Ich

Dieses Foto hat mein damals noch nicht ganz dreijähriges Kind2 im letzten Sommer von mir gemacht. Wir sitzen zusammen in einem dieser lahmen aber furchtbar schönen, kitschigen Flosse auf dem Europa-Park-See, ich und mein Kind Arm in Arm, beide in etwa gleichermassen entzückt von den Plastik-Geschmacklosgkeiten des Panoramas. Ich bin höchst schwanger und unglaublich glücklich. Es ist einer dieser „Ich-bin-zufrieden-mit-mir-und-der-Welt“-Momente, in denen man sich schön, frei und geborgen fühlt, obwohl man weder schöner, noch freier, oder geborgender ist als sonst.
Gestern war ich am Hochzeits-Apéro einer ehemaligen Klassenkameradin. Mein Mann hatte mir dir Jungens abgenommen, nur mein Baby hing im Tragetuch an meiner Hüfte und schlief mit schweissfeuchten Babyflaumhaaren, während ich mich ungeheuer fröhlich durch die Menge plauderte. Wieder so ein „Ich-bin-mit-mir-und-der-Welt-zufrieden“-Augenblick. Ein paar aus meiner alten Gymnasial-Klasse waren auch dort, Klassentreffen en miniature, und es kam mir vor, als hätten wir eben erst das Klassenzimmer verlassen. Diese Vertrautheit… diese Fröhlichkeit von innen heraus… so entspannt… Plötzlich wurde mir bewusst, wie sehr ich genau das in meinem Leben vermisse, wo ich ständig vernünftig sein soll und pädagogisch, massvoll, selbstlos und hingebungsvoll Mutter. Meine Klasse kennt mich nicht als Mama, sondern nur als Streber-Hippie-WG-Bewohner-irgendwer von damals. Ich, Facetten davon zumindest, wie ich auch noch sein kann. Immer noch. Aber so selten bin.
Natürlich, ich bin gerne Mama. Hingebungsvoll und zärtlich und verlässlich Mama (unter anderem *räusper*).
Aber manchmal wünschte ich mir, wieder jung zu sein, wieder 17 und wild und frei mit rot gefärbten Haaren, und mit meiner allerbesten Freundin an Teenie-Band- Konzerten BHs auf die Bühne zu schmeissen…Gerade kommt mir „I hätt na vill blöder taa“ von Gölä in den Sinn. Kein Musiker, den ich mir so anhör‘, das Video entspricht auch nicht unbedingt meinem Sinn für Ästhetik, aber die Lyrics sind einfach zu passend…

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11 Kommentare zu Ich

  1. april sagt:

    hallo liebe bora. schön dich zu sehen 🙂 ich habe auch eine schwäche für den unglaublich kitschigen europapark. und ich weiss was du meinst mit deinem „ich“ post. und ich fühle oft auch ähnlich. natürlich sieht das leben einer mama meist ganz anders aus. 17 möchte ich aber nicht nochmal sein. und ja, ich kann auch jetzt mit 37 noch richtig wild sein, das leben einsaugen. und mich gleichzeitig so unendlich lebendig und glücklich fühlen. ich wünsche dir von herzen, dass du noch oft sein kannst „wie du auch noch sein kannst“ und wünsche dir einen leichten sonnenstart in die woche*

  2. Allerleirauh sagt:

    Ich glaube man muss auch als Mutter nichts sein, was man nicht ist.
    Ich glaube ich war nie eine besonders vernünftige, pädagogische, massvolle, selbstlose und hingebungsvolle Mutter, aber meine Kinder lieben mich trotzdem oder vielleicht gerade deshalb. Folge deinem Gefühl und es kommt schon gut.
    Nett siehst du aus, sehr symphatisch.
    Liebe Grüsse, Allerleirauh

  3. Jana sagt:

    Liebe Bora,

    offensichtlich hast Du Dir noch viel von 17jährigen Bora bewahrt, wenn Du Dir dieses Gefühl so schnell zurückholen konntest. Viele vergessen ja, dass sie auch mal jung waren.
    Ich hab mir oft gewünscht noch mal zurück zu können in meine Jugend, Dinge nochmal zu erleben, vieles anders zu machen. Aber wenn ich in die Gesichter meiner Kinder sehe, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Dass all die Irrungen und Wirrungen, die man so erlebt, am Ende irgendwie einen Sinn ergeben.
    Ach ja, und schön Dich mal zu sehen.;O)
    Herzlichst
    Jana

  4. Schön, dich zu sehen 🙂 … obwohl auf manchen Fotos noch aus dem Herbst glaube ich, konnte man auch schon ein bisschen was von dir erahnen. Diese „Ich-bin-mit-mir-und-der-Welt-zufrieden-Augenblicke“ sind kostbar und nicht sehr häufig (jedenfalls bei mir). Ich denke, man weiß diese Augenblicke mehr zu schätzen, wenn sie nicht so oft sind – wie kleine Inseln im Alltags-Ozean lugen sie dann hervor… und in der Erinnerung rettet man sich mit Sprüngen von Augenblicks-Insel zu Augenblicks-Insel während rundherum der Sturm und das Chaos toben 🙂
    Aber 17 will ich auf keinen Fall mehr sein – die Zeit, in der ich jetzt bin, gefällt mir bisher am besten in meinem Leben. Weil ich irgendwie weiß, wohin ich gehöre. Mit 17 wusste ich einfach überhaupt nicht, was ich tun/glauben/lernen/versuchen/träumen/anziehen soll… und jetzt ist es besser für mich – irgendwie hab ich einen Weg für mich gefunde und dieser sichere Hafen hier gefällt mir eigentlich ganz gut, das muss ich zugeben.

  5. kuestensocke sagt:

    Liebe Bora, nochmal 17 Jahre alt sein? Kann mir vorstellen, dass sich viele diese Unbeschwertheit ab und an zurück wünschen. Bei mir wären es eher die Jahre nach dem Studium, ein netter Job mit viel Geld verglichen mit der Studienzeit, aber wenig Geld insgesamt und vor viel Freizeit und die Freiheit die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Konzerte besuchen, Motorrad fahren, auch mal nein sagen, das war schön. Jedoch 17 wollte ich nicht wieder sein, blöde Zeit, soviel Ungewissheit, soviele Erwartungen … und noch kein Gefühl dafür, was man wirklich kann. Ab und an unvernünftig sein, sich treiben lassen, dass sollte man sich bewahren. Glaube schon, dass Du das trotz oder wegen Deiner Kinder richtig gut hinkriegst. LG Kuestensocke

  6. ach bora, auch ich vermisse meine anderen 'ehemaligen ichs' manchmal. allerdings sind es bei mir die zwanziger, die ich als ungeheuer frei und unbeschwert erinnere *träum*. ich habe aber keine kontakte zu damaligen freunden mehr, so wird mir das selten leibhaftig bewußt. nur manchmal ist da so ein sehnen in mir…

    doch das leben geht weiter und auch ich bleib nicht stehen *altklugmodusaus*. ist auch schön wie es ist. das, was das mamadasein manchmal schwer macht, nenn ich das 'hamsterrädchen'. ab+an da auszubrechen, allein oder mit den kindern/der familie, das tut so gut! grad heute hab ich mich ganz frei gemacht und hab mir vormittags einfach alle kinder geschnappt und bin bis nachmittags an den stausee gefahren (die große hatte schulfrei und die kleinen hab ich einfach nicht in den kiga gebracht).
    ich hoffe, die sommerferien (in drei wochen) bringen noch mehr solcher gelegenheiten! und für nächstes jahr haben wir uns vorgenommen, nach dem johannifeuer (du weißt schon…;-)) dort zu übernachten. auf dem berg, am feuer. allesamt, mit einer befreundeten familie zusammen. wild und frei! und rothaarig (die bekannte und ich)

    und wie die andern auch schrieben:
    schön dich zu sehen!

  7. mairlynd sagt:

    Oh – für höchstschwanger schaust Du auf dem Bild aber unheimlich schlank und fit aus. Ich glaube, als ich höchstschwanger war, konnte ich nicht einmal mehr lächeln. 🙂

    Ich weiß gut, was Du mit diesem Gefühl des Zurückversetzt-Werdens meinst. Wir hatten letztens Kurstreffen – schon über zehn Jahre ist es her, seit wir zusammen zur Schule gingen. Und dann sitzt man da, im Lokal am Tisch, und man plaudert als wäre keine Woche seitdem vergangen. Auch wenn ich mit niemandem meiner alten Klassenkameraden noch richtig befreundet bin, ist es einfach eine besondere Art des Umgangs miteinander. Sehr vertraut, nicht verstellt oder so. Man kennt sich einfach unheimlich gut. Schön war das!

    Dennoch bin ich, wie kreativberg, froh, nicht mehr so jung zu sein. Damals hab ich unheimlich viel Blödsinn gemacht, fand Dinge cool, die einfach total doof waren und war glaube ich recht unerträglich. Und mich hat es immer wahnsinnig geärgert, dass ich nie ernst genommen wurde. Es war irgendwie immer ein Kampf um Anerkennung und ich war alles andere als ausgeglichen.

    Da geht es mir heute deutlich besser und ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut.

    Schön, Dich zu sehen, ich schließ mich an! 🙂

  8. mamas kram sagt:

    Liebe Bora
    Schön, dich zu sehen und dann auch noch so zufrieden!
    Genau solche Gedanken gehen mir auch öfters durch den Kopf. Gerade jetzt, wo unsere ältesten Nichten mitten in der „freien“ Matura- und Studienzeit stecken, werden viele Erinnerungen wach. Es ist wichtig, solche mit-sich-selbst-und-der Welt-zufrieden-Momente zu erleben und vor allem auch wahrzunehmen.
    Ich wünsche dir ganz viele wundervolle und zufriedene Glücksmomente!
    Liebe Grüsse
    Doris (die, wie du ja weisst, ganz schlecht ist, in „gefühlsbetonten Schreibereien“

  9. nik sagt:

    Tolles Foto! 🙂 Irgendwie komme ich nur ganz selten mit meinen alten ichs in Kontakt. Und bei vielen von denen ist das auch gut so. 🙂 Ich glaube auch, dass ich zum Teil richtig nervig war. Doof auch, wenn man dann viele seiner Schulfreunde auf Facebook wieder trifft und die immer noch dumme Kommentare abgeben. „Wie, du kochst? Das hätte ich ja nie gedacht!“ „Ja, ich auch nicht, toll nicht wahr.“

    Ich genieße mein Zurzeit-ich eigentlich sehr, aber ganz doll freue ich mich auf alle meine zukünftigen ichs. Z.B. freue mich total darauf 70 zu sein, ganz weise, fit und mit langen grauen Haaren. Gerne auch im Wald in einem alten Haus wohnend oder auch in der Stadt am Leben teilnehmend. Ich glaube ich hatte immer schon mehr Sehnsucht nach der Zukunft als nach der Vergangenheit. Aber die Gegenwart ist das Schönste. Liebe Grüße, nik

  10. kirschkernzeit sagt:

    Eure Reaktionen sind umwerfend! Vielen Dank für so viel Offenheit und Schwesterlichkeit! es ist einerseits schön, zu lesen,dass einige solche Momente selber auch kenne, wenn einem die Wehmut packt, andererseits auch schön, zu sehen, wie viele von euch (bzw. eigentlich alle) glücklich sind wo mit ihrem Leben und ihrer „gereiften“ Persönlichkeit. Und die kleinen Einblicke, die ihr mir hier gewährt in euer Denken, euer Leben, euren Charakter auch, sind mir viel Wert und machen das Bloggen erst zu etwas Einmaligem für mich!

  11. Anja sagt:

    Dieses Gefühl, welches du da beschreibst, kenne ich gut. Ich wünsche mir zwar nicht, wieder 17 zu sein, war doch eine ziemlich anstrengende Zeit, aber ich vermisse manchmal die vielen Seiten und Gesichter von mir, welche im Moment meistens brachliegen.. Gerade bei solchen „Events“ wie ein Klassentreffen wird mir das schmerzlich bewusst. Wann habe ich das letzte Mal so richtig rumgeblödelt und Tränen gelacht, wie früher so häufig?
    Doch es ist auch schön zu wissen, dass das Mamiwerden neue Seiten von mir aufgedeckt hat.. Unglaublich zärtliche und fürsorgliche beispielsweise..
    Danke dir, für diesen Eintrag, er hat mich sehr berührt!
    Ganz liäbi Grüässli, anja

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