft, rings um mich herum, die Kinderspiele, die welkenden Blumen und das Licht der Sonne, das nachmittags warm ist und abends so schnell blass und blau. Langsam tröpfle ich zurück. In meinen Alltag. Seifenblasentage sind nicht dafür gemacht, lange zu bleiben. Sie bewegen sich ständig entlang ihrer Hülle, fliessen an sich selbst hinunter, werden dünn und dünner, bis sie zerplatzen.
Und alles wieder so ist.
Wie immer.

 

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8 Kommentare zu in der Vergangenheit

  1. Steffi sagt:

    Liebste Bora, Du schreibst mal wieder so schön. Es ist ein Genuss, Deine Einträge zu lesen. Ich kann Deine Besessenheit mit dem Thema English Civil War gut verstehen. Bei mir war es vor ein paar Jahren das Schicksal der Geschwister Scholl, das mich nicht mehr losgelassen hat. Auch dazu habe ich mir einen Film angesehen, der mich tagelang beschäftigt hat. Damals habe ich mich auch in einer Blase befunden, war draußen mit den Kindern spazieren mit dem Kopf aber ständig bei Sophie Scholl und ihren letzten Stunden.

    Es stimmt schon, alle diese mutigen Menschen haben sich geopfert, haben ihre Familien verlassen um für ihre Ziele zu kämpfen, deren Verwirklichung
    sie selbst gar nicht mehr erleben durften. Ich denke oft daran, ob ich so mutig wäre….

    Liebste Grüße von Steffi aus Bremen

    • kirschkernzeit sagt:

      Das schreibst du so richtig; man ist gewissermassen bei diesen Menschen und horcht in sich hinein, versucht, nachzufühlen, sich hinein zu versetzen… Ich frage mich das auch gerade; wie kann ein Mensch so viel Mut und Radikalität aufbringen? Alles aufs Spiel setzen. Alles opfern- sogar sich selbst. Bei Sophie Scholl ist das ja ganz extrem, huch! Ich habe den Film nicht gesehen und befürchte, das würde ich nun gar nicht verkraften (wobei, mit meiner Supermethode…? 🙂 ). Meine Schwester hat mir im letzten Jahr einmal eine DVD mit einem Film über diese unfassbar tapferen, selbstlosen Leute im Warschauer Zoo im 2.Weltkrieg ausgeliehen, die hunterte Juden inmitten von Nazis versteckt hielten und in die Freiheit schmuggelten. Unfassbar! Der Film hatte aber dermassen schreckliche Szenen bereit, dass ich ihn von 2 Stunden auf schlappe 45 Minuten kürzen musste *hüstel*. Aber ich war zutiefst beeindruckt; der eine Mensch übertrifft sich an Grausamkeit, der andere an Menschlichkeit und Liebe. Ein Rätsel…
      PS. Ach ja; ich weiss es bei mir, glaube ich. Ich wäre niemals so mutig. Ich wäre wohl starr vor Angst und zu feige, gegen den Strom zu schwimmen. Ich hoffe, niemals in so eine Situation zu kommen…

      • Steffi sagt:

        Liebe Bora,
        der Film war gar nicht grausam, ich kann solche Szenen auch nicht haben. Aber gerade die Verhöre, das Verabschieden von den Eltern und das alles in Ruhe und einer grausamen Wirklichkeit, das hat mich so berührt damals. Wenn Dich die Zeit des Warschauer Ghettos interessiert, dann empfehle ich Dir das Buch 28 Tage lang von David Safier. Das ist auch sehr berührend. Als Film könnte ich das nicht sehen, aber lesen geht …

        Liebste Grüße
        Steffi

  2. Tina sagt:

    Liebe Bora, wie schön du schreibst! Ich kann auch keine gewalttätigen Filme schauen, und es scheint mir, je länger je weniger. In der letzten Zeit gar nicht mehr – vorher sass ich auch stellenweise (lange Stellen..) mit geschlossenen Augen und zugehaltenen Ohren da und mein Mann musste mir dann das Verpasste erklären. Vor zwei Tagen bin ich über einen DOK gestolpert, der auch einen Wandel zeigt – ein Paar aus den 68-ern baut sich in einem abgelegenen Tessiner Tal eine eigene Existenz, ein Bergbauernhof auf. Revolutionär im kleinen Rahmen und die Familie einfach sehr sympathisch (wie sehr würde ich dem Sohn – Sämi – wünschen, dass sich sein Traum von eigener Familie auf dem Hof erfüllt…). Vielleicht auch etwas für dich? Mit 100%-iger Garantie ohne gewalttätigen Szenen 😉 LG Tina (hier der Link: https://www.srf.ch/sendungen/dok/die-alp-traeumer)

    • kirschkernzeit sagt:

      Habe ich mir gleich gemerkt:; das klingt so gut! Nur schon das Foto bei SRF sieht auch supersympathisch aus! Und dass hier auch von der schwierigen Seite des Aussteigerlebens berichtet wird, finde ich grandios und sehr wichtig und wertvoll. MUSS ich mich anschauen, hab ganz herzlichen Dank!

  3. Daniela sagt:

    Kennst du das blog von „le monde de kitchi“ und ihre great women posts?
    Liebe Grüsse * Daniela

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