ein Hauch von Afrika

Gerade ist es viertel vor sieben abends, wir haben gegessen (Nudelsalat mit Bohnen und Tomaten) und die Mädchen spielen alle zusammen oben im gelben Zimmer mit der hölzernen Brio Bahn, während die Jungs unten im Keller lautstark Goals beim Tischfussball schiessen. Es ist einer dieser selten gewordenen stillen Momente, in denen ich Atem holen kann- und dank Scheuklappen, die das Chaos auf dem noch immer nicht abgeräumten Küchentisch einfach ausblenden, einer der Augenblicke, in denen ich mich hierher schleichen kann, in meine kleine Ecke virtuelle Welt, um zu schreiben und etwas von dem festzuhalten, das meinen Alltag gerade prägt.
Es ist viel los im Moment. Aber das ist es ja eigentlich immer, oder?
Müsste ich alles, was mich so umtreibt und gerade beschäftigt auf einen einzigen klaren Nenner bringen, ich würde… „Sich-einfinden“ wählen. Dieser Sommer war unheimlich schön, finde ich. Es gab Hotspot-Phase, klar, aber alles in allem war es ein Sommer, der mich wieder ein wenig zu mir selbst zurückfinden liess und nicht nur meinem Körper, sondern auch meinem Seelenleben so was wie Heilung schenkte. Manches, das ein bisschen gar schief verruscht war in meiner Familie in den Monaten davor, wanderte wieder zurück an sein Plätzchen, Spannungen legten sich, Probleme lösten sich in Luft auf, und ich kam soweit zu Kräften, dass es sich wieder ganz leicht und natürlich anfühlt, rund um die Uhr Mutter zu sein und Augen, Herz und Ohren offen zu halten für die Geschichten, Nöte und Gespräche rund um mich herum.
Und nun ist dieser Sommer vorbei.
Die Schule hat uns wieder. Und mit ihr straffe Stundenpläne, das emotionale Miteingebundensein mit meinem Ältesten am  Gymnasium, wo vieles nicht unbedingt so läuft, wie ich es erwartet hatte und mich der enorme Leistungsdruck manchmal regelrecht schockiert, mit dem diese noch so jungen Menschen heute klar kommen müssen (und das in einer Zeit ihres Lebens, in der rein biologisch doch eigentlich ganz andere Dinge wichtig wären für sie…). Er macht es nicht schlecht, mein Junge, das nicht. Aber ich sorge mich manchmal doch um ihn, sehe seine Augenringe und die Herausforderung, die es bedeutet, den eigenen Platz im Leben zu finden.

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Auch mein fünfjähriges Pausbackenkind (das ihr oben auf dem Kindsgi-Lesesofa seht) läuft nun mit in dieser Tretmühle names Schule, und auch wenn es bei ihr nur der Kindergarten ist, ein Stückchen heile Welt noch, in der so viel Schönes und Märchenhaftes auf sie wartet, habe ich Mühe, zuzusehen, wie sie immer wieder strauchelt und sich aufraffen muss, um weiter zu gehen: Die ersten beiden Kindergartenmorgen waren keine grosse Sache, doch schon am Tag 3 flossen Tränen beim Abschied und ich musste mich regelrecht losreissen, um überhaupt wieder aus dem Kindergarten hinaus zu kommen. Damit hatte ich vielleicht gerechnet, vielleicht auch nicht, aber so richtig vorbereitet war ich nicht auf ihre Traurigkeit und ihre Angst vor dem Weggehen. Ich begleite sie nach wie vor bis zur Kindergartentüre und warte mit ihr, bis die Kinder von der Kindergärtnerin begrüsst werden. Aber dann muss ich gehen, klar. So ist das nun mal, da gibt es kein zurück mehr.
Es ist ja nicht immer so schwer für sie. An manchen Tagen geht der Abschied leicht und schnell, an anderen weint sie schon den ganzen Weg zum Kindergarten.
Was mich aber beruhigt: Ihre Tränen scheinen jedes Mal rasch zu versiegen, kaum bin ich wieder auf dem Heimweg. „Heute habe ich gar nicht geweint im Kindergarten“, erzählte sie mir heute mittag ganz stolz, „nur am Anfang, aber dann hatte ich sogar Spass!“
Ich denke, sie wird ihren Weg machen. Und an den Schwierigkeiten wachsen. Sie war immer sehr verbunden mit mir und stets die zurückgezogene, kleine Träumerin, als die sie geboren ist. Nun gibt es Neuland für sie, in dem sie sich umsehen und zurechtfinden muss- und wo sich alles mögliche Neue entdecken lässt, sobald sie bereit ist, sich darauf einzulassen.

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Irgendwie war klar, dass ich sie nicht ganz ohne ein wenig vernähte Mama-Liebe ziehen lassen wollte. Oder konnte. Ich hatte es lange hinausgeschoben, doch kaum stand der erste Kindergartentag vor der Tür, musste ich mich einfach hinsetzen und ein wenig nähen- zum ersten Mal seit Monaten, und mit einer gehörigen Portion Unsicherheit. Es kam mir alles fremd vor, das Stoffeschneiden, das Nähen, das Stecken und das ewige Hin und Her zwischen Bügelbrett, Tisch und Nähmaschine. Stricken hingegen fühlt sich mittlerweile an wie eine zweite Haut, bequem und ohne grosse Umstände.
Der kleine Turnbeutel, den ich meinem Mädchen dann zusammengeschustert habe (und den das kleine Schwesterchen unerlaubterweise immer wieder stibitzt), passt prima. Er ist rot und stabil, passt bestens zum Znünitäschli, das sie von ihrer grossen Schwester übernommen hat, und der alte Gardinenstoff, den ich hier vernäht habe, steckt voller netter Tiere, Giraffen, Zebras, ein paar Elefanten, ein Hauch von Afrika, der sie nun jedes Mal zum Kindergartenturnen begleiten wird.

Ja, es wird sich alles finden. Einspielen. An Routine gewinnen und irgendwann zur Selbstberständlichkeit werden. Ich bin dankbar, dass ich wieder ich genug bin, um wirklich da zu sein, wenn sie mich brauchen. Auch jetzt. Jetzt besonders.

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6 Kommentare zu ein Hauch von Afrika

  1. anna sagt:

    ehrlich, bora, man soll das alles nicht zu viel bewerten. ich fand neulich aufzeichnungen von meiner mutter, die fast genau das gleiche schrieb wie du, so zu gym und leistungsdruck und so, bezog sich auf meine beiden schwestern, und ach die armen… die gingen, so wie ich, in den 1970ern und 80ern auf die schule… und wir alle haben sehr darüber gelacht. konnten uns an nichts erinnern.
    freu dich einfach an dem was gut rennt und große kinder müssen auch mal ´ranklotzen und kleine müssen weinen dürfen, die können nämlich noch nichts lange erklären und auch keine posts schreiben darüber, wie also sonst sich ausdrücken? müssen sie lernen, haben wir auch. blosß hats keine/r aufgeschrieben oder wir es erst später gefunden 🙂
    mach et gut
    annaberta

    • kirschkernzeit sagt:

      Stimmt sicher… Da muss man wohl einfach durch, oder? Ich merke auch, dass es mir sehr viel einfacher fällt, mein weinendes Kind zurück zu lassen, wenn ich dem Weinen anhöre, dass es sich bald auflösen und trösten lassen wird. Sobald ich Panik drin höre, wird es schon schwieriger, aber das war nur einmal kurz der Fall und hat sich rasch gelegt, als die Kindergartenhelferin sich um meine Tochter gekümmert hat. Wenn sie dann nach Hause kommt, sind die Tränen eigentlich nie ein Thema, mehr das, was sie so erlebt hat und das ist immer sehr positiv. Ich glaube, auch das macht mich viel ruhiger. So sehe ich, was sie selber als wichtig einstuft- und der Abschied gehört offensichtlich nicht in diese Kategorie. Bei meinem Sohn sehe ich auch, dass es ihm auch ein bisschen gut tut, zu lernen, wie man sich so richtig in was reinkniet- und durchhält. Ich denke auch, das Durchhalten- und Aushaltenkönnen sind sehr gute Qualitäten, die sich wirklich zu lernen lohnen. Auch wenn das dann für Mutti ein bisschen schwer mitanzuehen ist 😉
      PS. Klar würde ich aber eingreifen, wenn ich erkennen würde, dass eine Situation für ein Kind wirklich nicht mehr tragbar ist…

  2. andrea sagt:

    liebe bora, ich will nur einen kurzen gruss dalassen. dieses lesesofa ist ein traum und der genähte beutel ganz zauberhaft. und wenn ich deinen text so lese und den kommentar dazu, dann möchte ich sagen, beides darf sein und hat seinen wert: die sorge und die gelassenheit.
    ich wünsch dir einen feinen tag, andrea

    • kirschkernzeit sagt:

      Danke, Andrea. Man kann ja auch nie so recht aus seiner Haut, oder? Sorgen kommen ganz von selbst- das mit der Gelassenheit wiederum muss man wohl mit der Zeit lernen…

  3. Ines Düe sagt:

    Diese ehrlichen Worte mitten aus dem Leben sind soooooo WUNDERBAR!!!Ich Danke Dir soooooo seeeeehr für eben diese absolut authentischen Zeilen,die mir die allerliebsten sind!!!
    Glg Ines

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