Goethe und eine blaue Hose

Es ist schon sonderbar mit unserer Gefühlswelt: Sie ist wie das Wetter, voller Wandel und manchmal schwerer vorherzusehen als man denkt. Mein letzter Post schrieb sich noch so leicht und beschwingt, getragen von dieser Welle aus Glück und Euphorie und einem kaum zu beschreibenden Energiehoch. (Die Hormone wahrscheinlich) Und heute wiederum fühle ich mich plötzlich bedrückt. So schwermütig. Gestern schon eigentlich. In jener der Nacht verlor mein Baby seinen letzten Rest Nabelschnur, eine an sich vollkommen natürlich Sache, auf die ich im Grunde schon ein bisschen ungeduldig gewartet hatte, weil der mittlerweile hart gewordene Nalbeschnur-Rest mir eher unheimlich war fürs Tragen im Tuch. Der kleine Bauch sieht so süss aus jetzt, so weich und rund und warm. Und trotzdem ist da diese Wehmut. Wo ich vorher einfach nur geniessen konnte und förmlich übersprudelte vor Glück und Dankbarkeit, sehe ich mit einem Mal wieder all die Abschiede, die sich anbahnen, die es zu nehmen gilt, ob ich nun will oder nicht. Der Verlust der Nabelschnur ist nur ein Anfang. Schon die Geburt war ein Anfang, der Anfang vom Hergeben…
Ich erinnere mich, wie ich vor bald 13 Jahren das erste Mal so ein kleines Fizzelchen eingetrocknete Nabelschnur in eine Dose gepackt und zur Seite gelegt habe, mit Tränen in den Augen, absolut unfähig, sie jetzt schon wegzuwerfen. Ich wollte dem Ganzen mit einer gewissen Ehrerbietung begegnen, der Geburt, dem Wachstum, der physischen Trennung zwischen mir und dem neugeborenen Kind, die ich irgendwie symbolisch in diesem winzigen, verkrumpelten Stückchen Hautundso gespiegelt sah. Dass ich heute, so viele Jahre und Kinder später, wieder genauso empfinde, ist für mich wie ein Kreis, der sich schliesst. Vor allem mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass dieses Baby vielleicht mein letztes sein wird…

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In diesem ganzen Gefühlswirrwar aus Glück und Traurigkeit weiss ich manchmal nicht mehr genau, wie ich jetzt sein soll. Lachen und Weinen stehen mit einem Mal ganz nah beieinander. Wie Licht, das seinen Schatten wirft, dunkler und tiefer, je heller es scheint.
Es hilft, ein bisschen zu arbeiten. Mich dem Chaos im Haus zu widmen, Wintersachen einzumotten, alten Kram fürs Brockenhaus in Tüten zu verpacken, Schokolandenmuffins zu backen, die Stoffwindeln vom Speicher zu holen und dem Thema Wickeln mit Stoff nochmals eine Chance zu geben (bisher war ich einfach nicht recht glücklich damit, aber vielleicht ist es ja anders bei diesem Kind?). Ein wenig Ablenkung tut gut. Kleine Erfolgserlebnisse aus meinem Alltag. Der Blick auf gute Seiten und gute Zeiten und den Segen, der -auch heute, gerade heute– auf meinem Leben liegt.

Diese dunkelblaue Wollhose ( „Smarty Pants“ von Drops, gestrickt mit „BabyAlpacaSilk“ in der Farbe Marine) hier ist so ein Blick auf die Schönheit dieser Tage. Ein Blick auf den Segen.
Diese Maschen hatte ich auf meinen Nadeln, als mein Baby noch in meinem Bauch lag und strampelte. Und als ich wusste, dass es bald soweit sein würde, setzte ich mich ein letztes Mal hin -auch damals im Gefühlswirrwar, in einer Mischung aus Angst und leiser, blitzender Vorfreude- und strickte das letzte Hosenbeinchen zu Ende. Kurze Zeit später brachte ich eine süsse, kleine Tochter zur Welt. Alles war gut.
Nach der Geburt brachte ich sie, warm eingepackt in ihrer blauen Strickhose, zu meinen Kindern und einer erwartungsvollen nun fünffachen Oma nach Hause. Ich erinnerte mich an die Ängste und all die dummen Schreckensvisionen von „waswärewenn“, die mich zuvor noch so sehr aufgewühlt hatten, doch richtig verstehen konnte ich sie nicht mehr.

Vielleicht wird es mir in ein paar Wochen auch so gehen. In ein paar Jahren. Vielleicht werde ich mich erinnern, an die Tränen, an die Wehmut, an meine stillen Kämpfe beim Loslassen und Annehmen der Vergänglichkeit dieser einzigartigen, unbeschreiblich feinen, warmen, märchenhaften Zeit jetzt. Vielleicht werde ich mich selber verstehen, mich wiedererkennen und wissend nicken.

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Aber vielleicht wird mein Blickwinkel dann schon ein anderer sein. Einer, der sich auf das Gute richtet, das aus genau diesen Abschieden entstehen konnte. Auf ein erstes Lächeln. Auf kleine, weiche Ärmchen, die sich nach mir ausstrecken. Auf Geschwisterbande, die sich ausdehnen, enger werden, inniger, weil der Kreis um mein Baby sich weitet und immer mehr Menschen immer fester miteinschliesst.
„Das Leben gehört dem Lebendigen an. Und wer lebt, muss auf Wandel gefasst sein“, sagt Goethe. Ich weiss noch nicht, wie ich fühlen werde, morgen, in ein paar Tagen, Jahre später, ob ich irgendwann ins Loslassen hineinwachsen werde oder nicht. Was ich aber weiss ist… dass ich lebe.

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10 Kommentare zu Goethe und eine blaue Hose

  1. anna sagt:

    Liebe bora,
    da musste ich jetzt gerade ein tränchen verdrücken.
    nach meinen geburten ,und jetzt gerade nach einem todesfall in der familie, haben mich genau diese gedanken beschäftigt und begleiten mich auch weiter. herzlichen dank für diese schönen ,treffenden worte !ich wünsche dir ,dass du das schöne im neuen, was jeder abschied bringt ,sehen kannst.und einfach ,dass du in deiner wochenbettzeit viel wärme von deinen liebsten bekommst, und so gut durch diese ganz spezielle zeit getragen wirst!
    Liebe grüsse anna

  2. selmasuri sagt:

    Oh ja liebe Bora und wie du lebst! Fünf Kinderlein hast du schon das Leben geschenkt!

    Schau es dir an dein Leben, deine Familie, dein Haus, die Dinge die entstehen … Alles lebt durch dich… Oh ja du lebst!!!

    Was wäre ohne die Vergänglichkeit, ohne das Wachsen, ohne das Weiterschreiten… Stillstand! Das willst du nicht.

    Ein kurzes Verweilen unbedingt. Und das immer wieder. Sooft man es braucht. Verweilen und sich Umschauen. Zufrieden sein. Oder auch nicht und in eine andere Richtung weiter gehen. Aber Stillstand. Ausharren. Nein! Lass dich treiben von deinem klitzekleinen Mädchen. Lass dich an die Hand nehmen und zieht los ihr Beiden. Und wenn es erstmal nur der Weg zum Regal ist um ein Döschen für die Nabelschnurreste zu holen 🙂

    Alles ist gut!

    selmasuri

  3. Kristina sagt:

    Ach. Ach. Und immer wieder Ach.

  4. E sagt:

    Ach ja, so ist es, zur Freude wird die Wehmut gleich mit geboren.
    Wie schön, dass mit jedem Loslassen ja auch etwas neues dazu gewonnen wird.
    Und mir hilft es immer zu sehen, wie sehr die Kinder selbst sich freuen über jeden Schritt weiter. Dann freue ich mich mit ihnen mit.
    herzliche Grüße!

    E

  5. katja sagt:

    liebe bora,

    ich habe 6 kleine wunder und ein schmetterlingskind im himmel und weiß soo gut, welche gefühlsachterbahn du fährst…
    loslassen, vertrauen, vieles bewusst ‚zum letzten mal‘ wahrnehmen.
    unsere kleinste ist jetzt knapp1,5 jahre alt und definitiv das letzte kind. ich muss mich noch sehr daran gewöhnen, daß ich nie mehr ‚guter hoffnung‘ sein werde. ein gefühl, daß mich die letzten jahre beinahe permanent begleitet hat…wenn man sich ganz stark das glück dessen was man besitzt bewusst macht, dann fällt es leichter sie großwerden zu sehen. diese wunder mit aller liebe und aufmerksamkeit begleiten, hegen und pflegen und eines tages in die weite welt entlassen. und wenn der pubertist mal wieder seine stacheln ausfährt, ja..dann sehnt man das loslassen in die große weite welt nahezu herbei 😉
    es hat alles seine zeit. jetzt darfst du erst mal festhalten und geniessen!

    alles liebe,
    katja

    • kirschkernzeit sagt:

      Dein Comment liest sich so schön! Man spürt deine Erfahrung (das mit dem Schmetterlingskind tut mir so leid!) und wie sie dich verständnisvoll und gleichzeitig empfindsam und gelassen gemacht hat. Ich hoffe, ich lerne das auch. Die Dinge einfach geschehen zu lassen… Danke fürs Teilen!

  6. Hirundo rustica sagt:

    Weisst du Bora,
    mir geht es ähnlich. Die Zukunft kann beängstigen und durch die Kinder ist man so schrecklich verletzlich geworden.
    Aber ich versuche mich damit zu trösten, dass dann, wenn der nächste kleine Abschiedsschritt an der Reihe sein wird, das Kind und auch ich schon bereit dafür sein werden. Dass es dann gut ist, so wie es ist.
    Das beruhigt einen etwas, oder?
    Oft bin ich melancholisch- aber man darf doch über allem nicht vergessen zu Leben!

  7. MamEla sagt:

    Liebe Bora,
    Du hast mir richtig aus dem Herzen geschrieben.
    Mit solchen Gedanken fühlt man sich oft sehr allein, denn nicht wenige
    sind froh, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten“ raus sind.
    So empfinde ich das überhaupt nicht – denn die Zeit, in der wir wirklich unsere Kleinen klein und relativ exklusiv für und um uns haben, ist erschreckend kurz.
    Bei mir ist stets Wehmut dabei, wenn die Mädels aus Sachen herauswachsen oder kleine und große Meilensteine erreichen… Aber die Freude über das Wachsen und Gedeihen tröstet das Mutterherz immerhin 🙂
    LG, M.

  8. Petra sagt:

    Noch ganz liebe Glückwünsche zu eurem 5. Wunder. Welch ein Glück!
    Ich habe drei Kinder (drei Mädchen) und empfinde genauso. Aber ich glaube daran, dass es jeden Tag besser wird mit dem Loslassen. Es ist ein Prozess, an dem alle wachsen. Danke Katja für deine treffenden Worte! Und euch Bora, eine wunderschöne, sorgenfreie Wochenbettzeit.
    Wunderschön die kleine Prinzessin 😉
    Liebe Grüße, Petra

  9. Franziska sagt:

    Bora und Katja – ihr trefft die Sache auf den Punkt. Gibt nichts hinzuzufügen 🙂
    Virtuelle Umarmung für so wahre Worte!

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