what makes me happy: Milch vom Bauern

Meine Wurzeln mütterlicherseits verlieren sich zu einem Achtel irgendwo in den Tiefen Russlands. Von meinem Vater aber habe ich zutiefst urschweizerische Gene geerbt: Seine Eltern, beides geborene Bergbauern, die es dann aber in ein „Heimät“ (= ein Bauerngrundtsück) im Toggenburg verschlug, stammen ursprünglich aus dem Kanton Uri, aus Bürglen, wo auch WillhemTell gelebt haben soll, will man der Legende glauben. Ich war zeitlebens stolz auf diese Wurzeln und habe es immer geliebt, bei Oma und Opa zu sein, wenn Heu-Ernte war oder Kirschen-Zeit oder Weihnachten oder wenn meine Mama einfach so mit uns zu ihren Schwiegereltern fuhr. Ich erinnere mich an bergeweise Schnee im Winter , an Schlittenfahren, Omas wollenes Kopftuch um meinen Kopf und den „Chuänagel“, wenn einem die Hände so kalt gefroren waren, dass das Auftauen schrecklich schmerzte. Ich erinnere mich an die freiesten Stunden meiner Kindheit, wenn ich alleine war mit meiner Oma, und sie mich ziehen liess in die nahen Wälder, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben so richtig alleine war und doch so geborgen. Wilden Bärlauch gesammelt habe im Frühjahr fürs Butterbrot zum Znacht oder Lehm aus dem Bach, mit dem ich Schalen tonte, die doch nie richtig hielten. Ich erinnere mich an heisse Sommer auf dem Feld, wenn mein Onkel Toni auf dem alten, roten (oder war er grün?) Hürlimann Traktor sass, die Frauen das Heu zusammenrechten und wir Kinder nichtstuend in der Sonne schwitzten, mit einem komischen Geschmack im Mund vom lauwarmen Citro, das es immer gab zum Znüni, zusammen mit Landjäger und diesem fürchterlichen Ruchbrot vom hiesigen Beck, die Hände klebrig vom Raketen-Wasserglace, das meine Oma uns hurtig aus dem Keller geholt hatte. Ich erinnere mich an Kaffee aus der Termoskanne, schwarz und heiss und immer mit Zucker. An die Geräusche der Kühe im Stall, die ich nachts im Bett hören konnte, wenn ich das Ohr an die Holzwand hielt. An das Rascheln über mir, denn es gab Mäuse in der Zimmerdecke. An das Klappern der Milchkessel, frühmorgens, wenn Opa die Kühe molk. Oder an die grossen Milchkannen in der Küche, gleich vor der Holzanrichte mit dem Laib Brot. Manchmal schwammen Fliegen darin, doch die wurden abgeseiht, bevor die Milch fortkam in die Chäsi und ich genoss sie „einäwäg“ (=trotzdem), die dampfend heisse Morgenovi, die immer für mich auf dem Tisch bereit stand, wenn ich noch ganz verschlafen die Treppe herunter in die Küche tapste. Ich erinnere mich… an so vieles, das mir lieb und teuer ist. Meine Grosseltern haben mich mitgeformt, denke ich, indem sie mich ihren Bauernalltag miterleben liessen, ungekünstelt, nicht immer mit viel Zeit für mich vielleicht, aber doch immer mit einer gewissen, selbstverständlichen Liebe und Wärme. Ihr Hof war ein Stück Daheim für mich. Und das Land, das ihn umkränzte eine Wildnis, die mir vertraut erschien, gefahr-los und voller Magie, wie eine Insel in einer für mich als Kind schon eher bedrohlichen Welt.
Wenn ich jetzt alle paar Tage zum Bio-Bauern im Dorf radle mit meinen eigenen Kindern, das Milch-Chessi sauber geschrubbt für die zwei Liter Milch, die wir brauchen, dann fühlt sich das so richtig an. Stampfende Kühe, die der Bauer beim Namen kennt, zu „Mädli“gerechtes Gras vor dem Hof, Rauchschwalben im Stall-Gebälk, frische, dampfende Morgen-Ovi…
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9 Kommentare zu what makes me happy: Milch vom Bauern

  1. Katarina sagt:

    Ja, das ist es, das Gefühl, das einem trotz allem immer wieder Zuversicht und Geborgenheit vermittelt! Zwar lebten meine Vorfahren seit Generationen in der Stadt, aber im Sommer fuhren wir jeweils zum Zelten ins Engadin, und dort gab es das alles auch. Ich erinnere bis heute den Geruch im Stall von Frau Vital…
    Heutzutage lebe ich abgelegen auf dem Land und hole die Milch kuhfrisch vom Hof meiner Nachbarin. Ihre Kühe haben alle einen Namen und tragen sogar noch Hörner – damit lässt sich nichts vergleichen!
    Danke, dass du die Erinnerung an glückliche Kindheitstage geweckt hast!
    Liebe Grüsse,
    Katarina

  2. KB Design sagt:

    Jetzt kann ich dich noch besser verstehen. Meine Wurzeln sind auch ähnlich. Die Erlebnisse in der Natur haben mich auch geprägt.

    Wie Katarina geschrieben hat, sind mir bei deinen Worten meine Kindheitserlebnisse in den Sinn gekommen. Am Sonntag jeweils, als meine Tanten und Onkel dann beim Kaffi zusammen gesessen sind, wurde gesungen und gejodelt. Das war wunderschön und ich bekomme jetzt gleich Hühnerhaut, wenn ich daran denke.

    Danke bora und herzliche Grüsse
    Brigitte

  3. mausekind sagt:

    Kein Wunder dass Du soviel Wärme und Liebe zum Leben abstrahlst bei diesen nahrhaften wurzelnden Erinnerungen…ivh habe keine solche kindheit gehabt, kann aber ein stück weit erahnen was das heißen mag…herrlich. ich möchte meiner tochter (die gerade bei mir stillt daher ist das kleinschreiben einfacher) gerne soviel wie möglich von diesem gefühl ermöglichen, auch wenn wir hier leider am ort keinen bauern mehr haben…liebe grüße und tausend dank für deine worte und gedanken

  4. micha sagt:

    Das sind ja unglaublich tolle Kindheitserinnerungen, die einen so richtig zum Träumen bringen!

  5. Stefanie sagt:

    bei mir hast Du auch Erinnerungen an meine Kindheit bei meiner Oma geweckt. Sie hat auch auf dem Land gelebt und wir haben dort auch immer frische Milch geholt. Ich habe sonntagsmorgens immer Brocken bekommen. Das sind Stücke frischer Hefezopf in warmer Milch mit Zucker drüber. Das habe ich immer geliebt. Im Nachthemd saß ich am Küchentisch, den heißen Ofen im Rücken, vor mir die Schüssel Brocken und den Blick in den Garten und auf die riesigen Weiden, sie sich im Wind bogen. Ich fühlte mich so geborgen und geliebt an diesen vielen Sonntagmorgen mit meiner Oma. So eine Bauernküche ist sooo gemütlich. Und Jahrzehnte später hat man noch soviel davon. Schön.
    Dir ein wunderschönes Wochenende!
    Deine Steffi

  6. Mona sagt:

    Liebe Bora,
    deine Zeilen sprechen mir aus der Seele … ich bin grade in den Semesterferien und verbringe drei Wochen daheim. Daheim!!! Das heißt für mich Natur pur und so sein können wie ich bin … raus in die Natur, wann und wie lange ich will … einen kurzen Plausch halten können mit jedem, den ich so auf der Straße treffe, ganz einfach weil hier jeder jeden kennt und jeder Interesse am anderen hat … das ist sooo schön!
    Ich genieße es in vollen Zügen und schicke dir ganz liebe Grüße.
    Mona

  7. Welch schöne Erinnerungen du da hast! Für mich war es als Kind wirklich das Wunderbarste, bei meinen Großeltern zu sein und ich empfinde es als großes Geschenk und ein richtiges Wunder, dass mein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen ist und ich wirklich hier wohne, genau da, wo ich mich als Kind einfach am wohlsten gefühlt habe. Ich weiß aber nicht so genau, woran das lag – an meinen Großeltern? Oder an der Freiheit, umherstreifen zu können und sich nur an ganz ganz wenige Regeln halten zu müssen… herrlich deine Worte über deine Zeit mit den Großeltern. Das ist eine Erinnerung, die einem das Herz wärmen kann, wenn's mal sonst nicht so toll läuft. Ganz liebe Grüße!!!

  8. Susanne sagt:

    Liebe Bora,
    sind das schöne,heimelige Erinnerungen von dir! Und ich musste auch gleich an meine Oma und die damit verbundenen Erinnerungen denken. Sie war eine Stadt-Oma. Wohnte in einem wirklich uralten Haus, erinner mich an die eisig kalte Toilette im Winter 2 Stockwerke tiefer, mit einem riesigen Hinterhofbalkon, auf dem sie Gemüse, Kräuter, Blumen angepflanzt hat. Ein Hinterhof, in dem ich mit Kreide dieses tolle Hüpfspiel gemalt habe. Ein Bett mit Federkissen, in denen ich versunken bin und nichts mehr gesehen habe, liegend im „Gräbelchen“ zwischen Oma und Opa. Ihre Frisierkommode mit den schillernsten und geheimnisvollsten Flakons drauf. Oh..jetzt fallen mir gerade 1000 Sachen ein, an die ich mich so gerne erinnere.
    Ja..und die Milch haben wir damals auch zusammen in diesen grossen blechernen Kannen geholt, aber die Kühe kannte ich leider nicht;)!
    Meine Uroma lebte auf einem Bauernhof auf dem Land, hab mir erzählen lassen, dass ich da auch oft war, aber viel kann ich mich daran nicht mehr erinnern..hm..ich war noch ziemlich klein.
    Schön, deine Erinnerungen, magst noch mehr erzählen? Ich mag es total gerne, deinen Erzählungen zu lauschen:)!
    schicke liebe Grüße
    Susanne

  9. kirschkernzeit sagt:

    Euch allen vielen Dank! Es war so spannend von euch zu lesen! und ich weiss ja, wie viel Zeit das Kommentieren so braucht…

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