So eine Art … Bibliothek

Heute ging ein scharfer Wind. Ein regelrechter Eiszapfenwind, der in den Ohren brannte und die Drachen über’m abgemähten Feld lange und hoch in der Luft schaukeln liess. Meine Mädchen und ich schritten schwer aus bei unserem Nachmittagsspaziergang, die Grosse trat in die Pedale ihres kleinen, lausigen Lottervelos wie verrückt und wankte nur mühsam vom Fleck. Gegen Herbststürme dieses Kalibers kommt man nur schwer an.
Herrlich!
Ich liebe den Wind. Wirklich. Wirklichwirklichwirklich. Eiskalten Herbstwind vor allem. Der duftet so gut, so reich und einschüchternd winterlich, man wird ganz demütig dabei.
Vor allem aber liebe ich eines: Das Heimkehren. Man stösst die Haustüre auf, durchfroren und ausser Puste wie man ist, und wird wärmstens empfangen. Herzlich fast schon. Vom Duft, der sich Zuhause nennt. Von all den heimeligen Nischen. Den dumpfen Geräuschen. Dem Schutzgefühl.
Und alles ist vertraut.
Die unbarmherzigsten Eissturmböen machen mir mein Zuhause nur noch lieber.

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Auch diese kleine, ein bisschen rohbaumässige und eigentlich nur wenig vorzeigbare Ecke liebe ich. Unsere… Bibliothek. Und Ludothek. Die all unsere Spiele beherbergt, die Berge von Legoteilchen, etwa 200 uralte Donald Duck Comics (die restlichen 150 Stück sind im Wohnzimmer) und all jene Bücher, die niemand Bestimmtem gehören und zu Bilder-arm sind, um als Bilderbücher zum Immer-wieder-Ansehen durchzugehen.
Die Legoboxen stapelten sich vorher mal hier, mal dort und überall gab es Gestolper, Gedränge und Unstimmigkeiten, weil keiner von uns den Platz und die Ungestörtheit bieten konnte, die eine Legosammlung von diesem Ausmass braucht (das ganze vordere Regal ist proppevoll), um voll und ganz ausgekostet zu werden. Und der grösste Lego-Ingenieur der Familie wird langsam aber sicher ein junger Mann. Da schwenken die Interessen schon mal ab. Vom Kleinteilbauen zu Rapmusik und Computer-programmiersprachen. Hier oben, in dieser kleinen, ungestörten Nische unter’m Dach, wo ich einstmals, langlang ist’s her, meine ureigenste Büro-Ecke hatte, ist es still und aufgeräumt genug für all jene Dinge, die so rasch verdrängt werden, sobald kleine, quirlige Geschwisterkinder ihre Runden drehen: Lego-Bauen, ganz für sich alleine. Aufbauen und einfach liegen lassen, ohne dass nachher alles in Ruinen steht. Lego-Landschaften zusammenpuzzlen. Ohne Hektik. Ohne Panik. Mit Platz, Licht und Musse.
Eine Runde “Obstgarten” spielen, sobald das Schwesterchen eingeschlafen ist. Trotz dreckigem Küchentisch. Trotz Unordnung überall sonst im Haus.
Ein wenig Schmökern und Blättern und sich in aller Ruhe das nächste Langzeit-Lesebuch aussuchen.

Und solange die halb zerfallene Wand über der grässlichen, ausgetretenen Linoleum-Treppe vor sich hinbröckelt wie eine Burgruine, nutze ich sie ungeniert als riesengrosse Pinnwand. Für Vortrags-Plakate aus Schule und Kindergarten (kein Scherz, der Meerschweinchen-Vortrag stammt tatsächlich von dort) zum Beispiel. Oder für einen jener fünf Postkartenständer, von denen ich mich einfach nicht trennen kann, obwohl ich streng betrachtet eigentlich gar nicht weiss, wohin damit. Über’m Wäschekorb meiner Obergeschoss-Kinder mag ich ihn ganz gerne. Bunt, ein bisschen schräg sieht er aus dort. Und ganz und gar wir… So wie diese kleine, spontane Bibliothek hier.
Das Beste aber: Der Platz, der anderswo frei geworden ist. Keine Lego-Boxen mehr, die Kind1 den Schrank vollpacken. Keine völlig überdimensionalen Bücherregale voller 5Freunde- Bücher im gelben Spielzimmer, wo ausgerechnet die Kinder ihre Sachen haben, die überhaupt noch nicht lesen können. Unten im Wohnzimmer Platz für Bügelperlen und anderen wichtigen Bastelkram. Und, das Allerschönste: Im Stubengestell ein (noch) leeres Tablar.
Alles, was Platz schafft und auch nur einen Hauch von Ordnung bringt in dieses chaotische Haus, ist mir mehr als willkommen.
Welcome, kleine Bibliothek!

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