Canvas Cardigan

Ich war lange weg hier. Ein bisschen weggeschwebt. Entrückt. In einer Art Wolke.
Da waren viele neue Eindrücke und kleine, emotionale Momente an meinem Kräuter-Kurs-Tag im Emmental, die es zu verarbeiten galt, Migräne und die Magengrippe meiner Kinder, die mir dazwischenrasselten, und ein Abtaucher in die Welt des Ballett und all die Erinnerungen an längst vergessen geglaubte, unerfüllte Träume und vergangene Zeiten, die mich innerlich aufwühlten. Da war einfach… vieles, vieles was mich umtrieb und Stimmen in mir reagieren liess, die sonst meistens schweigen. Und immer noch schwingt und bebt es in mir. Es ist schwierig, Worte dafür zu finden.

Mein Tag mit Mamaniflora und ihren Kräutern war ein sehr besonderer Tag für mich. Allein die Reise fast quer durch die Schweiz fühlte sich wahnsinnig bedeutungsvoll an für mich, denn ich reise nie, und schon gar nicht alleine und nur für mich selbst. Ich war fürchterlich nervös und bangte um allerlei Unnötigkeiten; Werde ich mich auch bestimmt nicht unterwegs verirren? Oder irgendwo stranden wegen Streiks oder Unfall oder sonstwelchen Eventualitäten? Werden die Leute mich wohl mögen? Oder einfach nur doof finden? Und wie kann ich meinen christlichen Glauben und das Neuland-Thema „intuitive Pflanzenmedizin“ miteinander in Einklang bringen? Für die Reise hatte ich mir noch in der Nacht zuvor den Kopf darüber zerbrochen, um das perfekte Strickprojekt für unterwegs zu finden (die braune, handgesponnenen Alpaca-Wolle blieb dann auch zuhause, abgelöst durch leuchtend blaues Garn für ein „Zilver“-Tuch für meine grosse Tochter), aber schlussendlich sass ich doch fast die ganze Zeit über nur bibbernd, nachdenklich und gleichzeitig überaus beschwingt in meinem Abteil und betrachtete, wie die Landschaft an mir vorbeiflog.
Ich-Momente.
Geballt.
Ich habe sie genossen. Auch all die Gefühle, die in mir hochstiegen und einfach sein durften, ungebremst durch Kinderstimmen und meine Aufgabe, jederzeit für andere dasein zu müssen. Und Mamaniflora…? Ist absolut umwerfend! Eine wunderschöne, wahnsinnig herzliche Frau, die man einfach gern haben muss. Und die einen wahnsinnig tollen Job gemacht hat an ihrem allerersten Kräuterkurs. (Chapeau, Nicole!)
Ich werde anders Tee trinken in Zukunft. Bewusster und mit mehr Sinnlichkeit. Jedenfalls dann, wenn ich mich innerlich kurz abkoppeln kann vom Hamsterrad Zuhause.

Ich glaube, das Thema Sinnlichkeit und Sinn-Haftigkeit ist momentan überhaupt sehr bedeutend für mich. Dinge tun, die man liebt, für die man brennt, die einem leidenschaftlich interessieren und bewegen. Träumen nachgehen und nachgeben. Sie für wichtig erklären. Sich selbst sein, ohne in Reihen von Kompromissen alle Rechte an sich selbst zu verschenken.

In den letzten zwei Tagen habe ich so viele Ballett-Sequenzen gesehen wie schon ewig nicht mehr. Allein das „Adagio“ zwischen Spartakus und Phrygia aus „Spartakus“ sicher zehn Mal, in vier verschiedenen Tänzer-Konstellationen und mit zunehmend feuchteren Augen und schwererem Herzen: In meiner Jugend war das Tanzen meine Welt. Ich tanzte drei Mal die Woche, spielte leidenschaftlich Theater und nahm klassischen Gesangsunterricht an meiner Schule. Die Bretter, die die Welt bedeuteten, waren eine Oase für mich, ein Ort, wo ich wirklich und zutiefst ich selbst sein konnte, wo meine starken Emotionen und meine Tendenz mich darin zu verlieren endlich Sinn machten und alles, was mich ausmachte irgendwie passte.
Doch die Realität holte mich ein und entriss mich den Spitzenschuhen und bald darauf auch der Theatergruppe: Mein Talent war zu gering, mein Selbstvertrauen zu kläglich,  und weil ich ein wehmütiger Mensch bin, entschied ich mich sofort für ein Ende mit Schrecken statt umgekehrt und schloss das Thema gnadenlos ab, möglichst ohne zurück zu sehen. Hobbytanzen war einfach zu schmerzhaft. Ballett habe ich keines mehr gesehen, seit ich 17 war, um Musicals einen grossen Bogen gemacht und Theater-Plakete aus meinem Blickfeld verbannt.
Spartakus und Phrygia haben abgelegte Gefühle wieder neu aufgewühlt und mich emotional ein bisschen aus der Bahn geworfen…

Zeit für mich, wieder Boden unter die Füsse zu bekommen.
Ich merke, dass ich Nervennahrung brauche und den Anker werfen muss, um wieder im Hier und Jetzt zu landen. Tagträume und Erinnerungen mögen schön sein und zu uns gehören, aber sie brauchen einen Punkt, damit unser Lebenslied weiterspielt und die Nadel nicht permanent in der Rille hängt wie bei einem kaputten Plattenspieler.
Wie genau ich jetzt auf meine blaue „Canvas“-Wolljacke gekommen bin, weiss ich eigentlich auch nicht recht. Vielleicht weil es sich sehr erdend anfühlt, ein Projekt zu Ende zu bringen? Oder weil Wolle (in diesem Fall 5 Strangen „Tosh DK Stargazing“) mir überhaupt angenehm realitätsbezogen und wahrhaftig vorkommt, so ehrlich und trotzig urchig wie ein Urner Stier. Sie erinnert mich ans Landleben und daran, dass es gut tut, die Wurzeln im einfachen Leben zu vergraben, unaufgeregt zwar, aber wohltuend menschlich.

Ich habe sie schon oft getragen, diese Jacke. Seit sie im letzten Winter von den Nadeln gerutscht ist, hat sie sich zu einem wolligen Favoriten gemausert, in dem ich mich wohl fühle und irgendwie… angezogen (was nicht bei allen Dingen, die ich selber stricke oder nähe wirklich der Fall ist). Es ist ihre Wärme und der klare, stimmige Schnitt, die mir so wohltun. Keine Fehler, nur das schöne, leicht grünlich gesprenkelte Blau, schlanke Ärmel, gerade Linien. Nichts, in dem ich mich schämen muss.
Mir ist aufgefallen, dass ich besonders häufig nach meiner „Canvas“-Cardigan greife, wenn mir ein wichtiger Termin bevorsteht. Oder ein Anlass, dem ich mit Nervosität und grossen Gefühlen, wie Freude oder Angst entgegenblicke.
Arzttermine sind so ein Fall. Elterngespräche in der Schule. Grosse Familientreffen. Ein Meeting in der Stadt.
Wisst ihr, was ich wirklich und ehrlich vermisst habe, an meinem Kräuter-Kurs-Abenteuer-Tag letzten Sonntag?
Diese Jacke.
Genau diese Jacke.
Sie ist ein Zuversichts-Werk. Klar und einfach und mit Bodenhaftung. Genau, was ich brauche im Moment. Ich glaube, ich weiss, was ich gleich aus meinem Schrank ziehen werde…

Ein paar Strickdetails zum Schluss:

Anleitung: „Canvas Cardigan“ von Carrie Bostick Hoge, veröffentlicht im Magazin „Making“, nun auch erhältlich via Ravelry
Garn: 5 Strangen „Madelinetosh DK“ der Farbe „Stargazing“
Nadeln: 3.5 für die Bündchen 4 für den Rest
MP mit Nadeln Nr 4: 21M =10 cm (nach dem Waschen)
gewählte Grösse (habe sonst Grösse 38): 99cm Brustumfang
Änderung: lange Ärmel und längerer Körperteil als in der Anleitung

 

 

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10 Kommentare zu Canvas Cardigan

  1. de josh sagt:

    hab dich lieb 🙂

  2. nima sagt:

    Ja solche „Termine“ können einem Angst machen – ich bin da auch immer so ein bisschen gehemmt, die Vorfreude wird oft ein bisschen von der „Angst“ verdrängt – was ist wenn ich den Zug versäume, wenn ich zu liebsten Freundin fahre? wenn ich mich nicht zurecht finde? Wenn irgendwas passiert … ich bewundere Menschen, die voller Zuversicht genießen können und auch wenn ich mir Mühe geben – im Hinterkopf ist doch die Stimme 🙂

    Deine Canvas Cardigan ist so wunderschön und passt dir so gut – ihr habt euch gesucht und gefunden, würd ich sagen ♥

    Alles Liebe und bis bald,
    nima

    • kirschkernzeit sagt:

      Wahrscheinlich kann man das mit der Zeit ein wenig ablegen? Mit mehr Übung sozusagen? Als pessimistisch veranlagter Mensch, neigt man dann ja auch ein bisschen dazu, negative Zwischenfälle nicht nur zu befürchten, sondern sogar zu erwarten… was aber wiederum helfen kann, nicht so schnell enttäuscht zu sein, sondern vielmehr positiv überrascht?

  3. innilisi sagt:

    Liebe Bora,
    Beim ersten Blick auf die Fotos war der erste Gedanke -„Was für eine schöne Jacke! Schnitt, Farbe stehen Dir grandios und auf den Fotos wirkst Du so in dir ruhend und stimmig-Leuchtest quasi von innen heraus. Ich denke sehr oft an dich – meist wenn ich mich als Mama ungenügend fühle und die Angst vor dem dritten Kind, bzw. den erweiterten Aufgaben packt – da bist Du mit deiner Ehrlichkeit eine so unglaubliche Motivation. Wir geben einfach täglich unser bestmögliches und freuen uns an den guten Momenten, oder? Dir alles Liebe,Elisabeth

    • kirschkernzeit sagt:

      Oje, ja, ich bin wirklich selbst ein absolut ungenügender Mensch, weisst du. Wie oft ich mich frage, ob es wirklich gut ist für meine Kinder, dass sie ausgerechnet mich zur Mutter bekommen haben, kann ich ja gar nicht zählen… Und für die scheinbare Ruhe ist natürlich das süsse kleine Meerschweinchen auf meinem Schoss verantwortlich 😉
      Aber die wünsche ich alles, alles Liebe und viel Vertrauen in deine Kraft und die Kraft deiner Liebe zu deinen Kindern!

  4. andrea sagt:

    liebe bora, was für ein wundervoller text. ich ziehe meinen hut vor deinem vermögen, deine tiefinnerlichkeiten mit uns zu teilen und dadurch eine verbundenheit zu schaffen, die einzigartig ist.
    ‚…wo meine starken Emotionen und meine Tendenz mich darin zu verlieren endlich Sinn machten und alles, was mich ausmachte irgendwie passte….‘ dieser satz hat sich in mir eingegraben. so einen ort, einen raum, eine fassung brauche ich noch. wo ich mich passgenau fühle und genau stimmig in meinem empfindsamen sosein. ich freue mich, dass du den zugang zu diesem ort wieder gefunden hast. und ja, durch erdiges tun haben wir ein gutes gegengewicht, wenn wir mal wieder zu versinken drohen in einem meer aus emotionen…danke liebe bora für dein schreiben. habs fein. andrea

    • kirschkernzeit sagt:

      Das tut mir jetzt gut, zu lesen, liebe Andrea! Ich denke manchmal, diese Sehnsucht, angekommen zu sein und dazu zu gehören und irgendwie aufzugehen an einem Ort oder in einer Aufgabe, das ist wohl DIE menschliche Sehnsucht per se, oder? Wahrscheinlich sind auch Tänzer oder Schauspieler ihr unterworfen, und vielleicht sogar überhaupt alle, selbst diejenigen, die scheinbar DAS für sie perfekte Leben führen…?

  5. Martina sagt:

    Diese Jacke ist wunderschön und die Farbe steht Dir sehr gut. Und Du siehst so entspannt und in-Dir-ruhend aus da im Garten.
    Aber wir sind komplexe Wesen, und auch wenn Du ganz ruhig und zufrieden wirkst, flackert da noch eine kleine Flamme in Dir und Du sehnst Dich nach etwas Anderem… Träume sind ganz, ganz wichtig, und so lange sie nicht auf ungesunde Art an uns nagen, ist es doch schön, sie zu haben. Und sich bewusst zu sein, dass man noch andere Seiten hat (als nur Wäsche/Wertstoffhof/Einkaufen, wie mir mein Leben manchmal vorkommt). Wenn es Dich nicht traurig macht, Ballett nur noch „passiv“ anzuschauen, wäre das doch eine Art, Deinen früheren Traum in den Alltag zu integrieren. Oder gibt es ein Theater in Eurer Nähe, wo Ihr Euch mal einen ganzen Abend gönnen könnt?
    „Spartakus“ wurde in München neu inszeniert, aber ich glaube, das ist etwas weit… Ich hab’s noch nicht gesehen. Aber kürzlich den „Sommernachtstraum“, uralt-Inszenierung, aber sagenhaft schön… Für mich ist es toll, dass Musik so sichtbar wird im Ballett. Dich fasziniert sicher was ganz anderes, Unmittelbareres, und Du spürst es ganz anders.
    Auf welche Art auch immer: gib Deine Träume nicht auf!

    • kirschkernzeit sagt:

      Ich habe mich auch gefragt, was genau mir beim Ballett gefällt, weisst du, und ich glaube, schlussendlich sind das vor allem die Momente, wo der Tanz, bzw. die Tänzer, mit ihrem Körper und ihrer Bewegung einem etwas mitteilen können, das wir dann nicht nur verstehen, sondern richtig mitfühlen… Aber das ist es auch, was mich an anderen Tanzformen fasziniert. Oder eben am Theater. Oder an der Musik. Ich denke, all die Phasen, in denen es nur rein ums technische Können geht, sind für mich eigentlich bedeutungslos…
      Ich grüsse dich herzlich!

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