Revue passieren

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Kind1 liegt schon im Bett. (Deshalb komme ich unerwartet zum Tippen und den Tag-Festhalten.) Das lange Stehen und die an sich ja nicht übermässig schwere körperliche Arbeit machen ihn müde, „anders müde als in der Schule, aber… trotzdem müde“.
Es war eine grossartige Woche für ihn. Er mag schnelle Autos und ist fasziniert von allem Technischen, von Schrauben und Schräubchen und wie die Dinge im Inneren funktionieren, und das obwohl er mit ziemlicher Sicherheit kein Automechaniker werden wird in absehbarer Zeit, denn eigentlich ist er ja im Gymnasium, wo er freiwillig nicht so schnell mehr weg will. Dass er trotzdem Motorenduft schnuppern durfte, war schon eine feine Sache und eine Art kleines Abenteuer für ihn. Ausserdem lernte er Onkel und Tante, Cousins und Cousinen ein Stückchen besser kennen, denn mein Schwager, dem die Werkstatt gehört, hat (genau wie seine Frau) ein riesengrosses Herz und nahm meinen Jungen ganz selbstverständlich jeden Mittag mit nach Hause an den Familientisch.
Ich mochte  ihn schon immer.
Jetzt mag ich ihn sogar noch ein bisschen mehr.
Gerade warte ich darauf, dass die Brownies im Ofen fertig backen. Brownies für morgen, für den letzten Werkstatt-Tag meines Grossen,  eine kleine Geste nur.

Mein Besuch heute war übrigens richtig schön. Und durchaus überraschend. Die liebenswerte alte Dame, die mich und die beiden Kleinsten besuchen kam, wünschte sich rundheraus eine „richtige Hausführung“, worauf ich natürlich rein gar nicht vorbereitet war. Den halben Morgen hatte ich im Erdgeschoss gewerkelt, Böden gesaugt, Geschirr gewaschen, das kleine Waschküchen-Gäste-Klo geputzt, Sachen verräumt. Aber all die anderen Zimmer sahen natürlich dementsprechend aus… Ich tat so, als wäre mir der Anblick der vielen schauderhaft zugerichteten Zimmer und ungemachten Betten (sogar mein eigenes war wild zerwühlt und nur halb bezogen- dabei bin ich hier normalerweise ziemlich eisern mit Aufräumen und so). In Wahrheit fühlte ich mich aber nackt und ertappt. Ich bin einfach keine tolle Vorzeige-Hausfrau.
Sie aber, die alte Dame, die ich mir bis anhin immer superpropper mit Staubwedel und Desinfektionsmittel vorgestellt hatte, schien das alles gar nicht zu bemerken. Sie lobte ohne mit der Wimper zu zucken unsere Umbaufortschritte, die Schreinerarbeiten, das neue Bad, die bunten Zimmerwände, den vielen Platz und schien schwer beeindruckt, als ich eher kleinlaut erklärte, dass ich jedes Zimmer maximal einmal pro Woche sauber kriegen würde, mehr läge einfacht nicht drin. Schelmisch lächelte sie mir zu und offenbarte rundheraus, dass sie sich für ihre kleine Wohnung eine Putzfrau gönne und selber nur putze, „wenn man den Dreck auch sieht“. Ich musste herzhaft lachen und fühlte mich sofort nicht nur verstanden, sondern gleich richtig verschworen. Was stecken die Menschen doch voller Überraschungen! Vor allem auch die älteren Generationen, die wir oftmals kaum noch wahrnehmen im Lebensgetümmel und nur allzu rasch in festgefahrene Vorurteils-Schubladen versorgen… Nun, er soll mir eine Lehre sein, dieser Tag. Und diese Gemeinschaft.
Und jetzt werde ich mich hinsetzen und kurz noch ein wenig stricken. Mein Jäckchen und die Ahnung vom Herbst, ihr wisst schon. Andererseits sind es nur noch wenige ungelesene Seiten von Ilse Gräfin von Bredows‘ „Glückskinder“, und das Buch finde ich… angenehm, leicht trotz der Schwere mancher Schicksalsschläge in der Geschichte. Vielleicht ist Lesen bei Dämmerlicht, zwischen den von meinen beiden kleinen Mädche vorgewärmten Laken, sogar noch einen Ticken verführerischer als Stricken, jetzt wo der Browniesduft so schön durchs Haus zieht und ich so langsam müde werde…

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7 Kommentare zu Revue passieren

  1. andrea sagt:

    ach liebe bora, ich les so gern bei dir. und hab erst neulich darüber nachgedacht, wie es wäre, mal bei dir reinzuschneien. vielleicht, wenn wir alte damen sind? das mit der putzerei ist bei mir auch gerade thema. sechs zimmer, zwei bäder, 4 lebewesen. ich komme nicht rum, bzw. weiss, dann bliebe für anderes kaum mehr zeit. ich bin mir sicher, die kinder sind wichtiger, sowohl die eigenen als auch die inneren. hab ein schönes wochenende mit ihnen 🙂

    • kirschkernzeit sagt:

      Ja, je mehr Raum, desto grösser die Arbeit. Das habe ich mein ganzes Leben lang unterschätzt und mir einfach immer nur mehr Platz gewünscht… Dabei hat jeder Besitz auch seine „Kosten“. Zeit und Kraft und Aufmerksamkeit, die anderswo dann abgezackt werden muss. Manchmal überlege ich schon, ob sich das wirklich lohnt so…

      • Hirundo rustica sagt:

        Oh ja, davor habe ich auch Angst, sollten wir mal umziehen..
        Mit unseren schnuckeligen 54 Quadratmetern (sechs Personen) verliere ich zwar nicht so schnell den Überblick, bin aber trotzdem ständig am Räumen denn die Kinder belegen jeden freien Flecken. Sonst kann man hier überhaupt nicht mehr laufen 😉
        Kniffelig ist es, das ganze Zeug irgendwo unterzubringen und trotzdem noch luftige Räume zu haben. Da wird jeder Millimeter im Schrank ausgenutzt. Mein Traum sind ordentliche, nicht überladene Schränke, wo man nicht immer die Hälfte der Dinge ausräumen muss, wenn man etwas braucht.
        Gibt es denn nicht eine Formel, die einem die optimale Wohnfläche unter Berücksichtigung von Putzaufwand und Personenzahl errechnet?
        So als Anhaltspunkt bei der Wohnungssuche… 😉
        Allerdings ist bei uns in der Gegend die Sache mit der Wohnungsgröße eher eine finanzielle Frage. Hehe.

  2. Wollwesen sagt:

    Wie schön Du wieder schreibst – ich rieche sozusagen den Brownies-Duft und wünsche mich sofort in mein weiches Bett mit schöner Lektüre!

    • kirschkernzeit sagt:

      Das ist lieb von dir! Die Brownies sind übrigens leider nichts geworden. Um Mitternacht habe ich versucht, sie in Stücke zu schneiden für den Transport am nächsten Tag- und entdeckt, dass ich das Mehl vollkommen vergessen hatte…! Jetzt musste der Junge ohne Dankeschöngebäck abziehen. Und ich versuche gerade, ob man den ganzen Schlamassel -nachträglich mit Mehl versehen, denn ohne ist es schlicht ungeniessbar- auch ein 2. Mal Backen kann…

  3. Angela sagt:

    Liebe Bora,

    nach langer zeit will ich mal wieder nicht nur lesen, sondern auch schreiben. Denn ich habe tatsächlich öfter an Dich gedacht und den Besuch der alten Dame. Denn ich kenne das Gefühl nur zu gut-da kommt Besuch und man möchte alles tadellos haben und dann sind ja aber die Kleinen da und erfreuen sich an aufgeräumten Ecken, in denen man nun wieder so schön spielen kann…Und nun mußte ich wirklich schmunzeln wie der Besuch dann ausgegangen ist. Das ist wirklich herzerfrischend!

    Ich hoffe sehr, dass aus den Brownies noch was geworden ist…ich war schon schwer beeindruckt, dass Du so was am Abend noch schaffst…ach das wäre zu schade, wo Du so liebe Gedanken hattest.

    Alles Liebe
    Angela

    • kirschkernzeit sagt:

      Vielen lieben Dank, Angela! es ist immer wieder schön, von dir zu lesen! Mit den Brownie hatte ich Glück im Unglück… aber mehr dazu im nächsten Post 😉

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