marineblaue Handwärmer

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Die Zeit, ach die Zeit… wohin sie nur immer fliegt…? Mir scheint, seit meinem letzten Eintrag gab es keinen einzigen Moment, in dem ich auch nur ansatzweise einfach so müssig herumsitzen konnte- oder mir der Augenblick passend erschienen wäre, für ein paar Zeilen Blogposttexterei. Es waren nicht gerade erbauliche Tage, vor allem die letzte Woche lastete eher wie eine schwere, dunkle Decke auf mir, keine schlimmen Sachen, mehr so eine Art leise Trauerarbeit wegen meiner Schweinchen und vielleicht sowas wie … naja, ich weiss nicht… Winterdepression in Raten?
In diesem Jahr ist es irgendwie besonders schwierig, all das Düstere und den saisonbedingten Rückzug zu verkraften… Und irgendwie ist immer etwas oder jemand da, das oder der mich absorbiert und an meinem Rockzipfel hängt, so dass mir nur wenig Raum bleibt für eigene, frei gewählte Bewegungen. Fürs Weggehen. Für einen Me-alone-Vormittag in der Stadt. Fürs Tagebuchschreiben oder Bloggen. Sogar das Stricken muss warten, was nun wirklich selten ist. Weil tagsüber hunderttausend Aufgaben um meine Aufmerksamkeit buhlen, die Kinder, irgendwie alle gleichzeitig in Entwicklungsschübe verstrickt, ein wenig mehr von mir brauchen- und ich abends spüre, dass ich Schlaf nötig habe, Schlaf und Versunkenheit und weniger die kreative Anregung, die das Stricken mir verleiht. Also lese ich wieder mehr. (Miss Read ist jetzt dran. „Miss Clare erinnert sich“ ist wirklich sanft und süss und wunderbar unaufgeregt. Perfekt als beruhigende Bettlektüre nach einem ruppigen Tag. Ein schöner Geheimtipp von meiner Leserin Kerstin (Danke dir, Kerstin!!!)) Oder ich höre kurz ein wenig Radio, wenn es mir nervlich nicht so gut geht, besonders gerne die unsäglich kitschige Musikwelle mit lauter Ländler, schnulziger Heimatmusik und schmalztriefenden deutschen Liebesballaden. Schaurig aber schön und tatsächlich was fürs Herz, da lässt sich nichts dagegen sagen. Immer wenn mich mein abendlicher Agatha Christie Krimi etwas zu stark mitnimmt, stelle ich das Radio vor dem Schlafengehen noch für ein paar Minuten auf „Musikwelle“, lasse die innere Spannung austropfen und mich in eine akustische Seidenschwade einlullen. Eine Dosis Heile Welt in Reinform. Ausserdem rollen da manchmal auch Stücke an, die einem ganz postiv überraschen, so wie „Ach woher, wohin“ von Veronika Fischer, das mir allein schon wegen seiner Country-Sentimentalität direkt unter die  Haut geht. Ich mag Country, hab ich das schon mal erwähnt? Folk und Country sind für mich wie altgediente Schnürstiefel; man kann sein Leben lang damit herumlaufen- und immer passen sie wie angegossen.

Aber eigentlich wollte ich ja von diesen blauen Handwärmern hier erzählen. Sie sind noch nicht gewaschen und sehen darum noch recht zerknautscht und sonderbar aus auf den Bildern, doch es blieb einfach keine Zeit für ein Bad und etwas Blocking; da draussen vor der Tür herrscht der Winter, und mit ihm Eis und klamme Morgen. Marineblau und kuschelwarm sollen diese fingerlosen Handschuhe mein Kindergartenkind an kühlen Tagen vor Wind und hautfeindlichen Temperaturen schützen, ohne sie in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken, wenn sie, wie jeden Tag, fürs Kindergartenznüni draussen auf dem Hof mit ihren Gspänli herumturnt. Oder sagen wir; Sie sollen Schutz bieten, während sie bei den anderen draussen steht und beobachtet, wie die turnen, denn meine Kleine ist ein sensibles, zurückhaltendes Kind, das viel Sicherheit und Zeit braucht, bevor sie sich mit ins Getümmel stürzt. Warme Hände- überhaupt Wärme in jeder erdenklichen Form und Bedeutung- sind für sie besonders wichtig. Ich wundere mich nicht, dass auch ihre Haut besonders empfindlich ist und schon jetzt, in ganz jungen Mädchenjahren, rasch austrocknet und zu schuppen anfängt. Manchen Menschen fehlt einfach die solide Hülle. Sie brauchen besondere Pflege und ein grösseres Mass an Aufmerksamkeit und Schutz für Körper und Seele, etwas, das ich bei diesem Kind schon von Geburt an so empfand und das sich nun, da sie raus in die Welt tritt, immer mehr herauskristallisiert
Es war schön, ihr diese fingerlosen Handschuhe zu stricken. Eine schlichte Aufgabe ohne Firlefanz, mit feinen Nadeln (Nr. 2.5) und Schmusewolle (BabyAlpacaSilk von Drops) und einem todsicheren Strickrezept („Dreaming of Spring Fingerless Gloves“) aus einem meiner Allzeit-Lieblings-Strick-Bücher („More Last Minute Knitted Gifts“ / „Geschenke aus dem Wollkorb“).
Da gab es dereinst einmal eine schwarze Variante dieser Anleitung auf meinen Nadeln. Ihr rosa-lila Vorgänger-Paar, das ich meinem grossen Mädchen gestrickt habe, damals auch für ihre Kindergartentage -hach, lang, lang ist’s her- ist immer noch wunderbar in Schuss und macht mir jedes Mal viel Freude, wenn ich es aus dem Mützen-Handschuh-Schal-Sammelsurium in einem alten Bolga-Korb auf der Treppe fische und nun meiner Kleinsten über die kleinen Fingerchen streife. Da hängen Erinnerungen dran, an diesen wolligen Dingern. Erinnerungen an einen Wirbelwind von Kind, der zum Kindergarten sauste und nach Hause regelrecht flog. Der mit den Jungs über die Wiese tollte, verbotene Bäume bestieg und auf allen Vieren durch den Kindergarten jagte. Erinnerungen an ein Kind, das so vollkommen anders ist als ihre 3 Jahre jüngere Schwester und mir noch immer ein wenig vorkommt wie ein gewitzter Troll voller Schabernack und Urgewalt.
Jaja, die Zeit. Ach woher, wohin…

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6 Kommentare zu marineblaue Handwärmer

  1. Tina sagt:

    Liebe Bora, es ist einfach schön, bei dir zu lesen. Du kannst Situationen so treffend und feinfühlig beschreiben, richtig poetisch, dass es einfach gut tut. Danke dir!

  2. Greta sagt:

    Jöh! Der Maulwurf und seine Freunde! Sind die aber süß, die Figürchen!
    Und die Handwärmer sehen auch so richtig wollwarm aus.
    Ich habe volles Verständnis für die Schnulzenliebhaberei.

  3. Doro sagt:

    …..Du hast gute Rezepte gegen den Winterblues und Depression…schön,dass du sie immer so kreativ nutzt und mit uns teilst….Stricken,Schreiben- Sachen die Bleiben und Schlafen,Musik hören ,lesen….das alles hilft immer!
    Ich wünsche dir viel Kraft,diese Dinge immer abrufen zu können,wenn es nötig scheint.
    Grüße von Doro

  4. Catherine sagt:

    Dieser winter ist hart. Für viele, hab ich das Gefühl. Langsam zeigt sich wieder die Sonne. Ich hoffe bei dir auch. Die handwärmer kann eins wohl trotzdem noch eine Weile tragen…

  5. amselgesang sagt:

    Was du über dein Mädchen schreibst, erinnert mich sofort an meinen Erstgeborenen, der auch so ein zurückhaltendes, beobachtendes, manchmal ängstliches Kind war. Er spielte gern ganz für sich hingebungsvoll mit seinen Stofftieren und Bilderbüchern. Wenn wir unterwegs an lebhaft spielenden Kindern vorbei kamen, konnte er minutenlang stehenbleiben und im Zuschauen versinken, und auch mit dem Kindergarten klappte es erst im zweiten Anlauf mit vier Jahren (ich glaube, das hab ich schon einmal erzählt). Er war später aber auch derjenige, der immer die guten Spielideen für die ganze Kindergesellschaft hatte. Und heute ist er ein klardenkender, freundlicher junger Mann, der mit großer Ruhe und Zielstrebigkeit seinen Weg geht. Er ist eigentlich so, wie ich mir wünschte zu sein… mein Anteil daran ist wohl „nur“ das, was auch du deinem Mädchen gibst: Wärme, Geborgenheit, genaues Hinschauen und Verstehen, einen geschützten Raum, um langsam in diese Welt hineinzuwachsen. Liebe eben…
    Die Anfälligkeit für Schwermut, Selbstzweifel und Schuldgefühle kenne ich auch von mir. Soweit ich sehe, hat es den Kindern nicht geschadet. 😉 Man kommt mal besser, mal weniger gut damit zurecht, ich fürchte, ganz weg geht es nie… umso größer ist die Dankbarkeit für all den Segen in meinem Leben.
    Liebe Grüße und einen hoffentlich sonnigen (wenn auch kalten) Tag!
    Brigitte

  6. lena sagt:

    ach, ich lese einfach so so gern bei dir!!

    liebst lena

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