7 Häppchen

Ich hatte keine schlechte Woche, nein, im Gegenteil, diese Woche war ziemlich ruhig, richtig müde, aber ohne grosse Hürden, eine Woche voller Aufräumen, Wäschewaschen, Böden aufwischen, dem kleinen Kind nachlaufen, das partout keine Windeln mehr tragen will und dann doch wieder vergisst, zur rechten Zeit zum Klo zu tappsen. Und natürlich habe ich mindestens hundertmal “Rosa” vorgelesen, denn meine Kleinste liebt die beiden kleinen Büchlein von Lena Anderson treu und innigst und mag nicht ohne sie einschlafen…
Trotzdem war es keine eigentlich glückliche Woche, eine normale Woche eher, eine, in der ich -weil ich eben so bin- immer wieder ins Grübeln falle, mich selber zu ernst nehme und Probleme wittere, ja bange erwarte, wo im Grunde noch gar keine sind. Es kommt mir viel… einfacher vor, negativ zu denken und schwarz zu sehen als positiv und dem Guten aufgeschlossen das Leben in Farbe und Licht wahrzunehmen. Vielleicht ist es Typsache, vielleicht ein wenig Zeitgeist? Werfe ich, allen guten Vorsätzen der Nachrichtenabstinenz zum Trotz, doch noch kurz einen Blick in die Tagesnachrichten, kommt mir alles sofort ein Mü düsterer vor und hoffnungsloser… und auch hier, ganz direkt in meinem Lebensalltag, in ganz anderem Zusammenhang zwar und Welten entfernt von den Existenskämpfen der Menschen da draussen, stehe ich ratlos und entmutigt vor dem Meerschweinchengehege, in dem sich kurz nach der dritten Injektion gegen Parasiten plötzlich wieder ALLE sieben, eben noch fast ganz auskurierten Tiere kratzen wie wild und ich unser altes Flöckli zeitweise ganz apathisch und schwer atmend in der Ecke sitzen sehe, trotz Spritzen, trotz Gehegewechsel, trotz Häuschenausbacken und Stallputzen, Natibiotika und zusätzlichem Salbeneinreiben…
Ja, irgendwie rücken die unguten Sachen sofort dick und fett in mein Blickfeld. Und schieben alles Feine, Schöne, Positive zur Seite, aus den Augen, aus dem Sinn, weg, fort,  wie ein Kuckucksküken.
Dabei ist das ja nur die eine Seite der Medaille, oder? Darum, und weil ich es einfach ungemütlich finde, wie ich hier immerzu nur rumschimpfe und nach Haaren in der Suppe fische, für einmal sieben feine Häppchen Leben, an denen ich mich gerade kaum satttrinken kann…

DSC_9846Bügelperlen! Und diese herrlich still-vertieften Zeitsequenzen, die sie schaffen. Unser Nachbarsmädchen kommt manchmal vor allem deswegen hierher, wie mir scheint *zwinker* und extra für sie habe ich darum letzte Woche mein Portemonnaie geplündert und eine ganze Reihe neuer Farben und Sets gekauft (hier). So wie die schöne Löwenform, mit der meine Grosse das Geburtstagspäckchen für einen ihrer Freunde verschönt hat (tatsächlich war sie diese Woche gleich auf zwei Jungensgeburtstagen, beide Male als einziges Mädchen, aber sie ist ja selber ein halber Junge, sagt sie…)

DSC_9864Das Foto ist grässlich, das Wetter war es nicht: Ich habe das Blau des Himmels ganz neu schätzen gelernt. Dabei mag ich an sich auch unser Hochnebelgrau nicht ungern. Doch ich spüre, wie viel leichter alles wird, sobald Wind und Wetter sich verziehen; nur schon das Rausgehen zum Spielplatz wird wieder machbarer, eine Sache von wenigen Minütchen, spontan manchmal sogar, während ich es winters meistens nicht über mich brachte, die unendlich lange Anzieh-Lawine ins Rollen zu bringen, nach der ich dann meistens so k.o. war, dass ich am liebsten zuhause doch gelieben wäre…

DSC_9866Mittagsschläfchen! Für eine Weile aufgegeben, jetzt wieder aufgenommen, schenkt es meinen Nachmittagen so viel mehr Frieden und einen angenehm verlässlichen Rythmus, in dem sich auch die anderen Kinder irgendwie zurücklehnen können, weil sie wissen; Da ist ein Fensterchen an Zeit, in dem Mama Zeit hat nur für sie und für ihre Wünsche. Wie dem Falten eines Origami-Pikachus heute (phu, war das schwierig!) oder dem Bügeln neuer Bügelperlenwerke. Das kommt sonst alles immer viel zu kurz. Wie viel zu vieles. Mir fehlen einfach ein paar Arme mehr- und mindestens fünf Stunden Tag zusätzlich!
Und süss ist sie, meine kleine Maus, so eingemummelt in ihre Decken, mit roten Wangen und verschwitzen Löckchen auf der Stirn…

DSC_9871Süss auch das hier: Die Torte, die Kind1 vorgestern gebacken hat, als Reaktion auf meine Forderung: Hausaufgaben -jetzt, sofort!- oder erst mal Kuchenbacken (und nachher Hausaufgabenmachen). Zu meinem Erstaunen und seeeeehr zu meiner Freude hat er ersteres gewählt und sich sofort ganz ohne Gegrummel ans Backen gemacht. Herausgekommen ist dann ein (nicht ganz durchgebackenes, aber was macht das schon?) Schokoladenbiscuit, das ich nach dem Auskühlen am nächsten Tag mit Sahne, Johannisbeergelee und geschmolzener Zartbitterschokolade vervollständigt habe. Süss, gehaltvoll und ganz klar eines der Favoriten-Lebenshäppchen für mich. Sollen die Hausaufgaben ruhig warten…

DSC_9874Mein grüner Garten. Hausgarten. Hausgärtchen vielmehr. Rudimentär erst und wahrscheinlich, so wie all die anderen Pflanzen vor ihnen, auch kein Ding der Ewigkeit (Stichwort schwarzer Daumen), aber ich muss gestehen; noch nie haben mir Hauspflanzen so viel Freude gemacht! Noch nie hatte ich überhaupt so viel Interesse daran, Grünes in meinem Zuhause zu haben, es vielleicht sogar selber nachzuziehen, zu hegen und wachsen zu sehen. Ich habe mir vorgenommen, aus den Blättern des Geldbaumes neue Pflänzchen zu ziehen, die Glückskastanien-Stämmchen und die Kaffeebäumchen zu trennen und in mehrere Töpfe zu setzen. Aber wann und wie und mit wieviel Erfolg…? Egal, das Grün ist einfach herrlich! Wie es scheint, wächst da nicht nur ein Minidschungel heran, sondern eine potentielle Sammelleidenschaft…

DSC_9859Dieses Bild sagt schon fast alles: Wäsche an der frischen Luft, sonnengertrocknet und umwerfend duftig, selbst die grosse, weisse Wolldecke, die winters immer warm und schwer in unserem praktisch ungeheizten Schlafzimmer liegt. Es gibt kaum etwas Schöneres, als abends in ein frisch bezogenes Bett aus frühlingswindgetrockneter Bettwäsche zu schlüpfen… Fürs Bild wäre es natürlich nett gewese, im Gartenbeet dahinter nicht bloss unordentliche, braune Kürmelerde zu sehen, sondern ein wenig mehr Frühlingsgrün, aber das wird auch noch kommen, daran zweifle ich nicht…

DSC_9878Mein letztes Bild, aber eigentlich auch eines meiner liebsten. Dieses Häppchen gutes Leben zieht sich wie ein dicker, stabiler Faden durch meine Jahre: Die Zeichnungen und Bilder meiner Kinder, die ich so liebe und in denen ich so viel erkennen kann, von dem, was sie sind und vom Punkt, an dem sie gerade stehen.
Dieses kleine Kärtchen hier stammt von meiner Kleinen, bald Fünfjährigen. Es ist eines ihrer ersten Wasserfarbenbilder und für mich eine Art Überraschung, weil mir nicht klar war, wie viele Gedanken sie sich mittlerweile macht beim Malen. Ihr erster Versuch, eine Prinzessin mit Pinsel und Malkastenfarbe zu malen, endete unbefriedigend für sie, weil die Farben sofort zu einem Tümpel verflossen und sie es nicht schaffte, klare Konturen zu erhalten. Nach wenigen Minuten schob sie das Blatt zur Seite und bat um ein neues. Diesmal zeichnete sie zuerst mit einem Bleistift vor, wartete geduldig, bis Gelb und Orange der Prinzessin und des Vollmondes angetrocknet waren und füllte dann sorgfältig den Rest des Blattes mit Nachtschwarz aus. Ich glaube, ihr Bild befiel ihr beim zweiten Versuch nun ganz gut; sie machte sich jedenfalls sofort daran, einen Prinzessin-bei-Nacht-Zwilling zu pinseln, ein Selbstportrait natürlich, sie in ihren allerliebsten Kleidern…

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2 Antworten auf 7 Häppchen

  1. Liebe Bora,
    wie schön,dass du diese Herzmomente gesammelt hast. Schau sie dir bitte selber an, wenn es gerade düster wird und mache sie dir bewusst, diese schönen Momente. Ich hatte jetzt für eine Zeit lang stündlich (!) die Erinnerung im Handy “sei dankbar für die kleinen schönen Momente” und alles ist so viel positiver schlichtweg durch den veränderten Betrachtungswinkel. Die Idee habe ich von hier
    http://kuestenkidsunterwegs.blogspot.de/2017/01/gluck-in-worten-und-am-meer-die.html?m=1
    aus dem ebook der Gastautorin.
    Ich wünsche dir eine ruhige Nacht und schicke liebe Grüße
    Sternie

    • kirschkernzeit kirschkernzeit sagt:

      Die Idee mit dem Handy finde ich sehr schön- hätte ich eines, würde ich mir das sicher auch runterladen. Ich habe schon oft gelesen, dass es den eigenen Blickwinkel verändern soll, wenn man sich bewusst auf das Positive konzentriert, aber ich muss gestehen, dass ich das noch nie wirklich geschafft habe, also, mir zB. Dankbarkeitspunkte derart intesiv und ausdauernd vor Augen zu führen, dass sich etwas in mir drin nachhaltig verändern konnte… Leider gehöre ich eher zu den Pessimisten und erwarte grundsätzlich schon mal eher das Schlimmste als den Jackpotgewinn ;-) Aber an sich finde ich das auch ok. so, jeder ist ja anders und auch wenn ich manchmal düsterlich bin und grüblerisch veranlagt, kommen immer wieder auch gute Zeiten, die ich dann wiederum voll und ganz geniesse. Trotzdem muss ich mich natürlich immer wieder selber an der Nase nehmen und mir sagen; Hey, eigentlich hast du’s ja ganz gut, oder?
      Vielen Dank, liebe Sternie! Ich hoffe, deinem Schnupfen geht’s wieder ganz gut?
      Auch dir eine gute Woche, das Wochenende ist ja leider schon wieder um…

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