Stricken mit Miss Marple

Ich weiss ja auch nicht genau, warum ich ihre Bücher so wahnsinnig gerne mag… aber mögen tue ich sie. Agatha Christie schrieb einfach famos. (Kein Wunder ist sie so „famous“, hihi.)
Dabei mag ich Krimis eigentlich gar nicht sonderlich. Noch schlimmer finde ich Thriller und diesen ganzen fragwürdigen, düsteren Kram, mit dem sie heutzutage die Bestseller-Listen füllen, damit kann man mich echt jagen, aber auch ganz normale Krimis können mich schon ziemlich verstören. Ich habe etwas gegen das Töten. Ich habe überhaupt etwas gegen das Sterben. Gegen das Leiden.
Doch Agatha Christie-Krimis sind irgendwie anders. So harmlos. Idyllisch. Das viele englische Landleben mit all den schönen Tassen Tee, den Frühstücks-Toasts, den Tweed-Röcken und dem flackernden Feuer im Kamin, verbreitet so viel Gemütlichkeit und Heile-Welt-Stimmung, dass man glatt vergessen könnte, was da Unsägliches vorgeht hinter der Fassade. Ich mag es, wie sie die Menschen, die Menschlichkeit liebt, das einfache Dorfleben und die Kraft des Guten, das sich immer wieder herausgräbt, selbst in schwärzeren Szenen, die eigentlich gar nie so richtig schwarz werden. Höchstens mittelgrau.

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Besonders mag ich diese liebenswerten, immer etwas schrulligen Figuren, diejenigen, die es wagen, aus der Reihe zu tanzen, keinen ihrer Schritte bereuen, sich aber immer höflich entschuldigen, wenn sie anderen dabei auf die Füsse treten. Nehmen wir Miss Marple. Was für ein Charme! Seit Tagen schon höre ich mir Abend für Abend ihre Geschichten als Hörbücher an und verliere mich nach den ersten paar Sätzen in einer Welt, die sehr besänftigend wirkt auf mich. Zuerst 6 Stunden „Das Geheimnis der Goldmine“, dann „Die Schattenhand“, und niemals fand ich es gruselig oder grausam (wenn, dann nur sekundenweise), sondern eigentlich immer mehr gemütlich und tröstlich. Weil im Grunde niemals das Sterben und Leiden oder menschliche Abgründe im Vordergrund stehen, sondern mehr das Wieder-Gut-Werden von etwas, das sich nicht mehr ändern lässt.
Sobald Miss Marple auftritt, verliert sogar das Schreckliche seinen Schrecken.

Ich glaube, wenn ich alt bin, möchte ich auch so werden wie sie. Warmherzig, geduldig, aber nicht schwach, sondern bloss vorsichtig und nachsichtig. Sie kann ganz schön störrisch sein, diese alte Dame. Aber sie meint es gut.
Und sie strickt. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie praktisch immer ein angefangenes Strickprojekt in ihrer Handtasche. „Irgendwas Flauschiges“ in „Die Schattenhand“ zum Beispiel. Und in „Betrams Hotel“ waren es Socken?
Dass Miss Marple strickt macht sie mir nur noch sympathischer. Ihre klappernden Nadeln vermitteln -auch wenn sie immer bloss am Rande vorkommen- so eine Art entspannende Normalität. Wie ein weicher Lesesessel, in den man sich fallen lässt, um den Ärger und das Chaos dieser Welt für eine Weile zu vergessen.

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Und genau das tue ich. Wenn ich stricke. Mit Miss Marple zur Zeit. Knopf im Ohr und flinke Nadeln in den Händen, der Geist verliert sich irgendwo.
Zum Schluss sind es Babyfinkchen. Aus einem 30-Gramm-Rest „Malabrigo Rios“ in der Farbe „Playa“. Mit Nadeln in der Grösse 4.5. Wärme für klitzekleine Füsschen. Wohlige Vorahnungen eines nahenden Herbstes. Ein klein wenig Geborgenheit. Für mein Baby. Für mich.
Mehr heile Welt wage ich gar nicht zu verlangen.

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13 Kommentare zu Stricken mit Miss Marple

  1. Marianne sagt:

    Delicious!

  2. Juliane sagt:

    Das hast Du so schön geschrieben! Ich muss unbedingt mal wieder „Miss Marple“ lesen.
    Und stricken natürlich.
    Liebe Grüße, Juliane

  3. Frau Krähe sagt:

    Liebe Bora
    Dein Post kommt genau zur richtigen Zeit. Nachdem ich mit den SherlockHolmesHörspielen durch bin, freue ich mich sehr über deinen Tipp. Zumal ich Hörbücher eh lieber mag. Sie sind ruhiger, beschaulicher und vor allem einfacher zu verstehen, wenn man gleichzeitig noch ab und zu eine Masche zählen muss oder in eine Anleitung gucken soll. Miss Marple klingt fabelhaft, zumal ich als Jugendliche die Romane verschlungen habe.
    Herzlich, Martina
    P.S.: Gestern habe ich einen „Meilenstein“ geschafft: Ein Puppengesicht wurde gestickt. 😉

  4. Gitta sagt:

    Es sind wunderschöne kleine Schuhe geworden. In den alten Filmen gefällt mir oft auch mehr, wie die Protagnisten dargestellt, ausgestattet sind, als die eigentliche Handlung. So habe ich schon einmal einen Pullover aus einem 40er Jahre Film nachgestrickt…
    und Miss Marple, immer wieder ein wunderbares Vergnügen. LG Gitta

  5. Sybille sagt:

    Den Text über Agatha Christies Krimis hätte ich auch so schreiben können! Mir geht es genau so, ich mag sonst Thriller und Krimis nicht unbedingt, weder zum Lesen noch als Film, aber ihre Geschichten sind einfach „anders“!
    Und jetzt habe ich dank dir wieder mal richtig Lust auf ein AC-Hörbuch bekommen… 😉
    zum Glück findet man auch online auf youtube einige davon.
    Noch viel Hörvergnügen und gutes Stricken wünsche ich dir!

  6. Ich glaube, ich habe erst einmal was von Agatha Christie gelesen und das ist lange her, da kann ich gar nichts mehr zu sagen. Aber deine Schühchen sind einfach zauberhaft <3
    Liebste Grüße
    Sternie

  7. malena sagt:

    Jahaa! Miss Marple! Immer strickt sie etwas Flauschiges, oder sie tut so, als ob sie Wolle kaufen wolle. Und ist dabei hellwach und kein bisschen weltfremd. Herrlich!
    Ich fürchte, wir haben alle von Agatha Christies Büchern *ähem* (auch H. Poirot ist fein zu lesen).

    Aber das Herrlichste ist, dass mein Mann sich mokiert, wenn ich Miss Marple lese, ohne dabei zu stricken. Meist tu ichs ja, aber falls einmal nicht schleppt er sofort ein Strickzeug an. Er findet, das gehöre sich so. Und wie sollte ich ihm widersprechen??

  8. Sarah sagt:

    Liebe Bora,

    ja, ich liebe auch Agatha Christie. Ich finde ihre Krimis sehr gut aufgebaut und spannend. Man möchte doch unbedingt wissen, wer da der Täter ist. Und am Ende ist es dann ein ganz anderer, als ich dachte. 🙂

    Ich liebe Englische Krimis – Agatha Christie habe ich aber doch am liebsten. Neben Miss Marple finde ich auch Hercule Poirot ganz wunderbar. Dieser charmante kleine Belgier, der immer so viel Scharfsinn an den Tag legt. Ich bin immer wieder begeistert!

    Es gibt auch ein paar sehr schöne (neuere) BBC Verfilmungen, die ich mir gern ansehe.

    Wenn du generell England-Krimis magst, könnte dir auch „Inspector Jury“ gefallen. Die Bücher sind zwar von einer Amerikanerin geschrieben, sind aber äußerst „britisch“. Also, trotz der Morde gemütlich, idyllisch, charmant, unterhaltsam, voller Pubs, Tee und englischen Gepflogenheiten. 🙂 Darin versinke ich gerade.

    Die kleinen Schühchen sind hübsch geworden. Wenn alles gut geht, stricke ich wohl auch bald welche. 🙂

    Herzliche Grüße,
    Sarah

  9. Den Alltag feiern sagt:

    Oh, da hast du mir aber mal eine Schatztruhe geöffnet! Miss Marple als komplette Hörbücher! Ich könnte dich umarmen. So nach und nach entdecke ich die Welt der Hörbücher, bin da noch sehr am Anfang. Aber beim stricken ist es einfach nur genial etwas auf den Ohren zu haben. Bisher hörte ich viel Podcast Sendungen aus dem Radio.

    Und deine Schühchen sind ja mal so was von schön!

    Liebe Grüße
    Christine

  10. Aus diesen Gründen mag ich auch die Bücher von Dorothy Sayers mit Sir Peter Whimsey. England in den 20er und 30er Jahren, damals geschrieben von einer der ersten Oxforder Studentinnen überhaupt; hellwach beobachtete, teils schrullige Charaktere.
    Gut, gestrickt wird in diesen Büchern nicht, aber der patente Butler Bunter würde das auch hinkriegen, wenn man´s von ihm verlangte 😉 Die oben empfohlene Martha Grimes und Inspector Jury mag ich auch sehr. Verglichen mit Miss Marple sind die Morde aber schon ein Eck grausamer.

  11. Den Alltag feiern sagt:

    Ich hab mal noch ne Frage: „Wie genau hörst du die YouTube-Hörbücher. Mit Kopfhörer am Computer eingesteckt, oder kannst du sie irgend wie runterladen? Ich bin dann immer so unbeweglich. 🙂

    LG Christine

    • kirschkernzeit sagt:

      Leider hab ich keine kabellosen Kopfhörer oder so, sondern bloss so olle kleine Ohrstöpseldingerchen, die immer angehängt bleiben müssen… das ist recht umständlich, weil sich das Kabel immer mit der Wolle verheddert und mir beim schnellen Transport-Versuch Richtung Bett -weil eines der Kleinen nach mir weint- oftmals alles runterknallt (Laptop bisher nicht, Gottseidank). Zwei Kopfhörer hab ich so schon runiniert… Ja, so was ohne Kabel wär echt toll, denn runterladen lässt sich bei Youtube, glaube ich, nichts…

  12. Beate sagt:

    Liebe Bora, ich lese ja schon lange bei Dir mit – das liest sich immer so warm und heimelig. Miss Marple mag ich auch … Aber ich wusste gar nicht, dass man sich bei youtube so Hörbücher vorlesen lassen kann! Vielen Dank für diesen Tipp! Da strick ich direkt meine Socken weiter – so mit Miss Marple im Ohr.

    Liebe Grüße
    Beate

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