Aus meinem Tagebuch: Lavendelsommer

Ein Eintrag vom 27.8.2018

Fast hätte ich mich hingesetzt, um eine Ode zu schreiben, eine Ode an den Sommer. Aber das wird es wahrscheinlich nicht, stattdessen eine Ode an den Moment, an diesen Augenblick, der so glücklich ist. Es ist ein einfaches Glück, aber Glück ist Glück, das fragt man nicht, welcher Art. Obwohl… wenn ich es benennen müsste, dann würde ich sagen; es ist ein Lavendel-Glück. Lavendel, weil ich gerade die Balken des Gartenhäuschens mit dicken Sträusschen Lavendel behänge, zum Trocknen für Duftkissen. Ich habe sie zu spät geerntet, alle Blüten sind bereits verblüht und bedecken nun in blass-blau-violetten Krümelchen den Laubenboden, weil sie nicht mehr gut an den Stängeln haften. Doch der Anblick der vielen Bienen, Hummeln und Schmetterlinge in meinem Lavendel-Beet war einfach zu schön, zu richtig… Lieber ein paar Duftkissen weniger. Spielt ja keine Rolle. Den Bienen hingegen schon.
Lavendel aber auch, weil dieser Sommer heiss ist. Wahnsinnig heiss. Und trocken. Wahnsinnig trocken. Nicht nur unsere Region dürstet, die ganze Schweiz steht in Dürre, gelbe Rasen, Stoppelfeld-Weiden, versiegte Quellen, Rinnsale statt Flüsse. Trotzdem liebe ich diesen verrückten, ausser Kontrolle geratenen Sommer. Wirklich, ich sauge ihn auf wie Erde den Regen. Ich weiss, eigentlich sollte die Hitze mir zu schaffen machen, denn das hat sie immer getan, doch das tut sie nicht. Es verblüfft mich selbst, aber es scheint, als würden Licht und Wärme mich aufrichten und nähren. Jetzt kann ich plötzlich nachvollziehen, wieso es manche Menschen in den Süden zieht…

Die letzten 2 Tage überraschten mich mit einem Geschenk: Zeit. Freie Zeit. Ich-Zeit. Das beste, was einem in den Schoss fallen kann. Herr Kirschkernzeit wurde von einem plötzlichen Anflug von Urlaubs-Laune und Ausflugslust erfasst, packte das Auto voll mit Kindern und brauste davon in Richtung Wasser. Da mich die Unterstützung meines jüngsten Bruders und meiner Schwiegermama wunderbarerweise entbehrlich machte, blieb ich dankbar zuhause, hütet die Meerschweinchen, hörte Musik und strickte mich glücklich in einen weiteren Sommertag hinein… Mein blaues Zilver-Tuch wird vielleicht sogar pünktlich zum 9. Geburtstag meines Mädchens fertig. Garn habe ich mehr als genug, allein die Zeit wird wohl den Rahmen setzen. Ich plane noch mindestens einen Muster-Rapport und dann eine grosszügige kraus rechts gestrickte Borte zum Abschluss. Es haben sich Fehler eingeschlichen: die glatt rechten Zwischenstreifen sind unterschiedlich breit, aber ich bin gerade dermassen optimistisch unterwegs, dass ich unbekümmert darüber hinweg sehe und mir einrede, dass diese Unregelmässigkeit keine grosse Sache ist und ein Tuch sowieso die meiste Zeit über gerafft und gefaltet um Hals und Schultern getragen wird.
Das Blau jedenfalls gefällt mir mit jeder Reihe besser. Lavendeltage-Blau. Sommerabendblau. Blutmondsommerabendblau sogar. Exakt das Blau, das ich im aktuellen Gudrun Sjöden Katalog so hinreissend finde (Jesses, genau diese Künstlerbluse hat mir noch gefehlt in meinem Kleiderschrank!)
Mein Lavendelsommer hat auch einen Soundtrack. Energievolle, ausdrucksstarke Erdboden-Musik, Trommel-lastig, Beat-schwer, emotional. „Omnia“ spielt da ihr „Fee Ra Huri“ (schwindelerregend!). „Faun“ mindestens zwei seiner jüngeren Stücke; „Federkleid“ mag ich sehr, „Walpurgisnacht“ aber ist mein heimlicher Liebling (trotz dem esoterischen Video). Die volle, dunkle Männerstimme im Refrain erinnert mich an Metallicas „Nothing Else Matters“ in der San Francisco-Symphonie-Orchester-Version, bei der ich auch heute noch eine Gänsehaut kriege, so schön finde ich dieses Stück in dieser Form. Auch wenn ich ganz klar nicht für Metal oder Rock gemacht bin, zieht es mich momentan zu eher schweren, heftigen Klängen, was ganz untypisch ist für mich, aber andererseits fesselt mich alles, was leidenschaftlich ist, eigentlich (beinahe) jede Art von Musik (auch Klassik, sogar Schlager), solange echte Emotionen darin schwingen.
Die italienische Gruppe „The SIDH“ ist gerade eine absolute Offenbarung für mich; Ich bin ihr momentan schwer erlegen und höre mir in meinen freien Momenten fanatisch jedes Stück von ihnen an, das ich auf You-Tube finden kann. Ihre Konzerte müssen grossartig sein, der reinste Hexenkessel mit virtuosen Flöten-und-Dudelsack-Sessions irgendwo zwischen Dub, Celtic, Electro und Metal. Grandios. Dieser Mix ist schlicht atemberaubend. Besonders schön finde ich dieses recht verspielte Stück hier: „Sopra il Livello Medio“. Es macht in seinen über 6 Minuten Spielzeit eine Methamorphose nach der anderen durch, von elektronischen Tönen über Folk zu HipHop in irgendeiner Variante zurück zu Celtic bis hin zu etwas, was sowas wie ein Jazziges Gefühl in mir auslöst.
Flow.
Flow Pur.
Trotz seiner Härte ist allerdings das hier mein Lieblingsstück: „Iridium“. Wobei, vielleicht ist es vor allem mein Lieblings-Clip, ich weiss nicht recht… Die Kraft und Virtuosität der Musik verschlägt mir glatt den Atem. Aber dann das Video… Auf düstere Weise wunderschön. Ich mag es, wenn man sieht, wie Musik gemacht wird. Ohne halbnackte Figuren und eindeutig zweideutige Dancemoves. Keine Bettszenen-Lyrics, nichts, worüber ich aktiv hinweghören müsste. Hier spielen junge Männer ihre Instrumente und sie spielen sie gut und verblüffend kombiniert. Und dann diese Hände…

Mein Lavendelsommer ist bodenschwer. Und gleichzeitig frei. Das Gefühl, das man hat, wenn man sich tropfnass nach einem Schwumm im Pool auf die sonnenwarmen Bodenplatten legt und die Augen schliesst.
So sollte es sein.
Und bleiben.
Manche Momente möchte man einfach für länger festhalten…

PS. Dieser Text hier liegt schon ein paar Tage zurück. Ich habe ihn in meinem Tagebuch notiert, kam aber nie dazu, ihn hier im Blog einzutippen, weil rund um die Uhr etwas los zu sein scheint.
In der Zwischenzeit hat meine Grosse Geburtstag gefeiert. Das Tuch wurde nicht fertig. Dafür eine riesengrosse Schokoladen-Pavlova mit Sahne und Schokocreme. Das Baby meiner Schwester ist zur Welt gekommen (Ein kleiner Junge!). Ich freue mich wie eine Verrückte darauf, endlich wieder Babyduft einatmen zu dürfen. (Hoffentlich fange ich nicht auch noch an, an ihm zu knabbern.) Es hat noch immer kaum geregnet und wir haben bis auf weiteres generelles Feuer-Verbot. In der Nähe hat beim Mähen ein Feld Feuer gefangen, konnte aber rasch wieder gelöscht werden. Auch das 1. August-Feuerwerk fällt heute aus. (Die Hunde und Katzen danken.)
So ist er, mein Lavendel-Sommer.

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2 Kommentare zu Aus meinem Tagebuch: Lavendelsommer

  1. andrea sagt:

    liebe bora,
    verrückt. ich war jahrzehntelang kein sommertyp, hab mich im mai schon auf den herbst gefreut, die sonne nicht vertragen und hatte wasserkontakt am liebsten nur in der heissen badewanne. und dieses jahr? ich lieeebe den sommer und die hitze macht mir nichts aus. ich schwimme weit in den see hinein, lege ich mich in den eiskalten pool und bin braun wie nie. niemals hätte ich erwartet, dass sich das mal so ändern könnte. und jetzt lese ich bei dir ähnliches und staune. wunderschön hast dus wieder beschrieben. und das man die blüten des lavendels auch verblüht nutzen kann, war mir gar nicht bewusst. sehr fein. habs gut weiterhin und herzlichen glückwunsch zum neuen tochterlebensjahr. andrea

    • kirschkernzeit sagt:

      Ich kann mir vorstellen, dass wir ganz einfach feuchte Hitze nicht gut vertragen, mit trockener Hitze aber gut zurechtkommen? Normalerweise ist es bei uns ja niemals derart trocken und besonders heisse Tage waren oftmals „tropische“ Sommertage, die bald ein Gewitter auslösten, aber dieses Jahr ist das völlig anders. Ich erinnere mich noch gut, wie es war, als ich einmal in Ägypten in der Wüste war; Ich fühlte mich pudelwohl, obwohl ich sonst bei 27, 28 Grad an meine Grenzen kam und den Herbst jedes Jahr schon im Juni herbeisehnte… Aber es hat sicher auch damit zu tun, wie stressig man es gerade hat im Leben, oder? Bei mir ist es der allererste Sommer seit 17 Jahren, in dem ich weder stille noch schwanger bin…;-)

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