Anker-Momente

Sonntags schnappte ich mir meine Kamera (die ich irgendwie viel zu selten zur Hand nehme) und liess sie mich begleiten, während ich meine Runden zog, durch den Tag, durch das Haus, wo alles permanent in Bewegung zu sein scheint, mehr ein Ameisenhaufen als ein stilles Fleckchen Erde. Wenn ich das Wort „Daheim“ höre, dann sehe ich unwillkürlich eine dieser ruhigen, entspannten Szenen vor mir, wie Anker sie gemalt hat. Menschen, die mit ihren Händen arbeiten, Hühner füttern, Briefe schreiben, stricken oder lesend ihr schlafendes Kind in den Armen halten. Und über allem schwebt dieser Frieden, diese weiche, wattige Ruhe.
Aber „Daheim“ sieht auch ganz anders aus. In meiner Realität ist es laut und wuselig zuhause. Ich komme nur mit Mühe zu ein paar hektisch hingeworfenen Zeilen, stricke in winzigen Pausensequenzen, mitten im grössten Gewühl meiner spielenden, lärmenden, streitenden Kinder oder spät abends, im Dämmerlich meiner abgedimmten Nachtischlampe, und auch wenn mir Hühner zum Füttern fehlen, habe ich manchmal alle Hände voll zu tun damit, meine Lieben satt und zufrieden (und möglichst gesund) zu halten. Mit einem „Anker-Daheim“ hat das nicht immer viel gemeinsam… oder vielleicht doch?

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Es war mir vorher nicht ganz klar, nicht bevor ich mich hinter meine Kamera stellte, das, was ich sah im Verlaufe dieses Tages genauer wahrnahm und auch nachträglich am PC noch auf mich wirken liess: Wie viele fried-volle, erfüllende Augenblicke ich selbst an diesem einen Tag antraf, manche ausgedehnt und unüberseh-, unüberfühlbar, andere nur kurz und flüchtig und halb verdeckt von der nächsten Aufgabe, die gleich um die Ecke auf mich wartete.
Die Kinder, wie sie über Stunden hinweg völlig in ihr Spiel mit Brio und Holztierchen versanken. Meine Jungens beim Lesen, mit Donald Comic Stapeln rund um sich herum verteilt. Das weiche Schafffell-Bett auf dem Fensterbrett, wo mein Mädchen sich immer wieder mit ihren Einhorn-Kuschelfreunden zurück zog, Papa draussen beim Arbeiten im Garten zusah und sich so richtig einmummelte in Decken und Kissen. Schmuseweiches Cashmere auf meinen Nadeln, dampfend heisse Gerstensuppe in unseren Tellern, unseren Bäuchen, Kuchen, das herzerwärmende Stilleben schlafender Winterzwerge auf unserem Jahreszeitentisch (mein Mädchen hat umgestellt, aus Herbst wurde schliesslich doch noch Winter). Und immer wieder Hände, die schaffen, bauen, kochen, stricken, Suppe löffeln, Tierkinder füttern (wenn auch bloss plüschige)…
Ich glaube, jedes Zuhause kennt Anker-Momente, wo alles friedlich, geborgen und wunderbar fliessend und harmonisch ist. Sie kommen auf leisen Sohlen, diese Momente, und man weiss nie, wie lange sie bleiben, aber auf eines darf man sich trotzdem verlassen: Sie kehren wieder. Und sie zehren sich nicht auf, wenn man es wagt, voll und ganz bis über beide Ohren einzutauchen in sie.
Anker werfen, für eine Weile lang still stehen, den Wellengang des Lebens fühlen… und einfach reinspringen, eintauchen, mittreiben… Das nehme ich mir vor für diese Woche.

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7 Kommentare zu Anker-Momente

  1. Frau Krähe sagt:

    Wunderbar beobachtet, festgehalten und beschrieben!
    Und: Auch „bei Anker“ ging es wohl oft ziemlich laut und chaotisch zu und her. Auf den Bildern fehlt halt (glücklicherweise?) der Ton… 😉

  2. Marta sagt:

    Wie schön!
    Sind das Strickanhänger? Oder wie denn sonst diese Sachen heißen, die man zwischen Maschen aufhängt? Die sind aber wunderschön, wo kommen die denn her?
    LG
    Marta

  3. Lamasus sagt:

    Hallo,
    ein schöner Beitrag und direkt ein Aha-Erlebnis für mich: Guck an, dachte ich mir: Diesen Hahn kennst du doch.
    Wie schön, dass andere auch diese wundervollen Holztiere zuhause beherbergen.
    Liebe Grüße,
    Lamasus

  4. daniela sagt:

    sehr schön geschrieben. auch anders ausgedrückt: genieße den Moment!
    denn erst hinterher festzustellen, das er da war ist nicht immer so beglückend.

    gefällt mir sehr gut hier, komme bestimmt öfter … 😉

    liebe grüsse
    daniela

  5. Moni sagt:

    Hallo Bora,
    ich habe deinen Blog vor ein Paar Wochen entdeckt und bin ganz hingerissen von deiner Art zu schreiben! Vor allem aber erinnert es mich immer ein bisschen an unser eigenes Zuhause. Diese Anker-Momente habe ich auch jeden Tag wieder (wenn ich den Jungs beim Spielen zuhöre – was sie sich für Geschichten ausdenken dabei und ich nebenbei das Essen koche) Die Tage sind immer so voll – es ist so viel zu tun, und oft ärgere ich mich auch sehr viel – aber diese Momente sind die, die glücklich machen!
    Viele liebe Grüße
    Moni

  6. raniso sagt:

    Die Bilder strahlen wirklich ganz viel Frieden aus! Und die Comicsberge, bei diesem Bild musste ich laut auflachen…
    Ganz liebi grüäss, anja

  7. simone sagt:

    Liebe Bora,
    Auf den Fotos siehts sehr nach Anker Momenten aus!:-)
    Aber ich glaub ich kenne das von dir Beschriebene zu gut! Je größer mein Bedürfnis nach harmonischem Zusammensein (gemütlich nachmittags zusammen sitzen,ankommen,Kakao trinken,ein Kerzchen an,Kekse knabbern) ist,desto wuseliger,chaotischer und unruhiger kommen mir meine Kinder vor.
    Manchmal liegt die Kunst wohl in den ganz kleinen Dingen!
    Ich lerne ,mir immer weniger vorzustellen und einfach abzuwarten..aber es ist so schwer!
    Bei euch klingts trotz allem nach einer guten Balance!!
    Alles Liebe,
    Simone

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