Kopf hoch!

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Die Zeit dreht sich weiter und die Welt vergeht… oder war es umgekehrt?
Mit jedem Tag wird es ein wenig… normaler, keine Meerschweinchen mehr zu haben, die morgens darauf warten, besucht und mit frischem Heu und Wasser versorgt zu werden oder -sofern das Wetter schön genug ist, um die Haustüre offen zu lassen und ein wenig draussen zu sein- zum Grasen auf die Weide gelassen zu werden. Ja, normaler wird es… aber richtig fühlt es sich nicht an, so möchte ich es eigentlich nicht haben, so tot und mickrig. Der Garten kommt mir kleiner vor. Und unnützer, was irgendwie paradox ist, denn die Kinder nutzen ihn genauso wie vorher und könnten ohne Meerschweinchen-Bereich ja sogar mehr Platz für sich beanspruchen, vielleicht sogar eine Schaukel aufstellen (der grosse Wunsch meiner beiden Kleinsten).
Trotzdem. Es bleibt immer ein Rest Traurigkeit an allem hängen. Im Alltag und vor allem nachts; jedes Mal, wenn ich erwache (was öfters vorkommt), muss ich sofort an die Meerschweinchen denken, an das, was passiert ist, und vor allem an das, was nicht mehr geschehen darf, wenn wir nochmals einen letzten Versuch wagen, mit einer neuen Herde. Mein Mann hatte einen neuen, grossen Stall für unsere letzten Tiere gebaut. Er wurde haargenau am Vorabend ihres Todes fertig, bereit, am nächsten Tag eingeweiht und bezogen zu werden. Das kam mir zuerst sehr tragisch vor, doch dann wurde mir klar, dass dieses Timing im Grunde doch eine Gnade war; Nicht auszudenken, wenn der Fuchs in den neuen Stall eingebrochen wäre… Und das hätte vielleicht sein können, so wie der Stall ursprünglich gebaut war, normal sicher, kein Hochsicherheits-Trakt, wie er hier offenbar notwendig ist. So bin ich einfach froh und dankbar, dass Herr Kirschkernzeit, der wirklich sehr an den kleinen Mümmlern gehangen hat, sich nicht auch noch mit Selbstvorwürfen herumquälen muss… Und in der Zwischenzeit wurde auf Hochtouren in Sachen Sicherheitsvorkehrungen weiter gearbeitet. Dieser neue Stall muss einfach bombensicher werden. So quasi Alcatraz. Gebt dem Fuchs keine Chance!
Die Frage kam auf, wieso wir die Tiere nicht einfach nachts in Haus holen, und das erscheint mir auch sehr plausibel und durchaus naheliegend. Die Sache ist aber die, dass die kühleren Phasen im Jahr hier ein Problem darstellen. Meerschweinchen vertragen es gar nicht gut, nach einem Tag draussen in der Kälte abends hinein ins warme Haus verfrachtet zu werden. Oder am nächsten Morgen dann umgekehrt. Sowas kann sie wirklich ernsthaft krank werden lassen und wir würden ihnen keinen Gefallen tun damit, sondern nur neue Gefahren schaffen. Und gegen eine reine Innenhaltung sträubt sich einfach alles in mir. Ich habe den Unterschied im Verhalten der Tiere gesehen und mir kam es so vor, als würden sie erst draussen so richtig zum Leben erwachen, regelrecht aufblühen, während sie  drinnen nur irgendwie so dahin dämmerten und ihre Zeit absassen. (Allerdings gibt es ja Leute, die ihren Schützlingen ein sehr schönes Leben im Haus einrichten, ich will hier also auf keinen Fall pauschal für alle Meerschweinchenhalter sprechen)
Alles in allem muss hier noch ein bisschen weiter an Gitterschutz-Schichten, vernagelten Holzwänden und verbarrikardierbaren Durchgängen getüftelt werden, aber es ist viel Aufschwung entstanden in den letzten Tagen, viel Energie, angetrieben von einer Art Trotz, der uns hilft, wieder nach vorn zu blicken und dem Ganzen nochmals eine Chance zu geben. Wir haben auch bereits mit zwei Meerschweinchen-Züchterinnen Kontakt aufgenommen, die Dinge nehmen also ihren Lauf und Gestalt an, und das ist ein gutes Gefühl. Den Kopf nicht in den Sand stecken. Nicht machtlos sein und tatenlos (ein für mich ganz bekanntes Gefühl). Sondern aktiv etwas tun können, um Neues und Gutes zu schaffen und aus einer Situation das Beste zu machen…

Und dann sind da ja auch diese kleinen Wunder des Alltages. Der Holunder, der in diesem Jahr so üppig blüht wie noch gar nie in den letzten 10 Jahren. Meine über 90 Jahre alte Nachbarin meinte gestern sogar, er sei tatsächlich so schön wie noch nie. Ich habe vor dem grossen Regen ein wenig seiner Blüten einsammeln können, allerdings nicht sonderlich viel, weil der Grossteil seiner Dolden für mich zu weit oben hängt, aber für eine Dose getrocknete Teeblüten hat es gerade knapp gereicht. In einer grossen Schüssel zieht zudem ein Büschel Blüten für den Holundersirup, den mein Mann immer macht, eine seiner kleinen Traditionen, wie das Johannisbeergelee im Sommer oder die Torte, die er immer für mich zum Geburtstag backt.
Ich stricke tapfer weiter an der tiefblauen Wolljacke meines Kindergartenkindes (Der erste Ärmel ist bald fertig!) und habe neulich ganz spontan ein neues Patchworkprojekt in Angriff genommen, ein simpler, nicht allzu grosser Quilt für die Kinder, den sie mit nach draussen nehmen können, wenn sie im Garten mit ihren Kuscheltieren spielen (im Haus würde er farbschematisch sowieso in kein Zimmer passen). Ich konnte ein lila Kleidchen fertig machen, das ich vor einem Jahr begonnen habe und beinahe aufgegeben hätte, weil das mit dem Ganz-und-gar-von-Hand-Nähen mir plötzlich unsinnig zeitaufwändig vorkam… Aber nun ist es vollbracht und ich bin ziemlich zufrieden damit, ein Punkt auf meiner niemals endenden To-do-Liste weniger, ein kleiner Erfolg mehr, der gefeiert werden darf (ja, das sollten wir wohl öfters tun, alle Erfolge gebührend feiern). Und die süssen Häkellappen neben einem rosa Stoffvögelchen oben in der Bilderreihe? Mit ihnen hat mir die überaus sympathische Frau Melonengrün eine ganz grosse Freude gemacht! Ich bin Stricklappen-Benutzerin aus Leidenschaft und freue mich unglaublich über dieses zauberhafte, pastellfarbene Set. Ich deklariere sie zu Fingerputztüchlein für die jüngeren Kinder bei Tisch, das ist effektiver als nur Servietten und hygnienischer als wenn sie den normalen Wischlappen von der Spühle nehmen *hüstel*. Vor allem aber finde ich es einfach nur hübsch. Kleine Schönheiten, die aufmuntern und erden. Und das niedliche rosa Vögelchen hängt nun am Schlüssel unseres alten Geschirrschrankes, wo es mich daran erinnert, nach vorn zu schauen, nicht im Vergangenen hängen zu bleiben, und mich an dem zu freuen, was mir heute an Gutem und Liebenswertem begegnet.

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6 Kommentare zu Kopf hoch!

  1. Ich drücke dich ganz fest liebe Bora! Es scheint so ungerecht… wieder ein leerer Stall… unglaublich.
    Du gehst einen wunderbaren Weg, nach vorne schauen, kämpfen und dich an den schönen Dingen erfreuen. Genieße jeden Augenblick meine Liebe!
    Sternie

  2. Jessica sagt:

    Liebe Bora!
    Ich kann es gar nicht glauben, habe gerade als Erstes noch mal hochgescrollt, weil ich dachte, ich bin irgendwie in deinen letzten Eintrag vom Meerschweinchenverlust geraten!
    Es tut mir so, so furchtbar leid für euch! Das kann ja eigentlich gar nicht sein, wo ihr euch dieses Mal extra so viele Gedanken für eine bestmögliche Absicherung der Tierchen gemacht habt!
    Wie geht es dir, euch, deinen Kindern? Es ist einfach nur gemein!
    Man kann nur hoffen, dass die armen Meerschweinchen nicht lange Angst und Not leiden mussten!
    Ich wünsche euch alles, alles Gute, um mit diesem erneuten, schrecklichen Erlebnis klar zu kommen!
    Herzliche und liebe Grüße von
    Jessica

    • kirschkernzeit sagt:

      Ich versuche, mir nicht allzu detailliert auszumalen, wie die Tierchen ihre letzten Minuten/Stunden verleben mussten… das ist doch einfach grausam, dieses Sterben und Getötetwerden, nicht, auch wenn es einfach nur Natur ist und völlig „normal“ zum Leben dazu gehört… Manchmal träume ich von den Meerschweinchen und meistens wird ein Alptraum daraus, in dem ich sie zB. zu füttern vergessen hatte (und sie dann tot sind). Aber es wird einfacher mit jedem neuen Tag. Ich erkenne auch langsam immer mehr, dass sich die Beziehung zu Haustieren irgendwie verändert, wenn so etwas passiert. Ich persönlich empfinde nun mehr Distanz zu ihnen, in dem Sinne, dass ich mit dem Sterben mehr rechne als zuvor (obwohl ich natürlich wirklich alles versuchen werde, um die neue Herde noch besser zu schützen!). Vielleicht ist das sogar gut so. Ich träume so sehr vom Landleben und von mehr Tieren in meinem Leben, und mir dämmert langsam, dass solche Begegnungen mit Wildtieren und sozusagen Fressfeinden oder auch Tierkrankheiten zunehmen, je näher man der Natur zu leben versucht…
      Ich danke dir von Herzen für deine so nette Meldung hier!

  3. Rosi sagt:

    heute probiere ich noch mal einen Kommentar zu schicken nachdem es gestern nicht ging
    irgendwie sieht dein Blog auch ganz anders aus 😉
    ich hoffe ihr bekommt das mit einem „einbruchssicheren“ Stall hin

    liebe Grüße
    Rosi

    • kirschkernzeit sagt:

      Scheint geklappt zu haben (danke, dass du es nochmals versucht hast!). Ich habe gestern meinen Blog auf den neuesten Stand geupdatet, was einiges an Zeit gekostet hat, in der der Blog offenbar nicht ganz „sich selbst“ war. Vom Aussehen her sollte sich nicht viel geändert haben, aber dieser doofe schwarze Balken unter dem Headerbild steht nun hald leider da. Er gehört mit zur aktuellsten, den neuen Datenschutzgesetzen im www angepassten Version von WordPress und ich sollte glaub’s noch irgendwelche Zusätze neben dem „Startseite“Bereich anbringen, irgendwas mit Impressum oder so… Blöd, das alles, aber was sein muss, muss sein… Meldest du dich, wenn irgendwas nicht richtig angezeigt wird oder blöd aussieht?

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