Konsum. Ein wenig nachsinniert.

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Mein Ausblick von über meinen Füssen runter auf den halb gedämmten und unterlegten Boden unterm Dach. Was ich am allerliebsten sehe von dieser Warte aus sind meine nigelnagelneuen Strickfilz-Pantöffelchen. Blau und meliert und sogar ganz girly mit Glitzersteinli dran, hihi. Meine Mama hat sie extra für mich gemacht und damit den Nagel sowas von auf den Kopf getroffen: schon seit Wochen sind meine alten Filzfinken (diese Haflinger Hausschuhe) kaputt und obwohl ich schon zweimal versucht habe, sie zu reparieren, will die angeleimte Sohle einfach nicht halten. (Ich spiele mit dem Gedanken, sie zum Schuster zu bringen. Profis machen sowas ja mit links. Ob es sich lohnt?)
Auf alle Fälle kommen ihre zauberhaften Finken genau richtig. Vor allem auch, weil ich schon immer mal gestrickfilzte Pantoffeln haben wollte, und es mich wunder nahm, wie die sich so anfühlen am Fuss und inwiefern sich verfilztes Gewebe überhaupt noch an den Fuss anschmiegen kann.
Sehr gut kann es das, das weiss ich jetzt. Die kleine Schnittlücke, die die Pantoffeln zu einer Art Halbsandale werden lässt, schenkt zusätzlich Elastizität fürs Rein- und Rausschlüpfen.
Es sind wunderbare Hausschuhe. Solche, die ich mit Freude und Dankbarkeit trage. Und mit Stolz und Sorgfalt, weil es meine Mutter war, die hier für mich Wolle ausgewählt, stundenlang gestrickt und liebevoll verziert hat.

Ich habe viel nachgedacht in den letzten Tagen. Übers Konsumieren, und wie sehr genau dieses Thema sich doch mit praktisch allem und jedem in unserem Leben verflicht. Selbst beim Selbermachen, wo der Spagat schwierig ist, zwischen wirklichem, Natur- und Menschen-schonendem „Selbstversorgen“ und schlicht und einfach dem riesengrossen Spass, den es macht, mit allen möglichen Materialien und Techniken zu experimentieren und zu werkeln. Es ist so eine Art Zwiespalt zwischen Kunst, die ja selten im eigentlichen Sinne Not-wendig ist, Kunst mit der Kehrseite, dass sie uns weder warm und noch satt hält oder die menschlichen Grundbedürfnisse auf eine ökologisch tragbare Art und Weise befriedigt und, ja, dem Wunsch, wieder zurück zu den Wurzeln zu kommen, wo man seine Zeit damit verbringt, aus fast nichts etwas existenziell Wichtiges zu erschaffen, wie einen Laib Brot zum Znacht oder ein Paar Wollsocken, damit man nicht zu frieren braucht.
Ich denke einfach… Selbermachen, um für sich zu sorgen ist gut. Und wenn das gerade bedeutet, dass ich meinen xten Schal stricken „muss“, aus purer Lust am Projekt und bloss weil ich gemerkt habe, dass mir diese Farbe (Schokoladenkaffeebraun) noch fehlt in meiner Outdoor-Garderobe, dann finde ich das völlig okay, auch wenn das nüchtern betrachtet, alles andere als nötig wäre, weil ich schon andere zauberhafte Schals und Tücher habe, und das nicht zu knapp. Es macht mich glücklich, daran zu stricken. Und es wird mich glücklich machen, ihn dann auch zu tragen. Auch das ist im Grunde sowas wie… für sich selber sorgen. Auch wenn ich in dieser Zeit vielleicht besser Waschmittel gekocht hätte oder ein weiteres Paar Jeans mit Flicken versehen.
Eine Sache langsam, mit meiner eigenen Zeit, aus eigener Kraft und mir mühsam angeeignetem Wissen zu erschaffen, ist im Grunde niemals wirklich Konsum in meinen Augen. Auch wenn ich das Rohmaterial durchaus konsumiere, mich manchmal sogar -ja, ich geb’s zu- an einer kleinen Wollkauf-Orgie erfreue (und wie! So ein Spass!). Aber jeder Handgriff ist ein bewusster Akt, der mich erfüllt. Mit Aufregung. Mit Vorfreude. Mit Nervenkitzel. Mit Erfolgserlebnissen. Dazwischen sind auch Müdigkeit und Zweifel, klar, aber ich biete jeder dieser Erfahrungen die Stirn und halte aus, halte durch, lerne dazu und ernähre mich von den vielen, den unzähligen schönen Momenten. Etwas selber zu machen, ist ein Akt des Lebendigseins. Bewusstes Sein und Tun, Denken und Handeln und Lernen. Da kann ich noch so viel Wolle kaufen, das Positive dabei überwiegt. Immer.

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Und wenn ich mir hübsche, kleine Dinge kaufe, die jemand anderes gemacht hat? Selber und von Hand, Homemade in einem anderen Zuhause?
Auch das ist für mich nicht mehr ein eigentliches Konsumieren. Naja, vielleicht schon, doch, ja… aber sich mit Dingen zu umgeben, in die jemand sein Herzblut hat einfliessen lassen… das ist für mich sowas wie indirektes Selbermachen. Statt zum Beispiel selber so ein oberschnuckeliges Engelchen zu filzen, eines wie dieses, genau so, wie ich sie liebe, lasse ich eins filzen, von jemandem, der es besser kann als ich, von jemandem, der wahrscheinlich noch viel mehr Spass daran hat, als ich es je hätte, von jemandem, der ein wenig dafür und davon lebt, von jemandem wie Allerleirauh, die ich zutiefst bewundere für ihre Arbeiten und Ideen, für ihren Humor und ihre pointiert formulierten Gedanken.
Natürlich steckt da auch Verschwendung mit drin. Konsum. Ich weiss nicht, wie viele Engelchen ich schon habe, wie viele gefilzte Wesen und Tiere. Viele sind es, soviel steht fest. Aber sie machen mich froh. Und haben mich gelehrt, dass Massenware aus China und andere invasive Fliessband-Produkte, mich niemals, wirklich niemals so erfüllen und bereichern können wie etwas, das jemand mit seinen blossen Händen und jeder Menge Visionen im Kopf hergestellt hat.
Dieses Bewusstsein durchdringt mittlerweile alles. (Wobei ich unterstreichen muss, dass ich alles andere als ein Asket bin. Und ganz gewiss keine Vorzeigefrau!)
Ich bringe es nicht mehr über mich, im Kaufhaus Dosen oder Möbel oder Geschirr zu kaufen. Weil ich im Brockenhaus Schätze finde, die Geschichte haben, Patina, einen Mehr-Wert, selbst wenn sie oftmals weniger kosten als ihre Konkurrenten von der Stange. Kunst an den Wänden stammt von meinen Kindern. Oder ab und zu vom Trödler, wo es die unglaublichsten Werke gibt. Kleider kommen nicht vom Grossverteiler, sondern vom Second Hand Shop, von glaubwürdigen Bio-Fairtrade-Lieferanten oder von meinen Nadeln oder -eher selten in letzter Zeit- von unter meiner Nähmaschine hervor. Seit ich erkannt habe, wie wertvoll, arbeitsintesiv und umwelt-belastend so ein Kleiderstoff im Grunde ist und wie viele Arbeitsschritte es braucht, um aus einer Stoffbahn eine neue Hose zu machen, kommt es mir am sinnvollsten vor so. Und am Erfüllendsten. Und das eine ergänzt und entschuldigt so ein bisschen das andere. Wenn ich nach Postkarten suche oder nach Spielsachen, dann kramen wir im Estrich meiner Mama, freuen uns an „Vererbtem“, besuchen die Spielzeugbörse- oder ich stöbere bei Etsy, wo es die zauberhaftesten Dinge gibt, deren Herstellung jemandem Freude und manchmal sogar sein täglich Brot bedeutet. Am liebsten sind mir aber die Sachen, die wir uns selber er-arbeitet haben. Oder Selbstgemachtes, das uns jemand schenkt. Wie die beiden SToffpuppen im Bild oben zum Beispiel. Sie sind einzigartig und intesiv mit einem Gefühl des Wertvoll-Seins und der Dankbarkeit behaftet. Sie einfach auszutauschen wie eine Puppe vom Kaufhaus… dieser Gedanke ist völlig absurd für mich.

Auch wenn ich noch immer nicht hauptsächlich ökologisch korrekte Materialien in meinem Stash horte -bei weitem nicht, nein- glaube ich, dass das Selbermachen mich geformt hat. Es hat mir ein Stück weit Sorgfalt beigebracht. Und Nachdenklichkeit, eine merkwürdige Art von Genügsamkeit, wobei auch ein bisschen sowas wie Snobismus mit dabei ist. Plus ein bewunderndes Auge für gekonntes Handwerk. Neben grenzenloser(!) Lust auf Wolle und Stoffe auch das Bewusstsein, dass gerade etwas, auf das man Konzentration, gutes Ausgangsmaterial, viel Zeit und Liebe verwendet hat, lange Zeit Bestand haben wird und einen Platz braucht zum Leuchten. Man wird es benutzen. Und es wird immer noch da sein. So reguliert sich der Strick- oder Näh- oder Sonstwie-Handarbeits-Eifer mit der Zeit von selber. Weil man weiss, was hinter einem Produkt steckt und es dann auch geniessen möchte. Indem man es wertschätzend im Lebens-Alltag gebraucht, und dabei vielleicht auch lernt, dass mehr nicht in jedem Fall glücklicher macht, sondern dass es entscheidend ist, dass ein Ding seinen richtigen Platz, seine Aufgabe und den richtigen Zeitpunkt findet.

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Genau wie diese Filzpantoffeln.
Sie sind einfach goldrichtig.
Wie sie sind.
Wo sie sind.

PS. Ich fühle mich immer ein wenig unwohl mit Posts, in denen ich mich exponiere und meine Gedanken klar zu Papier bringe… Mir ist es wirklich wichtig, dass Ihr wisst, dass ich niemandem ein schlechtes Gewissen machen möchte oder Grund hätte, mich selber zu loben punkto meinem Konsumverhalten. Man gibt sein Bestes und auch das in kleinen Schritten, oder? Dieser Post hier war einfach ein bisschen sowas wie… laut Nachdenken. Es hat mir Spass gemacht und ein Thema zum Ausdruck gebracht, das mich schon die ganze Woche lang sehr beschäftigt hat…

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17 Kommentare zu Konsum. Ein wenig nachsinniert.

  1. Martina sagt:

    Lautes Nachdenken ist doch ganz wunderbar! Ich lese viel lieber Artikel, in denen jemand wirklich Stellung bezieht, statt weichgespültes Wischi-Waschi. Ich kann schon nachvollziehen, wenn man sich damit vielleicht angreifbarer fühlt, aber bitte lass Dich davon nicht beeinflussen. Es tut einfach gut, in der heutigen Zeit eine so vernünftige Stimme wie Deine zu hören.

    • kirschkernzeit sagt:

      Liebe Martina, ich danke dir herzlich! Ich habe auch einen Kommentar zu deinem letzten, wahnsinnig schönen Post über Klavierspiel mit Schülern und deren Schwächen und Überraschungs-Stärken geschrieben, konnte ihn aber irgendwie nicht bei dir im Blog posten… Jetzt schicke ich ihn dir dann per Mail 😉

  2. Katharina sagt:

    Liebe Bora
    Deine Worte rühren mich sehr.
    Wenn mehr Menschen so bewusst Leben und Konsumieren würden wie du, würde es bestimme anders aussehen, auf dieser Welt.
    Liebe Grüsse
    Katharina

    • kirschkernzeit sagt:

      Merci, liebe Katharina! Ich freu mich übrigens schon auf das Päckli mit dem kleinen Eisbären von dir. Morgen sollte er glaubs ankommen, laut Post-Mail *freu*

  3. Hirundo rustica sagt:

    Vielleicht hört sich das ein bisschen esoterisch an, aber ich finde, selber gemachte Dinge haben so eine warme, freundliche Ausstrahlung ;-). Ich habe sie auch gerne um mich.
    Liebe Grüße!

    • Hirundo rustica sagt:

      Ach, Gebrauchtes mag ich auch. Vor allem wenn ich die Geschichte kenne. Ist das Ding aber unbekannter Herkunft und riecht vielleicht ungewohnt, dann dauert es etwas länger bis es uns/unserem Haushalt zu eigen geworden ist. Länger jedenfalls, als wenn es ein neues, unbeschriebenes Blatt, gewesen wäre 😉 . Reinigung oder Restaurierung beschleunigt den Vorgang.
      Kennst du das auch?

      • kirschkernzeit sagt:

        Oh doch, das kenne ich! Ehrlich gesagt, bringe ich es kaum über mich, Dreckiges oder Stinkiges im Brocki zu kaufen… Daher schätze ich es auch enorm, wie sauber die Kinderkleider in der hiesigen Kinderkleinderbörse sind. Die waschen extra alles nochmals und prüfen auf Fehler hin. So ist das Einkaufen sehr entspannt und schön dort…

    • kirschkernzeit sagt:

      Gar nicht esoterisch; das finde ich nämlich auch! Es ist das Überperfekte, das mich an der Massenware stört, glaube ich. Total glatt, alles genau gleich, keine Unebenheiten oder Variationen. Dafür sind wir einfach nicht geschaffen, oder?

  4. Bärbel Rogg sagt:

    ….Einfach nur schön….du findest immer die Worte
    für meine diffusen Empfindungen…das tut
    so gut….danke

    ganz liebe Grüsse von mir…ebenso keine vorzeigefrau
    und ebenso keine Asketin :))

    • kirschkernzeit sagt:

      Oh, Bärble, vielen Dank! Ich liebe zwar Bilder von leeren, asketischen Räumen- aber darin leben könnte ich wohl nie…;-)

  5. Duska sagt:

    Hallo liebe Bora, dein Nachdenken ist aber der Grund fürs Lesen. Weil du die richtige Worte ins Licht führst.
    Welch ein kostbares Geschenk du von deiner Mama hast:-)Und ein wunderschönes und originelles.
    Ach wie schön, deinen Post zu lesen ; die Schneeflocken zu beobachten und träumen….
    Ganz schönen und kuscheligen Sonntag wünsch ich dir:-)

    • kirschkernzeit sagt:

      Liebe Duska, das ist schön… Ich weiss, dass ich immer ungeheuer viele Worte brauche und manchmal ziemlich umständlich schreibe (wohl sie wie ich umständlich denke). Das Schöne ist, dass ich hier einen Platz dafür finde. Das macht mir echt Freude! Vor allem, wenn so nette Leute hier mitlesen…

  6. sabrina sagt:

    Wirklich schön zu lesen und wieder mit so viel Wärme und Liebe.

    • kirschkernzeit sagt:

      Danke, liebe Sabrina! Ich denke, du verstehst besonders gut, was ich meine; ihr lebt euren Traum vom Selberversorgen nämlich wirklich in bewunderswerter Art und Weise, die ich sehr bewundere!

  7. Frau Mayer sagt:

    Zufällig finde ich deinen Blog und dein Post spricht mir aus der Seele.
    Sein bestes geben in kleinen Schritten, so wie jeder kann, ist bestimmt auch schon wertvoll. Nachdenklichkeit aber auch Toleranz. Ich wünsche dir und deiner Familie ruhige und festliche Feiertage.
    Lg aus Wien

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