kreativ am Rande

Die Schule hat wieder begonnen- und mit ihr dieser ganze Terminwahnsinn und die hin- und her schwappenden Hochs und Tiefs gewisser Kinder, die mit der Menschenmenge und der vorgegebenen Geschäftigkeit des Schulalltages einfach nicht zurecht kommen.
Die letzten Tage habe ich oft daran denken müssen, wie es wäre, die Kinder zuhause zu unterrichten. Offen gesagt, denke ich; in unserem Fall wäre es grob genommen nicht unbedingt ein Plus. Weder für die Kinder noch für mich. Ich war selber eine sehr glückliche Schülerin, die sich absolut geborgen und zuhause fühlte im Klassenzimmer und diesen Familien-entrückten Raum absolut brauchte, um mich ausserhalb der familiären Beziehungsmuster neu zu definieren. Genau dieses Phänomen beobachte ich auch bei sicher zwei meiner Kinder; Mein 6-Klässler und seine 3 Jahre jüngere Schwester blühen sichtlich auf inmitten von Stundenplan, Pausenhof und Klassenverband. Sie sind wissbegierig, werden inspiriert und emotional gefordert und genährt in ihren Schülergruppen und sehen in ihren Lehrern und Lehrerinnen (beide haben mehrere) nicht nur Autoritätspersonen, bei denen man Zucht und Ordnung lernen soll (hihi), sondern irgendwie auch sowas wie… sympathische erwachsene Begleiter. Kind2 zB. hat einen fantastischen jungen Mann als Lehrer, einen Sportler, Schiedsrichter im Volleyball, glaube ich, äusserst fair und voller Elan, der auch mal 5 gerade sein lässt und mit den Kindern viel lacht. Kind2 hat sich enorm gemacht in den letzten 2 Jahren bei ihm. Überhaupt die ganze Klasse. Sie ist richtig zusammengewachsen und gemeinsam durch so manche Konfliktsituationen gegangen, die es zusammen zu lösen galt und die auch bewusst angegangen wurden. Eine eigentliche Lebensschule war das, ist das, denke ich, und weil da jemand dabei steht, der ein Herz hat für Kinder und sich offensichtlich auch selber reflektiert, wird aus dem ambivalenten Thema Schule in diesem Fall ein echter Segen, für den ich unheimlich dankbar bin. Mein Junge erfährt viel Anerkennung, erlebt Freundschaft und die motivierende und aufbauender Kraft und Geborgenheit der Klassen-Gemeinschaft. Und das tut ihm wahnsinnig gut. Genau wie meinem Mädchen, das ihre scheinbar unbändige Energie in der Schule ganz verblüffend zu bündeln vermag; konzentriert und fokussiert im Unterricht, wild und frei in den Pausen. Ich hätte es nie für möglich gehalten und wundere mich noch heute, aber das Kind, das ausserhalb der Schule rasch einmal den Gedanken an ADHS aufkommen lässt (ich gestehe es; auch bei mir), funktioniert in der Schule absolut tadellos und bringt nur Lob und gute Noten nach Hause. (Ich bete zu Gott, dass das anhält).
Anders sieht es bei Kind1 aus.
Und bei meinem Kindergartenkind.
Für Kind1 bedeutet Schule heute einzig: gähnende Öde. Ich bin nicht erstaunt im Grunde, für viele Jugendliche verliert das Klassenzimmer an Reiz und die grossen entwicklungstechnischen und biologischen Lebensthemen bilden eine weite Schere zu Algebra und Plattentektonik. Ich verstehe das. Vollkommen. Aber es ist schade. Wie er sich Tag für Tag rumschleppt und keine rechte Freude empfinden kann an all dem. Das Gymnasium abbrechen möchte er trotzdem nicht, obwohl wir diese Möglichkeit immer wieder ansprechen. Ich für meinen Teil wäre richtig froh, wenn er jetzt erst einmal Automech werden würde anstatt zwischen seinen Buchseiten zu verkümmern, aber er sieht das ganz anders, will sich durchbeissen, das Abitur einpacken- und dann richtig leben, wie er sagt. Weil mir nichts anderes übrigbleibt, begleite ich ihn auf diesem selbst gewählten Weg.
So wie ich meine Kleine begleite.
In ihrem Kindergarten-Alltag.
Und jeden einzelnen verflixten Morgen zum Kindsgi hin und mittags nach Hause. Ihr Weinen und Klammern beim Abschied -ja, immer noch, nach jetzt über einem Jahr- zerreisst mir das Herz und zerrt an meinen Nerven. Neulich musste ich selber losheulen (wie peinlich!) und ich spüre, wie diese Anspannung und die emotionale Belastung langsam wieder an mir zu nagen beginnen. Es ist nicht einfach. Aber irgendwie geht es immer vorwärts. Schritt für Schritt.

Bei all diesen grossen, zum Teil sehr aufwühlenden Themen bleibt kaum noch Zeit für anderes. (Ach ja, nur um den Kreis punkto Homeschooling noch kurz zu schliessen; meine Kleine würde ich aus der Schule nehmen, bzw. aus dem Kindergarten. Wenn ich könnte.)
Mit Mühe und sehr viel Selbstdisziplin habe ich es diese Woche immerhin geschafft, jeden Mittag ein warmes, hoffentlich einigermassen gesundes Essen auf den Tisch zu stellen und die (jüngeren) Kinder rechtzeitig zu Bett zu bringen. Ich habe Wäsche gewaschen, eingekauft und im Secondhand-Laden Schuhe und eine Regenjacke für mein Kindergartenkind gekauft. Ich habe bei der Biobäurin Gemüse gepostet, viel geplaudert dabei und mich unglaublich wohl gefühlt auf ihrem Hof. Sie macht so viel selber. Kocht Bouillon, macht Kräuersalze und Kirschenkompott und so exklusive Sachen wie Lavendel-Sirup oder Zwetschgen-Schnaps. Ich schaffe es gerade noch knapp, den Basilikum vor unseren Meerschweinchen zu retten, bevor sie mir auf ihrer Klettertour durch die Kräuterspirale alles wegknabbern (wo ist eigentlich meine Petersilie geblieben?!) und war sehr stolz,  als ich und meine Kleinste 3 Gläslein grünes Pesto daraus zu fabrizierten. Was Spass gemacht hat, wie man unschwer auf den Fotos erkennt.
Holunderbeer-Sirup kam zustand. Und aus dem üppig wuchernden Strauch Zitronenverbene vom Garten werden nun Tee-Kräuter, einzeln abgezupft und getrocknet und in einem grossen, bauchigen Einmach-Glas verstaut, das mittlerweile voll ist bis obenhin. Man bringt den Deckel gerade noch zu. Die ersten Büschel habe ich wohl bei zu hohen Temperaturen getrocknet. Mein Dörrex stammt vom Trödler, ist eher alt und kam ohne Anleitung daher. Bis ich begriffen habe, dass es sehr wohl eine Rolle spielt, auf welches Nümmerchen man den Regler stellt, waren die ersten Bleche Kräuter schon fast Heu. Ich verwende sie trotzdem. Vielleicht merke ich ja auch gar keinen Unterschied, wer weiss…

Ansonsten liegt meine Kreativität etwas brach in letzter Zeit. Ich weiss, Soulemama hat uns gelehrt; Man muss sich Nischen schaffen zum Werkeln, Basteln und Nähen und Stricken und Schreiben. Von alleine werden sie nicht frei. Niemals. Da ist immer irgendwas anderes, das getan werden sollte. Scheinbar. Oder auch ganz legitim und offensichtlich. Zeit für die eigenen Bedürfnisse, besonders für dieses unsinnige, kreative Drängen in uns wird sich kaum von selbst eröffnen. Ich muss sie mir ureigenst selber nehmen, freikämpfen, am Schopf packen. Die Sache ist nur die, dass es mich im Moment einfach zu nervös macht, all das Chaos und die drängenden Punkte meiner To-Do-Listen zur Seite zu schieben und… mich strickend zu verziehen. Zum Beispiel. Und wie man sich lärmende, fragende, müde oder überdrehte, nach Zvieri oder einem Pflaster verlangende Kinder vom Hals hält, um in aller Musse eine Masche an die andere zu hängen, habe ich bis heute noch nicht herausgefunden. Darum mache ich gerade Mini-Schrittchen, was Kreativ-Projekte angeht. Und bastle mehr an Zukunfts-Träumen punkto Näh-Wünsche als an handfesten Schnitt-Teilen. Da wäre ein Quilt zu quilten. Sogar zwei, wenn ich mich recht erinnere. Und Wolle gäbe es auch im Überfluss. Aber eben… wann? Wo? Wie?
Gestern immerhin habe ich das hier geschafft: Ich bin -wirklich hundemüde und emotional ziemlich angeschlagen (da war ein Kindergeburtstag an dem meine Kleine dann urplötzlich auch nicht bleiben wollte ohne mich *argh*)- schon um 21:30 ins Bett geklettert, habe mir Holundersirup und das Radio bereit gestellt und das neue Projekt angeschlagen, an dem ich sicher 3 volle Abende herumstudieren musste, bis ich es ausgewählt und die passende Wolle dazu in meinem Fundus gefunden hatte. Es wird ein  schlichter „Tama“-Pullover. Für meine Kleinste. In Waldgrün. Zuerst war ich nicht wirklich begeistert, es kam einfach kein Feuer-und-Flamme-Gefühl auf in mir, doch so langsam, langsam gewinne ich dieses Projekt lieb. Ich mag die Farbe. Sanft und natürlich. Ein bisschen sommerlich, ein wenig schon Herbst. Ein weiteres Projekt. Kreativ am Rande. Und Grün ist immer gut.

PS. Ich werde es wohl nicht schaffen, alle eure lieben Kommentare zu meinem blauen „Zilver“-Tuch zu beantworten, aber ich DANKE jeder einzelnen von euch für das viele Lob und die guten Gedanken!!!!!!!!!!! Es hat mich wahnsinnig gefreut, sie zu lesen!

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4 Kommentare zu kreativ am Rande

  1. andrea sagt:

    allein schon zu lesen, wie du deine kinder wahrnimmst, in ihrem wesen und sosein, ist eine wahre freude. und die worte, die du für den jungen lehrer gefunden hast, sind herzerwärmend. mögen sie ihm zu ohren kommen 🙂 alles gute, andrea

  2. Melanie Marie Luise sagt:

    Eure Meerschweinchen sind aber gewachsen… 🙂

    Und ich liebe Berichte über die Verschiedenheit von Geschwistern, ich staune immer wieder.
    Herzliche Grüße!

  3. Ich drück dich liebe Bora. Du bist eine wundervolle Mutter und Frau und machst das einfach toll. Das muss auch mal gesagt werden 😉 So schön wie du deine Kinder wahrnimmt und sie so sein lässt wie sie sind. Es tut mir leid für dein Kindergartenmädchen und habe schon manches mal überlegt, ob sie nicht raus könnte aus dem Kindergarten…. es scheint nicht zu gehen. Meinen Kindern hilft es immer sehr zu wissen was sie am dem Tag erwartet, das kann gut ein konkretes Spiel oder eine Bastelei sein. Etwas auf das sie sich freuen. Vielleicht hilft euch diese Idee weiter.
    Ich habe jetzt ein Grundschulkind Bora, ich kann es gar nicht fassen… mit Hausaufgaben vom ersten Tag an *augenverdreh* und ganz viel Aufregung wegen der Umstellung für alle. Und dazu möglichst viel Zeit im Krankenhaus … Eine schwierige Zeit. Doch der Weg findet sich, jeden Tag ein Stückchen mehr.
    Alles Liebe für euch
    Deine Sternie
    P.s. Ich lese alle deine Posts mit Freude und Genuss – hoffentlich kann ich bald wieder öfter kommentieren. Glg!

  4. milena sagt:

    Ich habe nicht so eine grosse Kinderschar, wie Du. Nur 3. Der Kleinste kam nun in die Einschulungsklasse. Etwas mehr als der Kindergarten, aber noch nicht 1. Klasse. Und er hat die Diagnose ADHS. die Mehrzahl der Kinder hat das übrigens nicht „gestohlen“, sondern vererbt bekommen. (Anmerkung: O-Ton Kinderarzt).
    Bei uns gehts also auch drunter und drüber. Was mir hilft, ist Arbeiten mit dem Wecker. Ich stelle mir 15 Minuten die Eieruhr und räume die Küche auf, dann 15 Minuten das Wohnzimmer, 15 Minuten Pause (nicht vergessen), usw. Innert zwei Stunden schaffe ich so acht Themen und bin danach sehr erstaunt, was ich alles gemacht habe. Manchmal ist auch 15 Minuten stricken dabei oder Zeitung lesen. Vielleicht probierst es auch einmal?
    Die 15-Minuten-Methode wende ich auch beim Kleinsten an: Zimmer aufräumen, Hausaufgaben machen, spielen, usw.
    Liebe Grüsse
    Milena

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