zweimal gewichtelt: ein „Einzelstück“

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Wenn es ein Projekt gab, das mich fast durch das ganze Jahr 2014 begleitet hat, dann war es dieses hier: Eine warme, weiche Schossdecke für Herrn Kirschkernzeit, damit er oben in seinem Büro-Zimmerchen nicht zu frieren braucht, wenn er abends an seinem PC sitzt. Die Wolle dafür hatte ich schon vor langer Zeit im Strickcafe bestellt; viele, viele Knäuel Drops „Nepal“ in meliertem Dunkelgrau. Und mein Traum-Decken-Strickmuster, ursprünglich ursprünglich die „Two Lights Blanket“ von Carrie Bostick Hoge, war auch ziemlich rasch einmal aufgetaucht und wurde sogar ein tapferes Stück weit angestrickt.
Bis mir klar wurde, dass das so nicht ging, dass das ganze schöne, weiche Wellen-Zackenmuster einfach im Melange der dunklen Farben verschwand und nichts weiter davon zurückblieb als die knifflige Zählarbeit wohl platzierter rechter und linker Maschen. Also kam die ganze Wolle wieder zurück auf ihre Knäuel, das Strickmuster ins Archiv, die Gedanken zurück auf Start. Reset.

An sich wusste ich ja, was ich wollte: Einfachheit, Schlichtheit, ein gutes, schweres „Tragegefühl“ und Masse, die einen sitzenden Männerschoss gut und gerne bis zu den Knien warm halten, ohne dabei ständig auf den Boden runter rutschen zu wollen. Und ich wollte entspannt stricken können. Kein Maschenzählen mehr, keine Lochmuster, keine feminine Zackenbordüre, einzig herbe Männlichkeit.

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Mit dieser tatsächlich äusserst schlichten kraus rechts gestrickten Decke hier (gestrickt mit einer langen Rundstricknadel 5.5 und angeschlagenen 165 Maschen), sind alle Kriterien erfüllt, glaube ich. Kaum etwas könnte einfacher sein, als simple, rechte Maschen vom Anschlag bis zum Abketten, und ohne die umhäkelte Einfassung aus matt grünem oder abgetöntem blauem Garn, die ich mir im Laufe der langen, langen Strick-Abende vorgenommen hatte, sieht das Ganze fast schon aus wie ein Übungsstück fürs Handarbeits-Klassenzimmer, so basic ist es geworden. Ausserdem ist sie schwer, diese Decke, ganze 600 Gramm schwer. Alles, was kraus ist, verbraucht schnell eine ganze Menge an Garn (ich musste sogar nachbestellen!), was sich nun als angenehm volles, warmes Gefühl auf Schoss und Knien äussert, sobald man sich darin einmummelt, und mit ca. 76 cm Breite und etwa 110 cm Länge passen auch die Masse ganz gut zu denen von Herrn Kirschkernzeit. Kleiner Bonus: die Farbe harmoniert hervorragend mit dem Schwarz-Grau-Ton seines Bürostuhls, wo er seine Decke tagsüber immer lagert, gefaltet und über die Lehne geworfen wie ein gemochtes Kleidungsstück, das man schon sehr bald wieder anziehen wird.

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Ich denke, der ganze Reife-Prozess, der in diesem Projekt steckt, hat sich gelohnt. Ich habe gelernt, dass Muster nicht auf jeder Art von Garn gleich gut wirken, dass sie manchmal sogar überhaupt nicht mehr wirken, wenn das Farbenspiel zu intensiv wird oder das Garn an sich zu wenig glatt fällt, und diese Erfahrung allein, ist mir schon sehr viel wert. Selber zu lernen, aus einem Fehler im schlimmsten Fall, prägt sich irgendwie besser und tiefer in mir ein, als alles Lesen und Studieren in Strickblogs, Strickbüchern und Websites. Am eigenen Leib erfahrenes Wissen ist unbezahlbar eigentlich, in gewisser Weise (Obwohl ich selbst das wieder vergessen haben könnte beim nächsten Mal. Mein Gehirn funktioniert da manchmal sonderbar selektiv).

Auf alle Fälle war mir recht feierlich zumute, als ich Herrn Kirschkernzeit -meinem Wichtelkind 2015- zu Weihnachten seine neue Wolldecke überreichte, kurz zuvor noch mit einem „Einzelstück“-Label von Strickimicki versehen, nett eingepackt und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Mit einem Geschenk, das mich über so viele Wochen, Monate und manchmal in Gedanken bis in den Schlaf hinein begleitet hatte, egal wie schlicht es nun aussieht, egal wie wenig man ihm die ganze Arbeit anmerkt oder die Entscheidungen, die „unterwegs“ getroffen wurden- mit diesem Geschenk hatte ich wirklich das Gefühl, ein bisschen von mir weiter zu geben. Schön, hängt es heute über Herrn Kirschkernzeit’s Sessellehne, schön wird diese Decke benutzt und gemocht- genauso wie ich selber gelernt habe, sie zu mögen. Masche für Masche, Reihe für Reihe, Knäuel für Knäuel.

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8 Kommentare zu zweimal gewichtelt: ein „Einzelstück“

  1. Romy sagt:

    Schlichtweg hinreißend, das fertige Einzelstück sowie die „Wegbeschreibung“. Über dein selektives Gedächtnis mußte ich sehr schmunzeln, ja, das passt. Manchmal frage ich mich, ob deine Tage mehr als vierundzwanzig Stunden haben und dann tröste ich mich damit, dass im Alter alles gemächlicher abgeht. Liebe Grüße aus dem grau-lauwarmen Bärlin von Romy.

  2. Rita sagt:

    Diese Decke ist so wunderschön geworden und ich mag diese einfache Schlichtheit, passt wunderbar!!
    Mir geht es oft genau so, aus Fehlern lerne ich besonders viel;)
    Wie geht es Dir? In der SS etwas besser?
    Alles, Liebe und Gute für das neue Jahr, das ja wieder ganz viel für Euch bereit haben wird!!
    Liebs Grüessli, Rita

  3. Ingrid sagt:

    Die Decke ist ein Traum! Und durch das Label sieht sie sogar richtig stylish aus! Alle Schtung, dass du so viel Durchhaltevermögen hattest!
    Für ich und deine Lieben alles Gute fur 2015, herzlich grüßt dich
    Ingrid

  4. Pa sagt:

    Ich mag die schlichten und einfachen Stücke auch sehr…und deine Decke ist toll geworden, das Garn kommt richtig schön zur Geltung.

    Liebe Grüsse und ein gutes neues Jahr.

    Pia

  5. melanie sagt:

    Ich habe auch gerade meine Liebe zu ganz schlichten rechten Maschen entdeckt – sie aneinanderzureihen hat etwas wirklich meditatives. Deine Decke finde ich wunderschön – schlicht und gleichzeitig durch das melierte Garn (und natürlich die liebevollen Gedanken beim Stricken :o) ganz wunderbar besonders.

  6. raniso sagt:

    Meine liebe liebe Bora, endlich mache ich wieder einmal einen Blogspaziergang und möchte bei dir beginnen (und wahrscheinlich auch enden… 😉 Ich vermisse dich nämlich ganz fürchterlich, muss ich doch täglich an dich denken (nebenbei, schleich dich doch einmal auf meinen Blog und stöbere im heutigen Post *hysterisch kicher*)
    Werde mich gleich in deine sicher wunderbaren Posts eingraben. Deine Decke für Herrn Kirschkernzeit finde ich toll, schlicht und wirklich männlich! *lach*
    Ganz liebi grüäss und ultraviel knuddels, anja

  7. NATURMAMA sagt:

    Die ist wunderschön!

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