berührt: Chansons

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Im Moment bin ich ganz versunken, ein bisschen fernab von allem und nicht wirklich im Hier und Jetzt verankert. Traumwandlerisch könnte man es nennen und ich weiss nicht, ob das nun etwas Gutes ist oder eher etwas Schlechtes. Französische Chansons begleiten mich. Francis Cabrel auf Schritt und Tritt und bis in meine Träume, denn manchmal singe ich im Traum „Comme und madone oublieé“ und meine Gedanken wollen sich nicht loseisen von den Melodien des Tages…
Ich liebe Francis Cabrels Album „Carte Postale“. Seine feinfühligen Texte, die melancholischen Melodien, sein Gespür für Poesie ( lyrisch und menschlich „Je m’ennui de je mois“), ein bisschen grosse Liebe (wunderbar und versöhnlich „Tu es toujours la mème“), der ganze, mir so vertraute Weltschmerz und seine leise gesellschaftskritische Stimme (wie in „Comme une madone oublieé“, wo er sich Gedanken macht über die Prostitution).

Gestern hat mich ein Lied plötzlich wieder eingeholt und über viele Jahre zurückversetzt, zurück in ein stickiges Klassenzimmer, wo wir an einem heissen Sommertag der 90er Jahre dem Wochenende entgegendämmernd Liedzeilen übersetzten.  Ich verstand damals nur die Hälfte von „Repondez-moi“ und meine Begeisterung für diese Arbeit hier sich eher in Grenzen. Doch die Melodie gefiel mir irgendwie. Sie sprach von Sehnsucht und Einsamkeit und von einer Enge, die ich nur zu gut kannte.
Ein vergessener Moment. Ich wusste nicht, dass er noch da war, vergraben in mir. Dass mein alter Französischlehrer mit rotblondem Schnauz, der natürlich erst heute wirklich alt ist und nach wie vor einen Schnauzer trägt, einfach mit etwas mehr Grau, fast genauso aussah wie der junge Cabrel, als er dieses Lied schrieb.

Heute knie ich auf dem Küchenboden, die Hände in knallorangen Gummihandschuhen verpackt, um meine Haut vor der Seifenlauge zu schützen, mit der ich versuche, die ausgetretenen Holzdielen sauber zu bringen. Es ist ein stiller, müde Tag. In der einen Hand ein nasser Lappen, neben mir auf dem Boden mein Handy, aufgeschlagen auf einer Youtube-Site, ein Stift und ein Stück Papier, auf dem ich all die französischen Vokabeln notiere, die ich nicht verstehe. Heute möchte ich gerne wisse, was er singt. Was jede Zeile bedeutet. Und ich bin erstaunt, wie viel mir sofort klar wird. Wie viel noch da ist. Und wie viel verständlicher mir der Text, überhaupt das ganze Lied heute sind, so dass ich manchmal erkenne, was gemeint ist, obwohl ich schwören könnte, mein Französisch ist so gut wie weggeblasen, verloren, vergessen, vertrocknet.
Vielleicht muss man manchmal erst älter werden, um manche Lieder wirklich zu begreifen…?

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13 Kommentare zu berührt: Chansons

  1. Elke sagt:

    Hallo liebe Bora, in diesen Momenten merke ich immer, ich lebe. Und dieses Gefühl finde ich immer wieder so toll. Liebe Grüße von Elke

  2. Ach Bora, ich liebe einfach deine Art zu schreiben. Und ich sehe dich trällernd den Putzalltag verschönern 🙂 mein Französisch ist auch sehr eingestaubt… glaube für Liedtexte reicht es kaum.
    Drück dich, Sternie

    • kirschkernzeit sagt:

      Liebe Sternie, Danke!!!
      Mit ein bisschen Hilfe vom Google-Übersetzer würde es vielleicht ja klappen… Ich wäre auch hilflos gewesen ohne, aber diese Franzosen singen weit klarer und langsamer als sie sprechen, scheint mir 😉
      Ich habe mir gestern ein Interview auf französische angehört und dort kaum mehr als ein paar Brocken aufschnappen können ;-(

  3. Anna sagt:

    Das hast du so wunderschön geschrieben!

    • kirschkernzeit sagt:

      Danke, Anna! Mir war grad so wehmütig und da schreibe ich am allerliebsten (und bin natürlich auch besonders empfänglich für romantisch-melancholische Musik) 😉

  4. Fräulein Rucksack sagt:

    Oh da weckst Du Gedanken an die Französischschulzeit, oder die echte Zeit in Frankreich danach. Und an den Küchenboden… :oD

    • kirschkernzeit sagt:

      Ich war so gerne in der Schule, weisst du. Für mich war der Abgang vom Gymnasium ein echter Heimatverlust. Aber in Frankreich war ich nie. Du bist immer gerne gereist, nicht wahr? Ich erinnere mich an deine Posts…

  5. andrea sagt:

    mein highlight in deinem text: rotblonder schnauz 🙂
    und ja und ja und ja, dass ist ja das schöne am ältersein, dass man begreift.
    und schmerzlich ist es auch zuweilen, denn oftmals geht damit der verlust einer illusion einher, die man sich gern noch ein bisschen erhalten hätte. bittersüsses putzen weiterhin, du liebe

    • kirschkernzeit sagt:

      Oh, der Schnauz! *rotwerd* Ich hatte schon irgendwie das Gefühl, dass das Wort nicht so ganz stimmig ist, aber mir ist vollkommen entfallen, dass das auf Deutsch ja „Schnurrbart“ heisst! Bei uns in der Schweiz sagt man ja „Schnauz“ dazu, aber es klingt ein bisschen vulgär, wenn ich das im Nachhinein so lese. Ich hätte ja auch ganz stilecht „Moustache“ schreiben können, nicht? 😉
      Das mit der verlorenen Illusion ist mir auch so durch den Kopf gegangen; als junge Frau rätstelte ich tatsächlich ob mit der „Madonne oublieé“ vielleicht eine Statue gemeint war oder ob Cabrel da sonst irgendeine lyrische Metapher im Sinn hatte… Heute mit 38 wäre mir das gar nicht mehr in den Sinn gekommen. Es geht um Prostitution, ganz klar, Punkt. So gesehen verliert man mit den Jahren schon auch ein Stück weit eine schöne, reine Art der Unschuld, nicht?

  6. Greta sagt:

    Ah wie gut! Ich wollte mich schon ein bisschen genieren, dass ich immer wieder Anwandlungen habe, bei denen einfach „Je viens du ciel et les étoiles entre elles ne parlent que de toi!“ aus mir rausplatzt. Aber jetzt fühle ich mich rehabilitiert.
    Das war mal auf einem Mixtape drauf, das meine französische Freundin für mich gemacht hat.
    Von Cabrel ist es auf Youtube nur ein kleiner Hüpfer zu Jean-Jacques Goldmann und ich muss tagelang „Elle avait les yeux clair et la robe en velours“ singen … und zwar so, wie die beiden das im Duett tun, so ganz ganz nah am Rande des Tonumfangs der eigenen Stimme …
    Mein Französisch- und Sportlehrer, der übrigens Didier Deschamps‘ Zwillingsbruder sein könnte (aber selbstverständlich kannten wir damals Didier Deschamps noch gar nicht), hat damals einen Kasettenrekorder und Jaques Brel mitgebracht und konnte damit leider keinen Stich machen.

    • kirschkernzeit sagt:

      Nichts könnte romantischer sein als ein französisches Liebeslied, stimmts? Ich finde es jammerschade, dass die meisten, gängigen Hitparadesongs einzig auf fetzige Musik, viel nackte Haut in ihren Videos und ansonsten auf meistens absolut nichtssagende Texten bauen. Bei vielen amerikanischen Stücken denke ich zu Anfang noch :“Oh, das klingt gar nicht schlecht“- und sobald ich den Text verstehe, kann ich es nicht mehr abspielen… Umso mehr schätze ich Musiker, die ihr Handwerk wirklich verstehen und auch was zu sagen haben. Poesie in Musik verpackt ist einfach… Kunst für mich. Sie bleibt zeitlos, auch wenn die Musik vielleicht nicht mehr dem „neuesten Stand“ entspricht. Dass hier in der Schweiz nach wie vor gerne Büne Huber oder Mani Matter abgespielt wird, kommt nicht von ungefähr, denke ich, denn musikalisch Geschichten zu erzählen oder Gefühle und Erfahrungen als gesungenes Gedicht mit anderen zu teilen, das gehört wohl schon seit jeher zum Menschsein mit dazu…
      Schön, bin ich mit dieser „peinlichen“ Eigenart nicht alleine! 😉 Meine Familie kann mich da leider nicht so gut verstehen *grins* Vor allem mein Teenagersohn, der am liebsten CloudRap und solche Sachen hört (argh!), verlässt jedes Mal fluchtartig den Raum, sobald ich Cabrel abspiele, hihi.

  7. Duska sagt:

    Französische Liebeslieder, französische Schriftsteller, französische Filme…alles romantisch…
    das stimmt liebe Bora. In den jungen Jahren war das für mich die aller schönste Sprache auf der Welt, leider schaffte ich sie nur bis A2 in der MM Schule:-(
    Aber sehr bildlich kann ich mir vorstellen wie du mit den knallorangenen Handschuhen putzt und solche Lieder hörst. Wie in einem Film.
    Du kannst die schönen Momente so toll in Worte fassen das mir ganz warm ums Herz wird.-)
    Lange war mein Ohrwurm der Soundtrack aus dem Film „Die Kinder des Monsieur Matthieu“.
    Mit den Franzosen kann man so schön träumen:-)
    lg

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